Wii-Spieler haben es nicht leicht. Insbesondere Anhänger des Beat 'em Up-Genres müssen auf die ollen Kamellen der Virtual Console zurückgreifen. Virtua Fighter? Fehlanzeige! Mortal Kombat? Keine Umsetzung! Street Fighter? Nope! Dead or Alive? Keine Chance! Soul Calibur? Ebenfalls nicht für die Wii erhältlich! Glücklicherweise hat sich der japanische Traditionshersteller Capcom dazu aufgeschwungen, den Wii-Fans ein Prügelspiel bewährter Machart zu bescheren. Dazu holt sich Capcom prominente Schützenhilfe des japanischen Filmstudios Tatsunoko. Was die fernöstliche Allianz für uns Spieler gebracht hat, erfahrt ihr in unserem Test.
Dank Capcom dürfen nun also auch Wii-Besitzer ihre Schlagwut virtuell ausleben. Serientäter Capcom greift dabei auf Altbewährtes zurück. Nach gefühlten zwanzig „vs.“-Aufgüssen wie
SNK vs. Capcom,
Marvel vs. Capcom oder
Muppet Show vs. Capcom, verwurstet der japanische Hersteller abermals liebgewonnene Charaktere aus seiner langjährigen Videospielhistorie. Klar, Kultfiguren wie Chun Li oder Ryu kennt jeder. Aber was ist mit Yatterman oder Ken The Eagle? Nie gehört? Tröstet euch, ich auch nicht. Jene Figuren entspringen den kreativen Köpfen aus dem Hause Tatsunoko, das im fernen Japan ungefähr den Bekanntheitsgrad hat wie hierzulande Dieter Bohlen. Anime- und Mangafans werden jedenfalls bei Meisterwerken wie
Neon Genesis Evangelion mit der Zunge schnalzen.
Das kleine Who is who der Tastunoko Studios
Demnach stellt die Verbindung von Tatsunoko und Capcom also eine durchaus sinnvolle Allianz dar. Insgesamt 26 Charaktere haben es ins Spiel geschafft, 13 Figuren auf jeder Seite. Angetreten wird grundsätzlich in Zweier-Teams, was dem Spiel eine taktische Facette hinzufügt und den Fokus von Beginn an auf den Mehrspielermodus legt. Dazu jedoch später mehr. Eine strikte Kadertrennung erfolgt bei
Tatsunoko vs. Capcom nicht. Es ist also problemlos möglich ein schlagkräftiges Team aus dem wieselflinken Viewtiful Joe und der Tatsunoko-Kämpferin Doronjo zusammenzustellen. Für genügend Abwechselung ist somit erstmal gesorgt. Mit dem Gesamtkabinett lassen sich schon einige recht skurrile Kombinationen erstellen. Lediglich die Kolosse Robo und Gold Lightan dürfen sich keinen Kampfpartner wählen. Sie gelten aufgrund ihrer Ausmaße und ihrer enormen Kampfkraft schon alleine als Team.
2 vs. 2
Doch nicht nur die außergewöhnliche Kämpferriege hebt
Tastunoko vs. Capcom von den anderen Genrekonkurrenten ab. Da sämtliche Kämpfe in Zweier-Teams ausgetragen werden, führen die Fighter mitunter gerne einmal gemeinsam ihre Aktionen durch. Zwar befinden sich – wie auch bei anderen klassischen Beat 'em Ups – immer nur zwei Kämpfer im Feld, doch greifen die inaktiven Partner immer wieder einmal von der „Seitenlinie“ aus ein. Ich verfluche jetzt noch Viewtiful Joes kleine Bomben, in die ich wieder und wieder hineingetappt bin. Der ausgewechselte Kämpfer hat zudem die Möglichkeit einen Teil seiner verlorenen Energie während der Auszeit zu regenerieren.
Casual vs. Hardcore
Weiterhin unterscheidet sich
Tatsunoko vs. Capcom von anderen Prüglern durch seine leichte Zugänglichkeit. Komplexe Tastenkombinationen muss jedenfalls niemand auswendig lernen. Die meisten Special Moves und Schlagkombinationen lassen sich durch Drücken eines Aktionsbuttons und einer Richtungstaste auslösen. Auch die spektakulärsten Angriffe werden so zum Kinderspiel. So haben auch Genreneulinge schnell ihre Erfolgserlebnisse. Beinharte Beat 'em Ups Fans, die den Endboss
Street Fighter IV jeden Morgen im Expertenmodus noch vor dem Frühstück vermöbeln, sind bei
Tatsunoko vs. Capcom jedoch hoffnungslos unterfordert. Damit bestätigt Capcom wieder einmal das Klischee des casualigen Prototyps eines Wii-Besitzers. Dafür zeigt sich Capcom bei der Auswahl des Controllers ziemlich kompromissbereit. Egal ob Wii-Fernbedienung (mit oder ohne Nunchuck-Erweiterung), Classic Controller oder Game Cube Pas, das Spiel kommt mit jedem Eingabegerät klar.
Motivation auch für Solisten?
Durch diese Multi-Controller-Strategie stellt Capcom zumindest sicher, dass dem Wii-Besitzer nicht die Eingabegeräte ausgehen. Denn eins ist klar: Am meisten Spaß bereitet
Tatsunoko vs. Capcom mit vier Spielern vor einer Konsole. Habt ihr also hin und wieder einen Haufen zockwütiger Mitspieler im Haus, sorgt Capcoms Prügler sicherlich für viele Stunden Spielspaß. Im Gegensatz zu den meisten anderen Genrehits, lässt sich
Tatsunoko vs. Capcom sogar mit bis zu vier Spielern zocken. Doch lohnt sich das Spiel auch für Solisten? Capcom hat sich große Mühe gegeben auch den Einzelspieler durch den Einbau weiterer Modi bei der Stange zu halten. Im Arcade-Modus vermöbelt ihr nacheinander immer stärker werdende Teams. Am Ende steht euch dann ein besonders böser Obermotz im Weg, der die Bezeichnung „Endboss“ auch verdient hat. Habt ihr diesen erledigt, erhaltet ihr einige Credits als Belohnung. Diese dürfen dann im Shop gegen allerhand Goodies eingetauscht werden. Hier stehen neben neuen Kostümen, Artworks und sonstigem Schickschnack auch einige neue Charaktere im Verkaufsregal. Bis alle Waren erworben sind, vergehen schon einige Stunden.
Des Weiteren setzt Capcom auf bewährte Modi wie etwa „Time Attack“ oder „Survival“. Nicht gerade die Kür, die Pflicht wurde dennoch erfüllt. Deutlich interessanter hingegen ist da schon der Online-Modus. Zwar ist das Spielen via Internet durch den umständlichen Austausch der Freundescodes nicht so komfortabel wie bei den HD-Konsolen, hat man ein Spiel aber erst einmal organisiert, läuft das Match konstant flüssig und stabil. Capcom hat hier eindrucksvoll bewiesen, dass Wii und online nicht automatisch ein Ausschlusskriterium sein müssen.
Bunt, Bunter, Tastunoko
Werfen wir abschließend noch einen Blick auf die bezaubernde Grafik von
Tatsunoko vs. Capcom. Wieder einmal zeigt sich, dass die Wii bei bunter Bonbongrafik deutlich besser wegkommt als beim Versuch, eine möglichst realistische Darstellung zu erzielen.
Tastunoko vs. Capcom ist derart zuckersüß bunt, dass man direkt Karies bekommt. Die übertriebenen Moves der einzelnen Charaktere reihen sich da schon geradezu harmonisch ins Gesamtkonzept ein. An jeder Ecke flimmert und kracht es, eine wahre Wonne für Freunde der japanischen Zeichenkunst. Passend dazu gibt es den typisch japanischen Ohrenkrebs, der auf Dauer nur schwer zu ertragen ist. Aber daran dürften sich echte Fans der Tatsunoku-Studios doch schon längst gewöhnt haben, oder?
Ausgezeichnet mit den folgenden GameRadio-Awards: