Wieviele Videospiele könnt ihr aus dem Stehgreif benennen, die im Wilden Westen spielen? Den Koop-Klassiker Sunset Riders eventuell oder aus der jüngeren Vergangenheit noch »GUN und »Red Dead Revolver. Überschaubar - und darum spendiert Entwickler Rockstar dem letztgenannten Titel nun einen Nachfolger. Was euch im Zeitalter der einsetzenden Industrialisierung alles erwartet, erfahrt ihr von uns...
Verdammt zu leben - verdammt zu sterben
1911, an der Grenze zu Mexiko. Die Industrialisierung schreitet mit großen Schritten voran, die Indianer wurden in Reservate gesteckt und die Zeit der Gesetzlosen, der Outlaws, scheint zu Ende. John Marston gelang der Absprung; weg von seiner Bande, hin zu einem Leben als Rancher, mit Frau und Sohn Jack. Doch seine Vergangenheit wird man eben nicht so leicht los: Bundesagenten entführen Frau und Sohn, um John dazu zu bringen, seine alten Bandenfreunde aufzuspüren und zu töten. Den Anfang macht Bill Williamson, welcher sich in Fort Mercer verschanzt hält. Diesem gelingt es jedoch, John anzuschießen. Er wird im Staub vor den Toren des Forts zum Sterben liegen gelassen. Doch Bonnie MacFarlane, eine Farmerin aus der Nähe, sammelt ihn auf und bringt ihr auf ihre Ranch. Kaum wieder auf den Beinen, macht sich John aus Dankbarkeit auf der Ranch nützlich. Seinen Auftrag und die Hoffnung auf eine Heimkehr zu seiner Familie immer im Auge, wartet der alte Outlaw auf seine Gelegenheit.
Die erste Zeit in
Red Dead Redemption verbringt ihr auf der Farm der MacFarlanes, wo ihr in kleineren Missionen mit der Steuerung und den Gameplay-Elementen vertraut gemacht werdet. Hier habt ihr auch euer erstes Versteck, in dem ihr speichern könnt. Trotz Schnellreise-Systemen wie Postkutschen oder eurem nahezu überall aufschlagbaren Campingfeuer (an dem ihr auch speichern könnt), der Ausritt per Pferd ist natürlich Pflichtprogramm. Reitet ihr einen Gaul häufiger, wird dieser euch gegenüber loyaler und kann so bei einem schnellen Ritt mehr Ausdauer an den Tag legen. Praktisch: Durch einen kurzen Pfiff könnt ihr jederzeit euer Pferd zu euch rufen, wenn ihr mal irgendwo mitten im Nirgendwo steckt. Über ein einblendbares Ringmenü greift ihr auf eure Waffen zu. Ob Gewehr, Flinte, Revolver, Dynamit oder Lasso, ihr habt alle eure Waffen stets bei euch. Leider läuft während der Waffenwahl die Zeit im Spiel weiter, was in hektischen Situationen ohne ein wenig Übung schnell lebensgefährlich für euch werden kann. Damit das Zielen gut von der Hand geht, gibt es drei verschiedene Zielsysteme: Ihr könnt entweder komplett selber das Fadenkreuz ausrichten, oder aus zwei vereinfachten Fassungen mit Zielerfassung wählen. Profis bevorzugen die manuelle Einstellung, alle anderen werden mit der Automatik - die leider nicht immer perfekt funktioniert - aber ebenfalls glücklich. Auch das aus dem Vorgänger
Red Dead Revolver bekannte
Dead Eye ist wieder dabei. Damit könnt ihr die Zeit beim Zielen verlangsamen und so auch mehrere Feinde oder Körperpartien gezielt aufs Korn nehmen. Wie in modernen Spielen üblich gibt es keine Anzeigen für die Gesundheit, diese regeneriert sich von alleine, sobald ihr euch eine Weile aus der Schußlinie raushaltet.
Die Missionen von
Red Dead Redemption führen euch durch drei sehr unterschiedliche Regionen voller Abwechslung: Staubige Westernstädtchen, offene Prärie, verlassene Ruinen, Minen, mexikanische Bauten, zerklüftete Canyons, Flüsse, Wasserfälle, tiefe Wälder und sogar verschneite Berge warten auf ihre Entdeckung. Ähnlich wie in
Grand Theft Auto erforscht ihr die Welt auf eigene Faust und könnt bei verschiedenen Auftraggebern eure Missionen starten. Diese decken eine große Bandbreite an Aufgaben ab. Angefangen bei dem Fangen von Pferden, Viehtrieb über Tötungsmissionen bis hin zu dem Angriff auf ganze Festungen wird einiges geboten. Die Zwischensequenzen spinnen die Geschichte gut voran und ihr trefft auf hart arbeitende Farmer, Trunkenbolde, Revolutionäre, Revolverhelden und die ein oder andere äusserst skurrile Persönlichkeit. Die Missionen sind allesamt nicht sonderlich schwer ausgefallen und dank fair verteilter Rücksetzpunkte sollte eigentlich kaum jemand Probleme haben, die 57 Missionen der Geschichte zu bewältigen. Und wer die ein oder andere Mission nochmal erleben möchte, kann dies ebenfalls tun. Allerdings ist die Option dazu in den Statistiken versteckt, das hatten Spiele wie
»Saints Row 2 oder
»GTA: Chinatown Wars besser gelöst.
Für eine Handvoll Dollar
Natürlich braucht man auch im Wilden Westen vor allem Geld. Und der Dollar hatte damals einen ganz anderen Wert als heute - Unsummen solltet ihr für die Erledigung eurer Missionen also nicht erwarten. Da hilft nur, abseits der Story tätig zu werden... und
Red Dead Redemption bietet euch alles nötige dazu in der Spielwelt an. Recht einträglich ist etwa die Jagd nach Tieren, angefangen bei Schlangen und Gürteltieren bis hin zu Pumas und Bären. Habt ihr diese getötet, könnt ihr sie zerlegen und etwa Fleisch, Fell, Klauen und dergleichen mitnehmen und später in den Städten verkaufen. Auch Kräuter könnt ihr sammeln und verkaufen. Noch einträglicher ist die Kopfgeld-Jagd: Nehmt eines der in den Städten aushängenden Fahndungsplakaten mit und jagt den Gesetzlosen nach. Hierbei gilt: Tot bringt euch die gesuchte Person weniger Geld als wenn ihr sie lebendig abliefert! Das Lasso, um Personen (und Wildpferde) zu fangen, ist hierbei der Waffe also vorzuziehen. Aber auch übliche Minispiele sorgen für ein gutes Einkommen: Geht einfach in einen Saloon und spielt Poker (Texas Hold'em), Blackjack oder Würfelpoker oder versucht euch im Hufeisenwerfen oder Armdrücken.
Zudem gibt es in
Red Dead Redemption immer mal wieder Zufallsbegegnungen, Menschen die Probleme haben und eurer Hilfe bedürfen. Beim ersten Mal sind diese Begegnungen mitunter recht überraschend, allerdings gibt es nicht soviele verschiedene Varianten, wodurch ihr recht schnell wisst, was euch erwartet. Darum hier ein kleines Beispiel für eine solche Begegnung, die nicht allzu viel Überraschendes beinhaltet: Ihr werdet von einem Mann auf einem Pferd gebeten, ihm gegen Banditen zu helfen. Diese haben seine Frau entführt und drohen nun, sie zu erhängen. Folgt ihr dem Mann, könnt ihr gerade noch zusehen, wie die Banditen den Stuhl, auf dem die Frau stand, umtreten. Ihr müsst nun innerhalb kurzer Zeit das Opfer vom Strick befreien und mit den Banditen fertig werden.
Habt ihr dem Mann geholfen, seine Frau zu retten, bekommt ihr eine kleine Belohnung - und Ruhm und Ehre steigen. In der Welt von
Red Dead Redemption baut ihr euch nämlich auch einen Ruf auf. Leider hat euer Ruf nur wenig Einfluß darauf, wie auf euch reagiert wird - als strahlender Held bekommt ihr in einigen Städten Waren günstiger zum Kauf angeboten, als Schurke zahlt ihr eben mehr. Verbrechen bleiben übrigens nicht ungestraft: Werdet ihr bei einer Straftat beobachtet, wird der Augenzeuge schnurstracks den Sheriff informieren. Ihr könnt ihn jedoch umlegen oder bestechen. Gelingt euch das nicht, werden die Ordnungshüter nicht nur ein Kopfgeld auf euch aussetzen, sondern auch nach euch jagen. Um nun der Gefahr zu entgehen, habt ihr zwei Möglichkeiten: Ihr könnt die Verfolger alle erledigen, dann wird auch euer Kopfgeld wieder zurückgesetzt oder ihr flieht aus dem Suchradius. Entscheidet ihr euch für letzteres, bleibt das ausgeschriebene Kopfgeld bestehen. Bei einem Telegrafenamt könnt ihr das Kopfgeld, entweder gegen Zahlung der entsprechenden Summe oder Vorlage eines Begnadigungsschreibens, beseitigen lassen.
Das dreckige Dutzend
Kaum ein Spiel kommt heutzutage ohne Multiplayer aus - so auch
Red Dead Redemption. Und Rockstar hat sich einiges einfallen lassen, um euch auch online in den Wilden Westen zu versetzen. Startet ihr den Multiplayer, landet ihr erstmal im Freien Modus. Das ist quasi die Online-Lobby. Statt allerdings dröger Gamertags in einer Liste zu sehen, seid ihr mitten in der Welt und könnt euch mit euren Freunden treffen und als Bande zusammentun. Über das Menü könnt ihr dann an Herausforderung und Spielen teilnehmen. Die Modi umfassen eigentlich alles, was man von Online-Spielen gewohnt ist, etwa
Deathmatch oder
Capture the Flag. Natürlich auch teambasierend spielbar. Austragungsorte sind etwa Städte oder Gebiete aus der Spielwelt - dank der enormen Größe sind hier viele Möglichkeiten drin: Versteckt euch etwa in Armadillo auf einem Balkon, lasst eure Bande die Gegner auf die Hauptstraße locken und nehmt sie ins Kreuzfeuer. Oder ihr nutzt in Mexiko die Weite der Landschaft mit dem Scharfschützengewehr zu eurem Vorteil.
Euer virtuelles Ich in der Online-Welt von
Red Dead Redemption sammelt mit jedem Match Erfahrungspunkte. Ähnlich wie bei
»Modern Warfare 2 steigt ihr damit im Level auf und bekommt so Zugriff auf andere Charaktere, Reittiere, Waffen und Titel. Spezielle Spielmodi für Experten werden auch erst mit höheren Rängen verfügbar.
Endlos ist die Prärie
Beim ersten Blick auf die Karte von
Red Dead Redemption wirkt diese recht klein, verglichen etwa mit einem
»GTA: San Andreas. Davon solltet ihr euch jedoch nicht täuschen lassen: Das begehbare Gebiet ist riesig! Wenn ihr von einem Hügel aus gen Horizont blickt, werdet ihr dank der enormen Weitsicht mit einem regelrechten Postkarten-Motiv belohnt. Die dichte Atmosphäre wird durch diverse Effekte verstärkt: Satte Farben bei Sonnenschein, volumetrische Beleuchtung und Hitzeflimmern bringen euch die erbarmungslose Sonne der Prärie glaubhaft auf den Bildschirm. Die Soundeffekte klingen durchweg glaubwürdig und die (englischsprachigen) Sprecher machen ihre Arbeit sehr gut. Einzig der Soundtrack ist bis auf wenige Ausnahmen (etwa "
Compass" - wunderschön ins Spiel eingebracht!) recht abwechslungslos, untermalt aber das Geschehen meistens recht passend. Und auch sonst leistet sich die Technik keine großen Patzer, Ruckler oder dergleichen sind nur äusserst selten anzutreffen.
So ganz perfekt allerdings ist
Red Dead Redemption dann aber doch nicht, es teilt viele Probleme mit anderen Open World Spielen wie etwa denen der
Grand Theft Auto-Reihe. Etwa die aufploppenden Objekte und Texturen, wenn ihr schnell unterwegs seid. Und auch einige Fehler haben sich in den Programmcode geschlichen: Hüpfende Kutschen, im Boden steckende oder schwebende Pferde sowie geschloßene Türen, durch die ihr hindurchsehen könnt, sind noch lustig anzusehen. Allerdings gibt es auch bösere Bugs. Beim Test kam es etwa dazu, dass Interaktionen mit Objekten plötzlich nicht mehr möglich waren und nur der Neustart noch helfen konnte - sowas ist während einer Mission (und auch hierbei konnte dieser Fehler auftreten) mehr als nur ärgerlich. Bleibt zu hoffen, dass Rockstar zumindest die gröbsten Patzer noch per Update ausbügeln wird - dem Multiplayer-Modus widmete der Entwickler bereits einen Tag nach Release einen Patch. Download-Content ist ebenfalls geplant, so soll schon in absehbarer Zeit ein Coop-Modus folgen. Ob auch Episoden wie bei
»Grand Theft Auto IV geplant sind, ist bislang unklar.
Besitzer einer PlayStation 3 bekommen übrigens ein bisschen mehr für ihr Geld: Auf der Blu-ray von
Red Dead Redemption befindet sich ein zusätzliches Bandenversteck sowie ein weiteres Outfit. Ob das jemals auch - etwa per Download - für die Xbox 360 nachgereicht wird, ist fraglich. Ansonsten gleichen sich die Versionen wie ein Ei dem anderen: Zwar läuft die PS3-Fassung mit leicht niedrigerer Auflösung und scheint im direkten Vergleich über eine weniger üppige Vegetation zu verfügen, der Atmosphäre tut dies jedoch keinen Abbruch.
Ausgezeichnet mit den folgenden GameRadio-Awards:

