Bei manchen Spielen streicht man sich den Releasetermin rot im Kalender an, hastet voller Vorfreude zum Händler seines Vertrauens, um danach in selbst gewählter Isolation von der Außenwelt, schlaflosen Nächten und heruntergelassenen Rollläden zu zocken bis der Abspann über den Bildschirm flimmert. Das ist aber nichts im Vergleich zu der kommenden Leidensperiode. Jetzt steht das Warten auf die Fortsetzung an. Ob Peace Walker allen MGS-Fans diese Zeit versüßen kann, zeigt der Test.
Konfuse Hintergrundgeschichte
In Sachen Storyline ist die
Metal Gear-Serie nur noch für hartgesottene Fans verständlich. Denn hier wird plattformübergreifend die Zeit miteinander verwoben. So kommt es, dass der erste Teil der Handlung eigentlich der für die PS2 erschienene dritte Teil der Solid-Saga
»Snake Eater ist. Soll heißen, hier erleben wir durch die Augen von Big Boss genau die Handlungen, die die Ereignisse der bereits in den achtziger Jahren erschienen
Metal Gear-Teilen eingeleitet haben. Wer also die Serie chronologisch korrekt nachspielen will, der muss zuerst zum PS2-Ableger greifen.
Danach muss der Griff aber schon zur PSP gehen, denn die Geschichte des jüngst erschienen
Metal Gear Solid Peace Walker knüpft genauso wie
Portable Ops an die Geschehnisse in
Snake Eater an. Im Jahr 1974 - und damit zehn Jahre nach den Ereignissen im Dschungel - herrscht nach wie vor Kalter Krieg. Naked Snake ist mittlerweile Chef einer Söldnertruppe mit dem Namen "Armee ohne Grenzen", der es im Gegensatz zur Sowjetunion und Amerika weniger auf politische Gesinnung ankommt als schlicht und einfach darauf, Krieg zu führen. Daher ist Snake auch wenig begeistert davon, dass er sich erneut in das Machtspiel der beiden Großmächte einmischen soll, indem er der Besatzung des friedlichen Staates Costa Rica auf die Schliche geht. Einzig und allein die Tatsache, dass ihm ein Funkspruch zugespielt wird, auf der er die Stimme seiner totgeglaubten Mentorin The Boss wiedererkennt, weckt sein Interesse.
Kleine Hardware, großes Kino
Die Zwischensequenzen in
Peace Walker werden ordentlich in dem von der
MGS Digital Graphic Novel bekannten Stil erzählt und lassen vergessen, dass es hier aufgrund der Plattform zu keinen blockbustergleichen Zwischensequenzen kommen kann. Dafür sind die Filmchen wieder episch lang geraten und werden durch Quick Time Events aufgelockert.
Auch die restliche Präsentation ist für Sonys Winzling der helle Wahnsinn. Man bekommt das Gefühl, als hätte Kojima einen PS2-Titel entwickeln lassen, in der Schublade vergessen und nun wird das Spiel einfach auf der PSP präsentiert. Da wiegen auch mal Blätter im Wind, während Snake fein animiert durch den Dschungel schleicht. Soundtechnisch passt die Musik wie die sprichwörtliche Faust aufs Auge und die Synchronisation ist auf bekannt hohem Niveau.
Aber wo Licht ist, da ist auch Schatten. Zwar ist es spitze, dass das bekannte Dschungel-Szenario sich ohne Abstriche genauso echt anfühlt wie einst auf der PS2, aber eins kann auch
Peace Walker nicht hervorzaubern: einen zweiten Analogstick für die PSP. Man kann sich zwar mittels Knöpfen und Steuerkreuz arrangieren, dies geht aber nicht so flüssig wie es mit einem zweiten Analogstick möglich gewesen wäre. In den rund zwanzig Stunden Spielzeit für die Kampagne braucht man schon einige Eingewöhnungszeit, um sich an das Manko gewöhnen zu können, aber dann weiß man mit dem Mankel umzugehen. Auch die Tatsache, dass sich Snake ab sofort nur noch gebückt und nicht mehr kriechend an seine Gegner anschleichen kann, ist für
MGS-Kenner eingangs verwirrend, aber mit der Zeit auch verschmerzbar.
Snake bekommt Level-Ups
Bereichert wird das Gameplay von
Metal Gear Solid Peace Walker durch eine Rollenspiel-Komponente. Denn unser Eingreifen auf Costa Rica wird mit einem eigenen Stützpunkt dort belohnt. Kenner der Serie denken hier sofort an Outer Heaven. Fortan können wir uns genauso wie in
» Assassin's Creed II dem Mikromanagement widmen. Hier teilt man die Söldner z.B. in Forschung oder Bewachung ein. Hat man seine Sache gut gemacht, winken außerdem neue Waffen oder eine gute Truppenmoral. Aber auch im eigentlichen Spiel gilt es Erfahrungspunkte zu sammeln, wenn am Ende eines Einsatzes Bilanz über die jeweilige Waffenverwendung gezogen wird. Natürlich muss man sich nicht sklavisch in der Rahmenhandlung versuchen, sondern kann auch in den zahlreichen Nebenmissionen Erfahrungspunkte sammeln. Besonders der Aspekt, dass wir unsere Soldaten wie Pokémons einsammeln, verbessern und gemäß der Doktrin in der Fremdenlegion auch nicht auf dem Schlachtfeld zurücklassen sollten, klingt zwar simpel, ist aber ungemein spaßig und erinnert an das gelungene
»Final Fantasy VII: Crisis Core.
Das streckt die Spielzeit von
Metal Gear Solid Peace Walker merklich, sorgt für Laune und wird hoffentlich auch Einzug in künftige Serienteile finden. Eine weitere Neuerung ist der Ko-Op-Modus. Mit bis zu drei Mitspielern könnt ihr Missionen gemeinsam bestreiten. Einige Aufgaben lassen sich im Team sogar deutlich einfacher lösen. Das merkt man besonders gegen Ende des Spiels, wo der Schwierigkeitsgrad für einsame Spieler etwas zu sehr anzieht. Besonders der Aspekt, dass man nicht innerhalb eines Einsatzes speichern kann, ist extrem frustrierend, wenn man nach einer halben Stunde ins Gras beißt, wieder von vorne anfangen muss oder die Endhaltestelle der Straßenbahn erreicht ist.
Ausgezeichnet mit den folgenden GameRadio-Awards:
