Ihr seid auf der Suche nach einem actionreichen Rollenspiel mit ungewöhnlichem Setting, das euch aufgrund seiner spannenden Nebenquests mehr als zwanzig Stunden in seinen Bann zieht, bevor ihr durch Zufall wieder auf die eigentliche Hauptaufgabe trefft? Dann seid ihr bei „Fallout 3“ genau richtig!Im Gegensatz zum mittelalterlichen „»The Elder Scrolls IV: Oblivion“ setzen die Entwickler von Bethesda beim dritten Teil der „Fallout“-Reihe auf ein gänzlich anderes Setting: Hinter den dicken Mauern des Bunkers Vault 101 habt ihr den vor Jahrhunderten tobenden Atomkrieg unbeschadet überlebt. Der Preis für die Sicherheit vor blutrünstigen Mutanten und Sklavenhändlern ist jedoch hoch. Kein Bewohner der unterirdischen Anlage hat je die Oberfläche zu Gesicht bekommen: Das Verschwinden eures Vaters lässt euch schließlich das betonierte Kinderzimmer verlassen und einen ausgedehnten Abstecher in die zerstörte Oberwelt wagen. Ganz freiwillig ist euer Auszug aus Vault 101 indes dann aber doch nicht…
Blickkontakt vermeiden!
Die Charaktererstellung wurde von Bethesda recht geschickt in die ersten Spielminuten integriert. Während eurer Geburt legt ihr das Geschlecht fest, im Kindesalter erlernt ihr grundlegende Bewegungsabläufe und in einem schulischen Test könnt ihr erste Charakterwerte verteilen. Die gestalterischen Möglichkeiten lassen keine Wünsche offen - mit Bärten, Frisuren und Gesichts-Einstellungen ergeben sich unzählige Möglichkeiten. Leider werdet ihr euer Alter Ego im Spiel nur selten bewundern können, denn „Fallout 3“ lässt euch wie schon „
»Oblivion“ durch die Augen eures Helden schauen. Zwar dürft ihr jederzeit in eine Verfolgerperspektive wechseln, diese wirkt aufgrund der staksigen Animationen jedoch relativ unfertig und erlaubt nur selten einen Blick auf die Gesichtszüge eures Charakters.
Strahlende Aussichten
Nachdem sich die massiven Türen der Bunkeranlage hinter euch geschlossen haben, steht euch ein riesiger postnuklearer Spielplatz zur freien Verfügung: Die Wastelands, die aus mehreren Kleinstädten, Ruinen und vegetationslosen Freiflächen bestehen, wecken sofort den Expeditionstrieb eines jeden Rollenspielers. Auf einer Übersichtskarte werden alle wichtigen Standorte verzeichnet, nachdem ihr sie einmal zu Fuß erreicht habt. Danach steht euch eine praktische Schnellreise-Funktion zur Verfügung. Unser erster Abstecher führt uns nach Megaton, einer kleineren Ansiedlung, die ihren Namen einer im Zentrum platzierten Atombombe verdankt. Hier sollen sich erste Informationen über den verschollenen Vater auffinden lassen. Die Bewohner der Stadt bieten euch genretypisch neue Quests an. So bittet euch die Händlerin beispielsweise darum, ihr bei der Recherche für einen Endzeit-Survivial-Guide zu helfen. Allein diese Nebenaufgabe kann euch locker fünf bis sechs Stunden lang beschäftigen, da sie aus vielen abwechslungsreichen Teilbereichen besteht. Da müsst ihr beispielsweise den nahe gelegenen Super-Duper-Mart nach Lebensmitteln durchforsten, eine Roboterfabrik erkunden oder erste Erfahrungen mit der Strahlung machen. Letztere stellt sich als weniger gefährlich heraus, als anfangs vermutet. Durch den zwei Jahrhunderte zurückliegenden atomaren Konflikt sind die radioaktiven Bereiche nur rar gesät. Doch auch die von euch verzehrten Lebensmittel bringen ein gewisses Maß an Strahlung mit, das ihr jedoch mit RadAway-Medikamenten lindern könnt. In einem Strahlenanzug lassen sich zudem auch sehr stark verseuchte Gebiete durchqueren. Eine wirkliche Bedrohung bildet die unsichtbare Gefahr also nicht, eher ein thematisches Pflichtfeature, das die Stimmung aber durchaus unterstreicht.
Angriff ist die beste Verteidigung
Als deutlich gefährlicher stellen sich da schon die unterschiedlichen Bewohner der Wastelands heraus: Molerats lauern in Kanalisationsschächten, Sklavenhändler belagern die Oberwelt, Skorpione, Bären oder riesige Mutanten warten in den zerstörten Städten und den verbrannten Abschnitten dazwischen auf euch. Beim Kampfsystem verlassen sich die Jungs von Bethesda auf eine konventionelle Ego-Shooter-Steuerung, die durch das auf den Namen V.A.T.S. getaufte System etwas taktische Würze erhält. So könnt ihr die Kampfhandlung jederzeit pausieren und bestimmte Bereiche eurer Widersacher anvisieren. Solange die dafür notwendigen Aktionspunkte ausreichen, werdet ihr mit einer besseren Trefferchance belohnt. Gehen euch die Punkte jedoch aus, so müsst ihr mit einer recht ungenauen Zielfunktion per Analogstick auskommen oder die Flucht antreten, bis ihr wieder genügend Ressourcen für das Einfrieren der Kämpfe aufgeladen habt. Gerade in den ersten Spielstunden solltet ihr eine direkte Konfrontation daher genau abwägen. Oft lassen sich Gegner umgehen oder ihr schleicht mit etwas Glück unbemerkt an ihnen vorbei. Im späteren Spielverlauf bekommt ihr zu diesem Zweck beispielsweise ein Unsichtbarkeitsarmand oder eine Ghul-Maske, die aggressive Zombies zumindest bis zu einer gewissen Entfernung von einem Angriff abhält. Doch gerade die Kämpfe machen dank der erhofften Beute einen großen Reiz des Spiels aus. Die zumindest in der europäischen Version enthaltenen Splatter-Effekte tun da ihr übriges, wenn zum Beispiel ein Granatwurf oder Kopfschuss mit einer entsprechend blutigen Animation belohnt wird. Feige Naturen dürfen sich zudem - das nötige Verhandlungsgeschick und die entsprechenden Finanzen vorausgesetzt - einen KI-Kollegen zur Seite stellen.
Grenzenlose Sammelwut
Wie in anderen Rollenspielen werdet ihr in „Fallout 3“ für das Besiegen von Gegnern mit zahlreichen Items, Heilmitteln und Waffen belohnt. Auch in den zerstörten Häusern finden sich Bauteile, die ihr entweder an einer Werkbank (den nötigen Bauplan vorausgesetzt) zu neuen Waffen zusammenstecken oder beim Händler in Devisen umwandeln könnt. Als Zahlungsmittel kommen stilecht Flaschendeckel zu Einsatz, der Genuss einer Pulle Nuka-Cola spendiert euch neben einer gesteigerten Gesundheit somit auch immer etwas Geld. Bei den zahlreichen Waffen, die von Pistolen über Schrotflinten und Maschinengewehren bis hin zu Raketen- oder Flammenwerfern reichen, solltet ihr außerdem immer einen Blick auf deren Verfassung haben. Lädierte Knarren erzeugen deutlich weniger Schaden, lassen sich aber praktischerweise mit Hilfe baugleicher Waffen reparieren. Gerade die Endzeit-bedingte Knappheit an Ressourcen lässt euch jeden Schrank und Tresor durchwühlen, generell ist „Fallout 3“ jedoch super ausbalanciert. Zwar bleibt aus Gründen des limitierten Inventars ein regelmäßiger Gang zum Händler nicht aus, über einen Mangel an Munition oder Heilmitteln braucht ihr euch trotzdem nur selten Sorgen zu machen.
Einzigartige Stellenausschreibungen
Auch beim Quest-Design haben sich die Entwickler sichtlich Mühe gegeben. Während ihr in „
»Fable 2“, „
»Oblivion“ und Co. häufig eine Aufgabe nach Schema F absolvieren müsst, glänzt „Fallout 3“ mit frischen Ideen und ausgefallenen Anforderungen. Oft stehen euch für die Lösung sogar mehrere Wege zur Verfügung. Ein Beispiel: Wir stoßen auf unseren Streifzügen zufällig auf einen riesigen Turm, der von selbsternannten Adligen bewohnt wird. Den im Spiel als Untermenschen behandelten Zombies hingegen will man den Zugang zum zivilisierten Tenpenny-Tower keinesfalls ermöglichen. Hier wartet einmal mehr eine moralische Entscheidung auf euch: Helft ihr den Ghulen beim Einzug oder unterstützt ihr die gut betuchten Bewohner bei der Beseitigung der Störenfriede? Auch eine friedliche Lösung steht zur Verfügung, sofern ihr das nötige Gesprächstalent im Vorfeld aufgelevelt habt. Wie schon in „
»Oblivion“ dürft ihr beim Großteil der NPCs aus einer Vielzahl an Multiple-Choice-Antworten auswählen. Wir entscheiden uns für die Bestrafung der zickigen Turmbewohner und ermöglichen den Untoten per Hintereingang die Invasion des begehrten Domizils. Wenig später können wir in aller Ruhe die Habseligkeiten der überwältigten Bewohner ausheben, denn die Zombies haben logischerweise keinen Bedarf an Lebensmitteln, Kleidung und Geld.
Ich mach mir den Held, wie er mir gefällt
Für überwältigte Gegner, gehackte PCs, trickreiche Konversationen oder erledigte Quests erhaltet ihr genreüblich Erfahrungspunkte. Bei jedem Levelanstieg lassen sich knapp 20 Punkte auf diverse Grundeigenschaften wie Schleichen, Schusswaffeneinsatz, medizinische Kenntnisse oder Verhandlungsgeschick verteilen. Im Anschluss dürft ihr noch eine Spezialfähigkeit wählen, die euch beispielsweise mehr tragen lässt oder euer Glück beim Auffinden von Munition steigert. Somit stehen euch alle Wege offen, um euren Charakter perfekt an die bevorzugte Spielweise anzupassen. In den Wastelands versteckte Bücher steigern die Charakterwerte zudem noch einmal minimal. Noch ein Grund, sich ganz genau umzuschauen. Das aus „
»Oblivion“ bekannte Mitleveln der Gegner hat Bethesda glücklicherweise verworfen: Eine Höhle voller Riesenskorpione, die euch zu Beginn noch arg zu schaffen machen, wird mit dem richtigen Equipment wenige Stunden später zum Kinderspiel.
Stimmungsvolle Einöde
Beim Design der Umgebungen haben die Entwickler ganze Arbeit geleistet! Trotz der zerstörten Umwelt findet ihr in „Fallout 3“ unzählige Sehenswürdigkeiten. Ein Spaziergang durch die Wastelands ist daher immer für eine Überraschung gut. Die städtische Bebauung konzentriert sich zwar nur auf kleine Bereiche - der Großteil besteht aus ländlichen Umgebungen mit kleinen Ansiedlungen – doch die bekannten Bauwerke wie das Lincoln Memorial, das Washington Monument oder das meilenweit sichtbare Capitol sorgen für ein herrliches Endzeit-Feeling. Bis auf das Zentrum von Washington D.C. sind alle Bereiche der Wastelands frei begehbar. In der Innenstadt der US-Metropole werden jedoch ganze Straßenzüge mitunter von eingestürzten Ruinen blockiert. Ein Weiterkommen ist an diesen Stellen nur mit einem Umweg durch die U-Bahn-Schächte möglich, die die gesamte Landschaft von „Fallout 3“ wie einen Schweizer Käse durchziehen und so für eine zweite Spielwelt unter der Erdoberfläche sorgen. Der Tag- und Nachtwechsel ist ebenfalls nicht nur schmückendes Beiwerk, sondern lässt euch so manche Erkundungstour verschieben, da eure Widersacher in der Dunkelheit deutlich schlechter zu sehen sind und damit eine noch größere Gefahr darstellen. Der geringe Radius eurer Taschenlampe tut da sein Übriges. In derartigen Situationen könnt ihr euch einfach in befreundeten Ansiedlungen zur Ruhe betten und eure Kraftreserven im Schlaf wieder aufmöbeln.
Grafisch erwartet euch eine sehr stimmige Spielwelt, an jeder Ecke sind die Auswirkungen des atomaren Konflikts deutlich sichtbar. Lediglich die an vielen Stellen zu verwaschenen Texturen verwehren „Fallout 3“ einen Grafik-Award. Trotzdem muss man vor der stilistischen Gestaltung der Wastelands den Hut ziehen! Die im Vorfeld aufgekommenen Bedenken, einer im Vergleich zu „
»Oblivion“ eventuell zu tristen Umgebung, sind völlig unbegründet.
Akustische Sparflamme
Bei der akustischen Untermalung setzt Bethesda vermehrt auf Stille. Zwar könnt ihr über den am Arm befestigen Mini-Computer „PIP Boy“ jederzeit einen Radiosender zuschalten, aufgrund des geringen Umfangs an Musikstücken aus den Fünfzigern haben wir bei unseren Streifzügen jedoch meist darauf verzichtet. An einigen Stellen werdet ihr zudem von klassischer Orchestermusik überrascht, die jedoch irgendwie mehr an ein mittelalterliches Rollenspiel erinnert und direkt aus „
»Oblivion“ stammen könnte. Bei den Soundeffekten hingegen gibt es keinen Grund zur Klage: Waffensounds, die Vertonung der unzähligen Dialoge und auch die Umgebungsgeräusche sind absolut stimmig.
Ausgezeichnet mit den folgenden GameRadio-Awards:
