Um sich im Shooter-Einerlei abzusetzen, braucht es einiges. KAOS Studios, die Macher von Frontlines: Fuel of War, setzen für ihr neuestes Werk auf eine tiefe Hintergrundgeschichte mit einem interessanten "Was wäre wenn..."-Szenario. Ob das reicht, um sich gegen die beinharte Konkurrenz in Form von »Killzone 3 oder »Call of Duty: Black Ops durchzusetzen? Wir berichten für euch von der (amerikanischen) Heimatfront...
Der Feind im eigenen Land
Das Szenario in
Homefront ist eines, was das amerikanische Selbstverständnis im Kern erschüttern dürfte: Kim Jong-un, Sohn des nordkoreanischen Machthabers Kim Jong-il, vereint nach seiner Machtübernahme Nord- und Südkorea zum Vereinten Korea. Während in Amerika die Bevölkerung unter sinkenden Börsenkursen und einer sich im Sturzflug befindlichen Wirtschaft leidet, annektiert das Vereinte Korea Japan. Im Jahr 2024 starten sie einen Satelliten, der "die Friedensbotschaft um die ganze Welt schicken" soll. In Wahrheit ist dies jedoch ein EMP, der die USA lahmlegt. Die Koreaner nehmen innerhalb weniger Tage Hawaii ein, später auch noch San Francisco. Nach und nach wächst das von ihnen kontrollierte Gebiet. Das US-Militär plant einen Angriff auf das besetzte San Francisco, hat allerdings mit einigen Nachschub-Problemen zu kämpfen.
Hier kommt ihr nun ins Spiel: Ihr schlüpft in
Homefront in die Haut des Ex-Militärpiloten Robert Jacobs, welcher jedoch direkt zum Start von den Koreanern verhaftet wird. Wie ihr beim Abtransport im Bus feststellt, scheinen die neuen Machthaber besonderes Interesse an Piloten zu haben. Die Fahrt bietet euch die Gelegenheit zu sehen, wie die Besatzer Amerika verändert haben. Menschen werden zusammengetrieben, verprügelt, abtransportiert oder auf offener Straße erschossen. Ein starker Moment, der in euch das Bedürfnis weckt, möglichst bald die volle Kontrolle über Jacobs übernehmen zu können. Das geschieht unerwartet: Der Bus wird gerammt und ihr von zwei Widerstandskämpfern befreit. Von nun an besitzt ihr eine Pistole und macht euch mit euren Befreiern auf den Weg zu deren Camp. Wie sich schnell herausstellt, wurdet ihr nicht zufällig befreit: Die Widerstandskämpfer haben einen Plan, für den sie einen Piloten wie Jacobs dringend benötigen.
Wer bereits einen der jüngeren Teile der
Call of Duty-Reihe gespielt hat, wird sich bei
Homefront direkt heimisch fühlen. Die Steuerung etwa entspricht 1:1 der des großen Vorbildes. Ihr tragt zwei Waffen bei euch, welche mit unterschiedlichsten Visieren und Aufsätzen ausgestattet werden können. Diese sammelt ihr per Knopfdruck von besiegten Feinden ein. Munition wird automatisch eingesteckt. Dazu kommen noch verschiedene Granaten. So ausgestattet ballert ihr euch durch die besetzten Vororte, Hinterhöfe, über Parkplätze und durch zerstörte Häuser und Läden. Coolstes "Gadget" ist sicherlich der Goliath, ein ferngesteuerter Panzer, dessen Zielvorrichtung ihr manches Mal nutzen dürft, um Barrieren zu durchbrechen oder Helikopter abzuschießen. Auch die Fahrzeuglevel bieten gewohnte Kost: Ihr nehmt etwa an der Kanone eines Humvees Platz oder schützt per Helikopter einen Transport. Alles schon dagewesen, aber spannend inszeniert.
Ein richtiges Deckungsfeature sucht ihr vergebens, hinter Kisten und zerstörten Fahrzeugen könnt ihr aber auch in
Homefront Deckung suchen. Die ist auch bitter nötig: Ihr vertragt nicht viele Treffer und solltet daher stets vorsichtig vorgehen. Entzieht ihr euch dem feindlichen Feuer, regeneriert sich eure Gesundheit langsam wieder. Medikits oder dergleichen sind überflüssig. Glücklicherweise sind eure KI-Mitstreiter unverwundbar - ansonsten wären sie dank ihrer mauen Intelligenz wohl ein permanentes Frusterlebnis. Eure koreanischen Feinde agieren auf dem gleichen Niveau und sind so mehr Schießbudenfiguren als intelligente Gegner.
Battlefield meets Call of Duty
Auch der Multiplayer-Modus bedient sich bei den Genregrößen. Ganz klar ersichtlich ist, dass hier
Call of Duty und
Battlefield Pate standen. Allerdings wird nicht annähernd der spielerische Gehalt der etablierten Platzhirsche geboten. So gibt sich
Homefront schon bei der Modiauswahl sehr karg: Lediglich die Modi "Bodenkontrolle" (eine Art Domination für bis zu 32 Spieler) und "Team Deathmatch" (bis zu 24 Spieler) stehen zur Auswahl, welche dann auf sieben unterschiedlichen Maps gespielt werden können. Diese entsprechen optisch Orten aus der Singleplayer-Kampagne. Ihr liefert euch also allerlei Gefechte in den Vororten und nutzt verlassene Gebäude als Deckung. Die Karten bieten genug Raum für Scharfschützen, die sich etwa auf Dächern positionieren, sowie den Einsatz von Fahrzeugen. Richtig gelesen: Die Spieler können mobiles Kriegsgerät bemannen und von da aus die Gegner aufs Korn nehmen. Um selber ein Fahrzeug ins Spiel zu bringen, braucht ihr Kampfpunkte. Diese verdient ihr unter anderem durch das Töten von Gegnern. Ansonsten könnt ihr aber auch als Beifahrer, etwa am Geschütz, im Vehikel eines Kameraden Platz nehmen.
Mit den Kampfpunkten könnt ihr direkt im Gefecht Hilfsmittel kaufen, etwa Raketenwerfer oder Luftschläge. Aber auch steuerbare Drohnen, fliegend zur Aufklärung oder rollend zum Kampf, stehen zur Auswahl. Jede eurer Klassen verfügt über zwei solcher Kaufplätze. Bei der Konfiguration eurer Klassen habt ihr freie Hand. So bestimmt ihr eure Primärwaffe (sekundär führt ihr grundsätzlich eine Pistole mit euch, diese kann aber im Gefecht gegen eine aufgehobene Waffe ersetzt werden) und lackiert diese mit einer Tarnung. Zudem gibt es einen Slot für einen Anbau. Euch stehen hier verschiedene Visiere sowie Aufsätze zur Wahl. Neben Standards, wie dem Schrotflinten- und Granatwerferaufsatz, gibt es auch speziellere Zusätze, wie einen EMP-Granatwerfer und sogar Granaten, bei denen ihr bestimmen könnt, wann sie explodieren sollen. Auch Perks, etwa zur Steigerung der Nachladegeschwindigkeit, stehen zur Verfügung. Die Anzahl der verwendbaren Perks wird begrenzt durch einen Wert. Ihr könnt nur soviele Perks auswählen, wie dieser Wert erlaubt. Beispiel: Ihr habt vier Punkte zur Verfügung, dann könnt ihr entweder zwei Perks für je zwei Punkte einsetzen, vier Perks für je einen Punkt oder einfach kreuz und quer gemischt.
Habt ihr durch eure gesammelte Erfahrung den siebten Rang des
Homefront-Multiplayers erreicht, könnt ihr die Spielmodi auch im "Battle Commander"-Modus spielen. Das funktioniert folgendermaßen: Habt ihr eine gute Killstreak hingelegt, werdet ihr für einen gegnerischen Mitspieler markiert - er wird also quasi auf euch angesetzt. Schaltet ihr sogar diesen aus, steigt euer Fahndungslevel. Solange, bis das komplette gegnerische Team auf euch gehetzt wird! Das sorgt für Spannung und Druck.
Clans dürften von
Homefront ziemlich enttäuscht sein. So sind die Optionen für ein privates Match recht begrenzt: Spielmodi, Karte, Zeit- und Punktelimit... das war es auch schon. Wer noch Einstellungen wie Verbot von Fahrzeugen oder dergleichen vornehmen will, schaut in die Röhre - diese gibt es schlicht nicht. Aber auch sonst hat der Multiplayer einige Macken. So ist die Respawn-Routine, die euch nach eurem Ableben ins Spiel zurückholt, noch nicht optimal: Beim Test landeten wir mehrmals in direkter Nähe des Feindes. Das kann manchmal einen gewaltigen Vorteil darstellen, etwa wenn ihr unter genau dem Turm ins Spiel einsteigt, auf dem ein gegnerischer Sniper liegt. Genauso kann es aber auch zu eurem Nachteil sein, dann nämlich, wenn ihr selbst dieser Sniper seid.
Technik von gestern
Wir halten fest:
Homefront bedient sich an vielerlei Stellen bei den spielerischen Stärken der Konkurrenz. Nicht verwerflich. Leider ist das technische Grundgerüst, auf dem all das läuft, alles andere als zeitgemäß. Dafür sind die Texturen stellenweise zu verwaschen und werden auch noch sichtbar im Spiel nachgeladen. Leider ist dies im Multiplayer nochmal ein ganzes Stück krasser als in der Singleplayer-Kampagne. Zudem ist die Grafikengine ein wenig träge, wenn man sich etwa umsieht - was (besonders im Multiplayer) oftmals dazu führt, dass ihr einen Gegner überseht. Ein weiteres Manko ist die Physikengine: So konnten wir in einem Team Deathmatch plötzlich einen umgestürzten Laternenmast vor uns herschubsen, als sei er aus leichtem Blech. Aber auch die Animationen locken kaum noch jemanden hinter dem Ofen hervor. Gerade das Werfen einer Granate wirkt arg befremdlich, weil hier einige Animationsphasen zu fehlen scheinen.
Das alles soll aber über eines nicht hinwegtäuschen:
Homefront hat einige grandiose Momente mit viel Atmosphäre, die wirklich gefallen. Dem zuvor kommunizierten Anspruch, ein Spiel mit verletzlichen Charakteren zu sein, die euch mitfühlen lassen, wird es aber nicht gerecht. Das komplette Setting wird einfach belanglos, ihr fühlt euch nicht wie ein unterlegener Widerstandskämpfer im Kampf gegen einen übermächtigen Feind, sondern wie ein ebenbürtiger Militärtrupp. Dazu fehlt bei einer Kampagne von etwa fünf bis sechs Stunden wohl auch einfach die nötige Zeit, die man sich hätte nehmen müssen. Die großen Momente liegen genau da, wo sie auch die Kampagnen der
Call of Duty-Serie bieten: Wenn es richtig kracht und ihr euch durch die feindliche Übermacht ballert. Die ruhigen Momente beschränken sich auf den Einstieg in das Spiel und den ersten Rundgang durch das Camp des Widerstandes. Selbst grauenhafte Entdeckungen, die ihr im Spiel macht, wollen einfach nicht so recht ihre Wirkung entfalten.
Klanglich wird zwar nicht das Bombast-Niveau eines
Call of Duty erreicht, dennoch gibt es einen recht gelungenen Soundtrack, der für jede Situation eine passende Untermalung bereit hält. Auch die deutsche Synchronisation ist passabel ausgefallen, auf Englisch eingestellt spielt es sich aber am Besten. Die meisten Stimmen gehen in Ordnung, größter Schnitzer ist Robert Jacobs selber: Wie Isaac Clarke im ersten
»Dead Space ist er stummer Beobachter und verliert dadurch ein wenig das Menschliche. Klar, in der Ego-Perspektive wirkt es befremdlich, wenn der eigene Charakter spricht... das tut es aber erst recht, wenn alles auf ihn einredet und er selber sprachlos bleibt.