Das lange Warten hat ein Ende. Endlich sind die beiden überaus sympathischen Protagonisten Kane und Lynch wieder da uns sorgen mit ihren witzigen Dialogen, präziser und eingängiger Steuerung, einfallsreichem Gameplay und tiefgründiger Story für Gänsehaut bei den Videospielern… ganz wie schon beim ersten Teil. Äh… Moment! Hat wirklich jemand auf einen weiteren Auftritt der beiden Chaoten gewartet? Zugegeben war der Hype um Kane & Lynch recht groß, doch das fertige Spiel konnte nur in Ansätzen die großen Erwartungen rechtfertigen. Nichts desto trotz bringt Square Enix nun den zweiten Teil der Ganovensaga auf den Markt und verspricht einige Verbesserungen. Wir haben dem Nachfolger eine faire Chance gegeben und uns abermals an die Seite der Gangster gestellt. Was die Entwickler diesmal anders (und besser) gemacht haben, verrät unser ausführlicher Test.
Es sieht ganz so aus, als hätte Entwickler IO Interactive tatsächlich das Kundenfeedback studiert und viele Kritikpunkte des ersten Teils nachgebessert. Auffälligste Änderung dabei ist sicherlich die Optik:
Deutschlands lustigste Heimvideos feat. Kane & Lynch 2
Für
Kane & Lynch 2 hat sich IO Interactive ein ganz besonderes stilistisches Mittel einfallen lassen. Die beiden Gangster haben offenbar stets einen dritten Mann mit an Bord, der die Geschehnisse mit einem Camcorder für die Ewigkeit festhält. Bei der Anschaffung des Geräts musste das Trio scheinbar auch etwas auf den Geldbeutel achten, denn die Qualität der Aufnahmen lässt die Herkunft des Camcorders irgendwo zwischen YPS-Heft und Legobausatz vermuten. HD sieht anders aus! Aber gerade dies verleiht
Kane & Lynch 2 einen anderen, einzigartigen Stil.
Die Optik versprüht zweifelsfrei einen gewissen Charme. Die flimmernden Pixel, das grieselnde Bild und die verwaschenen Texturen lassen den Spieler in dem Glauben, Teil eines C-Movies zu sein. Legen die ansonsten eher gemächlichen Gangster einen Zwischensprint ein, verwackelt auch sogleich das Bild. Dieser Effekt ist zwar sicherlich etwas gewöhngsbedürftig, aber wenigstens konsequent.
Ballern, Deckung, Ballern, Deckung
Gleiches gilt auch für das Gameplay von
Kane & Lynch 2. Betrachtet man diesen Aspekt, so hat das Spiel nur wenig Abwechslung zu bieten. Konsequent wird eine Schießerei an die nächste gereiht. Den Ablauf haben selbst Shooterneulinge schnell verinnerlicht. Tür eintreten, losballern, Deckung suchen, Weiterballern. Diese Szenen wiederholen sich bei
Kane & Lynch 2 stakkatohaft. Fairerweise sollte jedoch erwähnt werden, dass sich die Locations recht abwechselungsreich gestalten. Die beiden Ganoven müssen nicht die x-te Lagerhalle durchstreifen, sondern tauchen an den unterschiedlichsten Orten der Unterwelt von Shanghai auf.
Ein wenig Variation bringen immerhin die unterschiedlichen Waffen im Spiel. So dürfen sich Kane und Lynch etwa einer schweren Pistole, einer Shotgun oder einer Uzi bedienen. Die Schnellfeuerwaffen stellen jedoch leider nur eine echte Notlösung dar und sind für den Dauergebrauch nicht zu empfehlen. So kann es durchaus vorkommen, dass der Spieler ein ganzes Magazin im Körper des Feindes versenkt hat, ohne diesen ernsthaft verletzt zu haben. Die Einschusskaliber sind da deutlich effektiver. Ist man sich dieser Tatsache einmal bewusst, ist dies nicht weiter dramatisch, wirklich ausbalanciert sind die Waffen aber leider nicht. Interessant ist dafür aber die Interaktion mit Benzinkanistern oder Feuerlöschern. Diese können etwa in eine Gegnertraube geschleudert und mit einem gezielten Schuss zur Detonation gebracht werden.
In Bezug auf die Waffen ist den Entwicklern ein weiterer Designfehler vorzuwerfen. Das Fadenkreuz zum Anvisieren eines Gegners ist leider gänzlich in weiß gehalten, auch wenn es direkt auf den Feind deutet, ändert es seine Farbe nicht. Müssen wir also gegen das Licht zielen oder gegen eine weiße Wand, wird unsere Zielhilfe mit einem Schlag unsichtbar. So sind wir des öfteren dazu gezwungen halbblind durch die Gegend zu feuern.
F?*king B*?lshit!!
Warum hat uns das Spiel aber nun dennoch Spaß bereitet? Trotz der genannten Kritikpunkte funktioniert der Shooterpart in
Kane & Lynch 2 ansonsten weitgehend reibungslos. Das Deckungssystem wurde im Vergleich zum ersten Teil deutlich verbessert und bietet wenig Anlass zur Kritik. Auch das Feedback der Waffen ist durchaus gelungen und lässt manch anderes Konkurrenzprodukt alt aussehen.
Größter Pluspunkt sind aber zweifelsohne die beiden Hauptdarsteller selbst. Es ist erfrischend, einmal nicht in die Rolle des strahlenden Überhelden zu schlüpfen. Kane und Lynch sind alles andere als der Archetyp des Videospielheroen. Kane und Lynch sind dreckig, fett und hässlich. Sie sind glücklos und geraten von einer Schwierigkeit in die nächste. Kane und Lynch sind die Donald Ducks der Third-Person Shooter. Die beiden fluchen und schimpfen, dass es selbst dem Duke die Schamesröte ins Gesicht treibt. Auf ihrem Weg in das nächste Missgeschick schieben sich beiden die Bälle verbal immer wundervoll hin und her.
Auch in Sachen Multiplayer bietet
Kane & Lynch 2 gute Unterhaltung. Wer gerne mit seinem besten Kumpel vor einer Konsole zockt, darf sich über den Splitscreenmodus freuen, der in Onlinezeitalter doch noch nicht so ganz ausgestorben zu sein scheint. Der kooperative Modus ist dabei das Highlight des Spiels. Während ihr in der Solokampagne in die Rolle von Lynch schlüpft, darf im Koop-Modus nun auch Kane aktiv gesteuert werden. Daneben hat IO Interactive einige weitere Spielmodi integriert. Neben Altbewährtem sei hier insbesondere der Spielmodus „Fragile Alliance“ erwähnt. In diesem darf sich gleich eine ganze Gang an einem Überfall beteiligen. Gemeinsam bewerkstelligen die Spieler den Coup und teilen dann die Beute unter sich auf. Nun geht die Sache aber erst richtig los. Denn wer die Beute nicht mit seinen Buddys teilen will, der knallt diese einfach in einem günstigen Augenblick ab. Dies alarmiert natürlich den Rest der Gang, die nun möglicherweise Jagd auf den Verräter machen... oder ihrerseits ihren Beuteanteil vergrößern, indem sie andere Mitspieler abknallen. Die Flucht wird zusätzlich erschwert durch die heranrückenden Polizisten, die ebenfalls hinter den Ganoven her sind. Klasse Idee, schön umgesetzt!
Wie konnte das nur passieren?
Der klassische Koop-Modus hingegen beinhaltet die Story der Solokampagne. Wobei der Begriff „Story“ vielleicht etwas hoch gegriffen erscheint. Wie konnten Kane und Lynch nur wieder in so eine üble Lage geraten? Nach den Geschehnissen des ersten Teils hatten sich die Wege der beiden Gangster getrennt. Der Ruf des großen Geldes hat die beiden aber nun wieder zusammengerufen, nach Shanghai. Dort lebt Lynch seit einigen Jahren mit seiner Freundin Xiu zusammen. Also treffen sich die beiden in Chinas Metropole wieder. Bevor Lynch seinen Kumpel zum Hotel bringt, muss dieser allerdings noch schnell einen kleinen Job durchziehen. Dieser „kleine“ Job scheint aber letztlich doch eine Nummer zu groß gewesen zu sein für das schräge Duo. Dank einer etwas voreiligen Handlung von Kane, lässt die Tochter eines Unterweltbosses ihr Leben. Schlecht für die beiden, denn nun werden sie von feindlich gesinnten Gangstern und der örtlichen Polizei gejagt.
Zwar wird die Geschichte in kurzen Cutscenes immer wieder ein wenig vorangetrieben, sie bleibt aber immer recht oberflächlich. Mit einer witzigen oder gar spannend inszenierten Ganovenstory kann
Kane & Lynch 2 leider nicht aufwarten.
Schnitte in der deutschen Version
Abschließend möchten wir euch ein paar Worte zur deutschen Version nicht vorenthalten, da sich diese doch deutlich von der Originalfassung unterscheidet. Dass deutsche Versionen mit einem reduzierten Blutgehalt auskommen müssen, daran haben wir uns schon längst gewöhnt. Weiterhin sind besonders brutale Szenen wie zermatschte Häupter weggepixelt. Auch dies fällt nicht weiter negativ ins Gewicht, da es ziemlich gut zum Stil und der Optik des Spiels passt. Ärgerlich hingegen ist der Umgang mit Zivilisten. Wie schon bei einigen namhaften Konkurrenzprodukten können diese nicht angegriffen werden. Schlimmer noch, laufen während der Action einige Passanten durch das Bild, versagt eure Knarre komplett. Der Abzug wird rigoros blockiert, damit ihr nicht versehentlich einen der Unschuldigen trefft. Die Gegenseite hingegen ballert munter weiter drauflos. Nervig und unrealistisch!