Wo John Woo hinlangt, da krachts – und zwar gewaltig. Der erfolgreiche Actionregiesseur, der sich hierzulande vorallem mit US-Produktionen wie „Face Off“ und „Mission Impossible 2“ einen Namen gemacht hat, zog es erst Jahre nach Karrierebeginn nach Hollywood. Zuvor zeichnete er sich für einige der einprägsamsten Asia-Actioner verantwortlich, beispielsweise „A Better Tomorrow“, „The Killer“, oder eben „Hard Boiled“. Der Heroic Bloodshed-Klassiker, der sein letztes großes Non-US Werk darstellt, dient als Grundlage für Midways Actionkracher „Stranglehold“, der in Zusammenarbeit mit dem Meister persönlich enstand, und, wie schon sein Vorbild, nicht unbedingt mit einer innovativen Story und viel Abwechslung, dafür aber genialen Shootouts aufwartet. Unser Test.
Wir möchten an dieser Stelle noch auf unser
»Entwickler-Interview
in 720p Auflösung hinweisen. Darin erfahrt ihr unter anderem, welche Momente in der Produktion des Actiontitels besonders witzig gewesen sind.
Geschüttelt, nicht gerührt
James Bond trinkt Martini, Inspektor Tequila, na was wohl? Der knallharte Cop wird auch in „Stranglehold“ von John Woos Lieblingsschauspieler Chow Yun-Fat (Fluch der Karibik 3, Anna und der König) verkörpert - zumindest digital. Die unterhaltsame, insgesamt aber etwas hanebüchene Storyline hat bis auf einige Charaktere mit der des filmischen Vorgängers nichts mehr gemein, es ist also nicht tragisch, wenn Ihr den filmischen Vorgänger nicht kennt. Kurz und knackig: In Hong-Kong herrscht ein erbitterter Bandenkrieg, zu allem Übel werden im Zuge dessen auch noch Tequilas Frau und Tochter entführt. Also Grund genug, Massen von Gegnern in die ewigen Jagdgründe zu schicken. Im Ernst: Die Zwischenseqenzen sind zwar gut inszeniert und die Geschichte wartet immerhin mit ein paar Überraschungen auf, gegen das hervorragend erzählte „Max Payne“ hat „Stranglehold“ jedoch keine Chance.
Dafür stimmen die unglaublich intensiven Shootouts: Tequilla kämpft sich stets durch lineare Levelschläuche, die schick in Szene gesetzt sind. Angefangen bei einem Marktviertel, über ein Restaurant, bis hin zu einem Hafenabschnitt, einem Museum und einem verregneten Abrissvertiel – in Sachen Schauplätze hat man sich einiges einfallen lassen. Mit maximal zwei Waffen gleichzeitig ballert Ihr euch durch Horden von Gegnern, springt über Tische, rutscht Geländer hinunter, schwingt euch an Kronleuchtern entlang, hechtet in Zeitlupe Kugeln davon. Action ist ganz klar die Quintessenz von „Stranglehold“. Als wichtigstes Element fungiert die sogenannte Tequila-Time. Ist das gleiche wie die Bullet-Time, nur unter anderem Namen. Der Zeitlupeneffekt setzt immer dann ein, wenn Ihr zu einem Hechtsprung ansetzt, oder sich bei einem Spezialmanöver gerade Gegner im Bild befindet. Außerdem lässt sich die Zeit, wie schon in „Max Payne“, auch manuell aktivieren – sofern die entsprechende Energieleiste, die sich, wenn Ihr wieder in die „Real tIme“ wechselt, selbst wieder auflädt, noch gefüllt ist.
Ebenfalls für etwas mehr Abwechslung sorgen die sogenannten Tequila-Bomben. Nun, Bomben sind es nicht wirklich, eher besondere Spezialmanöver, die Ihr, je nachdem, wie stylisch Ihr Gegner um die Ecke bringt, ausführen könnt. Für besonders schicke Kills, beispielsweise, indem Ihr einen Gegner trefft, während Ihr gerade in Zeitlupe ein Geländer hinunterruscht, hagelt es Punkte, mit denen sich die entsprechen Tequilla-Bomben-Leiste auffüllt. Oder Ihr sammelt im Spiel verteilte Papierkraniche, um die Anzeige schneller zu füllen. Abhängig davon, wieviel Energie euch zur Verfügung steht bzw. Ihr verbrauchen möchtet, steht euch Selbstheilung, ein Präzisionsschuss, mit dem Ihr auch weit entfernte Gegner treffen könnt, Trommelfeuer, eine Art Kampfrausch, indem Tequila nicht nur unverwundbar ist, sondern auch unglaublich durchschllagskräftige, unbegrenzte Munition verfügt, und ein Drehangriff, bei dem Tequila ganz automatisch alle Gegner um sich herum ausschaltet, zur Verfügung.
Und noch ein Feature: Immer mal wieder streut das Spiel sogenannte Mexican Standoff's, in denen Ihr in einer Art Minispiel feindlichen Kugeln ausweichen, und in einer vorgegebenen Reihenfolge Gegener ausschalten müsst, ein. Ganz nett.
Von Zerstörungswut und großen Räumen
Großen Respekt verdient das von Midway entwickelte Massive D-System. Diese Engine-Erweiterung erlaubt es euch, nahezu jedes Objekt eines Levels zu zerstören, oder zumindest zu beinflussen. So lässt sich in einem Abschnitt beispielsweise ein komplettes T-Rex Skelett, in einem anderen Bereich ganze Hütten zerstören. Häufig nutzen die Entwickler das System auch für kleinere Rätsel – so müsst Ihr beispielsweise die Stützen einer Brücke zerstören, um diese Benutzen zu können, oder Objekte lockern, damit diese auf Gegner fallen.
Trotz der vielen Features fehlt es „Stranglehold“ an Abwechslung. Man fühlt sich ein wenig wie in den klassischen Shootern der Neunziger: Nachdem man sich durch eine gewisse Anzahl an Gegnern geballert hat, gelangt man immer in einen größeren Raum, in dem es gilt, eine gewisse Anzahl an Schergen auszuknipsen, bevor sich ein Durchgang zum nächsten Abschnitt öffnet. Und fast immer wartet am Ende eines Kapitels ein typischer Bossgegner, den es, natürlich in einem großen Raum, zu bezwingen gilt. Das nutzt sich, trotz Tequila-Time, Massive D und Tequila-Bomben, dann doch nach einiger Zeit ab.
Übrigens: Der Mehrspielermodus enttäuscht. Zwar könnt Ihr euch entweder im Death oder Team-deathmatch auch in Tequila-Time austoben, insgesamt unterhalten die Gefechte jedoch maximal für ein, zwei Stunden, außerdem stören häufige Verbindungsprobleme den Gesamteindruck.
Gelungene Präsentation
„Stranglehold“ basiert, wie viele andere Titel des Genres, auf der Unreal Engine 3, und sieht dementsprechend schick, wenn auch nicht hervorragend aus. Einige Texturen wirken mau, die Charaktere hätten ein paar Polygone mehr vertragen können, ab und an bricht die Framerate etwas ein und die Gegner scheinen aus einem Klonlabor zu stammen. Dafür gibt es an den Effekten, der Levelarchitektur und dem insgesamt sehr stimmigen Gesamteindruck nichts zu rütteln.
Was die Akustik betrifft, gefällt die deutsche Synchronisation ebenso wie die Wuchtige Effektkulisse. Der sehr stimmige Soundtrack stammt aus der Feder des deutschen Studios Dynamedion und steht in Sachen Qualität einem Film-Score in nichts nach.