Lange mussten Endzeit-Rollenspielfans warten. Doch am 22. Oktober war es endlich soweit: Fallout: New Vegas ziert die Ladenregale. Viele Fallout- Begeisterte ließen sich den potenziellen Spitzentitel per Vorstellung pünktlich zum Release ins Haus liefern. Doch auch andere Stimmen wurden vor Release laut: Einige befürchteten, dass Bethesda Softworks und Obsidian Entertainment keinen Spitzenspiel auf den Markt bringen würden – lediglich eine Art Fortsetzung des beliebten »Fallout 3. Wir wollen euch zeigen, ob die optimistischen Fans oder die kritischen Zocker Recht behielten. Ist Fallout: New Vegas das Ende der Enzeit-RPG-Serie – oder geht es erst richtig los?
Wild Wild West
Ganz klar: auch in
Fallout: New Vegas findet ihr euch in einer postnuklearen Spielwelt wieder. Der ganze Landstrich wurde größtenteils im Atomkrieg zerstört. Ruinen und Ödland bestimmen die Umgebungen. Doch einige Menschen haben sich während des Krieges in riesigen, unterirdischen Bunkern verschanzt – den sogenannten Vaults. Und nach dem tödlichen Konflikt kommen sie wie die Ratten wieder aus ihren Löchern gekrochen. Schon bald werden Städte wieder besiedelt, Clans gegründet und der Kampf ums Überleben beginnt erneut. Eine Gesellschaft wie vor dem Krieg gibt es nicht mehr. Doch einige Clans sind stärker als andere – und kämpfen um die Vorherrschaft. Wieder einmal steht ein Krieg zwischen den Fraktionen bevor – der Mensch lernt schließlich nie dazu.
Anders als in
Fallout 3 bewegt ihr euch hauptsächlich im Westen der USA. Und die Parallelen zum „Wilden Westen“ sind nicht zu übersehen. Sowohl die Outfits der Charaktere – schicke Hüte und Mäntel – als auch die Wortwahl erinneren an alte Westernstreifen. Selbst Roboter benutzen des Öfteren ein fröhliches „Howdy“ zur Begrüßung.
Doch zuerst zu eurer eigenen Geschichte: Ihr seid Kurier und wollt ein Paket ausliefern – leider geratet ihr in die Hände eines Fremden, der euch nach wenigen Worten eine Kugel in den Kopf jagt. Glücklicherweise überlebt ihr den Schuss und ein scheinbar freundlicher Roboter bringt euch zu Doctor Mitchell – der euch wieder zusammenflickt. Nun kann eure Suche nach den Angreifern beginnen – und die Erforschung der Welt.
Always Hardcore?
Schon nach einer kurzen Charakterkonfiguration und Einleitung stellt euch
Fallout: New Vegas vor eine schwierige Wahl: Wollt ihr das Spiel im neuen Hardcore–Mode bestreiten oder begnügt ihr euch mit der anfängerfreundlichen Soft-Version? Echte Zocker dürfte der Hardcore-Mode vor neue Herausforderungen stellen: Stimpaks heilen euch deutlich langsamer – und sie können auch keine Verkrüppelungen mehr beheben. Auch die Rad-Aways, die euch vor zu großer Verstrahlung retten, wirken viel langsamer. Darüber hinaus wird der Munition in eurem Gepäck Gewicht angerechnet – schier unendliche Munitionsvorräte sind dadurch nicht mehr möglich. Zu guter Letzt stellt die Dehydration eine ständige Bedrohung dar. Ein kleiner Anreiz, sich für diese Spielvariante zu entscheiden, ist eine Belohnung, die ihr erhaltet, wenn ihr die Hauptstory auf diesem Niveau abschließt.
Wem dies allerdings zu knifflig ist, kann auch im normalen Modus spielen. Der Hardcore-Mode kann jederzeit später im Spiel eingestellt werden – allerdings entgeht euch dann die „besondere Belohnung“. Doch auch ohne Hardcore könnt ihr die Schwierigkeit eurem Spielerniveau anpassen – vom nahezu „Godlike“ im „sehr leicht“–Modus bis hin zum wirklich herausfordernden Schwierigkeitsgrad. Ob Greenhorn oder Pro – jeder dürfte auf seine Kosten kommen und die Spielschwierigkeit seinem Können anpassen können.
Altbewährtes bleibt
Natürlich ist
Fallout: New Vegas keine Neuerfindung. Bewährte Spielelemente werden natürlich beibehalten. Wie in Rollenspielen typisch erhaltet ihr für jeden Levelaufstieg Fertigkeitspunkte und besondere Fähigkeiten. Dadurch nimmt euer Charakter natürlich an Stärke zu. Ob ihr einen sprengstoffsüchtigen Wissenschaftler oder einen schießwütigen Rhetoriker haben wollt – ihr könnt euren Charakter frei entfalten. Jede Spezialisierung bringt Vor- und Nachteile mit sich. Eine ausgewogene Charakterentwicklung hat natürlich auch ihre Vorteile – allerdings werdet ihr so auch nie in der Lage sein, schwierige Reparaturen durchzuführen, komplizierte Schlösser zu knacken oder enormen Schaden mit schweren Geschützen anzurichten.
Wieder dabei ist auch das V.A.T.S. - In Kämpfen könnt ihr die Zeit anhalten und beliebige Körperpartien der Gegner anvisieren. Anschließend dürft ihr euch zurücklehnen und zusehen, wie eure Gegner in Zeitlupe erledigt werden – oder wie euer Charakter gnadenlos am Ziel vorbei schießt. Wie schon bei
Fallout 3 wurde hier in der deutschen Fassung allerdings wieder gnadenlos zensiert: Körper der Gegner bleiben am Stück – auch bei großkalibrigen Waffen. Verkrüppelte Körperteile erkennt ihr lediglich am eingeblendeten Text „[Körperteil] verkrüppelt“. Einen Vorteil hat diese Zensur allerdings: Es genügt, wenn ihr einen toten Körper nach möglicher Beute durchsucht – und nicht etliche im Raum verstreute Körperteile ein und desselben Gegners.
Auch der Pip-Boy bleibt im Spiel fest verankert und kümmert sich um euer Inventar, euren Questlog und um euren Status. Auch die Map ist wie beim Vorgänger hier integriert. Zwar hat der Pip-Boy 3000 in
Fallout: New Vegas eine neue Oberfläche bekommen – die Bedienung und die Inhalte bleiben allerdings nahezu identisch. Da aber eine schnelle Bedienung und eine einfache Handhabung gewährleistet sind, hätte hier wohl jede größere Veränderung zu einer Verkomplizierung geführt.
Die rote oder die blaue Pille?
…. Oder doch lieber die grüne, die gelbe, die türkise oder vorerst mal gar nichts und dann später nochmal überdenken? So oder so ähnlich wirken all die Entscheidungen, die ihr in
Fallout: New Vegas treffen müsst. Und eure Entscheidungsfreiheit besteht nicht nur darin, wie ihr eine Mission – von denen es neben der Hauptmission etliche weitere gibt – angeht. Offener Kamikazeangriff oder hinterhältiges Heranschleichen? Oder versucht ihr doch lieber, die Probleme diplomatisch zu lösen? Oder noch einfacher: Schlagt euch doch einfach auf die Seite, die gerade überlegen ist…
Ihr kommt nicht darum herum, Entscheidungen zu treffen, die den weiteren Spielverlauf drastisch beeinflussen. In der Welt von
Fallout: New Vegas gibt es nicht nur die beiden großen, konkurrierenden Fraktionen. Jede Gesellschaft, jeder Ort und jede Gruppe bewertet euer Verhalten. Helft ihr den einen, verärgert ihr damit die anderen. Es ist wie im wahren Leben: Man kann es einfach nicht allen Recht machen. Euer Ansehen und euer Ruf, der durch eure Taten bestimmt wird, beeinflusst das Verhalten von jeder möglichen Art von Interessensverbänden.
Neben all diesen Fraktionen, denen ihr euch anschließen könnt, oder die ihr bekämpfen könnt, gibt es noch euer allgemeines Karma. Dieses entscheidet über eure Gesinnung – Gut, Böse oder Neutral. Das Stehlen von Gegenständen ist natürlich böse. Und das Retten einer hilflosen, fremden Person ist natürlich gut. Viele andere Entscheidungen sind allerdings nur schwer einer Gesinnung zuzuordnen.
Noch mehr Qualen der Wahlen
Neben der Art und Weise, wie ihr
Fallout: New Vegas spielen wollt, müsst ihr euch natürlich auch für das richtige „Werkzeug“ entscheiden. Das Waffenarsenal ist gegenüber dem Spiel des Jahres 2008 nochmal deutlich gewachsen. Vom Brecheisen über eine einfache 9mm, über die Schrotflinte, bis hin zum beliebten „Fatman“ (einem Mini- Atombombenwerfen) sind unzählige Waffentypen verfügbar. Dynamit und Granaten sorgen dafür, dass ihr auch größere Gegnergruppen aus der Entfernung verwunden könnt. Wie viel Schaden ihr mit den einzelnen Waffentypen anrichtet, richtet sich nach euren Fertigkeitspunkten. Allerdings werdet ihr im waffenlosen Kampf wohl kaum eine Chance gegen eine Gruppe schwerbewaffneter Raider haben…
Darüber hinaus könnt ihr eure Waffen auch modifizieren. Beispielsweise gibt es für jeden Waffentyp besondere Projektile, die Einfluss auf die Effizienz haben. Manche Projektile erhöhen die Durchschlagskraft gegen Rüstungen der Gegner – dafür richten sie weniger Schaden an. Andere wiederum bewirken das Gegenteil: Sie sind bei Rüstungen kaum effizient, auf nacktem Fleisch richten sie allerdings enormen Schaden an. Ihr solltet eure Projektile und eure Waffen daher gut überlegt auf eure jeweiligen Gegner abstimmen. Und Gegnertypen gibt es viele: Von einfachen Fliegen, über mutierte Insekten und Tiere, bis hin zu Räubern und Soldaten. Und natürlich Mutanten und Ghule. Töten kann euch in
Fallout: New Vegas fast alles.
Las Vegas Feeling
Neben dem postnuklearen Südwest- Ambiente steht natürlich der Titel “New Vegas” klar im Vordergrund der Stimmung. Und dies macht sich nicht nur in der hell erleuchteten Stadt mit Striplokalen und Casinos bemerkbar. Ganz zu schweigen vom rätselhaften Mann, der scheinbar „New Vegas“ kontrolliert…
Um der Spielsucht auch in
Fallout: New Vegas fröhnen zu können, wurde extra ein Kartenspiel namens „Caravan“ entwickelt. Neben den bekannten Zocker-Spielen wie Blackjack, Einarmiger Bandit und Roulette begleitet euch dieses Kartenspiel durch das gesamte Endzeitszenario. Ihr könnt viele Charaktere im Spiel zu einer Partie herausfordern – und ordentlich Geld gewinnen… oder verlieren. Hier dürft ihr euch kurzzeitig von euren Streifzügen durch die Ödlande erholen und das Chaos um euch herum vergessen. Da das Spiel mit einem französischen Kartendeck gespielt wird, könnt ihr die Regeln auch adaptieren und so ein klein wenig „New Vegas“ in euer Reallife übernehmen.
Definitiv ein Nachfolger
Obgleich schon erwähnt wurde, dass viele Spielelemente aus
Fallout 3 übernommen wurden, muss der Punkt nochmals aufgegriffen werden. Grafisch ist im Vergleich zum Vorgänger nicht viel geschehen. Bereits nach wenigen Spielstunden könnt ihr den ein oder anderen Ort aufsuchen, an dem Gegenstände je nach Perspektive erscheinen oder verschwinden. Im Großen und Ganzen sind die grafischen Elemente natürlich sehr gut ausgearbeitet und abwechslungsreich – doch an den Nebenschauplätzen wurde ab und an etwas nachlässig gearbeitet. Auch werden Spieler des Vorgängers sehr schnell auf Grafikelemente stoßen, die scheinbar eins zu eins aus
Fallout 3 übernommen wurden.
Lediglich im Bereich der Spezialtechniken und Fertigkeiten wurde eine sinnvolle Überarbeitung durch Obsidian angegangen: Die aus
Fallout 3 bekannten Fertigkeiten, die mehr oder weniger sinnfrei waren, fielen weg. Alles zu erlernende kann im Spiel auch genutzt werden - und zwar so, dass es beim Lösen von Missionen und Kämpfen auch hilfreich ist. Dies konnte im dritten Teil leider nicht immer behauptet werden. Und sollte eine eurer Fähigkeiten einmal nicht ausreichen, um eine Aktion durchzuführen: Kein Problem, denn es gibt etliche Magazine, die durch Lesen einen kurzzeitigen Bonus geben.
Ausgezeichnet mit den folgenden GameRadio-Awards:
