Der Zweite Weltkrieg ist vorbei. Die Alliierten haben Deutschland besetzt und überwachen den Wiederaufbau der neu strukturierten Republik. Viele der verdienten Kriegsveteranen verlassen das einstige Krisengebiet wieder und kehren in ihre Heimat zurück. So auch Cole Phelps, der nach seiner aktiven Zeit bei der US Army wieder ins sonnige Los Angeles der 40er Jahre zurückkehrt. Doch schnell muss er feststellen, dass auch dort nicht immer alles eitel Sonnenschein ist. Die kalifornischen Straßen haben ihre Tücken und kriminelle Organisationen machen sich dazu auf, die Vorherrschaft über die Stadt zu übernehmen. Mittendrin ist Cole Phelps, der sich erneut für Gerechtigkeit und Ordnung stark macht. Wir haben dem Kalifornier beigestanden und mit ihm das Nachtleben von Los Angeles erkundet. Mehr davon erfahrt ihr in unserem spoilerfreien Bericht.
Die Geschichte von
L.A. Noire ist eine Geschichte voller Missverständnisse. Schon vor Release gefeiert und gehyped als das inoffizielle neue
Grand Theft Auto, kann
L.A. Noire diesen Ansprüchen nicht gerecht werden. Das will der Titel, der in Zusammenarbeit von Team Bondi und Rockstar entstanden ist, auch gar nicht. Obwohl sich das Spiel einiger Elemente bedient, die Rockstars Videospiele so beliebt machen, wandelt es doch auf eigenen Pfaden.
GTA + Heavy Rain = L.A. Noire?
Betrachtet man sich die Screenshots von
L.A. Noire kann der videospielaffine Leser sicherlich schnell auf einen
GTA Klon schließen. Third-Person Schießereien, Autofahrten durch die Stadt, Verfolgungsjadgen durch verlassene Hinterhöfe oder zünftige Prügeleinlagen... all das kennen wir schon aus dem Hause Rockstar. Auch auf den zweiten Blick erschließen sich einige Parallelen. Nehmen wir zum Beispiel die riesige Stadt, die - wie könnte es anders sein - frei erkundbar ist. In Sachen Umfang hat Team Bondi sogar nochmal eine Schippe draufgelegt. Mit rund 20 Quadratkilometern übertrifft die kalifornische Megametropole sogar noch Liberty City aus
»Grand Theft Auto IV, das lediglich auf 15 Quadratkilometer kommt. Wer also wirklich die ganze Stadt erkunden möchte, sollte sich schon einmal auf einen längeren Aufenthalt in Los Angeles einrichten.
Ganz wie es sich für ein Rockstar Spiel gehört, hat auch Team Bondi komplett auf eine deutsche Sprachausgabe verzichtet. Lediglich deutsche Untertitel können auf Wunsch eingeblendet werden. Gute englische Sprachkenntnisse heben somit das Spielerlebnis auf ein anderes Niveau. Spieler, die der englischen Sprache nicht so mächtig sind, haben insbesondere während der Autofahrten Probleme. Da das Steuern des Fahrzeugs und gleichzeitiges Lesen der Untertitel oftmals doch recht anstrengend sind. Insgesamt kommen Spieler, die auf deutsche Untertitel angewiesen sind, mit
L.A. Noire aber deutlich besser zurecht als mit
GTA IV oder
»Red Dead Redemption. Dies liegt vor allem am...
Genuss der Langsamkeit
Trotz der vielen Gemeinsamkeiten mit den großen Rockstar Spielen, bietet
L.A.Noire ein völlig anderes Spielerlebnis. So hat Team Bondi das Verhältnis von Action- und Rätselkost ganz deutlich in Richtung des Puzzleanteils verschoben. Natürlich gibt es hin und wieder mal eine auflockernde Schießerei mit einigen Gangstern oder eine kleine Verfolgungsjagd, der Fokus liegt aber klar auf den Dialogen und dem Lösen der insgesamt 21 Kriminalfälle.
Immerhin haben so auch Action Legastheniker die Möglichkeit den Abspann zu sehen. Ein absolutes Scheitern oder Hängenbleiben ist bei
L.A. Noire ohnehin nicht möglich. Selbst wer die Schießereien regelmäßig in den Sand setzt, kann nach drei Fehlschlägen die Sequenz einfach überspringen. Es geht also noch einfacher als beim Automatik-Modus, den Nintendo in der jüngsten Vergangenheit oft verwendete. Auch beim Autofahren darf Cole Phelps einfach seinen Partner hinter das Lenkrad setzen, der die Touren durch die Stadt ganz alleine bewältigt. Zugegeben, im Verlauf des Tests habe ich selbst einige Male Gebrauch von dieser Option gemacht, da die Straßen von Los Angeles oftmals voller sind als die Besuchergänge auf der Gamescom. Gerade die langen Strecken arten oft in ein Geduldsspiel aus. Die anderen Actioneinlagen hingegen lockern das Spielgeschehen gut auf, auch wenn die Steuerung manchmal doch recht hakelig ist. In ellenlange Feuergefechte wird sich Cole Phelps im Laufe seiner Abenteuer aber ohnehin nicht verstricken. Sie sind aber auf jeden Fall eine willkommene Abwechslung.
Mit Lupe, Fingerabdruckpulver und Rumblecontroller
Der Schwerpunkt von
L.A. Noire liegt somit auf der klassischen Detektivarbeit. Oftmals wird Cole Phelps nach einem Verbrechen an den Tatort gebeten. Dort steht zunächst die Spurensicherung an. Die relevanten Beweismittel sind aber natürlich nicht immer ganz so leicht zu entdecken. Häufig handelt es sich um winzige Details, die dem Betrachter erst nach längerem Suchen auffallen. Netterweise hat Team Bondi aber auch hier Frustmomenten vorgesorgt. Ein akustisches Signal und das Vibrieren des Controllers sorgen dafür, dass eure Aufmerksam zum richtigen Zeitpunkt geweckt wird. Befindet ihr euch in der Nähe eines solchen Gegenstandes weist euch das Spiel mit diesen Mitteln dezent darauf hin. Ohne diese beiden Hilfen wird es aber auch gleich ziemlich schwierig, alle wichtigen Einzelheiten zu entdecken. Hardcore-Schnüffler sollten auf jeden Fall genügend Zeit mit an den Tatort bringen.
Weiterer wichtiger Bestandteil eurer Aufgabe als Kommissar ist natürlich die Zeugen- und Verdächtigenbefragung. Hier spielt
L.A. Noire seine Stärken aus. Als ein Highlight des Spiels stechen die Gesichtsanimationen der einzelnen Figuren besonders heraus. Nie zuvor hat ein Studio wohl so viel Zeit in die detailreiche Gestaltung der Gesichter gesteckt. In
L.A. Noire kommt die Ausgestaltung dieser Einzelheiten allerdings auch eine hohe Bedeutung zu. So ist es als Ermittler eure Aufgabe aus kleinsten Gesichtsregungen der Befragten neue Erkenntnisse zu gewinnen. Ein nervöses Zucken der Mundwinkel oder ein unruhiges Bewegen der Augen lassen möglicherweise darauf schließen, dass der Zeuge etwas zu verbergen hat oder nicht ganz die Wahrheit erzählt hat. In den Dialogen mit den Befragten könnt ihr schließlich auch ihre Aussagen bewerten. Entweder ihr glaubt den Ausführungen des Zeugen, bezichtigt sie der Lüge oder seid bezüglich der Wahrheit noch ein wenig ambivalent. Egal, wie ihr euch verhaltet, haben eure Reaktionen natürlich Auswirkungen auf das weitere Verhalten des Zeugen oder des Verdächtigen.
Bei den zahlreichen Gesprächen, die Cole Phelps währende des Spiels führen wird, haben sich die Entwickler wirklich sehr viel Mühe gegeben. Inhaltlich machen die Gespräche einen runden Eindruck und tragen viel zur 40er Jahre Atmosphäre, die
L.A. Noire versprüht, bei. Auch die englische Vertonung kann sich sehen (hören) lassen. Über 300 Sprecher sorgen dafür, dass Rockstar Games neues Spiel ein auditiver Genuss geworden ist.
Lange Wege, Langeweile?
Wer sich für
L.A. Noire interessiert, muss sich darüber im Klaren sein, dass er ein eher langsames Spiel kauft. Nicht an jeder Ecke gibt es einen spektakulären Stunt, ein Revolverduell oder eine Schlägerei. Der Spieler wird mehr Zeit damit verbringen, Leute zu befragen und haufenweise Gegenstände zu untersuchen. Ungeduldige Naturen werden mit
L.A. Noire möglicherweise nicht glücklich. Zudem sollte dem Spieler klar sein, dass der Titel nicht die ultimative Herausforderung für dem Gamer bietet.
L.A. Noire kann an anderer Stelle auftrumpfen. Die Atmosphäre der Nachkriegszeit wurde toll eingefangen und die Stadt wirkt insgesamt sehr glaubwürdig. Auch wenn die Texturen nicht immer state-of-the-art sind und sich so manche Schwäche entdecken lässt, bleibt unter dem Strich ein befriedigendes Gefühl. Dazu trägt auch der tolle Soundtrack bei, der sich nahtlos in die 40er Jahre Welt von Los Angeles einfügt.
Insgesamt dauern die Abenteuer von Cole Phelps etwa 18 bis 20 Stunden. Spieler, die die ganz Stadt erkunden wollen, brauchen natürlich deutlich länger. Auf der Tour durch L.A. dürfen 30 Sehenswürdigkeiten abgeklappert werden. Wer dann noch immer nicht genug hat, darf sich zudem noch auf die Suche nach 50 goldenen Filmrollen machen, die überall in der Stadt versteckt sind. Dem großen Umfang der Stadt - und wohl auch der Datenmenge den die 300 Sprecher verbrauchen - ist geschuldet, dass die Xbox360 Version auf insgesamt drei Datenträgern ausgeliefert wird. Dies fällt aber kaum störend auf, da die Disks schön nach einander eingelegt werden müssen. Eine Degradierung zum Disc-Jockey müsst ihr also nicht befürchten.
Ausgezeichnet mit den folgenden GameRadio-Awards:

