Wer bei Machosprüchen und dicken Waffen an Duke Nukem denkt, wird umdenken müssen. Denn Entwickler People Can Fly, Macher von »Painkiller und seit 2007 unter dem Dach von Epic Games, schicken euch mit Bulletstorm in die Egoshooter-Zukunft. Wie die aussieht, verraten wir euch in unserem Test.
Man trifft sich im Leben immer zweimal
Niemand wird gerne verarscht. Und niemand ist gerne für den Tod unzähliger unschuldiger Menschen verantwortlich. Doch genau das passiert Grayson Hunt, Gray genannt, und seinem Team in
Bulletstorm. Eigentlich wurden sie angesetzt, den kriminellen Abschaum zu jagen - doch stattdessen hat die Regierung die Söldner benutzt, um kritische Journalisten und sogar Zivilisten zu töten! Das kann Gray natürlich nicht auf sich sitzen lassen und wendet sich von seinen früheren Auftraggebern ab. Doch wie das so ist: Man trifft sich im Leben immer zweimal. In diesem Fall handelt es sich um eine Begegnung mit der Ulysses, dem größten Schlachtraumschiff der Konföderation unter dem Kommando von General Sarrano. Dass da Wut in Grayson aufsteigt, ist wohl nur verständlich... und der Alkohol, den er so oft konsumiert, tut sein übriges. Doch die Attacke durch das kleine Schiff wird schnell entsprechend beantwortet und die Crew muss sich zur Bruchlandung bereitmachen. Aber Gray wäre nicht Gray, würde er nicht zu einem letzten Manöver greifen: Er steuert direkt durch das Schlachtschiff und bringt es so ebenfalls zum Absturz auf den Planeten Stygia.
In der Rolle von Grayson versucht ihr nun, diesem Planeten zu entkommen. Das ist leichter gesagt als getan: Nicht nur die Mannen von General Sarrano sind ein Problem, auch Wilde, die Stygia bewohnen, setzen euch immer wieder zu. Gemeinsam mit dem seit einer Notoperation mental instabilen Crew-Mitglied Ishi Sato bahnt ihr euch einen Weg durch die Botanik Stygias, dunkle Höhlen und zerfallene Gebäude einer großen Vergnügungsstadt im Stile eines Las Vegas.
Bulletstorm zieht dabei alle Register eines Egoshooters: Die beiden Protagonisten (und auch später hinzukommende Charaktere) werfen mit coolen Sprüchen nur so um sich und das Waffenarsenal ist recht brachial. Leider ist vieles auch prollig-pubertär und trifft vielleicht nicht jedermanns Geschmack, der ein oder andere gelungene Spruch ist aber auf jeden Fall dabei.
Kill with Skill
Bulletstorm folgt der Maxime "Kill with Skill". Das bedeutet: Je spektakulärer ihr eure Feinde auseinandernehmt, desto mehr Punkte bekommt ihr. Diese Moves nennen sich Skillshots. Sobald ihr im Spiel die Elektro-Peitsche findet, geht es mit dem Punktesammeln los. Das praktische Teil speichert nämlich eure Statistiken, welche ihr an bestimmten, in den Leveln verteilten, Stationen einsehen könnt. Neben der Möglichkeit, euch neue Waffen und Munition zuzulegen, könnt ihr hier auch eure Skillshots ansehen und vor allem, was ihr dafür tun müsst. Geht die finale Kugel etwa in das Hinterteil eures Gegners, habt ihr den Skillshot "Hintereingang" geschafft. Neben derart einfachen Kills warten aber auch richtige Kracher auf euch, bei denen ihr verschiedene Waffen und Attacken kombinieren müsst, um die Prämie einzustreichen.
Eure wichtigste Ausrüstung ist die Elektro-Peitsche. Die kann nämlich nicht nur die Powerup-Stations anzapfen, sondern dient auch als Waffe und Hilfsmittel. Ihr könnt damit Gegner zu euch heranziehen, welche dann verlangsamt auf euch zufliegen, so dass ihr bequem Schüsse platzieren könnt. Aber auch Explosivfässer lassen sich mit Peitsche und Tritten zu euch hin beziehungsweise von euch weg bugsieren. Praktische Kombi: Holt euch mit der Peitsche ein Fass heran, tretet es in eine Menge heranstürmender Feinde und schon habt ihr Ruhe. Derartige Kreativität ist die größte Stärke von
Bulletstorm. Mit der Zeit wächst euer Waffenarsenal an, mitnehmen könnt ihr allerdings nur drei der Argumentationsverstärker. An den Powerup-Stationen könnt ihr diese aber nach Belieben wechseln. Jede ermöglicht eigene Skillshots, besonders trickreiche (und somit punkteträchtige) Kills erreicht ihr durch die Kombination verschiedener Waffen und der Umgebung.
In der sieben Kapitel umspannenden Kampagne von
Bulletstorm erwartet euch allerlei gegnerisches Viehzeugs, leider jedoch nur wenige große Kämpfe. Bossgegner sind eher Ausnahme als Regel. Dennoch dürftet ihr fute acht bis zehn Stunden mit der Kampagne verbringen - je nach gewähltem Schwierigkeitsgrad. Und danach bleiben euch immer noch die Echo-Missionen: Das sind großteils Abschnitte aus der Kampagne, in denen ihr besonders hohe Punkte erzielen müsst, um Sterne zu verdienen. Mit diesen schaltet ihr dann weitere Echo-Missionen frei. Hier ist also euer ganzes Geschick gefragt.
Technik ist alles!
Skill beweisen auch die Entwickler von
Bulletstorm bei der Umsetzung. Das Leveldesign ist hier klar das Highlight. Ihr startet zwar in einer trostlosen Felslandschaft, erreicht aber bald das Herz Stygias, eine Stadt für das pure Vergnügen. Dieser Ort ist allerdings bereits völlig zerfallen und mit Pflanzen überwuchert. Dennoch ist vieles der alten Technik hier noch aktiv - und lässt die Stadt ein wenig wie Rapture aus
»BioShock wirken, allerdings ohne Art Déco. Die Unreal Engine bietet das technische Grundgerüst für euren unfreiwilligen Ausflug. Und dass die Jungs bei People Can Fly sich damit auskennen, haben sie mit der PC-Portierung eines in Deutschland indizierten Shooters von Epic Games ja bereits bewiesen. Die Texturen sind meist scharf und detailreich, ab und an gibt es aber auch Ausreißer nach unten. Tontechnisch sind die mauen Explosionen ein solcher Ausreißer nach unten, alle weiteren Soundeffekte sind passend gewählt. Das gilt auch für den Soundtrack, der das Geschehen meist mit schnellen Beats untermalt und so für noch mehr Druck sorgt. Zudem wurde
Bulletstorm komplett durchsynchronisiert. Und das nichtmal schlecht! Manchmal übertreiben die (deutschsprachigen) Sprecher ein wenig mit den Macho-Allüren. Aber es passt zum Spiel, das sich selbst auch nicht allzu ernst nimmt.
Blutlos in Deutschland
Wir hatten im Test die deutsche Fassung von
Bulletstorm. Diese unterscheidet sich in vielen Punkten von der internationalen Version. So wurde jegliches Blut entfernt und Körperteile können nicht mehr abgetrennt werden. Das sorgt für absurde Situationen. Etwa, wenn ihr einen Gegner beobachtet, der gerade mit einem Wilden kämpft und diesen regelrecht hinrichtet, aber nichts davon zu sehen ist. Manche Gegner verschwinden sogar einfach nach ihrem Ableben. Schlimmer noch ist es mit der Umgebung: So kommt ihr etwa in den Genuß eines Dialoges, wo die Protagonisten vor einigen Käfigen und Foltergeräten über die Grausamkeiten ihrer Gegner diskutieren - nur zu sehen ist davon nichts. Die Käfige leer, die Foltergeräte unbestückt. In der internationalen Fassung sieht das gänzlich anders aus.
Seien wir ehrlich: Ein Spiel wie
Bulletstorm lebt von dieser Gewaltdarstellung. Gerade das Skillshot-System motiviert erst dadurch richtig und spornt zu immer komplizierten Kills an. Die Geschichte funktioniert zwar auch ohne diese Gewaltdarstellung, die Atmosphäre leidet jedoch gewaltig. Die Möchtegern-harten Kommentare passen einfach nicht so recht zum sauberen Bild, das die deutsche Version hinterlässt. Wer also die Wahl hat, sollte zur internationalen Fassung greifen. Besitzern einer deutschen Version geht einiges an Spielspaß flöten.