Manchmal lohnt sich das Warten: 1995 erschien auf dem Super Famicom (wie das SNES in Japan heisst) Tactics Ogre, welches '96 für Segas Saturn mit Sprachausgabe aufgepeppt neu veröffentlicht wurde. Beide Spiele gab es jedoch nur in Japan, ihren Weg zu uns fanden sie nur per Import. Das gelang erst 1997 der Portierung für die erste PlayStation. Heute liegen die Rechte an der Marke bei Square Enix - und die locken nun mit einer komplett neuen Überarbeitung für die PlayStation Portable mit dem Untertitel Let Us Cling Together Strategen an die Front.
Ich schreib' meine eigene Geschichte
Wer die
»Final Fantasy Tactics-Reihe kennt, der kennt auch
Tactics Ogre, war das 1995er Strategie-Rollenspiel doch das maßgebende Vorbild für die Taktikabenteuer im
Final Fantasy-Universum. Der größte Unterschied zwischen den beiden Reihen dürfte die weit tiefere Geschichte sein, die Spieler von
Tactics Ogre seit jeher begeistert. Und da für die Neuauflage des Klassikers von 1995 einige Änderungen an der Geschichte vorgenommen wurden und sie zudem stark von getroffenen Entscheidungen abhängt, wollen (und dürfen) wir nicht zuviel verraten. Nur soviel: Wie auch im Original schlüpft ihr in die Rolle von Denim Powell, welcher hier allerdings namenlos ist und von euch benannt wird. Zusammen mit Schwester Catiua und Kumpel Vyce lebt dieser in der Hafenstadt Golyat, welche vor einem Jahr von den dunklen Rittern überfallen wurde. Als sie erfahren, dass der dunkle Ritter Lanselot einen neuen Angriff plant, rüsten sie sich für einen Überraschungsangriff. Statt den dunklen Rittern treffen sie jedoch auf heilige Ritter, die sich als Söldner zu verdingen suchen. Gemeinsam befreien sie den inhaftierten Herzog Ronwey. Doch damit beginnt das Abenteuer gerade - ihr seid nun Anführer einer kleinen Gruppe von Widerstandskämpfern, auf dem Weg, Helden zu werden.
Über die Weltkarte bewegt ihr euch durch die Welt von
Tactics Ogre: Let Us Cling Together. Ihr könnt eure Party auch jederzeit über diverse Menüs verwalten, sie etwa mit eingekauftem oder gesammeltem Equipment ausrüsten oder verdiente Skillpunkte für neue Fähigkeiten ausgeben. Kommt es zu einem Kampf, müsst ihr erstmal bestimmen, wer antreten soll. Der jeweilige Ort gibt dabei vor, wieviele Leute ihr in die Schlacht mitführen dürft. Bei maximal zwölf Einheiten ist allerdings Schluß - gut so, denn schon das ist mitunter recht unübersichtlich. Bei der Entsendung eurer Truppe solltet ihr auf deren Fähigkeiten achten: Wer nur auf Nahkämpfer setzt, wird kaum Erfolg haben. Nutzt also lieber eine ausgewogene Mischung aus Nah- und Fernkämpfern, Angriffsmagiern und Heilern.
Der Kampf findet auf einer isometrischen Karte statt, die in einzelne Felder unterteilt ist. Gekämpft wird komplett rundenbasiert, wann welche Einheit am Zuge ist, hängt von deren Geschwindigkeit ab. Die Besonderheit der Scharmützel in
Tactics Ogre ist sicherlich die strategische Nutzung von Höhenunterschieden. Ihr könnt nicht ohne weiteres einfach über mehrere Höhenebenen hinwegmarschieren, sondern müsst mitunter Umwege in Kauf nehmen. Auch hat das natürlich Einfluss auf die Distanz eurer Angriffe. Wenn ihr mit einem Charakter am Zug seid, könnt ihr euch in eurem Aktionsradius bewegen und eine Aktion starten. Das kann ein Angriff auf einen Gegner sein oder die Nutzung eines Items aus eurem Inventar. Mehr als bewegen und eine Aktion starten ist in einem Zug nicht möglich, ihr solltet also genau planen. Zum Abschluß legt ihr noch fest, in welche Richtung euer Charakter schauen soll, was für Deckung und Ausweichmanöver wichtig ist. Leider habt ihr mitunter soviele Einheiten im Einsatz, dass ihr etwas den Überblick verlieren könntet. War Sara nun Heilerin... oder Bogenschützin? Oft genug müsst ihr nochmal nachschauen, bevor ihr euren Zug macht. Das zieht die ohnehin schon recht langen Kämpfe noch mehr in die Länge.
Etwas Kontrolle abgeben
Um nicht ständig selbst jede Einheit kontrollieren zu müssen, bietet
Tactics Ogre: Let Us Cling Together ein praktisches Feature: Ihr könnt jedem eurer Mitstreiter eine Rolle zuweisen. Stellt etwa jemanden als Heiler ab oder lasst einen Gefährten mit der Axt durch die gegnerische Linie preschen. Diese Rollen werden von der KI übernommen - und das sogar in den meisten Fällen ziemlich gut. Hapern tut es vor allem bei den Heilern. Wenn ihr etwa jemanden beschützen sollt, machen diese oftmals keinerlei Anstalten, die Personen zu unterstützen. Da hilft nur, wieder selbst die Kontrolle über Heiler zu übernehmen. generell gilt: Je mehr Leuten eurer Party ihr Rollen zugewiesen habt, desto mehr seid ihr zum reinen Zuschauer bei den Kämpfen degradiert.
Weniger Zuschauer seid ihr dafür beim Mikromanagement eurer Party. Jeden einzelnen Charakter, einschließlich eures eigenen, könnt ihr nach eigenem Gutdünken mit Ausrüstung ausstaffieren und Skills oder Magie erlernen lassen. Während ihr Ausrüstung in den Kämpfen findet oder in Shops kaufen könnt, erhaltet ihr neue Fähigkeiten im Tausch gegen eure Erfahrungspunkte.
Tactics Ogre erweist sich als sehr umfangreich in den Möglichkeiten, die Kampffähigkeiten eurer Truppe eurem Spielstil anzupassen. Hier liegt aber auch ein massiver Kritikpunkt: Dieses ganze Mikromanagement verschlingt einiges an Zeit. Permanent Ausrüstungen anpassen, Erfahrungspunkte verteilen, skillen, ... das wird schnell etwas träge. Das gilt auch für die Einkäufe in Shops. Hierbei solltet ihr nämlich eure Charaktere und die aktuellen Charakterwerte gut kennen, um zügig einzukaufen. Gut wäre es gewesen, wenn man einen Charakter auswählen und dessen Statusveränderungen durch das ausgewählte Accessoire hätte sehen können - stattdessen kauft ihr quasi blind ein. Je nachdem, wieviele Charaktere sich in eurem Tross befinden, kann das schonmal ein nerviges zwischen Shop und Party umschalten nach sich ziehen.
Nach einiger Zeit gelangt ihr in den Besitz einer Tarot-Karte, mit der ihr jederzeit die letzten 50 Schritte im Kampf rückgängig machen könnt. Auch andere Tarot-Karten warten darauf, entdeckt zu werden. Diese geben euch im Kampf dann allerdings nur einen kleinen Stats-Boost. Um der tiefen Geschichte von
Tactics Ogre: Let Us Cling Together auch nach längerer Pause noch folgen zu können, könnt ihr alles Wesentliche in den
Warren Reports nachlesen. Hier findet ihr eine Zeitleiste mit den ganzen Ereignissen, könnt Dialoge erneut verfolgen oder Informationen über die verschiedensten Personen abrufen. Dabei werden auch einige Hintergründe beleuchtet, die im Spiel nicht behandelt wurden.
Viel Einarbeitung
Weiterer Kritikpunkt an
Tactics Ogre ist definitiv der Schwierigkeitsgrad, der teilweise schon fast frustrierend unfair ausfällt. Beispiel gefällig? In einer Mission sollt ihr ein Mädel beschützen, das gerade von Gegnern attackiert wird. Läuft es ungünstig für euch, ist diese innerhalb von zwei Runden tot - ohne, dass ihr auch nur die Möglichkeit gehabt hättet, in ihre Nähe zu gelangen und ihr beizustehen. Und dann heisst es: Game Over. Mit ein wenig Glück und passend ausgerüsteter Truppe ist das Problem dann aber doch lösbar. Und gerade das zeichnet
Tactics Ogre dann doch wieder aus: Egal, wie unlösbar ein Problem ist - es gibt eine Lösung. Das kann aber mitunter einige Vorbereitung in den Menüs bedeuten.
Technisch macht
Tactics Ogre: Let Us Cling Together einen sehr guten Eindruck. Die grundsätzliche Grafik ist natürlich nah am Original gehalten und entsprechend simpel, wird allerdings durch einige Effekte ordentlich aufgehübscht. Bei der Akustik gibt es wenig zu mäkeln: Eine Sprachausgabe wäre zwar nett gewesen, angesichts der ellenlangen Dialoge aber auch etwas viel verlangt. Die Musikstücke jedoch sind typische Square Enix und können voll überzeugen.