Religionsstunde mal anders. El Shaddai versammelt zahlreiche biblische Persönlichkeiten auf dem Bildschirm. Dass man keinen Abschluss in Theologie haben muss, um El Shaddai etwas abzugewinnen, erfahrt ihr in unserem Test.
Es war einmal vor 14.000 Jahren
Wir schlüpfen in die Rolle des blonden Helden Enoch. Dieser fristet als Mensch ein Dasein im Himmelreich, in dem er als Schriftsteller bergeweise Bücher verfasst. Das gemütliche Leben als Schreiber hat ein Ende, als Gott ihn mit einer bedeutenden Mission beauftragt. Sieben abtrünnige Engel haben sich Gott abgewandt und stiften nun auf der Erde Unheil. Mit dem Bau eines gottlosen Turms und der Zeugung von Engel-Mensch-Kindern, sogenannten Niphilim, versteht Gott keinen Spaß. Und so schickt der Allmächtige uns auf die Erde hinab, um dem unheiligen Treiben ein Ende zu setzen. Enoch muss den gotteslästernden Turm aufsuchen, die abtrünnigen Engel bekämpfen und gefangen nehmen.
Enoch ist zum Glück nicht alleine auf seiner Mission. Gottes rechte Hand Luzifel begleitet Enoch auf seiner Reise und dient uns Spielern als Speicherpunkt. Auch die vier Erzengel Michael, Raphael, Uriel und Gabriel wachen über uns und zeigen uns in der Gestalt von Schwänen den richtigen Weg. Mit so viel Begleitschutz ist Enoch für den Kampf gegen die gefallenen Engel gewappnet. Im Turm herrscht jeder der sieben Engel über eigene Etagen, wovon jede ein eigenes Level im Spiel repräsentiert.
Weniger ist manchmal mehr
Natürlich stellen die Abtrünnigen euch eine Armee voller Feinde entgegen. Neben kleineren Gegnern, die mit zwei Schlägen in den Exitus geschickt werden können, stellen sich euch auch gleichstarke Feinde in den Weg. Diese Kämpfe finden dann in abgegrenzten, meist runden Arenen statt. Viel Platz oder Deckung bieten diese leider nicht. Das Kampfsystem von
El Shaddai klingt im ersten Moment viel zu simpel. Euch stehen im Gefecht nur drei Tasten zur Verfügung, wovon nur eine einzige Taste eine Attacke ausführt. Die anderen beiden sind zum Springen und Blocken da. Bietet so ein minimalistisches Kampfsystem überhaupt genug Tiefgang für so ein kampfbetontes Spiel?
Erstaunlicherweise funktioniert dieses System auf seine eigene Weise gut. Während ihr zu Beginn mit wildem Tastendrücken ohne Probleme weiterkommt, benötigt es im Laufe des Spiels eine gehörige Portion Timing. Je nachdem, wie schnell und in welchem Rhythmus ihr die Angriffstaste drückt, können unterschiedliche Kombos ausgelöst werden. Nur wenn ihr den richtigen Zeitpunkt erwischt, könnt ihr die Verteidigung eines Gegners durchbrechen und zum Gegenangriff starten. Es ist außerdem möglich, die Angriffstaste mit den Aktionen Springen oder Blocken zu verbinden, was weitere Kampfmanöver zulässt. Dieses System muss langsam in Fleisch und Blut übergehen, damit ihr in den späteren Levels eine Chance gegen die Engel habt.
Da das Spiel komplett ohne Bildschirmanzeigen auskommt, müsst ihr Enochs Gesundheitsanzeige anhand des Zustands seiner Rüstung festmachen. Je mehr Schläge ihr einsteckt, desto mehr Teile lösen sich von der Rüstung. Zum Schluss steht Enoch nur noch mit nacktem Oberkörper und seiner Jeans-Hose da. Die Lebensanzeige läuft bei den Gegnern auf das gleiche Prinzip heraus, ausgenommen der Tatsache, dass sie keine so schmucken Hosen tragen. Wer mag, kann aber nach dem ersten Durchspielen die Bildschirmanzeigen inklusive Energiebalken hinzuschalten.
Aller guten Dinge sind drei
Zu Beginn von
El Shaddai: Ascension of the Metatron seid ihr noch mit bloßen Fäusten unterwegs. Später seid ihr darauf angewiesen, die Waffen der Gegner zu klauen und gegen sie zu verwenden. Es gibt genau drei Waffen an der Zahl. Nur drei? Wieder so eine tiefgestapelte Zahl. Dies ist so beabsichtigt und grenzt die Spielerfahrung in keiner Weise ein, weil das komplette Kampfsystem auf dem Zusammenspiel dieser drei Waffen abgestimmt ist. Diese Waffen sind der Arch, Gale und Veil. Der Arch sieht aus wie ein Bogen und wird wie eine Klinge benutzt. Der Gale ist die Fernkampfwaffe im Spiel, die Pfeile auf die Feinde verschießt. Der Veil verteilt kräftige Schläge und bietet viel Schutz, jedoch auf Kosten eurer Wendigkeit. Jeder dieser Waffen unterscheidet sich in Schnelligkeit, Beweglichkeit und Stärke, was sich in ganz unterschiedlichen Spielgefühlen äußert.
Denn nur wer sich perfekt auf die jeweilige Waffe einstellt, kann auch effektiv mit ihr kämpfen. Jede dieser Waffen verfügt über ihr eigenes Kombosystem. Aber auch abseits der Kämpfe erfüllen sie einen individuellen Zweck. Während der Arch wegen seiner Gleitfähigkeit bei Sprungpassagen von großem Vorteil ist, können wir mit dem Veil bestimmte Wände kaputt schlagen und so versteckte Bereiche offen legen. Enoch kann leider nur eine Waffe bei sich tragen. Um die Waffe zu wechseln, können wir ganz dreist die des Gegners stibitzen oder Waffencontainer benutzen, die immer mal wieder auftauchen.
Besonders bei den Endgegnerkämpfen entscheidet die Wahl der richtigen Waffe über Sieg oder Niederlage. Meistens kann nur eine Waffe den Schwachpunkt des Gegners aufdecken. In solchen Momenten zeigt
El Shaddai, dass es einiges an taktischem Geschick abverlangt. Trotzdem kommt das Kampfsystem in seiner Komplexität niemals annähernd an ein
»Bayonetta heran.
El Shaddai kann dafür mit seiner Intuitivität punkten. Da das Kampfsystem zum Ende hin schnell ausgereizt ist und sich die Gegner und die Kämpfe zu oft wiederholen, gestalten sich diese Abschnitte auf Dauer leider etwas eintönig.
Dem Abgrund so nahe
Wenn Enoch nicht gerade damit beschäftigt ist, dem Feind eins auf die Rübe zu hauen, entwickelt sich
El Shaddai fast schon zu einem Jump'n'Run. Zwischen den Kämpfen müsst ihr immer mal wieder Sprungpassagen bewältigen. Dann heißt es von Plattform zu Plattform zu springen, dabei fliegenden Hindernissen auszuweichen und bewegliche Ebenen zu erwischen. Diese Spielabschnitte erweisen sich leider als Schwachpunkt von
El Shaddai. Wie in der
God of War-Reihe kann die Kamera nicht nachjustiert werden. Die feste Perspektive macht präzise Sprünge recht schwierig. Daher findet man sich öfter als einem lieb ist im Abgrund wieder. Glücklicherweise wird Enoch nach einem missglückten Sprung nahe der Absprungstelle zurückgebracht. Dies hält den Frust in Grenzen.
Von der Seite
Zwischendurch wechselt
El Shaddai in eine 2D-Seitenansicht. In diesen Spielabschnitten wird mehr gesprungen als gekämpft. Wegen der 2D-Perspektive gibt es auch keine Probleme mit verschätzten Sprüngen. Dank der genauen Steuerung kann man hier die Sprünge punktgenau landen. Diese 2D-Passagen fügen sich gut ins Spielgeschehen ein und wirken nicht aufgesetzt. Trotzdem bieten sie nur Jump'n'Run-Standardkost und stellen sich nicht als besondere Herausforderung dar.
Neben Kampf- und Sprungpassagen kommt auch ein Fahrzeugabschnitt im Spiel vor, welcher jedoch nicht allzu lange dauert. Die meiste Zeit davon werden Cutscenes von einer Verfolgungsjagd eingespielt, die in Sachen Coolness und "Over-the-top"–Action durchaus
Devil May Cry Konkurrenz machen können. Diese Szenen sind jedoch derart übertreiben geraten, dass sie im eigentlich bodenständigeren Spiel reichlich deplatziert wirken.
Artdesign aus dem Himmel
Auch wenn
El Shaddai schon beim Kampfsystem konservative Pfade verlässt, so stellt die Grafik das wahre Alleinstellungsmerkmal des Action-Adventures dar. Der Grafikstil ist zwar minimalistisch gehalten, bietet aber dafür fantastische Bilder. Ihr werdet mit Pastell-Farben bombardiert und erlebt abstrakte Welten, die alle ein eigenständiges Thema haben. In einem Moment lauft ihr an einem kunstvoll verglasten Kirchenfenster vorbei, kurz darauf seid ihr von Neonröhren und Feuerwerk umgeben. Die Charaktere kommen am ehesten noch dem Cel-Shading-Stil nahe, während sich die Traumlandschaften erfrischend von bisherigen Grafikstilen abheben. Dass das Artdesign so herausragend geworden ist, verwundert nicht, denn mit Sawaki Takeyasu ist der Kopf hinter dem Meisterwerk
Okami am Spiel beteiligt gewesen. Der Stil ist visuell so beeindruckend, dass er uns glatt einen Grafik-Award wert ist.
Technisch gesehen leistet sich
El Shaddai jedoch ein paar Fehler. Wenn das Spiel durch das Drücken der Pause-Taste oder durch Spielhinweise unterbrochen wird, gibt es deutliche Verzögerungen. Außerdem passierte es in unserer Testversion häufiger, dass die Einblendung von Achievements Bildschirmfehler verursachte und wir kurzzeitig nur schwarz gesehen haben.
Der Soundtrack bietet einige schöne Stücke. Zu hören bekommt ihr Chöre, die zum religiösen Thema des Spiels passen, sowie treibende Kampfmusik. Die Lieder erweisen sich als stimmungsvoll und sorgen für eine passende Untermalung. Ihr könnt die Sprache wahlweise auf Englisch oder Japanisch stellen. In jedem Fall leisten die Synchronsprecher gute Arbeit, wobei die englische Tonfassung nicht ganz lippensynchron abläuft.
Wiederspielwert?
Der Umfang von
El Shaddai hätte etwas größer ausfallen können. Nach ungefähr sieben bis acht Stunden seht ihr schon das Ende. Das lineare Leveldesign bietet euch nur selten Gelegenheiten zum Erkunden der Umgebung. Außer einigen versteckten Schätzen und optionalen Extra-Welten, die in einer Unterwelt angesiedelt sind, gibt es für euch nicht viel zu entdecken. Für Highscore-Jäger lohnt sich ein zweiter Durchgang dennoch. Denn nach dem ersten Durchspielen schaltet sich ein Punktezähler frei, der eure Erfolge in den einzelnen Levels festhält und online mit anderen Mitspielern vergleicht.
Ausgezeichnet mit den folgenden GameRadio-Awards:
