Fast ein ganzes Jahr mussten sich Xbox 360 Spieler auf einen realistischen Konsolenkick gedulden. Zwar gab es zum Launch der Konsole und zur WM im Sommer die typischen FIFA-Ableger, doch der wahre Champion, Pro Evolution Soccer, konnte bis dato nur auf den Current Gen-Systemen gespielt werden. Dies ändert sich nun mit dem Erscheinen von Pro Evolution Soccer 6. Doch wie schlägt sich der neue Teil? Gab es Probleme bei der Portierung? Ist PES6 NextGen? All dies und mehr erfahrt in unserem Review von Konamis Pro Evo 6.
Kein Grafikblender
Seit jeher war die Präsentation eines Pro Evolution Soccer ein zweischneidiges Schwert. So stachen auf der einen Seite vor allem die erstklassigen Animationen der Spieler hervor, während das Publikum eher matt wirkte (oder gar nicht vorhanden war) und auf Effekthaschereien verzichtet wurde. Sehr viel hat sich auch mit dem Next-Gen-Ableger nicht verändert: Eure virtuellen Sportler jagen jedem Ball so realistisch hinterher, dass man genauso gut eine tatsächliche Übertragung beobachten könnte. Egal ob eine Grätsche, ein daraus resultierendes Foul oder eine stark angewinkelte Bananenflanke – In keiner Situation wirken die Animationen steif oder gekünstelt. Währenddessen brauchen sich auch die Spielermodelle nicht zu verstecken, welche extra für die Xbox 360 neu erstellt wurden. Selbst aus der Ferne erkennt ihr Topstars wie Ronaldinho, sei es nun an seinem markanten Haarschopf oder an seiner sensationellen Ballbehandlung. Anders als bei FIFA erlebt ihr bei Pro Evo keinen „Effekt-Overkill“, das heißt euch erwartet insgesamt eine etwas trockene, jedoch sehr saubere und vor allem ruckelfreie Präsentation.
Im Gegensatz zum Vorgänger wurde zudem auch endlich das Publikum ins eigentliche Spiel integriert – Spielen vor leerer Hütte gehört nun also der Vergangenheit an. Allerdings wähnt man sich fast in einem neuen Resident Evil-Ableger, wenn die Kamera mal die matschigen grau-in-grau-Texturen der Zuschauer einfängt. So richtig lebendig will die Masse mit ihren hölzernen Bewegungen nicht wirken, dennoch wird die Atmosphäre eines ausverkauften Stadions passend eingefangen.
Olé, Olé, Olé!
Ihr übriges dazu leisten auch die neuen Soundeffekte, die gezielt während eines Spiels eingestreut werden („SHOOT!!“). Zudem wurde dem Publikum allgemein etwas mehr Aktivität eingehaucht. So steigt die Spannung bei Torraumszenen fast ins Unermessliche während bei einem zerhackten Mittelfeldgeplänkel beide Mannschaften gleichermaßen ausgepfiffen werden. Die Stimmung im Stadion selbst ist also einwandfrei, doch wie sieht es mit dem Kommentator im neuesten Teil aus? Leider hat sich auch hier nicht viel getan und das Duo Wolf Fuß und Hansi Küpper werfen mit hohlen Phrasen und unpassenden Weisheiten um sich, sodass schon nach wenigen Minuten klar wird, dass der ausgeschaltete Kommentar die bessere Alternative ist.
An dieser Stelle sei auch noch die „etwas gewöhnungsbedürftige“ Menümusik erwähnt, die sämtliche Emotionen provoziert, nur nicht auf ein Fußballmatch motiviert. Böse Zungen in der Redaktion behaupten, das Entwicklerteam hätte nach der eigentlichen Schicht ihren Spaß an einem preiswerten Music Generator gehabt, doch dies sind wohl nur Gerüchte. Letztendlich ist dieser Aspekt aber nicht zu stark zu gewichten, nachdem die meiste Zeit ja immerhin auf dem virtuellen Platz und nicht in den knalligen Menüs verbracht wird.
Die Alte Schule
Genug zur Präsentation, wenden wir uns schließlich dem Herzen des Spiels zu, dem Gameplay. Welch Überraschung, auch dieses Jahr glänzt PES6 wieder einmal durch eine einzigartige Spielbarkeit, an die erneut kein Konkurrent rankommt. Die nennenswertesten Unterschiede betreffen die heruntergeschraubte Spielgeschwindigkeit sowie die erneut verbesserte Ballphysik. Das neue Spieltempo wirkt zunächst etwas ungewohnt, geht aber schon nach kurzer Zeit in Fleisch und Blut über. Eure Partien wirken dadurch abermals realistischer und gleichen einem echten Fußball-Match mehr denn je.
Derweil wurde an der komplexen Steuerung ebenfalls nicht viel modifiziert. Nach wie vor reagieren eure Kicker sensibel auf eure Kommandos und ihr seid jederzeit in Kontrolle über eure Mannschaft. Neben den harten Zweikämpfen und den effektiveren Grätschen geht somit vor allem das Passspiel locker von der Hand und Traumkombinationen bis zum Abschluss sind bei entsprechend bedachtem Vorgehen keine Seltenheit. Gerade beim Abschluss sollte der Schussknopf allerdings nicht zu lange gehalten werden, da die Pille sonst weit über das Tor auf die Tribüne segelt. Stattdessen muss der Schussbalken vorsichtig dosiert und die Schussposition miteinbezogen werden – Dies sind die Grundlagen für einen gefährlichen Hammer, der dann aber auch unhaltbar ins Kreuzeck zischt. Neuerdings habt ihr auch mehr Kontrolle bei einem Kopfball, sodass ihr nachdem ihr euch freigelaufen habt, richtig Wucht hinter den Ball setzen könnt.
Gerade bei solchen Torraumszenen kommt die überarbeitete Ballphysik zum Tragen. Es ist immer wieder faszinierend wie das Leder physikalisch korrekt vom Pfosten, Mitspielern oder sogar der Eckfahne abprallt. Vor allem im Strafraum kommen durch derartige Abpraller teils so absurde Treffer zustande, wie sie nur im Fußball möglich sind.
Armes Deutschland...
Eure KI-Kollegen spielen derweil munter mit und laufen sich dank ebenfalls etwas aufgebohrter Intelligenz oft frei um rollende Konter zu ermöglichen. Oft deshalb, weil uns manchmal auffiel, wie die Flügelspieler lieber stehen blieben oder im Rücken des Ballführenden hinterherliefen und somit den eigenen Angriff ausbremsten. Insgesamt kann man sich aber auf seine Kollegen ruhigen Gewissens verlassen. Auch die Gegner-KI weiß zu überzeugen und gerade auf den höheren Schwierigkeitsgraden tut man sich mitunter etwas schwer erfolgreich gegen den Kontrahenten zu bleiben.
Den Gegner könnt ihr neben dem Einzelspiel in diversen Spielmodi wie Liga oder Pokal erproben, allen voran natürlich die altbekannte Meisterliga, in der ihr euch abseits des eigentlichen Spiels auch um das Management eurer Mannschaft kümmert und so aus der zweiten Liga mit eurem eigenen Team bis an die Spitze marschieren könnt. Alternativ könnt ihr aber auch gleich eine der vorgegeben Mannschaften auswählen und euren Lieblingsklub zur Meisterschaft führen. Allerdings solltet ihr sicher gehen, dass dieser auch im Lizenzpaket von PES6 enthalten ist. Wichtige internationale Ligen wie die Serie A, die französische Ligue 1, die spanische Liga oder die holländische Eredivisie sind komplett mit an Bord, die englische Premier League muss jedoch schon auf einige komplett lizenzierte Teams verzichten (zum Beispiel Chelsea als London FC). Am härtesten trifft es aber Sympathisanten der deutschen Bundesliga, die auf ein einziges Team, nämlich den FC Bayern München reduziert wurde. Sogar die deutsche Nationalmannschaft darf nur mit Fantasienamen auflaufen. Insgesamt gibt es acht komplett lizenzierte Nationalteams, darunter England oder Weltmeister Italien. An Mannschaften für eure Duelle sollte es also wahrlich nicht mangeln.
NextGen vs. Umfang
Gerade diese Duelle sind natürlich gegen menschliche Mitspieler umso spaßiger. Es geht einfach nichts über einen gemütlichen „Zockerabend“ mit Freunden und heißen Partien in PES6. Gerade gegen Ende der Spiele nimmt die Dramatik oft so aberwitzige Dimensionen an, dass man glatt vergessen könnte ein Spiel vor sich zu haben.
Dieser Umstand lässt schon fast vergessen, dass die 360 Version im Vergleich zur PS2-Fassung einige Rückschläge hinnehmen musste. So wurde der Editor auf ein Minimum reduziert, die Replays sind nicht speicherbar, die Trainingtutorials wurden gestrichen und von ehemals 36 Stadien blieben nur noch acht über.
In Anbetracht der Tatsache, dass die 360 Version aber sauberer und detaillierter wirkt, und vor allem dank der HD-Auflösung auf 16:9 Fernsehern mehr Übersicht bietet, ist diese je nach Möglichkeit die bessere Wahl. Selbstverständlich ist Pro Evo 6 aber auch auf der PS2 ein brillantes Spiel, das sich kein Fußballfan entgehen lassen darf.
Ausgezeichnet mit den folgenden GameRadio-Awards:
