Neversoft – seines Zeichens verantwortlich für die mittlerweile nur noch selten innovative Tony Hawk’s Pro Skater-Serie – wagt sich mit Gun nun an ein ganz neues Konzept. Eine Mischung aus Wildwest-Szenario und GTA-Klon samt einer spannender Hintergrund- geschichte sollen die Eckpfeiler für ein erstklassiges Action-Adventure sein. Aufgrund mangelnder Alternativen sieht dieses Konzept auf Microsofts neuem Konsolenflaggschiff – besser bekannt unter dem lapidaren Decknamen Xbox 360 – auch gar nicht mal so schlecht aus. Was genau nun Gun im Einzelnen für die hiesigen Spieler und Spielerinnen, Apachen und Apachinnen, leistet, verrät unser Review.
Colten, ich bin nicht dein Vater!
Es scheint ein verheißungsvoller Tag zu sein, mitten in der schönen Pampa eines verwinkelten kleinen Ortes. Doch wird dieser als hilfreiches, einführendes und schnörkelloses Tutorial missbraucht: Spielfigur Colten White wird von seinem „vermeintlichen“ (*zwinkerzwinker*) Vater in das Grundprinzip des rücksichtslosen Verhaltens im Wilden Westen eingeführt. Nichts mit Blumen pflücken und um Steine tanzen, nein, hier geht es um knallhartes Büffeltöten! Aber zurück zum eigentlichen Spielgeschehen. In dieser ersten Stunde in der Welt von Gun erfährt der Spieler alle wichtigen Grundlagen: Vom Schießen von – wie bereits erwähnt – Büffeln oder Wölfen über die allgemeine Fortbewegung und eine Art „Ego-Shooter-Bullet-Time“: Als Revolverheld in Gun habt ihr so nämlich die Möglichkeit, auf Knopfdruck eure Feinde langsam ins Visier zu nehmen und einen nach dem anderen direkt in die ewigen Jagdgründe zu schicken.
Ist dieses recht ahnsehnlich gestaltete Tutorial überstanden, überschlagen sich die Ereignisse: Ein verrückter Priester – der ganz offensichtlich einen Exorzisten nötig hätte – setzt eine Fähre in Brand, am Ende stirbt sogar euer „vermeintlicher“ (*erneutzwinkerzwinker*) Vater. Aber natürlich nicht, ohne dieses hanebüchene Geheimnis noch auf euren Schultern lasten zu lassen. Ja, so sind sie nun mal, die lieben „falschen“ Väter. Und ein kurzweiliges, actiongeladenes Westernabenteuer öffnet seine Pforten… Willkommen in Gun!
Frei wie ein Vogel
Fortan müsst ihr euch als Colten White durch die weitläufige Spielwelt schlagen und diverse Aufgaben erfüllen, um am Schluss hinter die Geschehnisse der ersten Spielstunde zu kommen, sowie den Outlaws Einhalt zu gebieten. Das Spiel erinnert dabei des Öfteren an Spitzenreiter GTA: Ob nun stark bevölkerte Städte, umfangreiche Missionen oder eine in genialen Zwischensequenzen inszenierte Western-Story; Neversoft wollte weder große Risiken eingehen noch ein komplett neues Spielprinzip auf dem Markt durchsetzen. Gut so! Denn das Western-Szenario in Gun wirkt frisch und unverbraucht, die Missionsstrukturen halten den Spieler bei Laune und viele Nebenquests locken danach, entdeckt zu werden. Zudem hat der Spieler jederzeit die Freiheit, die weitläufigen Areale auf eigene Faust zu erkunden und so beispielsweise noch Gold abzubauen. Dieses erhaltet ihr auch für das Erfüllen diverser Missionen und Nebenaufgaben. Damit ist es euch möglich, bessere Waffen zu erstehen oder eure maximale Gesundheit zu erhöhen. Einfach ungestüm einen Händler aufgesucht und ordentlich die Moneten auf den Tisch gelegt.
Wiederholungstäter
Die Missionen in Gun laufen leider im weiteren Verlauf sehr ähnlich ab. Ob ihr nun eine Postkutsche beschützen oder es mit mehreren Gegnern auf einmal aufnehmen müsst (ganz zu schweigen von den recht happigen Bosskämpfen); die Aufgaben wiederholen sich allzu oft. Zwar ändern sich Ort und Zeit, die Spielmechanik bleibt aber meist dieselbe. Doch dies ist ein Punkt, der euch nicht allzu lange grübeln lassen sollte, denn selbst mit den Nebenquests ist Gun nach knapp 15 Stunden durchgespielt; gerade noch guter Durchschnitt. Direktkonkurrent GTA hat da einfach die Nase vorn.
Come to where the flavour is…
Die packende Story von Gun trägt ihr Übriges dazu bei, dass euch die geniale Western-Atmosphäre in ihren Bann ziehen wird. Alles wirkt wie aus einem Guss, die Spielwelt ist stimmungsvoll und auch authentisch; es kann schon mal passieren, dass euch während eines Ritts von einer Stadt zur Nächsten Banditen überfallen wollen. Auch die Liebe zum Detail, sei es nun die typische Western-Gestaltung der verschiedenen Städte, das Design der Charaktere oder das authentische Aussehen der Umwelt werden euch verzaubern.
Das geht besser…
Weitere Kritik muss das Spiel aber nicht nur aufgrund der relativ kurzen Spielzeit einstecken. Denn auch die technische Umsetzung ist einer XBox 360 keinesfalls würdig! Zwar kommt das Spiel in einer weitaus höheren Auflösung daher als noch das Xbox-Pendant, trotzdem hätte man den Charakteren und der Umgebung durchaus noch mehr Polygone verpassen und die Texturen schärfen können. Allerdings sollte man dies nicht zu hoch werten, da die Hardware immerhin komplett neu ist und sich auch die Entwickler erst noch damit anfreunden müssen. Für zukünftige Projekte aber eindeutig verbesserungswürdig.
Soundtechnisch gibt es dafür nicht viel zu meckern. Die westernorientierten Klänge sind stimmungsvoll und tragen ihren Teil dazu bei, eine glaubwürdige Atmosphäre auf die Beine zu stellen. Auch die Sounds der verschiedenen Waffen krachen erwürdig aus den Boxen, und zwar in feinstem Dolby Digital 5.1. Die Sprachausgabe ist ein Segen für die Ohren, es wurde die Englische beibehalten und mit deutschen Untertiteln versehen. Was somit bleibt, ist ein Spiel, dass mit einem frischen Setting und ausgeklügelter Spielmechanik zu begeistern weiß, auch wenn der Spaß leider – dem geringen Umfang sei Dank – sehr schnell wieder zu Ende ist.