Satte sechs Jahre Entwicklungszeit hat das finnische Entwicklungsstudio Remedy gebraucht, um den Mystery Thriller Alan Wake zur Marktreife zu führen. Eine PC-Version wurde mittlerweile eingestampft, was zu deutlichem Unmut in der Spielergemeinschaft führte. Weiterhin mehrte sich Stimmen, die behaupteten, dass Alan Wake ob der epischen Entwicklungszeit, an grafischer Brillanz eingebüßt habe. Andere wiederum sorgten sich um die erzählerischen Qualitäten des Action-Adventures. Nun ist es endlich da. Liebevoll und aufwändig präsentiert in den Elektrofachmärkten, nimmt es eine Präsenz ein, die manches Konkurrenzprodukt die Schamesröte auf die Glitzerverpackung treibt. Auf den Coverblättern der Videospielwelt prangt der schlaflose Bestsellerautor auf dem Frontblatt und sichert Remedy die Titelstory. Auch wir sind gespannt auf die Abenteuer des Alan Wake! Eins steht fest: trotz der oben genannten Widrigkeiten freuen wir uns alle auf dieses Spiel. Die Erwartungen an Remedy, die durch Max Payne zu Kultstatus gelangten, sind immens hoch. Ob Alan Wake diese großen Erwartungen erfüllen kann, verraten wir euch in unserem Test.
Das Verfassen einer Review zu einem Spiel wie
Alan Wake ist keine leichte Aufgabe. Da Remedys Psycho-Thriller stark auf seine Geschichte setzt, ist die Spoilergefahr immens. Fans von storygetriebenen Spielen dürfen an dieser Stelle jedoch unbesorgt weiterlesen. Außer dem Einstieg in die verwinkelte Geschichte rund um den ideenlosen Schriftsteller, wird an dieser Stelle nichts verraten. Beginnen wir also beim Anfang…
Es war einmal…
Die Geschichte des
Alan Wake beginnt in der verschlafenen Kleinstadt Bright Falls. Viel zu bieten hat die kleine Siedlung nicht, von der umliegenden idyllischen Landschaft einmal abgesehen. Es gibt nichts, dass die Ruhe in der Umgebung stören könnte. Der ideale Ort für den Schriftsteller, um sich endlich einmal vom alltäglichen Großstadtstress New Yorks zu erholen. Seit zwei Jahren hat der bekannte Autor
Alan Wake kein Wort mehr auf das Papier bekommen. Eine Schreibblockade macht dem Protagonisten zu schaffen. Ehefrau Alice hat unterdessen eigene Pläne für den gemeinsamen Urlaub. Fernab der Heimat hat die fürsorgliche Dame des Hauses bereits einen Therapieplatz für ihren Ehemann gesichert. Auch eine Schreibmaschine hat Alice schon in der Unterkunft aufstellen lassen, um etwaige Therapieerfolge gleich in der Praxis auszutesten.
Zunächst gilt es für Alan und seine Frau ihr vorübergehendes Domizil – eine alte Holzhütte – zu beziehen. Im örtlichen Diner versucht Alan mit dem Vermieter Kontakt aufzunehmen. Dieser hatte sich, laut Auskunft der Bardame, jedoch in den Bereich der sanitären Anlagen zurückgezogen. Ein wenig pietätlos sucht der Autor ebenfalls die Toiletten auf, um sich beim Vermieter die Schlüssel zu besorgen. Dort angelangt trifft er jedoch auf eine alte Dame, die den Besitzer der Holzhütte entschuldigt und uns stellvertretend die Schlüssel und eine Wegbeschreibung überreicht. Hoffungsvoll steigt Alan zu seiner Frau in den Wagen und braust gen Holzhütte. Dabei bemerken sie leider nicht, dass ein Herr mit Schlüssel in der Hand auf die Straße stürmt und noch etwas hinter ihnen herruft.
In der neuen Unterkunft angelangt, kommt es rasch zum Eklat zwischen den beiden Eheleuten, als Alan erfährt, was seine Frau mit ihm geplant hat. Wütend stürmt er in die Dunkelheit und lässt Alice allein in der Hütte zurück. Ein folgenschwerer Fehler, wie ein weiblicher Schrei aus der Holzhütte wenig später vermutet lässt…
Storytelling mal anders
In Sachen Story ist Remedy ein großer Wurf gelungen, keine Frage. Die Geschichte um
Alan Wake baut sich zaghaft stückweise auf und wirkt so wie eine sehr gut inszenierte Fernsehserie. Genau in dieser Machart ist auch das Spiel aufgebaut. In insgesamt sechs Episoden – die jeweils eine Spielzeit von zwei Stunden in Anspruch nehmen – verfolgen wir die Geschichte des Schriftstellers aus der Third-Person Ansicht. Zu Beginn einer jeden Episode, werden die wichtigsten Ereignisse noch einmal kurz zusammengefasst. Das macht das TV-Serien Feeling perfekt!
Die Erzählstruktur dürfte für Videospieler hingegen etwas gewöhnungbedürftig sein.
Alan Wake erzählt seine Geschichte selbst, aus dem Off heraus. Immer wieder hören wir ihn als Erzähler, der in der Vergangenheitsform von seinen Erlebnissen berichtet. Sätze wie „Als ich an der Hütte ankam, bot sich mir ein Bild des Grauens.“, zeugen von der eigenwilligen Erzählweise des Videospiels. Wer sich jedoch darauf einlassen kann, wird mit einer packenden und gut inszenierten Geschichte belohnt.
Kritiker werden zu Recht anmerken, dass die Geschichte von
Alan Wake nicht immer ganz frei von Logikfehlern ist, an einigen Stellen sogar unfreiwillig komisch wirkt. Sucht man beispielsweise die Notfallkästen an der Strommasten ab, findet Alan immer wieder haufenweise Batterien und – na klar – die passende Munition für seine aktuelle Knarre. Auch die Handhabung der Taschenlampe mag seltsam erscheinen. Diese verfügt neben dem normalen Betriebsmodus auch über ein besonders starkes Flutlicht, das hinzugeschaltet werden kann. Wird dieses aktiviert, werden die Batterien in Sekundenschnelle leer gesaugt. Glücklicherweise füllt sich der Energievorrat selbiger aber auch wieder auf.
Story vs. Gameplay
Neben den kleinen Ungereimtheiten hat
Alan Wake eine weitere Schwachstelle: das Gameplay! Die Spielmechanik ist im Grunde wenig komplex, so dass der Spieler schon nach den ersten fünf Minuten sämtliche Details der Steuerung verinnerlicht hat. Der Actionpart reduziert sich dabei auf das Anleuchten und anschließende Abballern der Gegner. Die nachtliebenden Kreaturen werden zunächst via Starklichtbeleuchtung geschwächt, um ihnen schließlich mit einem letzten Schuss aus dem Revolver das Lebenslicht auszuhauchen. Taktische Finesse ist dabei nicht vonnöten. Auch größere Endbosse bleiben leider Fehlanzeige. So wiederholt sich der Actionteil praktisch ständig aufs Neue, worüber eingefleischte Shooterfans sicherlich die Nase rümpfen werden.
Ebenfalls bemängeln könnte man das Fehlen einfallsreicher Rätselaufgaben in
Alan Wake. Euren Gehirnschmalz müsst ihr nicht zu oft betätigen. Obwohl das Szenario gut zu rätsellastigen Aufgaben gepasst hätte, haben die Entwickler wohl bewusst darauf verzichtet. Der Einbau knackiger Rätsel hätte den Spielfluss doch sehr gehemmt, was der TV-Serien Atmosphäre wenig zuträglich gewesen wäre.
Alles für die Geschichte
Remedy hat sämtliche Aspekte in
Alan Wake der Geschichte untergeordnet. Auch wenn dabei spielerische Potenziale nicht ausgeschöpft wurden. Das zuerst angedachte Open-World Szenario ist einem strikten Handlungsschlauch gewichen, der keinen Millimeter von der Handlung abweicht. Alternative Lösungswege gibt es nicht. Stets folgt Alan dem vorgegebenen Pfaden. Damit sich der Spieler in der Dunkelheit auch nicht verläuft, deutet der eingeblendete Kompass stets auf euer nächstes Ziel. Verlaufen kann sich Alan in den dichten Wäldern von Bright Falls also nicht.
Dabei solltet ihr jedoch stets die Augen nach den Manuskriptseiten offen halten, die sich allerorts finden lassen. Diese stammen offenbar aus der Feder von
Alan Wake, leider kann sich der Autor nicht mehr entsinnen, die vorliegenden Zeilen niedergeschrieben zu haben. Stück für Stück fügt ihr so die Handlung zusammen, die von den mysteriösen Erlebnissen des Protagonisten berichten. Schnell bemerkt Alan, dass sich die Vorfälle in den Manuskripten auch bald in der Realität ereignen.
Das letzte Mal bei Alan Wake…
Alan Wake besitzt alle Qualitäten, die wir von einer spannenden Mystery-Serie erwarten. Dazu gehört neben der unheimlichen – aber keinesfalls horrorlastigen – Atmosphäre, auch eine sehr gute technische Seite. Grafisch zählt
Alan Wake zu den besten Xbox 360-Titeln, die Landschaftsdarstellungen sind grandios und lassen über so manchen kleinen Tearingfehler hinwegsehen. Passend dazu ist die musikalische Untermalung geraten, die über jeden Zweifel erhaben ist. Bekannte Interpreten wie Nick Cave oder Roy Orbison tragen ihren Teil zum gelungenen Soundtrack bei.
Durchwachsen ist leider die deutsche Synchronisation von
Alan Wake ausgefallen. Die Betonungen der Sprecher passen dabei nicht immer ganz zu dem aktuellen Geschehen auf dem Bildschirm. Wer der englischen Sprache mächtig ist, sollte hier vielleicht besser auf die englische Tonspur wechseln, die auf dem Datenträger ebenfalls enthalten ist.
Ausgezeichnet mit den folgenden GameRadio-Awards:

