Anfangs noch als technisch veraltetes Gerät mit zweifelhafter Steuerung verschrien, hat sich die Wii seit seiner Markterscheinung mittlerweile zur familientauglichen Konsole entwickelt, die neben jung und alt auch die Retro-Spieler wieder an das Joypad bzw. mittlerweile an die bewegungssensitive Wiimote lockt. Und was liegt da näher als die Zielgruppe mit Neuauflagen der traditionsreichen Serien von Big N zu beliefern. Genau diesen Gedankengang hatte aber nicht nur ich passend zu dieser Artikel-Einleitung, sondern auch die findigen Macher bei Nintendo. Was jetzt zur Folge hat, dass ich mit Punch Out!! die aufgebohrte Fassung des Klassikers von 1984 auf dem Schreibtisch zum Testen liegen habe.
Aller Anfang ist schwer
Beim Erscheinen einer Konsole ist es immer so eine Sache. Anfangs liegen klar die Killer-Applikationen (damit ist nicht mein persönliches Unwort des Jahres, die „Killerspiele“ gemeint, sondern die Games weswegen man sich eine Konsole ohne Bedenken zulegt wie z.B.
Metal Gear Solid 4 auf der PS3) in den Regalen, diese kommen aber meist vom Hardware-Hersteller selbst. Denn für die Entwickler ist die neue Programmierumgebung der Konsole meist noch Neuland. Dies hat sich auch bei der Wii so erwiesen, wo die Steuerung eines
Red Steel von Ubisoft zwar als Idee für zukunftsweisende Games herhalten konnte, aber spielerisch versank der Ego-Shooter leider im Durchschnitt. Vielmehr griff man beim geselligen Abend mit Freunden zu
Wii Sports, der kostenlosen Dreingabe von Nintendo, die primär dazu dienen sollte, golfend oder boxend die neue Steuerung zu erproben. Das Spiel an sich macht uneingeschränkt Laune, aber leider stößt man auch schnell an die Grenzen der Langzeitmotivation. Einen fordernden Karriere-Modus oder Online-Multiplayer-Modus sucht man vergebens. Klar, war ja das auch nicht im Sinne der Erfinder. Und genau hier sehe ich den Ansatzpunkt für
Punch Out!! – nämlich einem gekonnt in Szene gesetzten Sport-Game mit Charme, das jung und alt zu einem gemeinsamen Spiele-Abend begeistern kann und auch allein Spaß macht.
Vom Litte zum Big Mac
Wie meistens bei Spielen, bei denen das Gameplay im Vordergrund steht, dient die Hintergrundgeschichte lediglich als Rechtfertigung für das Bildschirmtreiben. Und so ist es auch bei
Punch Out!!: Als „Little Mac“ setzt ihr in Rocky-Manier alles daran, euch von der Straße in den Box-Olymp hochzuarbeiten. Grafisch erwartet euch ein Comic-Look und skurrile Ring-Gegner wie der deutsch angehauchte „Von Kaiser“. Insgesamt finden sich 13 liebevoll gestaltete, stereotype Charaktere, die kein Klischee auslassen - Als Franzose sieht man beim K.O statt Sternchen schon mal Croissants.
Nichts für Realismus-Fanatiker
Entscheidend über euren Erfolg im Ring ist im Gegensatz zu
Fight Night nicht die genaue Kenntnis von Schwingern und Aufwärtshaken, sondern vielmehr gezieltes Reaktionsvermögen und das Studium der unterschiedlichen Verhaltensweisen eurer Gegner, damit ihr im richtigen Moment kraftvoll zupacken könnt. Darin sehe ich auch das Manko des Spiels. Denn wer nach einer Erweiterung des Box-Modus von
Wii Sports giert, wird schnell merken, dass ihr eure Eingaben per Wiimote nicht schnell genug platzieren könnt. Auch das Ausweichen durch die Balance Board-Peripherie ist deutlich zu langsam und bringt einen zurück zum klassischen Controller.
Gelungene Wiederbelebung
Trotz der anfänglichen Enttäuschung sorgt das Spiel doch für einige Langzeitmotivation. Denn sind erstmal alle Ring-Gegner besiegt, geht es in die fordernde Rückrunde. Hier trefft ihr erneut auf die bereits aus den Vorgänger-Teilen bekannte Box-Riege, die aber mit einer erweiterten Move-Palette kräftig dazugelernt hat. Klar, an sich nichts neues, aber wer das arcadelastige Gameplay mag, kann dank einer fordernden Lernkurve so weiter an der Perfektionierung seines Boxstils arbeiten. Nach Beendigung der Einzelspieler-Karriere wird das Spiel wohl trotzdem für einige Zeit im Schrank verschwinden, da der Titel ansonsten nicht viel hergibt.
Zum Alleinsein verdammt
Einen Multiplayer-Modus, in dem sich beide als „Little Mac“ eins auf die Rübe geben, gibt es auch. Darin kommt auch mal die Wii-Mote zu ihrem Einsatz, denn wenn beide Herausforderer mit der gleichen Steuerung antreten, ist das Handicap wieder aufgehoben. Was ich nicht verstehe ist, dass man trotz der skurrilen Boxer-Riege nur auf den Hauptcharakter limitiert ist. Mit ein wenig mehr Arbeit hätte man die ganze Sache auch onlinefähig machen können und so eine wunderbare Langzeitmotivation zaubern können. Aber das gab’s ja auch zu NES-Zeiten nicht, warum sollten die Entwickler dies nun anders machen? Also mir fallen tausend Gründe ein, aber diesmal gehen meine Gedankengänge mit denen der Nintendo-Bosse auseinander, obwohl sie eingangs sich noch glichen.
Retro-Romantik
Naja, trösten wir uns mit einer Retro-Romantik. Denn das damalige Spiel von 1984 wurde mit perfekter Sounduntermalung und wunderbar detaillierter Grafik in die heutige Zeit portiert. Neuen Spieler könnten aber schnell von dem Gameplay enttäuscht werden – gerade wenn sie eine Box-Simulation erwartet haben. Aber seht es mal so, damals war wegen der eingeschränkten technischen Hardware gar nicht an die Umsetzung einer Simulation zu denken. Daher hat man den Boxsport eben so auf die heimische Mattscheibe gezaubert. Und das Konzept macht nach wie vor Spaß. Gerne hätte ich jedoch einen Wiimote-Modus etc. gesehen, indem man das Spiel nochmal mit dem Eingabegerät fordernd spielen kann ohne gleich konkurrenzlos im Sekundentakt zu Boden zu gehen. Das ist wohl neben dem spartanischen Multiplayer-Modus der größte Kritikpunkt für das ansonsten durchaus gelungene Comeback der Box-Legende.
Ausgezeichnet mit den folgenden GameRadio-Awards:
