Im Jahr 1997 hat ein James Bond-Spiel auf dem N64 eindrucksvoll gezeigt, dass das Konzept des Egoshooter auch auf einer Spielekonsole funktionieren kann. Mit GoldenEye 007 erschuf Rare einen Multiplayer-Hit, der heute noch bei vielen Leuten nostalgische Erinnerungen hervorruft. Activision hat sich die Rechte geschnappt und das Spiel einer Frischzellenkur unterworfen. So erhält die Nintendo Wii letzes Jahr mit James Bond: GoldenEye 007 bereits ein Remake des Shooters. Aber warum nur einmal ausmelken, wenn's doppelt geht? Mit GoldenEye 007: Reloaded können nun auch HD-Gamer den Bond-Klassiker (wieder)erleben.
Agentenwechsel
Kenner der Filmvorlage und der Videospiel-Version wissen, wovor James Bond die Welt dieses Mal retten muss. Er soll die Pläne des russischen Generals Ouromov vereiteln, der mithilfe eines EMP-sicheren Helikopters in den Besitz des Satelliten GoldenEye gelangen möchte. Außerdem scheint auch noch die geheimnisvolle Janus-Gruppe ihre kriminellen Finger im Spiel zu haben. Wer Pierce Brosnan als britischen Agenten erwartet, wird enttäuscht werden. Mit Daniel Craig leiht der aktuelle Bond-Darsteller der virtuellen Spielfigur Aussehen und Stimme. Auch Tina Turners bekanntes GoldenEye-Lied wurde erneuert und von Nicole Scherzinger eingesungen. Die Geschichte rund um den Satelliten GoldenEye ist auch ins 21. Jahrhundert verlagert worden, so dass aktuelle weltpolitische Themen wie die Finanzkrise behandelt werden.
Spion-Crashkurs
Bevor es den Spieler in die entlegensten Orte der Welt verschlägt, muss er im Tutorial noch ein Agententraining absolvieren. Leider beinhaltet das Trainingsprogramm nicht das Flirten mit Bondgirls oder Schlürfen von Martinis. Stattdessen werden euch die Steuerung und der Umgang mit Waffen nähergebracht. Shooter-Neulinge können es sich leichter machen und Auto-Aim aktivieren, das eine automatische Zielerfassung ermöglicht. Wenn ihr mit den Grundkenntnissen vertraut gemacht wurdet, geht es direkt ans Eingemachte. Das erste Level ist wie in der N64-Vorlage der berühmte Damm-Abschnitt. Hier schleicht sich Bond mit Agentenkollegen 006 durch russisches Territorium, um einen Waffenhandel zwischen Ouromov und Terroristen zu verhindern. Der MI6-Spion kommt im Laufe der Kampagne viel herum und reist unter anderem in das eisige Severnaya, besucht einen farbenfrohen Nachtclub und durchschreitet tiefe Dschungel.
Ninja oder Rambo?
Da Bonds Hauptaufgabe darin besteht, feindliche Gebiete zu infiltrieren, eignet sich unauffälliges Verhalten am besten. Geduckt schleicht ihr euch durch Basen und Korridore und schaltet eure Gegner unbemerkt mit der schallgedämpften P99 oder Nahkampfaktionen aus. Haltet stets die Augen nach alternativen Routen wie Lüftungsschächte offen, denn so könnt ihr unnötigen Konfrontationen oft aus dem Weg gehen. Werdet ihr entdeckt oder von einer Kamera erfasst, wird's ungemütlich. Dann seht ihr euch mit schießfreudigen Wachen und zusätzlicher Verstärkung konfrontiert, die ihr nur noch mit Waffengewalt kleinkriegt.
Ob ihr schleichend oder doch lieber offensiv vorgehen wollt, bleibt euch nur in bestimmten Levelabschnitten überlassen. Denn skriptbedingt kommt auch der leiseste Agent nicht an offenen Shootouts vorbei. Immer wieder werdet ihr von Heerscharen von Feinden angegriffen. Da mutiert
GoldenEye 007: Reloaded zum reinrassigen Shooter. Die Vielfalt an Waffen hat sich im Vergleich zum N64-Pendant massiv gesteigert und lässt dank individueller Waffenaufsätze kaum Wünsche offen. Die Schießereien laufen genretypisch deckungsbasiert ab und gestalten sich wenig aufregend. Die Gegner versuchen euch immer wieder aus der Deckung heraus anzugreifen und tasten sich an euch heran. Dass sich manche dabei neben explosiven Fässern hinstellen, zeugt nicht von hoher Intelligenz, doch das kann uns als Spieler nur recht sein. Die Herausforderung besteht lediglich in der schieren Überzahl an Soldaten, die aus sämtlichen Richtungen auf euch zu stürmen. Zusätzlich verfügen die Feinde über eine erstaunlich hohe Treffsicherheit und scheinen auch genau über eure aktuelle Position Bescheid zu wissen, so als wären sie mit einem Radar ausgestattet worden. Dies gestaltet einige Situationen unfair, was dank großzügiger Checkpoint-Verteilung aber nur in seltenen Fällen frustrierend wird.
Kein Q
Ein Überbleibsel aus der N64-Version sind die optionalen Nebenaufgaben, die ihr während einer Mission abschließen könnt. Diese reichen von Fotoschießen von geheimen Dokumenten bis hin zur Geiselrettung. Wenn ihr von fünf Zielen eines überseht, gilt der Nebenauftrag als missglückt, was sich aber nicht auf den Ausgang der Mission auswirkt. Damit ihr keines davon verpasst, werdet ihr mit einem blinkenden Icon darauf hingewiesen. Die meisten Aufgaben stehen nicht immer im Zusammenhang mit der Hauptmission. In dieser Hinsicht konnte das N64-Spiel mehr überzeugen.
Der Modernisierung von
GoldenEye ist nicht nur Pierce Brosnan zum Opfer gefallen. Auch der MI6-Tüftler Q ist nicht mehr mit von der Partie. Dies bedeutet, dass euch keine Laser-Armbanduhren oder andere coole "Spielzeuge" zur Verfügung stehen. Stattdessen habt ihr nur ein Smartphone als Gadget dabei. Damit könnt ihr Anrufe entgegennehmen (Überraschung), Terminals hacken und sogar Personen identifizieren (früher hätte dafür ein einfaches Foto gereicht). Aufgrund dieses Funktionsumfangs ist das Smartphone für das Erfüllen der Nebenaufgaben unverzichtbar. Doch die Suche mit der Kamera gestaltet sich als etwas träge. Mit dem Display vor der Nase durchsucht Bond im Schneckentempo verdächtige Objekte. Solche Abschnitte hätten dynamischer gestaltet werden können.
"Call of Duty"-fizierung
Da wir nicht mehr in den 90ern leben, sondern im 21. Jahrhundert, spendiert der Entwickler dem Remake wie schon dem Wii-Vorgänger eine Rundumerneuerung, die sich besonders in der Präsentation und Inszenierung bemerkbar macht. Dass sich
GoldenEye 007: Reloaded an Shooter-Primus
Call of Duty orientiert, löst im Anbetracht des Publishers Activision keine Verwunderung aus. Im Klartext bedeutet dies, dass ihr ziemlich oft mit Quicktime-Events oder Skriptsequenzen zu tun haben werdet. Diese sorgen unzweifelhaft für ein intensiveres Spielgefühl, stören aber auch den Spielfluss. Oft übernimmt das Spiel die Kontrolle über das Geschehen, so dass der Spieler nur noch als passiver Zuschauer teilnimmt.
Sobald ihr einen bestimmten Punkt im Level erreicht, könnt ihr sicher sein, dass irgendeine Skriptsequenz aktiviert wird (meistens fliegt in der Nähe etwas in die Luft). Genauso tauchen neue Feindwellen immer nach der Überquerung einer unsichtbaren Linie auf. Die aus
»Call of Duty: Modern Warfare 2 bekannten Zeitlupenschießereien beim Stürmen von Türen haben es ebenfalls ins Spiel geschafft. Diese Maßnahmen sind etwas unspektakulär geraten und erreichen nie das Niveau des Vorbilds. Immerhin punktet die actionreiche Inszenierung bei den berühmten Bondmomenten aus dem Film. Wenn wir von einem Motorrad kurz vor dem Ende der Landebahn in ein fahrendes Flugzeug springen, während wir von dutzenden russischen Soldaten beschossen werden, wird diese Szene der Filmvorlage mehr als gerecht. Leider sind diese Situationen recht rar gesät.
Offline oder Online?
Der Splitscreen-Multiplayer war seinerzeit eindeutig das Highlight des N64-Spiels gewesen. Mit 14 verschiedenen Modi im Online-Multiplayer ist im Remake ausreichend Abwechslung im Mehrspieler-Alltag vorhanden. Neben den obligatorischen Deathmatch-Varianten hält auch der GoldenEye-Klassiker „Goldener Colt“ wieder Einzug in die Serie. Es steht eine große Menge an Charakteren zur Auswahl, die sich nicht nur aus dem GoldenEye-Cast zusammensetzt. Mit Dr. No oder etwa Goldfinger sind auch viele andere Schurken aus dem Bond-Universum im Multiplayer-Modus frei wählbar. Jede der Figuren besitzt eigene, individuelle Fähigkeiten (z.B. kein Fallschaden). Da
Goldeneye 007: Reloaded über einen Splitscreen-Modus für vier Spieler verfügt, können sich Freunde auch wieder spannende Offline-Duelle liefern. Leider können offline nur sechs der 14 Spielmodi ausgewählt werden.
Natürlich liegt das Mehrspieler-Hauptaugenmerk auf den Online-Partien. Diese sind deutlich an dem
Call of Duty-Onlinemodus angelehnt. Wie beim großen Bruder erhaltet ihr für Abschüsse Punkte, die zum Levelaufstieg führen und so nach und nach Ausrüstungsgegenstände wie Waffenaufsätze freispielen. Ihr könnt eine eigene Klasse erstellen oder in den umfassenden Statistiken eure gesammelten Erfahrungspunkte und Abzeichen ansehen. Die aus
Call of Duty bekannten Killstreaks haben es dann aber doch nicht ins Spiel geschafft. Leider leidet die HD-Neuauflage des Bond-Abenteuers derzeit noch an massiven Netzwerkproblemen. Und wenn ihr es schaffen solltet, eine Verbindung zum Server herzustellen, steht ihr oft vor leeren Lobbys. Nur bei wenigen Modi wie den Deathmatch-Varianten könnt ihr garantiert Mitspieler finden. Der Online-Multiplayer macht Laune, bietet jedoch kein Alleinstellungsmerkmal und macht gegen die hauseigene Konkurrenz
Call of Duty keinen Stich.
Neben der Singleplayer-Kampagne und dem Multiplayer gibt es einen weiteren Spielmodus in
GoldenEye 007: Reloaded. Dieser hört auf den Namen SpecOps... äh MI6-Ops und ist eine Ansammlung von Spielabschnitten aus der Kampagne. Je schneller ihr die unterschiedlichen Missionstypen wie Eliminierung (vernichte alle Feinde), Infiltration (du darfst nicht gesehen werden) oder Verteidigung abschließt, desto besser fällt eure Bewertung aus. Damit schaltet ihr weitere MI6-Ops-Missionen frei. Dieser Spielmodus betreibt im Prinzip nur Levelrecycling und bietet nach Beendigung der Kampagne nur geringfügig neue Anreize.
Technisch absoluter Durchschnitt
Die wichtigste Frage bei einem Lizenzspiel ist natürlich: Wie gut wird die Atmosphäre der Vorlage eingefangen?
Reloaded liefert hierbei nur eine solide Leistung ab. Die Bondfigur ist Daniel Craig zum Verwechseln ähnlich. Auch die deutschen Synchronsprecher von Bond und MI6-Chefin M sind enthalten und leisten gute Arbeit. Fans des Films werden sicherlich enttäuscht sein, dass auch das Aussehen der Nebenfiguren verändert wurde und nichts mehr mit den Original-Darstellern zu tun hat. Natürlich kommen die Bond-typischen Musikthemen zum Einsatz und unterlegen die spannendsten Situationen des Spiels. Diese hätten aber ruhig häufiger erklingen können.
Auf der Wii hat das Remake im letzten Jahr grafisch einen guten Eindruck hinterlassen. Aber wie sieht das Spiel auf einer HD-Konsole aus? Man merkt
Reloaded auf jeden Fall an, dass es sich um eine Portierung handelt. Die Grafik ist zwar aufpoliert worden, kann aber mit der großen Konkurrenz
Call of Duty oder
»Battlefield 3 keinesfalls mithalten. Level wie das verschneite Severnaya sehen zwar klasse aus, dafür sind die Innenabschnitte in Bunkern ziemlich schlicht geraten. Die Charaktermodelle können weitestgehend überzeugen, täuschen aber nicht über schwache Texturen hinweg. Zudem sind wir verwundert, dass die Ladezeiten nicht nur für das Level, sondern auch für das Missionsbriefing nötig sind. Für gewöhnlich werden die Level in solchen Briefings geladen.
Das Remake des Remakes
Die Unterschiede zwischen
GoldenEye 007: Reloaded und der Wii-Version aus dem letzten Jahr halten sich in Grenzen. Die Kampagne ist identisch und bietet die gleichen Level. Einzig die Suche nach versteckten Emblemen ist eine spielerische Neuerung, die aber keinen Mehrwert ausmacht. Die Power von Xbox 360 und PlayStation 3 macht sich im Vergleich zur Wii-Version besonders bei größeren Menschenmassen im Nachtclub oder am Flughafen bemerkbar. Wii-Spieler, die schon im letzten Jahr in die Rolle des britischen Agenten schlüpften, haben keinen Grund das HD-Remake zu spielen.