Wer beim Fall des Wortes Jump'n'Run bisher nur an dicke italienische Klempner dachte, der hat noch nie von "Banjo-Kazooie" gehört. Das dynamische Duo, bestehend aus Bär und Vogel, hat nicht nur in den Augen vieler Kritiker den ollen Mario meilenweit hinter sich gelassen. Nachdem Rare jedoch von Microsoft gekauft wurde, wurde es still um den Bären Banjo und die Vogeldame Kazooie. Als dann aber 2006 völlig unerwartet in einem Teaser-Trailer ein neues Abenteuer der Zwei ankündigt wurde, schrien die Fans auf. Kann "Banjo-Kazooie: Schraube locker" den hohen Erwartungen gerecht werden oder wurde hier nur eine weitere Marke ausgeschlachtet?
Fette Bären gegen kopflose Hexen
Das Abenteuer beginnt wieder einmal in dem wunderschönen Spiral Mountain. Seit die böse Hexe Gruntilda bereits zum zweiten Mal die Power der Pelz & Feder Mischung spüren musste, scheint alles friedlich zu sein. Banjo hat sich inzwischen einen großen Vorrat an Winterspeck angefressen und Kazooie wurde offensichtlich zum Spielesuchti, doch der Schein trügt. In jahrelanger Schwerstarbeit hat sich der Schädel von Gruntilda aus den Trümmern ihres Grabes herausgewuselt und immernoch sinnt sie auf Rache. Es kommt wie es kommen muss: Die ausgedienten Helden treffen auf den ausgedienten Bösewicht, das Duell kann beginnen! Wäre da nicht der Lord of Games kurz L.O.G., welcher sich kurzerhand ins Geschehen einmischt. Der Lord of Games ist der Erschaffer aller Spiele und hat die Schnauze gestrichen voll. Er ist der Kämpfe zwischen Banjo & Kazooie vs. Gruntilda überdrüssig und will die Sache ein für alle Mal beenden. Dazu verpasst er dem Gespann in Windeseile eine Rumdumerneuerung und schenkt ihnen fahrbare Untersätze. Zu guter letzt geht es dann ab nach Showdown Town, wo es nur eine Regel gibt: Der bessere gewinnt! L.O.G. verspricht dem Gewinner die Herrschaft über Spiral Mountain, doch zunächst müssen sich Banjo, Kazooie und Gruntilda in Showdown Town unzähligen Aufgaben stellen.
Showdown in Showdown Town
Wie bereits erwähnt, ist es diesmal nicht der Spiral Mountain, sondern die Heimat von L.O.G. - Showdown Town. Dort gibt es in sechs Levels einiges zu erleben und natürlich sind auch wieder alte Bekannte wie Bottles, Mumbo Jumbo oder Klungo an Bord. Wer sich jetzt denkt, er müsse viel herumlaufen, der kann aufatmen. Zum einen gibt es die aus "Banjo-Tooie" bekannten Warp-Röhren, zum anderen ist das größte neue Feature von "Banjo-Kazooie: Schraube locker" die nutzbaren Fahrzeuge. Ihr könnt Vehikel bauen, vorgefertigte Fahrzeuge direkt benutzen und eure Kiste mit freigeschalteten Extras und kaufbaren Blaupausen individuell gestalten. Leider nehmen die Fahrzeuge so stark überhand, dass nicht mehr viel von ursprünglichen "Banjo-Kazooie" übrig bleibt.
Wenigstens eines bleibt gleich: Ihr sammelt Noten und Puzzleteile, öffnet die Portale zu neuen Spielwelten und bekommt es mit allerhand Gegnern und Zwischenbossen zu tun, natürlich nur mit Hilfe eurer zahlreichen Vehikel versteht sich.
Also nichts wie rein ins Abenteuer: Nachdem ihr eine der Welten betreten habt, seht ihr rechts unten auf der Karte ein Puzzleteil aufblinken. Hier findet man einen der Charaktere aus der farbenfrohen Welt und natürlich gibt es auch zu lösende Aufgaben - Mini Challenges, in denen ihr die Aufgabe innerhalb einer bestimmten Zeit lösen müsst. Die Zeit ist dabei in drei Abschnitte eigenteilt, erreicht ihr einen guten Mittelwert, gibt es das begehrte Puzzleteil. Seid ihr schlechter, gibt es nur ein paar Noten als Trostpreis. Gehört ihr zu den absoluten Profis da draussen, gibt es eine Trophäe zum Puzzleteil dazu. Diese Trophäen lassen sich dann wiederrum im Vierer-Pack gegen neue Puzzleteile eintauschen, besucht dazu einfach den Neuzugang im Banjo-Universum namens Trophäen Thomas.
Kindgerecht, jetzt aber echt!
Knuddelige Charaktere, eine märchenhafte Story und eine kunterbunte Welt. Das war "Banjo-Kazooie" auf den ersten Blick, dahinter steckte jedoch eine ausgefeilte Spielmechanik, knackige Rätsel und vor allem eine geballte Ladung doppeldeutiger und schwarzer Humor. Dieser Humor war jedoch so gut untergebracht, dass Kinder die versteckten Anspielungen gar nicht realisierten, während die erwachsene Fangemeinde nicht selten ein Schmunzeln aufs Gesicht gezaubert bekam. Ein Konzept, dass in diesem Ausmaß nicht länger vorhanden ist. Kazooie haut zwar weiterhin einen Spruch nach dem anderen raus, diese sind aber nicht mehr ganz so rotzfrech oder sarkastisch, sondern erinnern mehr an Slapstick-Sprüche aus heutigen Kinderserien. Dann gibt es noch einen Running-Gag im Spiel über „Grabbed by the Ghoulies“, in welchem Rare es wunderbar versteht, sich selbst auf die Schippe zu nehmen. Doch alles in allem wirkt das Spiel etwas kindlicher als früher.
Tausche Moveset gegen Schraubenschlüssel
Eine weitere schockierende Neuerung ereignet gleich zu Beginn des Spiels: Kazooie bekommt ihr komplettes Moveset-Arsenal entwendet und erhält dafür einen Schraubenschlüssel. Dieser dient in bester „Gravity Gun“-Manier dazu, Gegenstände aufzuheben oder Schalter zu aktivieren. Da man aber eh zu jeder Zeit in einem der Fahrzeuge unterwegs ist, vergisst man schneller, dass das komplette Move-Arsenal entfernt wurde. Ansonsten ist das Gameplay gewohnt gut und flüssig. Man kann nach einem Fahrzeugunfall seinen Untersatz schnell wieder zu sich ziehen und richtig herum drehen. Man hat minimale Verteidigungsmöglichkeiten im Nahkampf und die Missionen sind auch ganz spaßig, hinterlassen aber mit der Zeit einen etwas eintönigen Eindruck.
Ein Sprung in die nächste Generation
Es gibt jedoch erfreulicherweise neben den altbekannten Charakteren auch noch andere Dinge, die an die N64-Vorgänger erinnern. Da wäre zum einen die Grafik, welche sehr schick daherkommt und es wirklich gut geschafft hat, Spiral Mountain und den Charakteren einen neuen Look zu verpassen, der jedoch trotzdem nicht verfremdet wirkt und immernoch an die alten Originale erinnert. Zum anderen ist es der Soundtrack, denn die Stücke aus dem ersten Teil und "Banjo-Tooie" erklingen auch dieses Mal wieder, mit dem Unterschied, dass sie neu eingespielt wurden und sich teilweise noch besser anhören.
Nächste Generation oder neue Generation?
Das ist eine Frage, die sich nicht so leicht beantworten lässt. "Banjo-Kazooie" bekam nicht nur hier und da ein paar Veränderungen spendiert, das komplette Spiel bietet bis auf den Soundtrack und die Charaktere so gut wie nichts, dass an das eigentliche Franchise erinnert. Es ist trotzdem ein tolles Spiel, nur eben kein "Banjo-Kazooie". Das Konzept, Jump'n'Run mit frei zusammenstellbaren Fahrzeugen zu kombinieren, funktioniert auch wirklich spitze. Aber es fehlen einfach die ganzen Elemente, die ein "Banjo-Kazooie" ausgemacht haben.
"Banjo-Kazooie: Schraube locker" ist nicht die nächste Generation eines Banjo und es ist zu hoffen, dass sich weitere Teile (sollten sie denn erscheinen) wieder mehr an den Vorgängern orientieren. Denn der neueste Teil des dynamischen Duos ist kein ernstzunehmender Konkurent für "Super Mario Galaxy", sondern mehr ein kunterbuntes Kinderspiel mit innovativen Ideen.