Beklagte im Sommer Stardesigner Hideo Kojima noch, dass die japanischen Entwickler im Vergleich zu ihren westlichen Kollegen langsam ins Hintertreffen geraten, machen sich die Mädels und Jungs von Platinum Games eindrucksvoll dazu auf, das Gegenteil zu beweisen. In Zusammenarbeit mit Hideki Kayima machte sich das Entwicklungsstudio dazu auf, es zum Jahreswechsel noch einmal ganz gehörig krachen zu lassen. Bayonetta gelang das seltene Kunststück, in der japanischen Fachzeitschrift "Famitsu" die Höchstwertung von 40 Punkten zu kassieren. Diese Traumwertung erreichten bislang lediglich 13 Spiele in der Geschichte der Zeitschrift. Damit spielt Bayonetta in einer Liga mit Perlen wie Ocarina Of Time, Final Fantasy XII, Soulcalibur oder Metal Gear Solid 4. Doch weiß das Spiel auch den westlichen Geschmack zu treffen?
Platinum Games... der klangvolle Name des Entwicklungsstudios – das aus den Clover Studios hervorging – steht für Qualität. Auch wenn sich Hits wie
Mad World oder
Okami eher mäßig verkauften, stehen die Kreativköpfe bei Kritikern hoch im Kurs. Mit
Bayonetta startet Platinum Games nun einen neuen Versuch, die Massen von den eigenen Spielkonzepten zu überzeugen. Als Verstärkung wurde Hideki Koyima verpflichtet, der schon beim Hack & Slay
Devil May Cry federführend war. Wenig überraschend knüpft der Designer an das Erfolgskonzept des Spiels an, schickt statt des unterkühlten Dante jedoch die rassige Hexenlady Bayonetta ins Rennen.
Der Actiontitel beginnt gleich mit einem großen Knall. Gemeinsam mit einer mysteriösen Lady stürzt Bayonetta auf einer sich im Fall befindenden Kirchturmuhr. Der Sturz in die Tiefe erweist sich dabei nicht als das wahre Problem, sondern die immer wieder auftauchenden Engelswesen, die der lieblichen Hexenlady an die Lederwäsche wollen. In gelungener Kooperation mit der unbekannten Partnerin gelingt es euch jedoch schließlich die heranstürmenden Horden zu vertreiben. Im Hintergrund berichtet der abgeklärte Erzähler ein wenig von der Hintergrundgeschichte, die im Eifer des Gefechts jedoch kaum wahrgenommen wird.
Die Figur der Bayonetta ist dermaßen überzogen dargestellt, dass selbst dem abgestumpften Videospielfan mancherorts der Mund offen stehen bleibt. Egal, was Dante auch auf die Beine stellt, Bayonetta macht es besser. Egal, wie cool Dante auch sein mag, Bayonetta ist so cool, dass die Hölle gefriert. Egal, wie elegant und filigran Dante auch agiert, Bayonetta ist spektakulärer. Die Hexendiva ist bis an die Zähne bewaffnet. Mit zwei Revolvern an den Fußsohlen ballert sich
Bayonetta durch wahre Horden von Gegnern, schwingt wild geworden mit dem Katana um sich, teilt Kicks und Handkantenschläge aus oder wirbelt wie Indiana Jones mit der Peitsche umher. Was auf den ersten Blick aussieht wie reines Button-Mashing entpuppt sich nach längerem Spielen als ausgeklügeltes Kampfsystem mit einigen Finessen. Bis ihr die zahlreichen Kombos verinnerlicht habt dürfte schon einige Zeit vergehen. Dabei setzt das Spiel auf eine angenehme Lernkurve. Erst wenn ihr alle verfügbaren Waffen eingesammelt habt entfaltet Bayonetta die gesamte Pracht ihrer Hexenkunst. Ein besonderes Gewicht wurde auf die defensiven Fertigkeiten der Hexe gelegt. Durch Drücken des rechten Triggers weicht ihr elegant den Attacken eurer Gegner aus. Aktiviert ihr die Ausweichtaste erst im letzten Moment, werden die Gegner für einige Sekunden stark verlangsamt, so dass sie den Angriffen der Hexe wehrlos ausgeliefert sind. Mit ein wenig Timing könnt ihr euch so einen wesentlichen Vorteil verschaffen.
Bayonetta for Casuals
Ellenlange Kombos, zehntelsekunden-genaues Timing... all das klingt nicht unbedingt nach einem Spiel für Videospielneulinge oder Gelegenheitsspieler. Doch tappt damit Platinum Games nicht wieder in die gleiche Falle, wie schon beim künstlerischen
Mad World? Hardcoregamer werden sicherlich die Geduld aufbringen, sich in die komplexe Steuerung von
Bayonetta hineinzufuchsen, der Massenmarkt wird damit jedoch wohl nicht erreicht. Dieses Problem haben wohl auch die Macher des Spiels erkannt und einen "Automatik"-Modus ins Spiel integriert. In den niedrigen Schwierigkeitsgraden agiert Bayonetta durch Betätigen der Y-Taste wie von selbst. Ein einfacher Druck auf den entsprechenden Button lässt die Diva die wildesten Aktionsfolgen vom Stapel lassen. Kampferprobte Videospielveteranen sind mit diesem Modus unterfordert, doch immerhin ermöglicht der leichte Schwierigkeitsgrad auch weniger begabten Joypadkämpfern ein Durchkommen bei
Bayonetta.
Knocking On Heaven’s Door
Himmlisch abwechselungsreich gestaltet sich auch die Gegnerschaft von
Bayonetta. Während sich Kollege Dante überwiegend mit niederhöllischen Kreaturen auseinandersetzen muss, befindet sich die Diva in der entgegengesetzten Rolle. Vornehmlich verpasst diese den Wesen des Himmelreichs eine kräftige Gesichtsmassage. Besonders die fetten Bosskämpfe haben es dabei in sich. Die bildschirmfüllenden Himmelswesen stellen eine echte Herausforderung dar und verlangen einiges an taktischem Geschick und Reaktionsvermögen. Eure Geduld und Ausdauer belohnt
Bayonetta jedoch mit dem überlegenen Gefühl des Sieges. Die Hexenlady lässt selbst beinharte Endkämpfe lockerleicht wirken und läuft erst bei den ganz harten Brocken zu Höchstform auf. Seid gespannt auf Bayonettas spektakuläre Specialmoves, die euren Atem zum Stocken bringen werden. Eine besondere Rolle fällt dabei ihrer Haarpracht zu. Mittels ihrer Hexenmagie verwendet die Diva ihre Haare, um damit mächtige Verbündete zu beschwören, die euren Gegnern die Hölle heiß machen.
Japan as Japan can
Auch wenn sich Platinum Games noch so sehr bemüht hat,
Bayonetta auch für den westlichen Markt attraktiv zu gestalten, merkt man dem Spiel seine japanischen Wurzeln stark an. Die Story ist dermaßen verrückt und skurril, dass der westliche Zocker sich sicherlich nicht nur einmal nachdenklich am Kopf kratzen wird. Aber wie schon bei
Devil May Cry steht auch bei
Bayonetta die Action im Mittelpunkt des Spiels. Der Bildschirm ist eigentlich immer total überfüllt und der Spieler erhält kaum eine Atempause. Wer auf ein paar knackige Rätsel gehofft hatte wird jedoch enttäuscht werden. Bis auf ein paar simple Schalterrätsel hat das Spiel diesbezüglich nicht sonderlich viel zu bieten. Wenn wir ehrlich sind, können wir (oder die meisten von uns) aber wohl sicherlich darauf verzichten. Grenzwertig mag dem einen oder anderen Spieler aber möglicherweise der große Wuselfaktor erscheinen.
Bayonetta ist oftmals so überladen, dass das Kampfgeschehen zeitweise doch recht unübersichtlich wird. Es bedarf schon eines kühlen Kopfes, um auch im Kampfrausch die richtigen Kombos vom Stapel zu lassen. Ebenfalls Geschmacksache ist die musikalische Untermalung des Spiels. Die Mischung wirkt manchmal doch ein wenig eigenwillig. Neben Technoklängen kommen auch japanophile Metalklänge zum Einsatz, die oftmals recht deplaziert wirken.
Shopping Tour
Als Frau mit Stil ist Bayonetta natürlich einer der geschlechtsspezifischen Eigenarten verfallen: Dem Shopping! Das Abschnetzeln der Gegnerhorden wird durch den ein oder anderen Ring (Sonic lässt grüßen) belohnt. Sammelt ihr diese stets fleißig auf, dürft ihr euer Erspartes beim dämonischen Shopkeeper ausgeben. Dieser hat allerhand hilfreiche Extras parat. Neben lebensspendenden Lollys gibt es hier eine ganze Reihe nützlicher Extras zu erstehen, die euer Moverepertoire um einiges erweitern können.
Die Hardwarepower der Xbox360
Dass auch japanische Entwickler die Hardware der amerikanischen Konsole zu nutzen wissen, beweist
Bayonetta eindrucksvoll. Obwohl auf dem Bildschirm buchstäblich meist die Hölle los ist, kommt es kaum zu Einbrüchen der Bildrate. Im Gegenteil, SEGAs weibliche Superheldin läuft so geschmeidig durch die unterschiedlichen Levels wie es sich für eine Dame im Stile einer Bayonetta gehört.
Ausgezeichnet mit den folgenden GameRadio-Awards:
