Ein erfolgreiches Spiel zieht beinahe zwangsläufig einen Nachfolger nach sich. Im Extremfall dürfen sich Videospieler sogar auf einen neuen Serienteil pro Jahr freuen. Die Qualität leidet darunter mal mehr, mal weniger. In den Verdacht der Ausschlachtung einer Spielereihe kommt Deus Ex allerdings sicherlich nicht. Seit dem Release des brillianten ersten Teils sind mittlerweile schon elf Jahre vergangen. Eidos Montreal und Square Enix haben sich das große Ziel gesetzt, den schwächelnden zweiten Teil vergessen zu machen und wieder an die Stärken des Erstlings anzuknüpfen. Ob Deus Ex: Human Revolution diesen hohen Ansprüchen gerecht werden kann, erfahrt ihr in unserem Testbericht.
In Bezug auf das Setting wandelt das Genre der Rollenspiele meist auf recht abgetrampelten Pfaden. Die Kerngebiete des elfenbevölkerten Fantasy-Szenarios sowie des Science-Fiction-Settings möchten viele Videospieler schon nicht mehr sehen. Auch die Endzeitkampagnen haben mit Titeln wie
Fallout oder
Metro 2033 in letzter Zeit an Zuwachs gewonnen. Hier bringt
Deus Ex: Human Revolution frischen Wind ins Spiel. Cyberpunk ist das Schlagwort! Im Jahre 2027 haben die Megakonzerne die Weltherrschaft unter sich aufgeteilt und die Politik weitgehend im Griff. Ein riesiger Wachstumsmarkt hat sich in der Entwicklung kybernetischer Produkte gebildet. Diese stehen bei
Deus Ex im Mittelpunkt der Handlung.
Bad World
Handlung ist ein gutes Stichwort, wenn es darum geht die Stärken von
Deus Ex zu beschreiben. Die Story um euer Alter Ego Adam Jensen ist tiefgehend, komplex und kann auf verschiedene Arten gespielt werden. Doch beginnen wir am Anfang. Adam Jensen, seines Zeichens Leiter der Security beim Weltkonzern Sarif Industries, ist liiert mit der schönen Forscherin Megan Reed, die ebenfalls bei Sarif in Lohn und Brot steht. Im Gegensatz zu Megan ist unsere Hauptfigur jedoch äußerst skeptisch, was die Geschäftsgebahren seines Arbeitgebers angeht. Sarif Industries ist bekannt für die Herstellung von Cyberimplantaten. Wer genug Kohle auf den Tisch legt, kann somit seine körperlichen und geistigen Eigenschaften fast nach Belieben verbessern und so zu einer Art Übermenschen werden. Mit seiner skeptischen Haltung steht Jensen aber wohl nicht alleine da. Ganz im Gegenteil. Eine Gruppe, die sich "Puritaner" nennt, wollen die Macht des Weltkonzerns brechen, um jeden Preis.
Eines Tages kommt es dann zum Supergau im Konzern. Eine Gruppe vermummter Söldner bricht mit Waffengewalt in das Hauptgebäude ein und lässt eine Spur der Verwüstung und zahlreiche Tote zurück. Zu den Opfern des Angriffs zählt auch seine Geliebte Megan Reed. Jensen selbst konnte den Vorfall um Haaresbreite überleben. Allerdings konnte dies nur durch den Einbau einiger kybernetischer Ersatzteile gelingen. Die sogenannten Augmentierungen sicherten Adam Jensen das Überleben und machten ihn zugleich zu einem jener Übermenschen, gegen die er immer war.
Dieser Angriff auf das Hauptquartier von Sarif Industries ist der Auftakt einer tiefschürfenden Geschichte, die euch immer wieder auf neue Fährten lockt und Stück für Stück die Wahrheit über den Angriff und Sarif Industries offenlegt. Wie erhofft, lässt uns das Spiel dabei großen Freiraum. Ähnlich wie bei
Mass Effect werden die Quests in Haupt- und Nebenaufgaben unterteilt. Wann, ob und in welcher Reihenfolge ihr diese durchführt, bleibt euch überlassen. Auch innerhalb einer Mission zeichnet sich
Deus Ex dadurch aus, dass es dem Spieler viel Freiraum lässt. So gibt es stets mehrere Möglichkeit um an euer Ziel zu gelangen. Denkbar, aber selten die beste Option, könnte etwa die schiere Waffengewalt sein. Wer mag, kann ein Gebäude durch den Fronteingang betreten und alles niedermetzeln, was sich bewegt. Es geht aber auch subtiler. Entprechende Skills vorausgesetzt, kann sich Jensen auch an der Hintertür oder einem Seiteneingang zu schaffen machen und dank seiner elektronischen Kenntnissse die Alarmanlage außer Gefecht setzen. Oftmals gibt es auch einen Weg durch einen gut versteckten Lüftungsschacht, der Jensen ins Innere befördert. Alles denkbar. Auch bei der Eliminierung der Wachen könnt ihr zum Colt greifen (dies löst mitunter aber den Alarm aus und kann für unangenehme Folgen sorgen), euch von hinten anschleichen und sie mit einem gezielten Hieb in Morpheus Arme befördern oder ihr studiert die Laufwege der Wachen und geht einfach jedem möglichen Gefecht aus dem Weg. Anzumerken ist dabei allerdings, dass
Deus Ex ein subtiles Vorgehen mit ein wenig mehr Erfahrungspunkten belohnt.
Augmented Surreality
Schon anhand dieser Spielmechanik wird deutlich, dass es sich bei
Deus Ex: Human Revolution nicht um einen Egoshooter im klassischen Sinne handelt. Zwar verfolgt ihr das Geschehen immer aus der ersten Person und geballert werden darf ebenfalls reichlich, das Gameplay ist jedoch deutlich langsamer. Geduldige Naturen, die es auch mal eine Minute hinter einem Mauervorsprung aushalten um das Verhalten der Gegner zu studieren, sind klar im Vorteil. Mit reinem Run’n’Gun dürfte der Titel auf jeden Fall eine echte Herausforderung darstellen.
Auch ist der Anteil an Dialogszenen recht hoch geraten. Wer möchte kann auf seinen Wegen immer wieder neue Personen ansprechen und dadurch auch an neue Aufgaben gelangen. Die Unterhaltungen mit den lebhaften Charakteren sind zum größten Teil wirklich unterhaltsam. Einmal transportieren sie das Setting des Spiels wunderbar auf den Bildschirm, zum anderen dürfen wir mit unseren Antworten Jensen eine individuelle Note verpassen. So könnt ihr Adam Jensen als empathischen Frauenversteher oder als durchtriebene Egosau spielen. Zudem hat Eidos Montreal bei der Auswahl der Sprecher ein gutes Händchen bewiesen, was auch auf die deutsche Sprachspur zutrifft.
Das Salz in der Suppe
Doch nicht nur auf der Persönlichkeitsebene dürft ihr Adam Jensen nach eurem Gusto ausgestalten. Auch in Bezug auf die körperlichen Attribute habt ihr Einfluss. Dies geschieht natürlich über die Ausgestaltung der Augmentierungen. So ziemlich jedes Körperteil in Jensen lässt sich modifizieren. Bezahlt werden die Verbesserungen mit euren Erfahrungspunkten. Habt ihr genügend davon gesammelt, erhaltet ihr Punkte zur Verbesserung eurer Attribute. An einigen Stellen lassen sich diese Verbesserungspunkte allerdings auch durch schnöden Mammon erwerben.
Bei der Auswahl der Augmentierungen solltet ihr jedoch Sorgfalt walten lassen, denn sie bestimmen nicht unerheblich, wie sich Jensen bei seinen Missionen am besten verhalten sollte. Wer also am liebsten auf leisen Sohlen durch die Feindesgebäude flitzt, ist gut beraten seine Punkte in einen leiseren Gang zu investieren. Technikfreaks investieren ihre Punkte lieber in die Hackingskills und athletische Naturen sorgen dafür, dass Jensen problemlos die Häuserwände hochkommt. Ihr seid also gut beraten, wenn ihr euch vorher darüber im Klaren seid, in welche Richtung sich euer Charakter entwickeln soll. Einmal vergebene Punkte lassen sich später nämlich auch nicht wieder zurücknehmen. Ein falsches Skillen eures Charakters lässt den ohnehin schon recht hohen Schwierigkeitsgrad von
Deus Ex damit also noch weiter in die Höhe schnellen.
Alles Paletti in Deus Ex Land?
Es bleibt kein Zweifel daran, dass Eidos Montreal mit
Deus Ex: Human Revolution ein tolles Spiel gelungen ist. Verbesserungspotenziale ergeben sich aber natürlich auch hier. Die größte Spaßbremse ist dabei leider die technische Seite. Grafisch gesehen ist
Deus Ex nur solides Mittelmaß. Wollte man mit dem hohen Action-Anteil die Egoshooter-Fans ködern, so dürften gerade diese Spielernaturen erheblich Besseres gewohnt sein. Die Texturen wirken stellenweise doch recht matschig und detailarm. Beim aktuellen Stand der Technik darf man hier doch ein wenig mehr erwarten. Nervig sind auch die langen Ladezeiten, die man zwischen den einzelnen Abschnitten immer wieder überstehen muss. Wer das Spiel auf einer Xbox 360 spielt, dem sei eine Installation des Spieles auf die Festplatte der Konsole angeraten. Dafür macht der Sound einen sehr guten Eindruck. Sowohl Synchronisation als auch Musikuntermalung lassen kaum Wünsche offen.
Ausgezeichnet mit den folgenden GameRadio-Awards:
