Um ehrlich zu sein: Ganz für voll habe ich das Portfolio von Microsofts Downloadplattform „Xbox-Live-Arcade“ bisher nicht genommen. Klar, nette Spielchen, interessante Klassiker, mittelprächtige Pausenfüller – passt schon. Titel, die an die Frische und Genialität so manch eines Vollpreis- oder auch Freewarespiels aus dem Netz herankommen, sind trotz der großen Anzahl an Download-Games jedoch rar. „Braid“ ist eines dieser seltenen Spiele, die an Witz und Ideenreichtum kaum zu überbieten sind. Wir haben uns an den Download gewagt, und sind fast im Strudel der Zeit verloren gegangen.
Prinzessinenretter im Zeitstrudel
Tim hat ein Problem: Er hat einen ziemlich großen Fehler gemacht. So groß, dass er seine geliebte Prinzessin los ist. In die Hände fieser Schurken ist sie geraten und nur er, nein, ihr könnt sie aus den Fängen des Bösen retten. Die Rahmenhandlung von "Braid" wirkt auf den ersten Blick nicht sonderlich innovativ und erinnert, wie auch ein Teil des Gameplays, gewollt an den Klassiker "Super Mario Bros." Das sei allerdings nicht als billiges Abkopieren misszuverstehen, sondern eher als Hommage, stellenweise auch Satire auf Nintendos Meistewerk. Doch irgendwann passiert es, ihr realisiert, dass ihr für eure 1200 MS-Points kein mittelprächtiges Jump'n'Run erstanden habt. "Braid" ist großartig, "Braid" ist eines dieser Spiele, die nur alle paar Jahre einmal auftauchen und sich immer tiefer in die Gamerseele einbrennen, je länger ihr spielt. Und "Braid" beweist, dass manche Geschichten eben doch nur interaktiv umgesetzt werden können, beweist, dass Videospiele doch Kunst sein können, im Falle von "Braid" sogar höchst anspruchsvolle.
Dabei ist es gar nicht so einfach, die Faszination von Jonathan Blows Werk in Worte zu fassen. Die Besonderheiten beginnen bei der Art des Storytellings. Zu Beginn wittert man eine recht innovationslose Heldengeschichte, merkt nach immer mehr Bruchstücken, die das Spiel serviert, und die auch nach dem wunderbaren Ende noch viel Raum für Interpretationen lassen, dass es eigentlich um etwas größeres, ja viel größeres geht. Gepaart mit dem wunderschönen Look, der – zumindest was die Hintergründe angeht – wie ein Gemälde wirkt sowie dem gewitzten Gameplay ergibt sich ein großes Ganzes. Jeder Level bietet neue Herausforderungen, man will auch noch das letzte in den Levels versteckte Geheimnis lösen, auch wenn der Weg bis dort hin mitunter frustig schwer ist.
Dabei dreht sich im Kern doch alles nur um die Zeit. Per Stick steuert ihr Tim durch die Level, mithilfe der X-Taste spult ihr die Zeit zurück. Hiermit ist die Steuerung von "Braid" eigentlich schon erklärt. Durch das hervorragende Rätseldesign ergeben sich alleine durch dieses Feature unglaublich Möglichkeiten. Manche Objekte unterliegen den Regeln der Zeit und des Raums, manche nicht. Durch den geschickten und abwechslungsreichen Einsatz dieser Funktion zwingt euch das Spiel förmlich dazu kreativ zu sein, um Ecken zu denken, lehrt euch, dass Logik und Verstand nicht immer zum Ziel führen. Gelöst ist ein Level deshalb auch nicht, wenn ihr einfach zum Ausgang findet – vielmehr müsst ihr schwer zu erreichende Puzzleteile finden und diese am Ende zu einem Ganzen zusammenfügen. Nur wenn ihr auch das letzte Teil erhascht habt, dürft ihr euch auf eines der einprägsamsten Enden der Spielegeschichte freuen. Deshalb: Durchhalten!
Ausgezeichnet mit den folgenden GameRadio-Awards:

