Lang' hats gedauert! Entwickler id Software, Erfinder des First-Person-Shooter-Genres, melden sich zurück. Nach »Doom 3 hat man dem Horror-Genre abgeschworen und versucht sich nun an einem Mischmasch diverser Spieltypen. Im Kern ist die neue Schöpfung der Shooter-Profis von id jedoch ein klassischer Ego-Shooter. "Kann ja eigentlich nichts schief gehen, wenn da Shooter-Spezialisten am Werke sind!" - denkste! Warum RAGE zwar einerseits äußerst beeindruckend ist, aber am Ende doch hinter den hohen Erwartungen zurückbleibt, lest ihr im Test.
Betagte Konsolen? Von wegen!
"Die aktuellen Konsolen sind technisch ausgereizt!". Dieses Statement liest man derzeit oft im Internet. Spontan möchte man da als Konsolenspieler, der oft neidisch auf die Grafikwunder am PC schielt, in den Kanon mit einstimmen. Zumindest wenn man
RAGE noch nicht gesehen hat. Deshalb sei hier schonmal gesagt, und verzeiht meine plumpe Ausdrucksweise: Ja, es sieht verdammt nochmal GEIL aus! Auch auf Konsole, wenn auch mit Abstrichen - PC-Spieler bekommen traditionsmäßig die meisten Details bei bester Auflösung zu Gesicht.
Im Oktober gabs ja schon einige Grafikwunder zu bestaunen, doch weder ein
»Gears of War 3 noch ein
Crysis hält bei der Grafikpracht von
RAGE mit. Butterweiche 60 Bilder pro Sekunde sind an der Tagesordnung, während man im Affenzahn durch die Wüste düst, die enorm detailreichen Felsenklüfte bewundert und nebenbei effektvoll gegnerische Fahrzeuge in ihre Einzelteile zerlegt. Grafikfetischisten dürften also ihre helle Freude an id Softwares neuem Grafikwunder haben, auch wenn man das Spiel tunlichst installieren sollte um längeres Nachladen von Texturen zu vermeiden. Nur ist gute Technik nunmal nicht alles.
Apophis
So heisst der tatsächlich existierende Meteorit, der im Jahr 2029 unserer Erde bedrohlich nahe kommen wird. In
RAGE gibt es sogar 'ne Punktlandung und der Meteorit bombt die heutige Zivilisation förmlich zurück in die Steinzeit. Naja, nicht ganz! Die Regierung (es gibt anscheinend eine Art Weltregierung in
RAGE, das wird aber nicht genauer erläutert) startet natürlich sogleich ein Programm, um die Menschheit zu retten... oder zumindestens einen ("wichtigen") Teil davon. In sogenannten "Archen" überleben also einige wenige, um irgendwann - wenn der Planet wieder halbwegs bewohnbar ist - automatisch durch ein Computersystem aus dem Tiefschlaf geweckt zu werden. Nach dem "Day after Tomorrow" herrscht Anarchie auf einem nun recht staubigen Planeten. Umherziehende Banden nehmen sich, ohne Rücksicht auf Verluste, was sie wollen. Mutanten tauchen auf und zu allem Überfluss ist die jetzt existierende Regierung auch nicht gerade zimperlich im Umgang mit den Bewohnern der Welt von
RAGE.
Als namen- und sprachloser Held wachen wir mit einiger Verspätung in unserer Arche auf. Wir wollen wissen was sich auf Mutter Erde so getan hat und gehen gleich mal zum Ausgang unseres stickigen Kokons. Als sich die "Tür zur Welt" öffnet halten wir sogleich unsere Hände schützend vor die Augen, die das allzu grelle Sonnenlicht wohl anscheinend lange nicht mehr gesehen haben. Benommen stapfen wir einen kleinen Pfad in Richtung einer Straße hinunter. Die Szenerie wird umrandet durch imposante Gebirgszüge und einer Anlage, die direkt unter uns liegt. Wofür die wohl gut ist? Noch bevor wir unseren Gedanken zu Ende gedacht haben, stürzt sich ein ekelhaftes "Etwas" auf uns. Keine Waffe zur Hand! BOOOM! Blut spritzt an die braunen Felsen. Ein Fremder hat uns gerade so noch mit einem gezieltem Kopfschuss das Leben gerettet. Netterweise nimmt er uns auch gleich mit seinem Jeep zum nächstgelegenem Kaff mit und erklärt uns, wie "wichtig" wir doch sind. Nach zahlreichen Videospielen haben wir die Rolle der "wichtigsten Sau im Universum" ja ohnehin schon verinnerlicht. Also gebt uns 'ne Knarre und ab dafür!
Discounter-Story
Die erste Wumme kriegen wir tatsächlich gleich. "Auf geht die wilde Monsterhatz", denken wir uns, steigen auf ein Quad und düsen sogleich zum Missionsgebiet. Ja, moment mal, um was gehts eigentlich in der Mission? Damit wären wir auch schon beim ersten gravierenden Kritikpunkt. Eigentlich ist uns das Drumherum total wurscht. Fahre zu Ort XYZ, lege 'nen Schalter um, spreng was in die Luft und niete möglichst viele Gegner um. Wäre das wenigstens in einer spannenden Geschichte verpackt, müsste man ja nicht übermäßig meckern. Eine solche bleibt euch
RAGE aber schuldig, über die komplette Spieldauer! Eigentlich gibt es nichts zu spoilern, denn
RAGE bietet keinerlei große Überraschung, versucht aber dem Spieler kleine Infohappen über die Hintergrundstory als Story-Twists zu verkaufen. Dabei ist die zu Grunde liegende Geschichte nicht spannender als ein Einkauf bei Aldi. Da wären ein paar Rebellen, die sich gegen eine Regierung wehren, die das eigene Volk ausbeutet wo es nur geht. Wir übernehmen dabei den undankbaren Job einer Ein-Mann-Armee, tun wie uns geheißen und nieten jeden über den Haufen, der den Rebellen gerade nicht passt. Ziel: Die Regierung vernichten, das Geheimnis hinter den Archen lüften und die Menschheit in eine glorreiche Zukunft führen. Ok, zugegeben, liest sich jetzt doch etwas zu spannend. Wie gesagt: Ein Einkauf hat vom Betreten des Ladens bis zum eigentlichen Kassiervorgang ungefähr dieselbe Spannungskurve.
Auf unseren Reisen treffen wir zahlreiche interessant aussehende NPCs (die sehr comichaft gestaltet sind), leider hat hier anscheinend nur der Charakterdesigner seine Arbeit getan. "Tue dies, tue das... blabla" - ganz ehrlich, selten fiel es uns so schwer, eine Bindung zu den Nebencharakteren eines Videospiels aufzubauen. Zu blass und leer wirken und bleiben sie. Wie man ein Endzeitszenario mit interessanten Nebenfiguren füllt, für die man gerne Aufträge erfüllt, zeigt etwa
»Fallout 3.
Shoot 'em Up
Wo Story und Figuren schwächeln stellt das Gameplay einen gelungenen Spagat zwischen verschiedenen Genres dar. Man nehme eine Prise
Fallout, den Flair eines
Mad Max, packe etwas
»Motorstorm obendrauf und würze es anschließend mit
Doom-Schlauchleveln. Prinzipiell bietet
RAGE zwar eine frei begehbare Welt, nur allzu schnell fährt man aber ein und den selben Canyon gefühlte tausendmal ab, um von A nach B zu kommen. Die friedlichen Fahrten mit upgradebaren Buggys & Co werden oft von ebenfalls motorisierten Feinden gestört. Mit Minigun, Raketen und Pulskanone jagt ihr die Störenfriede aber recht eindrucksvoll in die Luft. Die Fahrzeugkämpfe machen eine Menge Laune und bilden eine willkommene Abwechslung zu den Shooter-Abschnitten.
Womit wir nun endlich beim Kernelement von
RAGE wären. In den Missionen, die vornehmlich in Indoor-Arealen spielen und extrem linear gestaltet sind, schlagt ihr euch mit allerhand verschiedenen Gegnern herum. Je nach Feindtyp fordert das Spiel verschiedene Herangehensweisen von euch. Mutanten stürmen mit Nahkampfwaffen auf euch zu, hangeln sich dabei an Decken entlang, überspringen Hindernisse dabei rasant und lassen euren Puls fast automatisch höher schlagen. Zurückgedrängt ballert ihr dabei oft wild um euch, um den unberechenbaren, entstellten Angreifern etwas entgegenzusetzen. Ihr könnt gezielt auf die Körperteile eurer Angreifer schiessen, die Trefferwirkung ist dabei sehr authentisch. Trefft ihr einen Mutanten etwa bei vollem Lauf ins Bein, so verliert dieser das Gleichgewicht und geht zu Boden. Auch mit Splattereffekten hat man nicht gespart und so wundert es nicht, dass Köpfe hier auch einfach mal bei Treffern explodieren.
Beim Aufeinandertreffen mit Ödlandbanden solltet ihr öfter mal die Deckung aufsuchen, sonst seid ihr ziemlich schnell so durchlöchert wie ein Schweizer Käse. Regierungstruppen schließlich sind dick gepanzert und setzen Schilde und schwere Waffen, etwa Pulskanonen, gegen euch ein. Um gegen diese brandgefährlichen Gegner etwas ausrichten zu können, sollte man seine Knarre mit entsprechend durchschlagskräftiger Munition füttern. Ob Pistole, Schrotflinte, Maschinengewehr oder auch die Armbrust, es stehen stehts genug verschiedene Geschosstypen parat, um jeder Gegnerschar etwas entgegensetzen zu können. So kann die Schrotflinte mit Explosivmunition ausgestattet werden, die garantiert jeden Opponenten aus den Latschen haut und sich fast wie ein Granatwerfer spielt.
Selbst ist der Mann!
Um an die Spezialmunition zu kommen, bastelt ihr sie euch schlicht selbst zusammen. Selbstverständlich braucht man dafür Zutaten bzw. Einzelteile, die in der ganzen Welt von
RAGE verstreut sind. Zudem braucht ihr eine Bauanleitung von dem, was ihr fabrizieren wollt. Die wiederum kriegt ihr beispielsweise durch die Erledigung von Nebenmissionen. Und die gibts in
RAGE an jeder Ecke.
Insgesamt gibt es zwei große Städte, in denen ihr euch weitestgehend frei bewegen könnt. Viele NPCs warten hier mit Missionen oder können euch zumindest sagen, wo ihr einen zahlungsbereiten Auftraggeber finden könnt. Leider müsst ihr hin und wieder altbekannte Level der Hauptgeschichte aufsuchen, um diese Missionen zu erfüllen. Das nervt, bieten die Level doch größtenteils nichts Neues. So stellt sich bald ein "alles schon gesehen"-Gefühl ein. Zahlungsmittel in
RAGE sind Dollar, mit denen ihr Munition, Waffenupgrades (zum Beispiel ein Laservisier) oder neue Wummen erwerben könnt.
Abseits der Handlung...
...habt ihr allerhand Möglichkeiten, euch die Zeit mehr oder weniger sinnvoll zu vertreiben. Zahlreiche Minispiele warten auf euch. So könnt ihr in Rennen Fahrzeugscheine gewinnen, mit denen ihr wiederum euer Gefährt aufmotzt und beispielsweise mit einer dickeren Panzerung oder besseren Reifen verseht. Auch ein Trading-Card-Game hat es ins Spiel geschafft. Ensprechende Karten, um euer Deck zu verstärken, findet ihr verteilt in den Missionen. Das Sammelkartenspiel macht wirklich eine Menge Spass, Mitspieler findet man in jeder Stadt und schon bald wird jedes Level nach zusätzlichen guten Karten fürs Deck abgesucht. Die Minispiele lockern das Spielgeschehen gelungen auf und sind Ansporn zugleich, da sich so ein wenig zusätzliches Geld verdienen lässt.
Multiplayerfreuden
Der Multiplayerpart von
RAGE besteht aus zwei Teilen: Dem Koop-Modus und verschiedenen Fahrzeugkampf-Modi für vier Spieler. Letztere können nur recht kurz begeistern. Es gibt einfach zu wenig Karten, zu wenig Mitspieler und schnell hat man alles gesehen und freigespielt. Das Fahrgefühl ist aber wie im Singleplayer exzellent und für ein paar Runden machen die Rasereien durchaus Spass.
Im Koop-Modus geht ihr zusammen mit einem Kumpel an den Start und kämpft euch gemeinsam durch Areale, die dem Einzelspieler-Part entnommen sind. Die fordernden Level machen richtig viel Laune, auch wenn es fast immer darum geht, einfach alle Gegner zu eliminieren. In knapp vier Stunden hat man dann aber auch hier alles gesehen.
Ausgezeichnet mit den folgenden GameRadio-Awards:
