
Bei LucasArts scheint man den Entwicklerstudios Physikunterricht gegeben zu haben. Wie sonst ist zu erklären, dass innerhalb kurzer Zeit zwei Spiele mit heftigem Physik-Einsatz auf den Markt kommen? Nach "»Star Wars: The Force Unleashed", indem wir schon mit der Macht Gegner und Objekte durch den Raum schleudern konnten, kommt nun "Fracture". Terraforming heißt hier das Zauberwort. Was sich dahinter verbirgt und ob das Spielen damit Spaß macht, erfahrt ihr, wenn ihr weiterlest...
Die Erde bebt
In heutigen Shootern geht einiges zu Bruch - ob Glasscheiben, Steinwände oder Deckungen, es gibt eigentlich nichts, was wir noch nicht zerschossen, hochgejagt oder sonstwie zerlegt hätten. Eines war dabei aber immer sicher: Der Boden, auf dem wir stehen. "Fracture" will dies nun ändern. Dazu bedienen sich sowohl Spieler als auch Gegner an Waffen, die den Boden anheben oder absenken können, oft mit gewaltiger Wucht. Doch bevor wir uns das Waffen-Arsenal einmal genauer ansehen, widmen wir uns erstmal der Vorgeschichte.
Im Grunde geht es in "Fracture" um einen Konflikt zwischen der Ost- und Westküste der USA. Im 22. Jahrhundert wurden die Probleme des Weltklimawandels unumkehrbar. Den Amerikanern gelang es zwar, die Ost- und Westküste des Kontinents durch Geländeverformungs-Technologien vor dem ansteigenden Wasser zu schützen. Die mittleren Staaten jedoch wurden überschwemmt und bildeten eine Kluft zwischen West und Ost. Während die "Pazifikaner" im Westen der USA ihr Heil in der Gen-Manipulation zu finden hoffen, entschied man sich im Osten bei der "Atlantischen Allianz" für die Kybernetik, die die Menschen vor der Vernichtung bewahren sollte. Nachdem Gen-Manipulationen unter Strafe gestellt wurden, kocht der Konflikt schlussendlich hoch.
In der Rolle von Jet Brody, einem Soldaten der Allianz, seid ihr zu Beginn auf dem Weg nach Alcatraz, um General Nathan Sheridan in Gewahrsam zu nehmen. Dieser war einst selbst bei der Allianz, kehrte dieser jedoch nach dem Tod seiner Tochter den Rücken, weil er zu der Überzeugung kam, dass die Gentechnik der Pazifikaner sie hätte retten können. Nach einem kurzen Tutorial überschlagen sich die Ereignisse: Ihr werdet auf eine Reise geschickt, in deren Verlauf ihr unterirdische Anlagen besichtigt, bei der Zerlegung der Golden Gate Bridge helft und dem verschneiten (und zerstörten) Washington D.C. einen Besuch abstattet. Insgesamt erwarten euch 12 Missionen, unterteilt in drei Akte.
Ich brauch' ne größere Knarre!
Um euch eurer Pazifikaner-Feinde zu erwehren, steht euch ein umfangreiches Waffenarsenal zur Verfügung. Ihr könnt allerdings immer nur zwei Waffen gleichzeitig tragen. Hier habt ihr die Wahl zwischen futuristischen Pendants herkömmlicher Waffen (wie Maschinengewehr oder Shotgun) und einigen spezielleren Kalibern. Zum Beispiel ein Magnetitgewehr, welches einen Pfeil verschiesst, der alles in seinem Umkreis anzieht - für den Feind natürlich nicht gerade angenehm, wenn alle in der Nähe befindlichen Kisten auf ihn zugeflogen kommen. Nicht direkt als Waffe zu bezeichnen, aber doch als solche einsetzbar ist das Terraforming, also die Veränderung des Geländes. So habt ihr einen Geländeverformer an eurem Anzug, mit dem ihr im Gefecht via Bumper-Tasten schnell die Umgebung anheben oder absenken könnt. Auf die Weise erschafft ihr Hügel oder Gräben und euch somit einen Vorteil im Kampf.
Es gibt auch Granaten, die diese Funktionen erfüllen, allerdings mit mehr Wucht, was für Feinde im Umkreis mitunter auch tödlich endet. Und von diesen Wurfgeschossen machen auch eure Feinde regen Gebrauch, wodurch nach Auseinandersetzungen ein zuvor ebenes Feld einer Offroad-Piste gleichen kann. Wenn euch bei einer Schlacht Trümmer und Kisten um die Ohren fliegen, dann ist das Action pur. Aber auch ruhige Momente, in denen ihr euch mit einigen Rätseln rumschlagen dürft, bietet "Fracture". Diese sind nicht sonderlich komplex und meist auch sehr offensichtlich (liegt in der Gegend eine Kiste mit Stachelgranaten, dann liegt die Lösung meist in diesen verborgen), sind in der Form allerdings etwas Neues. Ob ihr nun einen Laserstrahl durch Absenken oder Anheben von spiegelnden Oberflächen umlenken müsst oder ihr Maschinen zerstört, indem ihr sie einfach zuschüttet - das hat es so zuvor nie gegeben! Leider findet ihr nur sehr wenige dieser Rätselmomente im Spiel.
Licht und Schatten
Neben all den Spielereien mit der Physik, die sicherlich ihren Reiz haben, sollte man das eigentliche Gameplay nicht vergessen. Gerade optisch hält "Fracture" ein recht hohes Niveau konstant aufrecht. Das bezieht sich nicht nur auf die Texturen und Geometrie der Objekte, sondern auch auf die visuellen Effekte. Wenn eine Vortex-Granate alles in ihrem Umkreis in sich aufsaugt, herumwirbelt und in einer Explosion wieder um sich herum verteilt, dann ist das schon etwas fürs Auge. Auch sehr schön anzusehen sind die Explosionen, bei denen ihr den ganzen Boden um das Zentrum herum wabern sehen könnt, als wäre alles aus weichem Stoff. Der Sound ist kein Highlight, untermalt die Fights jedoch ziemlich gut. Die Musik reisst es dann klanglich raus, die orchestralen Stücke schaffen Blockbuster-Feeling.
Dann gibt es da aber auch die Schattenseiten: Das sehr lineare Leveldesign lässt kaum Möglichkeiten zu, um mit der Spielmechanik und den Waffen zu experimentieren. "Fracture" nimmt sich da leider etwas ernst. Dafür findet ihr an diversen Stellen im Spiel lilafarbene Datenzellen, im gesamten Spiel 100 Stück. Habt ihr davon genügend gefunden, wird der Übungsplatz im Hauptmenü sowie verschiedene Waffen dort freigeschaltet. Hier könnt ihr dann, freier als im Spiel, mit den Waffen herumspielen. Weiterer Kritikpunkt ist sicherlich die Story, welche einfach nur 08/15-SciFi-Shooter-Standardkost ist. Auch wenn es viele Anleihen bei grösseren Spielen des Genres wie "»Gears of War" gibt, wurde auf ein ähnliches Deckungsssystem leider vollständig verzichtet. Ihr könnt euch lediglich hinter Objekten ducken und so dem Feindbeschuß entgehen, aus der Deckung heraus feuern oder dergleichen geht nicht. Schwächeln tut "Fracture" auch bei der Genauigkeit. So könnt ihr nur grob abschätzen, wo eine geworfene Granate landen wird. Manchmal kommt es vor, dass ihr einen Feind hinter einer Deckung genau im Fadenkreuz habt, diesen aber dennoch nicht trefft. Und wenn ihr nicht aufpasst, wird das Hindernis, hinter dem ihr euch verschanzt habt, zur Todesfalle, weil z.B. eine Granate daran abprallt und dann direkt bei euch explodiert - obwohl ihr freies Schuß- und Wurffeld gehabt hättet.
An zwei Stellen im Spiel schwingt ihr euch hinter das Lenkrad einer Art Gelände-Buggy. Diese Abschnitte spielen sich allerdings alles andere als angenehm, denn in dem engen, verwinkelten Tal bleibt ihr ständig irgendwo hängen.
Es wäre also sicherlich weit mehr möglich gewesen mit dem Grundgerüst, das "Fracture" zugrunde liegt. Dies gilt leider auch für die Online-Modi - warum es nicht wie beim grossen Vorbild "Gears of War" einen Coop-Modus gegeben hat, ist mir ein Rätsel. Stattdessen Shooter-Multiplayer-Standard: Deathmatch, King of the Hill, Capture the Flag. Antesten konnten wir den Multiplayer nur begrenzt, mit bis zu 12 Spielern verspricht der Modus jedoch einige Action. Bleibt letztlich die Hoffnung auf weitere Titel, die uns mit dem Terraforming spielen lassen. Und dann bitte mit einer höheren Spielzeit als die 8-10 Stunden, die man mit "Fracture" beschäftigt ist.
Ausgezeichnet mit den folgenden GameRadio-Awards: