Sonic ist tot, es lebe Sonic! Sorry, wenn wir mit einer so abgedroschenen Phrase anfangen, aber nie hat das Sprichwort, dass Totgesagte länger leben, eher zugetroffen: Exklusiv auf der Wii (der DS bekommt einen etwas anderen Ableger) verwandeln sich Kritikvorschläge von Fans und Presse in ein fast perfektes Sonic Spiel!
Weniger Drama, mehr Selbstironie
Wer die Serie verfolgt hat, weiß es: Schmalz und Drama waren in den letzten 3D-Ablegern keine Seltenheit, weshalb die Story von
Sonic Colours eine wahre Wohltat ist: Dr. Eggman beteuert, dass der Grund der Errichtung eines intergalaktischen Vergnügungsparks die Wiedergutmachung seiner Missetaten der Vergangenheit sei. Doch wie in guten alten Zeiten will er nur seine Maschinen mit Lebewesen (in diesem Fall die Außerirdischen "Wisps") antreiben und - natürlich - mit deren Kraft unbegrenzte Macht erlangen. Achtung, hier kommt die überraschende Wendung: Sonic freundet sich jedoch mit den Wisps an und sie helfen ihm mit ihren Fähigkeiten im Kampf gegen das böse Genie! Betritt der blaue Blitz nun also einen Level, befinden sich die Aliens in Kapseln, aus denen Sonic sie per Berührung befreit, um dann für kurze Zeit die Fähigkeiten der Außerirdischen zu bekommen.
Auch wenn es sich hierbei um eine dramatische Geschichte ausgenutzter Aliens handeln könnte, geht
Sonic Colours hier endlich einen anderen Weg. Die Zwischenszenen verzichten auf jeglichen Kitsch der Vorgänger und zeigen meist ironische Wortgefechte zwischen Sonic und Eggman oder gar die Sorgen von letzterem, die ihm seine fehlkonstruierten Sklavenroboter machen. Auch wenn das Ende nicht so spektakulär ausfällt wie in anderen Teilen der Serie, fügt es sich jedoch perfekt in das Gesamtbild des Spiels ein und zeigt sich nicht wie in
»Sonic Unleashed übertrieben wuchtig und mit Riesenmonstern, sondern so, wie es zu einem Sonicspiel passt.
Colour the World
Die Fähigkeiten, welche durch Sonics neue Wisp-Freunde freigesetzt werden, gestalten sich recht vielfältig. Weiße Wisps geben euch Boost und tauchen somit am häufigsten auf, beispielsweise spucken viele besiegte Gegner diese Art der Außerirdischen aus. Der türkisfarbene Laser lässt Sonic als Blitz zwischen speziellen Markierungen oder auch verschiedenen Hindernissen sowie Gegnern hin und her schießen. Als pinkfarbener Ball rollt der blaue Igel an Wänden und Decken entlang und kann auf dem Boost-Knopf sogar seinen seit ein paar Ablegern verlorengegangenen "als Kugel am Boden aufladen und dann losflitzen"-Move ausführen. Per gelbem Wisp wird Sonic zum Bohrer, der mit einem treibenden Rave-artigen Beat durch Böden und Wasser saust, dabei beinahe alles zerstörend, was der Bohrerspitze in den Weg kommt. Der lila Wisp erinnert an eine Kombination aus Spider-Mans Venom und Sonics Werwolfkräften aus
Unleashed: Der Igel verwandelt sich hiermit in eine große lila Fressmaschine, die mit allem Verspeisten wächst und unaufhaltbar vorwärts springt.
Orangefarbene Wisps hingegen schießen Sonic lediglich in die Höhe, wonach er gemütlich per Skydiving in der Luft Ringe einsammeln kann. Zu guter Letzt gibt es auch noch einen grünen Wisp, der unseren Helden zu einem fliegenden, stacheligen Ball werden lässt, der nicht von Ungefähr an Kirby erinnert. Übrigens kann Sonic - abgesehen von der Laser-Attacke - bei jeder Wispfähigkeit seinen Boost einsetzen. Beim fliegenden Wisp rast er dadurch an Ringketten in der Luft entlang.
Mehr, weniger, oder beides?
Sonic wurde im Laufe der Jahre ein paar seiner Standardfähigkeiten beraubt, bzw. werden diese von normalen zu Spezialattacken, wie ihr oben bei den Wisp-Fähigkeiten bezüglich der Kugelflitztechnik oder des an Ringketten-Entlangrennens lesen konntet. Genauso kann seit
Sonic Colours plötzlich kein zusätzliches Leben mehr ergattert werden, wenn der blaue Held 100 Ringe in einem Level eingesammelt hat - hierdurch leidet die Motivation der Ringsammlerei etwas. Leben hinzugewinnen kann Sonic jedoch im neuen, innovativen Auswertungsbildschirm am Ende jedes Levels: hier darf er munter auf den Zahlen herumhüpfen oder durch diese hindurch und sie gar bei mehrfachen Berühren zerstören, was bei einer großen Zahlenreihe Extraleben verspricht. Zudem bleibt das Wertungssystem zwar erhalten, jedoch gibt der Held bei negativen Benotungen keine demotivierenden Kommentare mehr ab, sondern hält prinzipiell in dieser Szene den Rand und posiert nur stylisch.
Doch dies ist nicht die einzige Neuerung, die meisten Neuheiten liegen bei
Sonic Colours im Detail: Sei es die dumpf werdende Musik, wenn Sonic unter Wasser taucht, die nun schön orchestrierte "du ertrinkst gleich!"-Musik, neue Fertigkeiten wie ein Doppelsprung sowie die Möglichkeit, unter Wasser per Dauersprung an der Oberfläche zu landen und Fische, die sich als Ersatz der Wasserblase aus 2D-Tagen schützend um Sonic tummeln: Alleine in einer Zone fallen dem aufmerksamen Auge schon viele solcher Einzigartigkeiten auf.
Neben dem Aquarium Park bietet
Sonic Colours sechs weitere Zonen: Den sehr beeindruckenden Weltraumabschnitt "Starlight Carnival", das in Grün und Neonlicht erstrahlende "Tropical Resort", die Süßigkeiten- und Fastfood-Welt "Sweet Mountain", den Achterbahn-gespickten "Asteroid Coaster", den grünen außerirdischen Heimatplanet "Planet Wisp", der bereits von Eggmans Robotern bebaut wird, sowie die obligatorische Endbosszone "Terminal Velocity". Bis auf die letztgenannte, welche zwei Akte beinhält, bietet jede Zone sechs unterschiedlich lange Akte, zuzüglich ein Akt der allerdings meist recht leicht geratenen Endbosse. Der Schwierigkeitsgrad ist ein gutes Stichwort, denn auch wenn es - wie wir es von Sonic gewohnt sind - wieder reichlich Frustmomente gibt, ist
Sonic Colours um einiges zugänglicher als andere Ableger der Serie. Auch die in den Levels verteilten roten Münzen finden sich nun leichter als die Medaillons in
Sonic Unleashed. Jedoch tauchen manche der roten Taler erst bei gewissen Aktionen auf, diese sind nicht immer schnell erraten.
Allgemein lässt sich zu den Levels noch sagen, dass sie größtenteils ungewohntes Terrain für Sonicfans sind, was einen angenehm frischen Wind in die angestaubte Landschaft der Sonicwelt bringt. Auch wenn der Held durch viele Abschnitte wie der Wind huscht, bietet
Sonic Colours auch viele knifflige Jump 'n Run Passagen, in denen eine ruhige Hand gefragt ist. Am Ende der Akte wartet abwechselnd entweder ein großer Ziel-Ring auf euch oder eine Art Rakete, die bei der Zerstörung durch Sonic die vielen kleinen, darin eingesperrten Wisps befreit wie in guten alten Sonic-Tagen die putzigen Tiere aus ihren Containergefängnissen am Levelende.
Super Sonic!
Schaut sich jemand die Weltkarte von
Sonic Colours an, wird er nach der Auflistung der Zonen oben sicher sagen: "Was hat es dann mit dem Metal Sonic Kopf auf der Karte auf sich?" Nun das ist keine Zone, sondern eine Art Minispiel, "Eggman's Sonic Simulator". Man kann nur erraten, was er darstellen soll, offensichtlich - anhand der Hintergrundgrafik des Startbildschirmes - verteufelt dieser Sonic als den Erzfeind und soll dessen Vorgehensweisen analysieren. Ihr steuert in diesen Abschnitten ebenfalls Sonic, allerdings einen Roboterklon, nicht das Original. Die Hintergründe bestehen aus farbigen Klötzchen, die je nach Level farblich variieren.
Abgesehen von dieser optischen Simplizität handelt es sich bei diesen Abschnitten um vollwertige Level, womit der Umfang von
Sonic Colours recht beträchtlich ausfällt - die sechs Stunden, nach denen die Story beendet ist, lassen sich durch diese Bonuslevel und die Jagd nach S-Rankings und allen versteckten roten Münzen nochmal um das Vierfache steigern. Auch, wenn es sich in den Bonuslevels nicht um Sonic selbst handelt, erhält dieser Klon nach dem Beenden aller drei Level der der sieben Bonusabschnitte einen Chaos-Emerald, der Sonic bekanntlich zu Super Sonic werden lassen. Hat er alle eingesammelt, schaltet sich jedoch nicht wie in den letzten 3D Sonics ein finales Ende frei, denn hier hörte Sega wie in vielen anderen Aspekten auf Kritiker und Fans: Wie in den 2D-Titeln kann sich Sonic nun beim Einsammeln von 50 Ringen in den Levels in den goldenen Superhelden vewandeln, bis die Ringe aufgebraucht sind. Im Menü lässt sich Super Sonic auch wieder abschalten.
In jenem Menü vom
Sonic Colours könnt ihr euch auch die Online-Leaderboards ansehen und eure Bestzeiten mit anderen Spieler aus aller Welt vergleichen. "Andere Spieler" ist hier auch ein gutes Stichwort: Die Bonus-Stages lassen sich übrigens auch im Wechsel mit einem zweiten Spieler vor dem Fernseher spielen oder sogar auch zu zweit - jedoch ist der Koop-Modus etwas unübersichtlich, denn dafür ist
Sonic Colours einfach viel zu schnell.
Ein Fest für Kritiker
Im Grunde ist
Sonic Colours ein
Sonic Unleashed ohne Werwolf, abgesehen von den sich toll in das Spiel einfügenden Wisp-Fähigkeiten, also im Klartext: Das Game schwankt zwischen 2D- und 3D-Perspektiven hin und her und ist dabei uuunglaublich schnell. Wieso ist es das? Weil die Kritiker das wollten, und Sega nach eigenen Angaben auf diese hörte. Zusammengefasst haben sie ihre Arbeit sehr gut gemacht: Keine kitschige Story, sondern Selbstironie, keine überflüssigen Charaktere oder Fähigkeiten, die den Spielfluss bremsen, kein Super Sonic, der nur im Endbosskampf auftritt, sondern in allen Levels, kein zu hoher Schwierigkeitsgrad... Die Liste ließe sich fortsetzen.
Die Steuerung ist ebenfalls beispielhaft: Sowohl der Gamecube Controller als auch die Wii-Remote können zur Steuerung benutzt werden, oder aber die Wii-Remote in Kombination mit dem Nunchuk. Jede Variante spielt sich sehr gut, manch ein Oldschool-Fan wird wahrscheinlich zur Wii-Remote Quervariante greifen. Einziger Nachteil von dieser ist, dass sich mit dem Steuerkreuz das Zielen des Laserangriffs nicht ganz so präsise steuern lässt wie mit den anderen Steuerungen, und dass zur Aktivierung der Wisp-Fähigkeiten die Fernbedienung kurz geschüttelt werden muss.
Die Präsentation von
Sonic Colours ist übrigens ein Glanzstück: Obwohl dies auf der Wii keine Selbstverständlichkeit ist, sieht das Spiel wirklich toll aus. Der Soundtrack ist ebenfalls durchweg gelungen und die Cutscenes inklusive Render Intro und Outro wissen zu gefallen. Der Cast in diesen beschränkt sich diesmal auf der guten Seite auf Sonic, Tails und die Wisps, was einen krassen Unterschied zu manch anderem 3D Sonic darstellt, der mit Charakteren überladen war. Übrigens sind die meisten Roboter von Eggman eine Parodie auf frühere Spiele, beispielsweise wenn sie Sonic im Tropical Resort fröhlich mit blinkenden "Welcome"-Schildern begrüßen oder auch die Krebse aus dem Ur-
Sonic ihr Comeback feiern. Im Großen und Ganzen wäre das Spiel beinahe perfekt, wenn es nicht so kurz geraten wäre und die Bosskämpfe etwas mehr hergegeben hätten. Der Wiederspielwert ist durch oben genannte Features wie Bonuslevel, Secrets und die Tatsache, dass verschiedene Wisps in früheren Leveln erst bei erneutem Spielen zu einem späteren Zeitpunkt freigeschaltet werden und neue Pfade eröffnen, sehr hoch. Ein Fakt am Rande: Sonic und Tails haben in diesem Teil neue Synchronsprecher, die ausgezeichnete Arbeit leisten.
Ausgezeichnet mit den folgenden GameRadio-Awards:

