"Erlebe echte Schrecken von einem der größten Gruselmeister Japans". "Bereite dich auf rücksichtslose Schocks vor, die deinen Mut und deine Nerven auf die Probe stellen". Dieser Packungsrückseiten-Text dürfe die Herzen von Horror-Fans höher schlagen lassen. Eine The Grudge-Episode zum Selberspielen? Nur mit einer Taschenlampe bewaffnet? Ich bin dabei! Doch wie das mit Packungsrückseiten so ist, stehen sie meistens im krassen Kontrast zur Realität. Ob das auch bei Ju-On: The Grudge der Fall ist, verraten wir euch in den nachfolgenden Zeilen.
Wer hat Angst vor schwarzhaarigen Frauen?
Ju-On: The Grudge basiert auf der gleichnamigen, japanischen Horrorfilm-Reihe von Takashi Shimizu. Schauplatz der Geschichte ist ein Spukhaus in einem Vorort der Millionen-Metropole Tokio. Dort wurden die junge Kayoko und ihr kleiner Sohn Toshio von ihrem eifersüchtigen Mann brutal ermordet. Seitdem suchen die ruhelosen Seelen der beiden die neuen Bewohner heim. Die Filme und deren US-Remakes konnten vor allem mit Schock-Effekten überzeugen und brachten Shimizu eine internationale Fangemeinde ein. An diese richtet sich Entwickler FeePlus, der momentan auch an
Ninety-Nine Nights 2 werkelt, unter Beteiligung des Regisseurs mit dem Wii-Exklusivtitel
Ju-On: The Grudge. Was nach einer spannenden Umsetzung klingt und sich als Horrorfilm zum selbst spielen versteht, scheitert kläglich an der Umsetzung.
Entschuldigung, wo geht’s denn hier zum Gameplay?
Eine Story sucht ihr in
Ju-On: The Grudge vergeblich, denn der Titel besteht nur aus mehreren Episoden, die euch in die Rollen unterschiedlicher Charaktere schlüpfen lassen. So folgt ihr unter anderem eurem entlaufenen Hund in ein verlassenes Fabrikgebäude oder wacht nach einem Zusammenbruch in einem leeren Krankenhaus auf. Die unterschiedlichen Levels werden mit wenigen Textzeilen eingeführt, so dass ihr nach jedem Ladebildschirm erneut ins kalte Wasser geworfen werdet. Jede Episode beinhaltet einen relativ kleinen, dunklen Schauplatz, in dem es eure Aufgabe ist, Batterien und Schlüssel zu finden. Erstere bracht ihr, um eure Taschenlampe funktionstüchtig zu halten und letztere, um einen neuen Level-Abschnitt betreten zu können. Mehr Gameplay-Elemente gibt es in
Ju-On: The Grudge nicht. Waffen? Fehlanzeige. Rätsel? Fehlanzeige. Gespräche mit NPCs? Fehlanzeige.
Komm, wir gruseln uns
Das gesamte Spiel hindurch schleicht ihr also in quälendem Schneckentempo - denn euer Charakter kann nicht rennen - durch kleine Areale und wartet auf die angekündigten Schock-Momente. Die sind zu allem Überfluss jedoch nicht im Geringsten beängstigend, sondern erinnern eher an eine Geisterbahnfahrt auf dem Jahrmarkt. Wie der sprichwörtliche Erschrecker in eben dieser, taucht hin und wieder der kleine Toshio auf und rennt vor oder hinter euch durch den Raum. Meist beim Öffnen einer Tür packt euch dann Kayoko am Arm und eure Aufgabe besteht lediglich darin, euch loszureißen. Hierbei erscheinen Pfeile auf dem Bildschirm, in deren Richtung ihr die Wii-Mote bewegen müsst, um der angriffslustigen Toten zu entgehen. Damit hat FeelPlus auch der allseits beliebten „Fuchtel-Steuerung“ Tribut gezollt. Schafft ihr es nicht, die WiiMote nach oben, unten, rechts oder links zu schwenken, heißt es „Game Over“ und ihr müsst das Level von vorn beginnen. Das müsst ihr übrigens auch, wenn die Batterien eurer Taschenlampe zur Neige gehen. Das kommt jedoch aufgrund der großzügigen Verteilung der Energie-Spender in den Levels nur sehr selten vor.
Mir wird ganz schwindelig
Was sich bis jetzt nach einem recht soliden Spielprinzip anhört, das zumindest Fans der Reihe ans Herz zu legen wäre, sorgt durch die katastrophale Steuerung schon nach wenigen Minuten für Wutausbrüche anstelle von spitzen Angstschreien. Ihr steuert die unterschiedlichen Charaktere in
Ju-On: The Grudge stets aus der Ego-Perspektive und benutzt dabei die Wii-Fernbedienung um eure Taschenlampe zu schwenken. Führt ihr diese an den Rand des Bildschirms, dreht sich euer Blickfeld. So war es anscheinend zumindest von den Machern vorgesehen. Denn nicht selten dreht sich der Blickwinkel einfach immerzu im Kreis oder ihr steckt, an die Decke starrend, fest. Um sich aus dieser misslichen Lage zu befreien, hilft meist nur sekundenlanges, beherztes Schütteln der WiiMote und ihr schaut wieder nach vorn. Da die Zeit in Form von Batterie-Energie stetig weiterläuft, sorgen diese unfreiwilligen Zappel-Einlagen für zusätzlichen Frust.
Du hast da ne billige Blut-Textur am Arm
Die Steuerung funktioniert nicht, es gibt quasi kein Gameplay und die Schock-Momente könnten nicht mal eure Oma erschrecken. Ein Spiel, das so rudimentär ausgefallen ist, müsste doch wenigstens mit Eyecandy-Grafik überzeugen, oder? Leider nein. Auch die Optik von
Ju-On: The Grudge bewegt sich weit unter dem Durchschnitt. Die Levels sind sehr karg und die Einrichtung der unterschiedlichen Räume wiederholt sich teilweise sogar. So betretet ihr auf der Schlüssel-Suche im Krankenhaus mindestens fünf Mal genau identische Patienten-Zimmer. Die Textur-Qualität fällt vor allem durch die Ego-Perspektive sehr negativ ins Auge. Gerade rostige oder schmutzige Wände wirken überaus matschig, während Kayoko eher durch ihre Polygon-Armut und die billig aufgemalten Blutspuren, als durch ihr plötzliches Auftauchen schockt. Die Soundkulisse, ein weiteres, überaus wichtiges Kriterium für ein Horror-Spiel, passt sich in die mittelprächtige grafische Präsentation ein. Hin und wieder kracht es hinter euch und ihr werdet mit Streicher-Einlagen förmlich auf die Erschrecker-Momente vorbereitet, aber das wars auch schon. Konstante Hintergrund-Sounds wie das dröhnen ferner Maschinen oder tropfende Wasserleitungen sucht ihr hier vergebens. Nicht einmal den kehligen Laut, mit dem die Film-Kayoko so manchen hartgesottenen Horror-Fan in Angst und Schrecken versetzt hat, konnte FeelPlus authentisch umsetzen.
Langweilen geht auch zu zweit
Um sich einen großen Umfang auf die Fahnen schreiben zu können, wartet
Ju-On: The Grudge auch noch mit einem „Mutprobe“-Modus und dem Einsatz einer zweiten WiiMote als rudimentärer „Mehrspieler“ auf. In ersterem stellt euch das Spiel mit mehreren Schockmomenten auf die Probe und misst anschließend, wie sehr eure Hand gezittert hat. Eventuelle Angsthasen-Ratings sind hier aber lediglich auf die grottige Steuerung zurückzuführen. Drückt ihr eurem Kumpel eine zweite WiiMote in die Hand, kann der während eurer Erkundungstouren per Tastendruck weitere Schock-Momente auslösen, die aber ebenso wenig ängstigen können, wie die bereits planmäßig integrierten.
Ju-On: The Grudge macht weder allein noch zu zweit Spaß.