Fast ein Jahr liegt der Europa-Release von Nintendos „Wii Fit“ schon zurück. Nach so langer Zeit dürfte selbst bei den motiviertesten Konsolen-Besitzern Langeweile aufgekommen sein und das Balance Board verstaubt unter dem Sofa oder im Schrank. Während die erhoffte Flut an ähnlichen Fitness-Spielen ausgeblieben ist, versucht Publisher Ubisoft im Rahmen seiner „Spiele für mich“-Reihe einen „Wii Fit“-Nachfolger ins Rennen zu schicken. Ob „Mein Fitness-Coach: Gut in Form“ trotz fehlender Balance Board-Unterstützung überzeugen kann, lest ihr in unserem ausführlichen Test.
Willkommene Abwechslung?
Zugegebenermaßen war ich schon etwas enttäuscht, „Mein Fitness-Coach“ nach Wochen des Wartens und vollmundigen Versprechungen seitens Ubisoft, endlich in den Händen zu halten. Irgendwie schien es doch selbstverständlich zu sein, dass ein Fitness-Spiel für Nintendos Wii auch Balance Board und Nunchuck als zusätzliche „Trainingsgeräte“ unterstützt. Doch dem ist leider nicht so. So oft ich die Schachtel auch umdrehe und im Handbuch blättere, das Multifunktionsbrett wird wohl oder übel weiter vor sich hinverstauben müssen und die WiiMote kommt lediglich beim Navigieren durchs Menü zum Einsatz. Nachdem ich „Wii Fit“ aber mittlerweile in und auswendig kenne, bin ich gerne bereit, „Mein Fitness Coach“ eine Chance zu geben.
Wo hab ich doch gleich das Maßband hingelegt?
Die erste böse Überraschung folgt gleich nach dem stimmungsvollen Intro-Video, in dem eine wohlgeformte Render-Schönheit die Vorzüge des Spiels erklärt. Maya, so der Name meiner Personal Trainerin, verwandelt sich nämlich aufgrund der geringen Wii-Auflösung in einen pixeligen, weiblichen Verschnitt von Arnold Schwarzenegger mit kantigen Muskelbergen. Na hoffentlich sehe ich nach ein paar Wochen Training nicht auch so aus. Um ein passendes Workout-Programm zusammenstellen zu können, braucht „Mein Fitness-Coach“ jede Menge Input, den ihr aufgrund des fehlenden Balance-Boards - mit einem Maßband bewaffnet - in einer halbstündigen Einführung zusammentragen müsst. Nachdem Maße, Gewicht und Alter ermittelt wurden, geht die schweißtreibende Arbeit auch schon los. Hier soll anhand von „Wie viele Crunches, Liegestütze und Kniebeugen schaffst du?“-Übungen euer Fitness-Level mit anschließenden Workout-Tipps festgestellt werden. Habt ihr den Einführungstest überstanden, schlägt euch das Spiel vor, welchen Schwerpunkt ihr für euer zukünftiges Training wählen solltet. Dabei könnt ihr euch zwischen Gewichtsabnahme, Ausdauer, Oberkörper, Körpermitte und Unterkörper entscheiden. Anschließend dürft ihr euch noch Fitness-Ziele setzen und angeben, wie oft und wie lang ihr trainieren möchtet. Letztere Angaben haben jedoch keinerlei Einfluss auf das Spiel und sollen lediglich der Motivation dienen.
Gefangen in der Endlosschleife
Bevor das Workout beginnt, teilt ihr eurer Personal Trainerin noch mit, wie lange ihr euch verausgaben möchtet (15, 30, 45, 60 und 75 minütige Einheiten sind möglich) und ob ihr über zusätzliche Trainingsgeräte verfügt (Fitness-Ball, Hanteln, Pulsmesser und Step-Brett). Zusätzlich könnt ihr euch eine Location und Musik auswählen. Jedes Workout beginnt mit Aufwärm-Übungen, die schmerzlich an meinen letzten Fitness Studio-Besucher erinnern: Unsinnige Schritte, die sich wie in einer schweißtreibenden Endlosschleife aneinander reihen. Da es keine Einführung gibt, dürfte es Einsteigern zu Beginn schwer fallen, Maya zu folgen. Auch für eine Trinkpause müsst ihr per Tastendruck selbst sorgen. Per WiiMote könnt ihr euch jede Übung zwar auf Wunsch auch erklären lassen, eine kurze Einführung vor jedem neuen Training, wie das bei „Wii Fit“ der Fall ist, wäre jedoch sinnvoller gewesen.
Abwechslungsreiches Training? Fehlanzeige.
Nach ein zwei Workouts dürftet ihr jedoch auch die schwierigen Aerobic-Schritte meistern, da „Mein Fitness-Coach“ in Hinblick auf die Übungen nicht sehr abwechslungsreich ist und ihr sowieso immer wieder die selben, zufallsmäßig zusammengestellten Wiederholungen ausführt. Genau das ist auch der größte Schwachpunkt des Hauptprogramms. Ganz egal, für welche Trainingsdauer ihr euch entschieden habt, übrige Minuten füllt „Mein Fitness-Coach“ nicht etwa durch neue Übungen auf, sondern lässt euch eben einfach weitere Wiederholungen der selben Übung machen. So würdet ihr in einem 15-minütigen Training etwa 20 Crunches ausführen, während ihr euch an einem 45-minütigen Workout mit rund 60 bis 80 Crunches die Zähne ausbeißt, anstatt euch an weiteren Übungen zu versuchen. Darüber mögen sich vielleicht eure Bauchmuskeln freuen, aber auf Dauer wird es doch langweilig, immer und immer wieder nur Wiederholungen auszuführen.
Wer öfter Sport treibt weiß, dass es gerade am Ende des Kraft-Übungen wichtig ist, die eingesetzten Muskeln zu dehnen, um Muskelkater-Attacken am nächsten Tag zu vermeiden. Dieser Teil von „Mein Fitness-Coach“ versagt auf ganzer Linie. Abwärm-Übungen sind zwar vorhanden, nehmen aber höchsten zwei bis drei Minuten der gesamten Trainingszeit ein. Und zu allem Überfluss stehen dabei auch meist noch Muskelgruppen im Fokus, die ihr während des gesamten Workouts überhaupt nicht beansprucht habt. So empfiehlt euch Maya beispielsweise eure Halsmuskeln zu dehnen, obwohl ihr gerade eine ausgiebige Kniebeugen-Session hinter euch gebracht habt. Nach jedem Trainingsabschnitt fragt euch das Spiel zwar, ob die Übungen zu schwer, zu leicht oder genau richtig waren, einen spürbaren Einfluss auf den per Zufallsprinzip zusammengestellte Trainingsablauf haben die Antworten aber nicht wirklich.
Macht mal einer das Koffer-Radio lauter?
Ein weiterer Punkt, der euch am Erreichen eurer Figur-Ziele hindern könnte, ist euer Coach Maya. Während man sich in „Wii Fit“ trotz mittelmäßiger Synchronisation recht schnell an die beiden Begleiter gewöhnt hat, fällt das bei „Mein Fitness-Coach“ wirklich schwer. Mayas Sprecherin lispelt teilweise so sehr, dass ihr manchmal Probleme habt, die Übungsbeschreibung zu verstehen – aber vielleicht liegt das auch einfach nur an der schlechten Audio-Qualität des Spiels. Die Option, verschiedene Musikstile auszuwählen, hätten sich die Entwickler ruhig schenken können, denn ganz egal ob Dance, HipHop oder Latin, jedes Genre klingt, als hätte jemand im Nachbarzimmer ein blechernes Koffer-Radio eingeschaltet. Von treibenden Bässen, die zum Mitmachen animieren, fehlt hier wirklich jede Spur. Auf dem DS wäre derartiger Sound vielleicht herausragend gewesen, aber auf der Wii sind wir doch deutlich besseres gewohnt.