Knapp vier Jahre hat das 70-köpfige Entwicklerteam um „Black&White“-Schöpfer Peter Molyneux am Action-Rollenspiel „Fable 2“ gewerkelt. Von Fans des Vorgängers sehnlichst erwartet und auf zahlreichen Spielemessen für seine neuen Features hochgelobt, können Xbox 360-Besitzer nun endlich selbst in die mittelalterliche Fantasy-Welt Albion eintauchen und ihre Helden-Qualitäten unter Beweis stellen. Ob sich das Warten auf „Fable 2“ gelohnt hat und ob auch RPG-Profis mit dem „Rollenspiel light“ glücklich werden, erfahrt ihr in unserem ausführlichen Test.
Auf nach Albion
Rund 500 Jahre nach den Geschehnissen in „Fable“ verschlägt es euch erneut ins märchenhafte Albion, das inzwischen auf das zehnfache seiner ursprünglichen Größe angewachsen ist. Genretypisch habt ihr hier die Wahl aus einer männlichen oder weiblichen Hauptfigur. Nach einem umfangreichen Charakter-Editor sucht ihr jedoch vergebens, denn in „Fable 2“ bestimmen allein eure Handlungen das Aussehen des Protagonisten. Werden Verletzungen beispielsweise mit Hilfe von Speisen geheilt, steuert ihr schon bald eine wohlgenährte Rubens-Frau oder einen rotnasigen Trunkenbold durch die verschlungenen Waldpfade der Rollenspiel-Welt. Zu Beginn plagen euch jedoch ganz andere Probleme, als eure Model-Maße. Als Waisenkind lebt ihr zusammen mit eurer Schwester in den Straßen von Bowerstone und verdient euren Lebensunterhalt als Tagelöhner. Mit einem antiken Zauberwürfel bringt ein Fahrender Händler schon bald etwas Licht in euren tristen Alltag. In der Hoffnung, der Armut mit Hilfe des Holzkästchens entgehen zu können, beschließt ihr kurzerhand, selbiges in euren Besitz zu bringen. Da Straßenkinder jedoch nicht mal eben fünf Goldstücke aus dem Ärmel schütteln, verdingt ihr euch mit Hilfe kleinerer Quests als Schädlingsbekämpfer, Hilfssheriff oder Postbote. Dabei führt euch das Spiel an die grundlegenden Gameplay-Mechaniken heran und ihr habt bereits die Wahl zwischen guten und bösen Taten.
Schicksalsschläge, Brotkrumen und Zeichensprache
„Fable“ wäre jedoch nicht „Fable“, wenn die Story nicht gleich zu Beginn mit einem Schicksalsschlag aufwarten würde. Auf euch allein gestellt, werdet ihr von Zigeunern aufgezogen und als junger Erwachsener an eure Bestimmung als Held herangeführt. Ein Oberbösewicht, der die Welt zerstören will, darf dabei natürlich auch nicht fehlen. Um dessen Pläne zu verhindern, müssen in Albion drei Helden gefunden werden, die sich euch im Verlauf der rund 20 Stunden langen Hauptquest anschließen. Im Gegensatz zum Vorgänger müsst ihr auf Reisen nun nicht mehr auf eine Karte schauen, um den richtigen Weg zu finden, sondern folgt einfach einer goldenen Spur, die euch bis zum Zielort führt. Über das recht umständliche Menü könnt ihr zudem per Schnellreise-Funktion an bereits besuchte Orte springen. Dabei ist aufgrund der langen Ladezeiten aber etwas Geduld gefragt. Nebenquests reihen sich entweder automatisch in eure Aufgabenliste ein oder können unterwegs bei unterschiedlichen NPCs abgeholt werden. Auf rollenspieltypische Multiple-Choice-Gespräche hat Entwickler Lionhead dabei jedoch verzichtet. Euer Held kann sich der Bevölkerung Albions aber mit dem aus dem Vorgänger bekannten Gesten-System mitteilen. Das recht umfangreiche Repertoire wird über den linken Bumper ausgewählt und reicht vom Flirten und Scherzen bis hin zu Beleidigungen. Je nachdem, wie viel Fingerspitzengefühl ihr bei der Auswahl beweist, winken Händlerrabatte, Ruhm oder sogar potenzielle Ehepartner.
Ein unsterblicher Held
Eine Neuerung in „Fable 2“ stellt das überarbeitet Kampfsystem dar. Statt Gegner nur mit Stich- und Schlagwaffen zu bearbeiten, stehen nun auch Flinten und Magie zur Verfügung. Um die Steuerung dennoch einsteigerfreundlich zu gestalten, wurde jedem Kampfstil eine Taste zugewiesen. So schwingt ihr mit „X“ euer Schwert, feuert mit „Y“ Pfeile ab und benutzt „B“, um Zauber-Attacken durchzuführen. Der aus anderen Genrevertretern bekannte Munitions- oder Mana-Mangel tritt daher nicht auf. Mit Hilfe des automatischen Anvisierens müsst ihr euch auch um das Zielen keine Sorgen machen und die Kämpfe laufen so mit ein wenig Button-Mashing fast von allein ab. Getötete Feinde und deren Habseligkeiten verschwinden sofort, spendieren euch jedoch verschiedenfarbige Kristalle, die ihr wiederum in neue Angriffe oder Fähigkeiten investieren könnt. Die wohl gravierendste Gameplay-Neuerung ist die Tatsache, dass euer Held nicht sterben kann. Gegnerische Treffer wirken sich zwar auf eure Energieleiste aus, ist diese leer, wird kurzerhand die Zeit um einige Sekunden zurückgespult und ihr habt Gelegenheit, die gesundheitlichen Defizite mit entsprechenden Tränken auszugleichen. Dieses Feature mag Einsteiger freuen, Rollenspiel-Profis dürften sich aufgrund einer fehlenden Bedrohung jedoch schnell unterfordert fühlen. Unterschiedliche Schwierigkeitsstufen oder die Möglichkeit, den God-Modus zu deaktivieren, wären hier sinnvoll gewesen. Geratet ihr mit den Gesetzeshütern in Konflikt, werdet ihr bei leerer Energieleiste vor die Wahl gestellt: Entweder ihr bezahlt eine Strafe oder leistet gemeinnützige Arbeit, um für eure Schandtaten zu büßen. Entscheidet ihr euch für letztere Möglichkeit, eröffnen sich neue Nebenquests.
Mein Partner mit der kalten Schnauze
Ebenfalls neu ist euer ständiger Begleiter auf vier Pfoten. Für die Rettung des Welpen vor einem Raufbold, bekommt ihr seine bedingungslose Loyalität und einen Freund fürs virtuelle Leben. Auf euren Streifzügen durch Albion spürt er vergrabene Schätze auf, lässt sich Tricks beibringen oder warnt euch mit einem Knurren vor nahenden Gegnern. Im Kampf ist Bello aber keine große Hilfe. Zwar greift er gelegentlich Feinde an, euer Schießeisen ist dabei jedoch ein sehr viel zuverlässigerer Freund.
Helden fördern, Arbeit teilen!
Genre-untypisch verdient ihr in „Fable 2“ durch das Erfüllen von Quests kein Geld. Da ein pralles Portemonnaie bei der Vielzahl an käuflichen Waffen, Kleidungsstücken und Immobilien aber unabdingbar ist, bietet das Spiel unterschiedliche Möglichkeiten, doch noch zum Millionär zu werden. So findet ihr wie gewohnt auf Reisen zahlreiche Schatzkisten oder könnt eure Tage anstatt mit Heldentaten, mit stinknormaler Arbeit fristen. Job-Angebote finden sich, in Form von mit Ausrufezeichen versehenen Tafeln, meist in Dörfern oder Städten. So könnt ihr beispielsweise als Schmied den Hammer oder als Holzhacker das Beil schwingen. Da sich Geld in den meisten Fällen nicht vom Zuschauen vermehrt, wird beim Arbeiten euer Reaktionsvermögen in Form eines simplen Minispielen gefordert. Es gilt, im richtigen Moment die „A“-Taste zu drücken und so unter anderem ein perfektes Schwert zu schmieden. Ist euer Timing auch nach mehreren Hammerschlägen noch perfekt, erhöht sich euer Lohn und ihr werdet befördert, was wiederum einen höheren Verdienst einbringt. Eine weitere Einnahmequelle sind die seit August auf Xbox Live Arcade verfügbaren „Fable Pub Games“. In den vier Minispielen Fortune’s Tower, Keystone und Spinnerbox könnt ihr ebenfalls Bares verdienen und in „Fable 2“ ausgeben.
Eine schrecklich nette Familie
Wesentlich mehr Spaß als Geld zu verdienen macht dessen Investition in Waffen, Outfits oder ein neues Styling. Beim Frisör bekommt ihr beispielsweise neue Frisuren, Bärte oder sogar komplette MakeUps. In der richtigen Auswahl steigern optische Verschönerungen eure Chancen beim anderen Geschlecht. Mit Flirt-Gesten noch ein wenig nachgeholfen, findet ihr auf den Straßen Albions recht schnell einen heiratswilligen Partner. Um den Bund fürs Leben zu besiegeln, müsst ihr diesem lediglich einen Ring schenken und eure Ersparnisse in ein zukünftiges Heim investieren. Nachwuchs darf dabei natürlich auch nicht fehlen. Der wird relativ unspektakulär gezeugt und liegt wenige Sekunden später in einem Kinderwagen neben eurem Bett. Damit Ehepartner und Sprössling während eurer Ausflüge nicht verhungern, legt ihr ein tägliches Budget fest, mit dem die beiden auskommen müssen. Je nachdem, wie hoch dieses ist, macht sich im trauten Heim auf kurz oder lang Unzufriedenheit breit. Mit gelegentlichen Besuchen und ein paar lustigen Gesten können Eheprobleme jedoch schnell ausgebügelt werden.
Ein Freund, ein guter Freund …
Wesentlich interaktiver als der Umgang mit eurer kleinen Familie ist das gemeinsame Spielen von „Fable 2“ im Koop. Aufgrund von zeitlichen Engpässen bei der Entwicklung hat es der Online-Modus leider nicht mehr ins fertige Spiel geschafft. Laut Lionhead soll dieser aber noch in der Release-Woche per Download nachgereicht werden. Mit dem Offline-Koop könnt ihr aber bereits zu zweit vom heimischen Sofa aus nach Albion aufbrechen. Entsprechende Charakter-Werte eures Begleiters werden dabei kurzerhand importiert und während der gemeinsamen Streifzüge verdiente Erfahrungspunkte und Gegenstände können anschließend wieder exportiert werden. Die Kamera darf mit zwei Spielern zwar nicht mehr gedreht werden, fängt das Geschehen jedoch anhand einer kleineren Zoom-Stufe immer optimal ein.
Farbenfrohe Märchenwelt mit Empathie-Schwächen
Trotz kleinerer Gameplay-Schwächen kann „Fable 2“ in punkto Atmosphäre wieder durchweg überzeugen. Angesichts der großen Spielwelt ist die Grafik sehr detailliert und überzeugt mit Variantenreichtum in der Vegetation: Blätter bewegen sich im Wind, ein Hahn dreht auf einem Bauernhof seine Runden und Kinder rennen lachend über leuchtend grüne Wiesen. Der überzeichnete, comic-hafte Stil des Vorgängers zieht sich konsequent durch das gesamte Spiel und lässt den Eindruck entstehen, ihr würdet euch durch ein lebendig gewordenes Märchenbuch bewegen. Ein zweischneidiges Schwert stellt jedoch der Verzicht auf jegliche Cutscenes dar. Zwar wird der Spielfluss so nie unterbrochen, da ihr euch selbst in Gesprächen noch frei bewegen könnt. Doch geht damit auch ein großes Stück Empathie für die Charaktere verloren, da ihr nie gezwungen seid, sie aus der Nähe zu betrachten oder ihnen zuzuhören. Und das wäre wirklich ein großer Fehler, denn sowohl die englische als auch die deutsche Synchronisation von „Fable 2“ sind herausragend. So wurden 47 Schauspieler mit der kompletten Lokalisierung des Spiels betraut, darunter die deutschen Sprecher von Samuel L. Jackson, Kevin Spacey und Marlon Brando. Für die stimmungsvolle, orchestrale Musikuntermalung sorgte übrigens Film-Komponist Danny Elfman.
Ausgezeichnet mit den folgenden GameRadio-Awards:
