Logbuch des Captains. Wir schreiben den August des Jahres 2010. Die gamescom findet erneut in meiner direkten Nachbarschaft statt und ich habe es mir nicht nehmen lassen, mich getarnt als normalsterblicher Messebesucher, abseits aller Presse- und Fachbesuchertage ins Getümmel zu stürzen. Erfahrt mehr über meine Eindrücke zu den Ständen, dem Besucherandrang und den ganz normalen Messewahnsinn.
Auf nach Köln mit dem Hogwarts Express
„Nach dem Spiel ist vor dem Spiel“ – so oder so ähnlich fühlte ich mich gemäß dieser trivialen Fussball-Weisheit, als ich mich auf den Bahnsteig begab. Denn obwohl ich nicht weit entfernt vom Messegelände wohne, kann jeder Kölner mir beipflichten, dass man hier in der Domstadt aufgrund des dichten Verkehrs das Auto gerne stehen lässt und stattdessen die S-Bahn nutzt. Die Anbindung zur
gamescom ist jedenfalls super gelöst und zentral mit einer Haltestelle vor dem Hauptbahnhof auch leicht zu erreichen.
Und obwohl ich den Bahnsteig als personifizierten Albtraum meines Montagmorgens kenne, wenn ich mich zur Arbeit schleppe, glich er heute mehr dem mysteriösen Gleis 9 ¾ aus den Harry Potter-Romanen. Plötzlich hatte sich hier nämlich eine Gruppe von Videospiel-Nerds eingefunden, die meine Vorfreude noch mehr anfachte.
„Ich will unbedingt zu Sucker Punch“ oder
„Ich bin total gespannt auf das Spiel“ wisperte es aus allen Ecken und die Geräuschkulisse stieg noch mehr an, als ich plötzlich im Bauch der S-Bahn in Richtung Haltestelle Köln Messe Deutz rollte. Ich bin also nicht der einzige Videospielbegeisterte und hinter den ganzen Online-Namen bei Xbox Live verstecken sich nicht nur Bots. Ein schönes Gemeinschaftsgefühl!
Schlange stehen wie beim PS3-Erstverkaufstag in Tokio
Auf der
gamescom angekommen, verschlug es mir dann den Atem. Denn ich hatte einen kleinen Puffer einberechnet, damit ich etwas früher zum Messegelände ankomme. Das löste bei mir ungefähr die Erwartungshaltung von Leuten aus, die morgens um 7 Uhr schon im REWE ihre Alltagseinkäufe erledigen, damit sie nicht dicht gedrängt an der Supermarktkasse ihren Feierabend verbringen müssen. Aber im Endeffekt wird wohl jeder Zocker angesichts der
gamescom trotz Schulferien zum Frühaufsteher. Klar, werdet ihr sagen – an einem publikumsoffenen Messetag wird man wohl kaum alleine durch die Stände von EA, Square oder Konami spuken können, aber wenn schon der Marketing-Experte Boris Schneider-Johne auf Twitter der Ansicht ist, dass ein Kölner Donnerstag genauso viel Besucher ausspuckt wie ein Samstag früher in Leipzig, dann kann man das voll und ganz unterschreiben.
Nach kleinem Fußmarsch angekommen, der in Zahl und Zielstrebigkeit einem Truppenauflauf bei Herr der Ringe gleicht, musste man sich nur noch ein Altersfreigabe-Bändchen abholen und dann rein ins Getümmel. Nur ein Bändchen? Nein, dieses Stückchen Papier schützt uns im Auftrag des Jugendschutzes vor der Verrohung. Was das Bändchen aber für mich so herausragend macht, ist die Tatsache, dass ich dafür ganze zwei Stunden auf dem Vorplatz in einer Menschenmenge anstehen muss.
In der Schlange fühlte man sich eingangs verunsichert, dann durch die ständigen Insider-Witze der anderen Besucher um mich herum noch mehr irritiert und als ein paar Banner durch die Gegend getragen wurden, schlug die Stimmung kollektiv wieder in Vorfreude aus. Auch der von EA geparkte Mustang am Eingang Süd trug dazu bei.
Jetzt kann's losgehen
Auf dem Gelände an sich lag ein kleiner Fußmarsch bis zu den entsprechenden Hallen vor mir. Aber schließlich hatte man einige nette Mitarbeiterinnen auf dem Weg platziert, die das Verlaufen bis zur Halle 10 verhindern sollten. Dort angekommen fand man in der weitläufigen Halle alles vor, was so gar nichts mit Videospielen zu tun hatte. Egal, es macht genauso Spaß, sich auf ein Skateboard zu schwingen, den Ball gegen die Torwand zu hämmern oder beim Kickern bzw. Air Hockey zu gewinnen. Zahlreiche Sitzsäcke oder Bierbänke luden zum Verweilen ein. Beim Catering stellte sich für mich allerdings die Frage, wer hier als Vegetarier oder Schweinefleisch-Verächter auf seine Kosten kommen soll? Kartoffelsalat mit Speck oder die Bockwurst geben den Ton an. Ansonsten konnte man sich auch in dem freien Gelände zwischen den Hallen anderen Fast-Food-Feinheiten hingeben.
Neue Welten und andere Großereignisse
Über den Boulevard zu Halle 9 getappst, ging es dann los mit den ersten Großleinwänden, auf denen Spiele gezeigt wurden. Während sich die Bundeswehr betont minimalistisch im Auftrag der Steuerzahler gab, versuchte Razer wieder einmal mit anderen Argumenten seine Produkte an den Mann zu bringen und der Frogster-Stand holte per Moderator zu allen möglichen Superlativen aus, als wäre die Europa-Premiere eines Japano-RPGs der Aufbruch in eine neue Welt. Der Geräuschpegel war auch hier sehr hoch und weil ich früher ein Praktikum bei einem Messebauer absolviert habe, weiß ich genau, dass diese Stände teilweise mehrere Millionen Euro kosten können. Leider war auch hier Sitzfleisch angesagt, wenn man Hand an die Neuheiten der nächsten Monate legen wollte. Ich musste gut und gerne wie damals als Kind im Kaufhaus eine halbe Stunde vor einer Konsole verbringen, bis ich selbst an das Pad durfte. Doch eingangs war meine Bereitschaft hierzu wegen dem Desaster bei der Bändchen-Vergabe stark geschmälert. So beließ ich es beim dauerhaften Über-die-Schulter-Schauen bei Titeln wie
End of Nations.
Schade, hätte ich gern angespielt, aber dann kann ich wohl bei allen interessanten Titeln gleich mein Zelt in der Halle aufbauen. Mit dem Schriftzug
Guild Wars 2 im Augenwinkel setzte ich meine Reise fort.
Bildschirme so groß wie Hochhäuser
Egal, bei den hervorragenden Messeständen mit Bildschirmen so groß, dass mein heimischer Fernseher mehrfach reinpasst, fühlte ich mich auch aus der zweiten Reihe perfekt unterhalten. So auch bei den zahlreichen Turnieren, die mich Pro-Gaming-Luft schnuppern ließen. Dabei wurden die Matches einiger Ego-Shooter packend auf Englisch kommentiert und im anschließenden Interview mit dem Sieger glaubte man, gar nicht live dabei gewesen zu sein. Denn das eingefangene Szenario wirkte auf dem Schirm doch "larger then life".
Woran merkt man eigentlich, dass man alt geworden ist? Bei der
gamescom fragt einem beim Zutritt zu 18er-Bereichen keiner mehr nach dem roten Bändchen.
Nachdem ich ein paar Mal die Orientierung verloren hatte und mich per
gamescom-iPhone-App durch die Hallen navigierte, stand ich plötzlich vor dem Messeauftritt von Activision Blizzard. Der Stand war bombastisch! Bewegte Bilder des
Star Wars-MMORPGs gab es dort zu sehen und dazu Fotos mit einem schlecht kostümierten Darth Maul machen zu können, sorgte schon für Laune. Wenn es ein Cosplayer und kein gebuchter Darsteller gewesen sein sollte, dann hoffe ich, dass er mir diese Zeilen verzeiht. Daneben konnte man sich in der Halle in die Warteschlangen für
»Diablo III oder
»Fallout: New Vegas einreihen. Unnötig zu sagen, dass mich eine Hinweistafel bei 30 Prozent der Schlange mit der Info
„Ab hier zwei Stunden Wartezeit“ in Erstaunen versetzte.
Ruheoasen inmitten der Goodie-Jagd
Aber auch in dieser Halle hatte man einige hochwertige Sofas und Stühle bereitgestellt, so dass der Messe-Besucher etwas Essen und sich dabei ausruhen konnte. Wieviele Gamer sich wohl nach dem Besuch einen Sitzsack kaufen werden?
Weiter ging die Reise zum stimmig inszenierten 2K-Stand, wo ganz klar
»Mafia II und
NBA 2K11 den Ton angaben. Guter, aber offensichtlicher Einfall war es, mit Treffern am Basketballkorb Messe-Goodies abgreifen zu können. Auch der Stand von Panini zog meine Aufmerksamkeit auf sich, denn wo kriegt man schon mal alle Videospiel-Romane auf einem Fleck zu Gesicht? Nicht allzuweit entfernt präsentierte auch ein Online-Shop sein Videospiel-Merchandise, was mir sehr gut gefiel. Denn nur auf der Messe bekommt man einen Eindruck von der Qualität der Ware.
Kurz rüber zu Square Enix, denn da hatte man wohl das
Final Fantasy-Menü erlebbar gemacht. Soll heißen, ich fühlte mich hier durch das weiße Ambiente, die edle Anmutung und nicht zuletzt durch die kommenden Spielspaßgaranten wie
Final Fantasy XIV oder
Front Mission Evolved wie in der edlen Menüstruktur des Rollenspiels selbst. Wer den Stand erlebt hat, wird vermutlich wissen, was ich meine. Eine Art wohlige Krankenhaus-Atmosphäre umwehte mich hier. Auch schön waren die ausgestellten Figuren, die detailliert einen Chris Redfield, eine Bayonetta oder meinen Helden Solid Snake darstellten. Gehören diese Serien jetzt etwa auch zu Square Enix?
Das Beste kommt noch
Hatte man bis dahin keine Reizüberflutung erlitten, war es dann beim Stand von EA soweit. Hier wimmelte es nicht nur von geschwungenen Bildschirmen, Anspielstationen und kommenden Titeln, dass einem schwindlig wurde. Hier haben die Stand-Designer ganze Arbeit geleistet! Ich fühlte mich wie in einem EA-Organismus, in dem ich automatisch zu
»FIFA 11 oder
NFS Hot Pursuit gelotst wurde. Auch nett war, dass hier komplett selbstverständlich wie bei Square Sticker zu den Games verteilt wurden. Denn ich will mich nicht unbedingt im Stehen zwanzig Minuten von einem Moderator über Lautsprecher anschreien lassen, damit er mir mal ein Schlüsselband zuwirft.
Von Spielkontrolleuren und Space Marines
Als ich meine Reise durch die Hallen fortsetzte, hatte der kleine Stand der USK kaum Chancen dieses Erlebnis zu toppen. Aber charmant wirkte das Ganze doch, als ich mittels Game-Quiz unterhalten wurde. Erstaunt nahm ich dann zur Kenntnis, dass viele Besucher angeregt in dem Informationsmaterial der Alterskontrolle blätterten. Ich denke im Rahmen der
gamescom konsumiert man bei diesem Erlebnis wohl alles aufgeregt. Naja, Bildung ist nie verkehrt.
Bereits von der E3 bekannt, aber in echt umso atemberaubender wirkte dann der THQ-Stand auf mich. Als großer
»Warhammer 40K-Fan erblickte ich fernab der Rätseleinlage bei der USK einen Space Marine. Wow, was für eine Überraschung! Das kam mir genauso bombastisch vor, wie ich es immer in den Romanen der Reihe lese, wenn arme Dorfbewohner zum ersten Mal die Sturmtruppen des Imperators zu Gesicht bekommen.
Das weitere Drumherum von THQ beeindruckte mich leider genauso wenig wie der Konami-Stand. Aber kurz noch zu THQ: Klasse Idee, dass man bei euch in einem riesigen Roboter steigen konnte, aber auf der anderen Seite dafür ewig lange anstehen und dann ist die Show in zwei Sekunden vorüber? Mir als Zuschauer machte es trotzdem jedes Mal Laune, wenn der Koloss zum Abschluss der eben angesprochenen Sequenz noch einmal etwas Dampf aus seiner Plastikwumme versprühte. Wo war ich? Ach, bei Konami. Ja, hier hatte man den Vorteil, die ersten
»Kinect-Games ganz ohne den Massenandrang bei Microsoft anzuschauen. Klar, war auch dieser Stand komplett überlaufen, aber eben nicht so sehr wie der des Konsolenherstellers. Erklärter Star des Standes war natürlich
PES 2011, das ja bald auch in den Handel kommen soll. Matches auf der Großbildleinwand und Gedränge vor den Spielestationen waren die Regel.
Gesättigt durch totale Reizüberflutung
Etwas unspektakulär wirkte der Ubisoft-Stand auf mich. Jetzt nicht falsch verstehen, Ubisoft. Ich liebe eure verrückten Hasen. Vielmehr, weil ich mich geistig bereits auf die Stände von Sony und Microsoft eingestimmt habe und weil Activision Blizzard sowie EA meine Messlatte schon so hoch angesetzt haben, dass euer schöner Stand ohne Millioneninvestition wie bei der Konkurrenz mich dann doch kalt ließ. Schande über mich.
Die Stars der Messe und das Ende meines Messetages
Sony hatte eine große Fläche angemietet, wo Spiel mit der Bewegungssteuerung
»MOVE anspielbar war. Daneben wartete eine Teststrecke für Freunde von
Gran Turismo 5 und auch Träger des „Ab 18er“-Bändchen konnten hinter verschlossenen Türen kommende Ego-Shooter-Größen antesten. Dabei war das Design der Absperrung so gehalten, dass sie mit ihren bewussten Löchern zwar etwas Sicht freigab, aber das im Endeffekt gar nicht tat. Sie machte also Appetit auf mehr, aber zu sehen bekam man natürlich wegen des Jugendschutzes nichts.
Bei Microsoft konnte man eingangs ein paar teils schon veröffentlichte Arcade-Games antesten. Das macht Sinn und Laune, denn endlich kann man anhand der Vollversion erfahren, ob es sich lohnt, hier seine sauer verdienten MS-Points zu investieren. Doch dies diente wohl nur als kurze Beschäftigung ehe man sich auf dem Weg in die eigentliche Bewegungstherapie mit Namen
»Kinect machte. Verglaste und weiß verhüllte Kokons ließen mich instinktiv Menschen mit Zwangsjacken darin vermuten, aber im Gegenteil. Die Zocker konnten sich frei bewegen und das natürlich ohne Controller, was ja der Clou an der Sache ist. Die Grafik der Games konnte überzeugen und ich hoffe, dass einige gute Spiele mit tiefergehenden Gameplay noch in das Line-Up kommen werden. Ich will jetzt Microsofts neues Marketing-Wunder nicht als
EyeToy in HD bezeichnen, aber erste Andeutungen in diese Richtung zeichnen sich ab.
Mit Nintendo ließ ich dann meinen ersten Messerundgang ausklingen. Auch hier knallte mir die Farbe Weiß ins Auge, aber auf eine andere Art und Weise. Also keine Verwechslungsgefahr mit Square Enix? Vielmehr konnte man an zahlreichen Anspielstationen mit DS und Wii das neue Software-Line-Up testen. Meinen persönlichen Interessenschwerpunkt, nämlich den
»3DS, konnte ich leider nicht ausmachen, da die Hardware nur den Journalisten präsentiert wurde.
Ich hoffe alle Daheimgebliebenen konnten sich bei meinem Messerundgang über die
gamescom 2010 einen kleinen Eindruck verschaffen. Natürlich sind alle Aussagen komplett subjektiv zu verstehen, Ubisoft hat selbstverständlich den besten Messestand und zweistündiges Anstehen für ein in meinem Fall rotes Bändchen ist natürlich super. Deswegen hoffe ich, dass ich vielleicht einige Leser von GameRadio nächstes Jahr auf der
gamescom treffen werde und wünsche euch bis dahin alles Gute!