feelplus Inc ist ein kleiner Entwickler, der neben eigenen Projekten (etwa dem grottigen Wii-Grusler »Ju-On: The Grudge) vor allem durch seine Zusammenarbeit mit Mistwalker (Blue Dragon Plus und Lost Odyssey) oder auch Square Enix (Infinite Undiscovery und »Star Ocean: The Last Hope) bekannt wurde. Aus letztgenannter Kollaboration kommt nun mit Mindjack eine düstere Zukunftsvision mit interessantem Gameplay-Ansatz. Ob das zu einem Spitzenspiel ausreicht, haben wir uns für euch angesehen.
Dein Verstand gehört nicht mehr dir alleine
Irgendwann zwischen heute und dem Jahr 2031, in dem die Handlung von
Mindjack spielt, hat eine Technologie namens
Mind Wave das Leben angenehm gemacht. Durch ein Headset wurde es möglich, Dinge des täglichen Lebens einfach per Gedanken zu steuern. So etwa Computer, Maschinen und einiges mehr. Der Cop Jim Corbijn macht sich in dieser Zeit auf den Weg zum Flughafen von San Mira, um dort eine Aktivistin in Empfang zu nehmen. Kaum hat er sie ausgemacht, geraten die beiden auch schon in einen Kugelhagel - unbekannte Feinde trachten nach dem Leben der jungen Frau, die sich als Rebecca Weiss vorstellt. Beide müssen nun zusammenarbeiten, um ihren Jägern zu entkommen. Dabei decken sie eine gigantische Verschwörung rund um NERKAS, der Herstellerfirma der
Mind Wave-Technologie, auf.
Was sich hier liest wie die Inhaltsangabe eines Romans von William Gibson (
Neuromancer- und
Idoru-Trilogie) erweist sich in der Spielpraxis schnell als vollkommen irrelevant.
Mindjack bietet eine Kampagne, in deren Verlauf ihr euch mit Jim (welchen ihr steuert) und Rebecca in der Thirdperson-Perspektive auf die Jagd nach der Wahrheit macht. Das bedeutet im Großen und Ganzen immer dasselbe: Ihr kommt in einen neuen Bereich, Gegner tauchen auf und ihr tötet sie alle. Dabei bedienen sich die Charaktere eines an
»Uncharted angelehnten Deckungssystem, ohne auch nur ansatzweise dessen Qualitäten zu erreichen. Ihr könnt nicht über die Deckung feuern, nur an den Seiten vorbei. Je nach eurem anvisierten Ziel schießt ihr aber mehr auf die Kistenseite als auf euren Gegner. Liegt Munition direkt neben euch, müsst ihr für das Aufsammeln aus eurer Deckung und kommt auch nicht wieder automatisch in diese zurück.
Werdet ihr im Gefecht verletzt, färbt sich der Bildschirm rot. Dann solltet ihr schnell eine Deckung aufsuchen, damit sich eure Gesundheit regenerieren kann. Tut ihr das nicht, sterbt ihr jedoch nicht sofort. Stattdessen sackt ihr zusammen und euer Partner muss euch heilen. Umgekehrt müsst ihr eurem Partner helfen, wenn dieser zu Boden geht. Buddy-Spiele wie
Army of Two lassen grüßen.
Mindjack bietet aber einen zusätzlichen Kniff: Das titelgebende
Mind Jacking. Ist euer Charakter am Ende seiner Lebensenergie, werdet ihr zu einem sogenannten Wanderer, einer Art Geist. Als dieser könnt ihr in der Welt herumwandern und nicht verletzt werden. Einige der Charaktere - etwa euren Partner, Zivilisten oder Wachroboter - könnt ihr dann hacken und so die Kontrolle über sie übernehmen. Feinde könnt ihr zwar nicht direkt übernehmen, sie aber durchaus zu Sklaven machen. Haben diese nämlich einige Kugeln einstecken müssen, gehen sie zu Boden und ihr könnt sie mit einem Tastendruck zu
Mind Slaves machen. Daraufhin eröffnen sie das Feuer auf ihre eigenen Kollegen - zumindest, bis sie dann endgültig ausgeschaltet werden.
Da setzt der Verstand aus
Schade, dass ein Spiel, in dem es soviel um Verstand geht, keinen solchen aufweist. Die Gegner in
Mindjack verfügen nahezu über keine KI. Sie gehen zwar in Deckung, bedienen sich allerdings stets sehr einfacher Verhaltensweisen, die schnell vorhersehbar werden. Dummerweise wird die gleiche KI auch für euren Partner eingesetzt. Dieser läuft dann meist stumpf in feindliches Feuer und liegt irgendwann am Boden. Befehle geben könnt ihr eurem künstlichen Mitspieler keine. Wirklich frustrierend wird es, wenn ihr das
Mind Jacking mal wirklich so einsetzen wollt, wie es Sinn machen würde: Mit eurem Charakter in Deckung bleiben und eine Roboterdrohne oder einen Zivilisten die Drecksarbeit machen lassen. Nur leider lenkt die KI euren Charakter, wenn ihr den Körper verlassen habt - und wandert zielstrebig in den Kugelhagel, wo ihr ihn eigentlich nicht haben wolltet. Meist sind danach dann beide Charaktere am Boden und das Spiel verloren.
Was liegt also näher, als den Job des Partners einen menschlichen Mitspieler übernehmen zu lassen? Und genau das bietet
Mindjack auch. Sogar auf recht interessante Weise: Ihr könnt anderen Spielern erlauben, sich in euer Spiel einzuhacken. Diese können dann mit oder gegen euch kämpfen. Richtig gelesen, sie können sich für euer Team (blau) entscheiden oder für den Gegner (rot). So kann jeder einzelne Abschnitt, aber auch die komplette Kampagne, mit- und gegeneinander gespielt werden.
Die Zukunft ist steril
Man kann über
Mindjack sicherlich einiges sagen, wie ein Videospiel des Jahres 2011 sieht es nicht aus. Man könnte den Look natürlich als Stilelement schönreden, aber... nein, das ist es nicht. Simpel gestrickte Korridore, die mit absolut steriler Langeweile angefüllt sind. Liebe zum Detail sucht ihr vergebens. Auch über die Bedienung kann man nur wenig positives vermelden. Das Gunplay funktioniert, auch wenn manche Gegner einfach zu schnell unterwegs sind, um vernünftig anvisiert zu werden. Schlimmer ist allerdings das Nahkampfsystem. Um einen Gegner anzugreifen, müsst ihr an diesen heran, ihn direkt vor euch haben und dann die B-Taste drücken. Entscheidend ist die exakte Position, damit der Button zur Eingabe erscheint. Auch das Timing spielt eine Rolle. Und oft drückt ihr die Taste und nichts passiert. Selten zuvor so ein unpräzises und vollkommen sinnloses Kampfsystem gesehen.
Auch die Animationen sind alles andere als flüssig. Während ihr selbst recht behäbig unterwegs seid, trifft das auf eure Gegner nicht ansatzweise zu. Sind diese etwa hinter einer Deckung, "poppen" sie zum Schießen quasi aus dieser heraus, einen richtigen Bewegungsablauf scheint es da nicht zu geben.
Das wirklich schrägste Feature von
Mindjack ist das Aufleveln eures Charakters. Ihr bekommt für besiegte Gegner Erfahrung und irgendwann dann auch einen Stufen-Aufstieg, der euch neue Fertigkeiten beschert. Nur: Davon merkt ihr gar nichts. Es gibt kein Menü, um diese einzusehen oder auszuwählen. Stattdessen müsst ihr aus dem laufenden Spiel heraus und im Hauptmenü die Y-Taste drücken. Hier könnt ihr dann eure Plug-Ins verwalten - es gibt einen Slot für veränderte Regeln und zwei für Fertigkeiten.
Ausgezeichnet mit den folgenden GameRadio-Awards:
