Was tut man, wenn die Fanbase einer Serie riesig ist und diese teils sehr gegenteilige Forderungen an die Macher stellen? Vor dem Problem standen die Macher der beliebten Resident Evil-Serie. Die gefundene Lösung: Einfach alles bieten! So teilt sich Resident Evil 6 in drei Kampagnen (und eine Bonus-Kampagne), die sich im Gameplay aber ein ganzes Stück unterscheiden und so verschiedene Spieler-Naturen ansprechen sollen. Dennoch wird es Fans stören, dass auch diesmal der Horror-Anteil zugunsten der Action runtergefahren wurde. Producer Hiroyuki Kobayashi sieht das Spiel damit besser auf den Massenmarkt zugeschnitten und erhofft sich höhere Verkaufszahlen. Das Ziel ist greifbar: Bereits kurz nach Start vermeldete Capcom über 4 Millionen ausgelieferte Einheiten des Titels. Doch bedeutet das auch Qualität?
Vorgegebene Pfade und Knöpfchen-Hämmern
Doch fangen wir am Anfang des Spieles an.
Resident Evil 6 beginnt nicht, wie viele andere Spiele, mit einem Render-Intro oder dergleichen, sondern es geht direkt los mit Leon S. Kennedy. Dieser befindet sich auf der Flucht vor Zombies, gemeinsam mit der verletzten Helena Harper, einem der Neuzugänge im Cast der
Resident Evil-Charaktere. Dieser Einstieg dient als Tutorial für die grundlegende Spielbedienung, entsprechend limitiert ist hier die Freiheit. Der Pfad ist vorgegeben und eng, immer wieder greift das Spiel in eure Steuerung ein und bremst euch. Was auch auffällt ist die Menge an Quicktime-Events: Den Stick rotieren, Button-Gehämmere und rechtzeitiges Drücken der vorgegebenen Taste - es ist also so ziemlich alles dabei. Kaum dass Helena einigermaßen zusammengeflickt ist, geht es gemeinsam weiter - der kooperative Aspekt ist, wie auch in
»Resident Evil 5, ein wichtiger Teil der Spielerfahrung. Wichtig genug um zu sagen, dass das Spiel in jedem Fall gemeinsam - entweder im Splitscreen oder besser direkt online - gespielt werden sollte. Die KI ist selten mal eine Hilfe; wenn dann nur, weil das Tauschsystem des Vorgängers fallengelassen wurde und euer künstlicher Mitstreiter nicht sterben kann und über einen unendlichen Munitionsvorrat verfügt.
Nach der Einleitung könnt ihr aus drei Kampagnen wählen. Die erste ist um Leon und Helena gestrickt und beginnt im kleinen US-Vorortstädtchen Tall Oaks, in der zweiten geht es mit Chris Redfield und seinem BSAA-Partner Piers Nivans nach Lanshiang in China und in der dritten dreht sich alles um Jake Muller, der sich als Sohn des Serien-Antagonisten Albert Wesker erweist, und Sherry Birkin (
Resident Evil 2). Zusätzlich könnt ihr eine vierte Kampagne freischalten, in der ihr mit der geheimnisvollen Ada Wong auf Schleichtour gehen dürft. Für Spielzeit ist also gesorgt, je Kampagne könnt ihr durchaus sechs bis acht Stunden veranschlagen, also etwa die Dauer eines durchschnittlichen Action-Games. Ab und an überschneiden sich die Handlungsstränge, erst wenn ihr alle Kampagnen gespielt habt, erhaltet ihr ein vollständiges Bild der Ereignisse. Doch macht euch keine Hoffnung: Die Geschichte ist hanebüchen und steckt voller Logiklöcher, ist also voll auf die Präsentation actionreicher Momente ausgelegt. Die kommen im Stil der Verfilmungen und anderer Actionkracher daher und strotzen nur so vor Geballer, Explosionen, allerlei Stunts und dem Einsatz visueller Effekte wie Slow-Motions. Um zumindest etwas Ordnung in das erzählerische Chaos zu bringen, findet ihr im Bonusmaterial-Bereich von
Resident Evil 6 eine Timeline, die euch anhand der Videosequenzen aufzeigt, wann welches Ereignis stattgefunden hat. Bei soviel Spielzeit könnte man Abwechslungsarmut vermuten, doch das wird durch die Charaktere und ihr unterschiedliches Gameplay größtenteils vermieden. Denn die Kampagnen unterscheiden sich in ihrer Ausrichtung teils gravierend. Der Nachteil dabei: Liegt einem Spieler das Gameplay einer Kampagne nicht, kann er entweder darauf - und auf die dort gegebenen Hinweise zur Komplettierung der Story - verzichten oder muss sich "durchquälen".
Von allem etwas
Die Kampagne um Leon dürfte den meisten Serienfans wohl die größte Freude machen. Hier erkennt man am ehesten noch die Wurzeln von
Resident Evil 6. So erinnert der Beginn der Kampagne durchaus an ein gewisses altes Herrenhaus am Rand von Raccoon City und selbst in eine unterirdische Forschungsanlage geht es hier. Allerdings ist das nur optischer Natur: Es geht streng linear zu und die meisten Problemen lassen sich mit Geballer lösen. Spätestens in der Chris-Kampagne werden die Einflüsse auf das Gameplay dann überdeutlich:
Call of Duty und
Uncharted standen bei der Inszenierung eindeutig Pate. Das merkt man besonders in einer Rückblende, die in einer osteuropäischen Stadt spielt. Hier kehrt dann auch, anders als in der Leon-Kampagne, ein bekanntes Element zurück: Munitionsknappheit. Die ist allerdings nicht durch Mangel an Nachschub bedingt, sondern dadurch, dass ihr es einfach mit sehr vielen Feindwellen zu tun bekommt und auch mal gegen große BOWs (biologische Waffen) ran müsst. Dennoch: Gegen die genannten Vorbilder sieht
Resident Evil 6 zu keiner Zeit Land. Die Inszenierung will einfach nicht richtig greifen, die Gameplay-Mechaniken sind allesamt hoffnungslos veraltet. Auch die Kampagne um Jake kann dem kaum etwas ergänzen. Immerhin darf zum Abschluss in der Bonuskampagne mit Ada Wong ein wenig geschlichen werden. Entsprechend ist diese Kampagne nur solo spielbar.
Bei den Gegnern sind nicht nur die Zombies zurückgekehrt, sondern sie haben für
Resident Evil 6 auch noch einiges hinzugelernt. Sie wanken nicht stumpf auf euch zu, sondern rennen, springen euch an oder benutzen sogar Waffen. Natürlich sind sie dabei nicht sonderlich präzise, auf höheren Schwierigkeitsgraden können sie aber doch eine Gefahr darstellen. Ein Neuzugang sind die J'avo, auf die ihr in China zum ersten Mal trefft. Diese können sich immer wieder regenerieren und sind damit quasi unvernichtbar. Und natürlich gibt es ganz serientypisch auch einige dicke, eklige Bosse zu beseitigen. Gut, dass auch unsere Helden dazugelernt haben. Capcom spendierte
Resident Evil 6 ein rudimentäres Deckungssystem, was gerade in der Kampagne mit Chris, der auf viele bewaffnete Gegner trifft, sinnvoll ist. Allerdings ist es alles andere als intuitiv: Ihr müsst zielen, um in Deckung gehen zu können. Warum man nicht auf ein System wie in
Uncharted oder
Gears of War zurückgegriffen hat, obwohl sich ohnehin schon so viel an diesen Spielen orientiert wurde, ist nicht wirklich nachzuvollziehen. Eine kleine Rollenspiel-Komponente kommt durch die Fähigkeitspunkte ins Spiel, allerdings ist diese verschwindend gering. Innerhalb eines Levels sammelt ihr entsprechende Punkte als Pickup ein und könnt diese zwischen den Kapiteln dann in bestimmte Fertigkeiten investieren. Schnelleres Nachladen, höherer Schaden - alles bei, was man auch aus anderen Spielen kennt. Drei dieser Fähigkeiten könnt ihr dann aktivieren, die Auswirkung ist jedoch gering, selbst wenn der Skill aufgelevelt wurde.
Neben den vier Kampagnen ist auch diesmal wieder der Söldner-Modus implementiert. Dieser unterscheidet sich kaum von jenem in
Resident Evil 5, wartet aber natürlich mit neuen Charakteren, Gegnern, Waffen und Maps auf. Das grundprinzip ist jedoch unverändert: Ihr wehrt alleine oder im Koop Welle um Welle an Zombies ab und versucht einfach, möglichst lange am Leben zu bleiben. Neu in
Resident Evil 6 ist hingegen der Modus
Agent Hunt. Um diesen spielen zu können, müsst ihr erstmal eine der Kampagnen normal beendet haben. Wer bereits
Left 4 Dead 2 gespielt hat, wird das Prinzip kennen: Ihr könnt hierbei in die Rolle eines Untoten schlüpfen und müsst den Spieler daran hindern, durch das Level zu kommen. Für diesen ist die Kampagne unverändert, nur eben mit euch als einem der Gegner. Da ihr als fauliger Geselle naturgemäß keine sonderlich große Gefahr darstellt, kompensiert ihr diese Schwäche durch die Fähigkeit, nach jedem Ableben wieder einsteigen zu können. Eine Weile macht der Modus tatsächlich Spaß, den meisten natürlich, wenn ihr damit einen Freund immer wieder am Vorankommen hindern könnt. Alleine ist es hingegen ziemlich spaßbefreit und auf Dauer kaum motivierend.
Ordentliche Technik, absurde Dialoge
Als erster Serienteil für die aktuelle Konsolengeneration bot
Resident Evil 5 natürlich einigen Eyecandy. Und der sieht auch heute noch recht ordentlich aus.
Resident Evil 6 kann da nicht so ganz mithalten. Einige Areale sind detailreich ausgestaltet und strahlen Atmosphäre aus, wieder andere wirken jedoch wie aus dem Baukasten. Langweilige Forschungsanlage hier, versiffte Kanalisation dort - Genre-Standards eben. Diese Schwächen kaschieren die Macher mit einigen Tricks, etwa großer Dunkelheit (die meisten Spieler werden die Helligkeits-Einstellung wohl ziemlich hochstellen müssen) und einem Nieselfilter, der sich über das gesamte Bild legt und Film-Atmosphäre vermitteln soll. Stellenweise wirkt das allerdings sehr stark und aufgesetzt. Dennoch macht die Technik insgesamt wieder einen ordentlichen, aber nicht atemberaubenden, Eindruck. Zudem rückt sie aufgrund der Inszenierung nach einiger Spielzeit mehr in den Hintergrund. Teilweise mutet
Resident Evil 6 hier wie ein
Call of Duty in Thirdperson-Perspektive an: Nicht nur, dass die geradlinigen Level meist nur eine Richtung zulassen, nein: Immer wieder greift das Spiel auch noch mit geskripteten Ereignissen in eure Freiheit ein. Und wenn das nicht, dann gibt es eben eine Zwischensequenz. Die sind allerdings ziemlich gelungen, tempo- und actionreich. Und hörte ich da jemanden nach Quicktime-Events rufen? Ja, die sind ebenfalls drin, entspannt zurücklehnen ist also nicht. Immerhin kann man diese auf dem niedrigsten Schwierigkeitsgrad kaum versauen. Auch klanglich wird gewohnte Kost geboten, zudem sind mehrere Sprachfassungen auf einer Zusatz-Disk enthalten. Aber ob Deutsch oder Englisch (andere Sprachen haben wir mangels Verständnis nicht ausprobiert) - die Dialoge sind technisch gut aufgenommen, aber inhaltlich auf dem gewohnten Niveau nahe am Trash.
Wer
Resident Evil 5 gespielt hat, wird auch mit der Steuerung des neuesten Serienteils schnell zurechtkommen. So erfordern die wenigen Ergänzungen, wie das rudimentäre Deckungssystem, keine große Ein- oder Umgewöhnung. Dennoch scheiden sich die Geister: Während mancher die Steuerung als Verbesserung gegenübe rdem Vorgänger empfindet, sehen das andere Spielernaturen wieder ganz anders. Hier hilft nur, sich einmal die Demo anzusehen und so selbst auszutesten, ob es zusagt. Und eines können wir zum Abschluss noch sagen:
Resident Evil 6 ist über die gesamte Länge betrachtet besser, als die Demo es suggeriert.