Strategie-Spiele gehören zu den Genres, die sich im Laufe der letzten Jahre am wenigsten verändert haben. Damals wie heute bewegt ihr in den meisten Fällen kleine Einheiten aus der Vogelperspektive über eine Karte und löst deren Angriffs-Taktiken mit einem einfachen Klick auf den Gegner aus. Die Entwickler des Dreamcast-Rollenspiels „Skies of Arcadia“ versuchen nun mit einer außergewöhnlichen Optik und actionlastigerem Gameplay frischen Wind ins Genre zu bringen. Ob „Valkyria Chronicles“ auch Ballerfreunde und Strategie-Neulinge in seinen Bann ziehen kann, lest ihr in unserem ausführlichen Test.
Nicht schon wieder Zweiter Weltkrieg
Der Zweite Weltkrieg gehört Zweifels ohne zu den attraktivsten Game-Settings aller Zeiten, seien es nun Ego-Shooter, Adventures oder eben Strategie-Spiele. Aus dem großen Klischee-Topf hat sich auch Sega bedient und verfrachtet die Handlung von „Valkyria Chronicles“ ins Europa der 30er Jahre. In einem alternativen Universum verwüstet ein erbitterter Ressourcen-Krieg zwischen dem Imperium und der Föderation die grünen Landschaften und idyllischen Fachwerk-Städtchen des Landes. Besonders das Dorf Gallia befindet sich aufgrund seiner Bodenschätze unter heftigem Beschuss. Die beiden Hauptcharaktere Alicia und Welkin wollen sich nicht mehr länger ihrem Schicksal ergeben und beschließen kurzerhand, die gebeutelte Dorfgemeinschaft gegen die Invasoren zu verteidigen. An der Seite der Befreiungsarmee Squad 7 befehligt ihr dabei rund 20 Einheiten durch über 50 Stunden Spielzeit.
Die glorreichen Sieben, ... äh Zwanzig
Die Geschichte von „Valkyria Chronicles“ ist in 30 Haupt- sowie zahlreiche Nebenmissionen gegliedert, die sich über 18 Kapitel erstrecken. Zu Beginn jedes Einsatzes stellt ihr euch eine schlagkräftige Truppe aus den fünf Grund-Einheiten Späher, Techniker, Scharfschütze, Infanterist und panzerbrechenden Lanzen-Trägen zusammen. Genre-typisch hat jede Einheit ihre Stärken und Spezial-Fähigkeiten. So reparieren Techniker beispielsweise euren lädierten Panzer oder entschärfen auf dem Schlachtfeld verteilte Minen. Habt ihr eine passende Besetzung für eure Armee ausgesucht, landet ihr auf einer Übersichtskarte des entsprechenden Levels. Hier seht ihr die Positionen der Feinde und platziert eure Einheiten an strategisch günstigen Punkten auf der Map. Noch eben einen eurer Soldaten angewählt und das Spiel wechselt aus der Vogelperspektive nahtlos in die Verfolger-Ansicht. Ähnlich wie in einem Third-Person-Shooter steuert ihr nun einen der Anime-Charaktere auf dem Schlachtfeld. Die Richtung dürft ihr zwar frei wählen, jedoch ist die Zeit, in der ihr euren Zug ausführen dürft, begrenzt. Eine Leiste am unteren Bildschirmrand zeigt an, wie weit ihr mit eurer Einheit noch voranstürmen könnt, bis der Zug beendet ist. An einer geeigneten Position angelangt – vorzugsweise hinter einer Deckung – wechselt ihr per Tastendruck in den Zielmodus. Nun habt ihr alle Zeit der Welt, um den Gegner möglichst effektiv aufs Korn zu nehmen und anschließend mit erneutem Tastendruck einen Angriff auszulösen.
Lieblings-Soldaten unter feindlichem Beschuss
Um Einheiten auf der Karte bewegen zu können, benutzt ihr so genannte CP-Punkte. Davon stehen euch in jeder Runde eine bestimmte Anzahl zur Verfügung. Fußtruppen benötigen beispielsweise nur einen CP-Punkt pro Zug, während ein Panzer gleich zwei verschlingt. Genre-typisch müsst ihr dabei zwar auf den strategischen Einsatz der Punkte achten, habt jedoch die Freiheit, eine favorisierte Einheit mehrmals zu benutzen. Sind eure CP-Punkte aufgebraucht, beginnt die gegnerische Kampf-Phase. Hierbei ist es enorm wichtig, eure Einheiten vorher hinter einer Mauer oder auf einem der umliegenden Häuser in Sicherheit zu bringen. Die Soldaten erwidern das Feuer zwar, werden aber auf freiem Feld ebenso leicht von feindlichen Schüssen getroffen. Stirbt einer eurer Kameraden, könnt ihr ihn relativ einfach wieder auf die Beine bringen, indem ihr in der nächsten Runde ein selbständig agierendes Rettungsteam anfordert. Ist die Schlacht zu euren Gunsten entschieden, bekommt ihr Erfahrungspunkte, die sich auf die Fähigkeiten eurer Einheiten verteilen lassen. Auch während des Gefechts steigen häufig benutzte Soldaten im Level auf, was wiederum dem gesamten Squad zugute kommt.
Märchenhafte Sprachbarrieren
„Valkyria Chronicles“ geht nicht nur in Hinblick auf das einsteigerfreundliche Gameplay neue Wege. Auch optisch dürfte der Titel vor allem Anime-Fans begeistern. Mit Hilfe der hauseigenen CANVAS-Technologie hat Sega eine Cel-Shading-Grafik im Stile eines Aquarell-Bildes kreiert. Konsequent durchgezogen entsteht dabei nicht selten der Eindruck, man würde durch ein Bilderbuch blättern, anstelle sich den Schrecken des virtuellen Krieges zu stellen. Alle Objekte im Spiel wurden von Hand gezeichnet, was man vor allem den detaillierten Einheiten ansieht. Ebenso stimmungsvoll werden auch Explosionen und Maschinengewehr-Salven in Szene gesetzt – sie werden beispielsweise durch Manga-typische Actionlines und „Blam!“Schriftzüge begleitet.
Für den Soundtrack zum spielbaren Märchenbuch sorgt ein Orchester, das die Missionen zwar manchmal ein wenig zu dramatisch, aber dennoch spannend untermalt. Einzig bei den Waffen-Sounds hätten sich die eher Rollenspiel-erfahrenen Entwickler ein wenig Nachhilfe nehmen können. So klingen gerade die MGs eher wie Erbsengewehre, was jedoch nur einen kleinen Minuspunkt für den Gesamteindruck darstellt. Ein sehr viel größeres Manko ist da schon die fehlende Lokalisation von „Valkyria Chronicles“. Die Sprecher-Riege wurde mit über 100 unterschiedlichen Stimmen zwar top besetzt, jedoch habt ihr nur die Wahl aus englischer und japanischer Sprachausgabe, während sämtliche Bildschirmtexte ebenfalls nur in Englisch verfügbar sind. Das Spielprinzip kommt ohne viel Worte aus, wollt ihr aber mehr von der Story mitbekommen, die teilweise in sehr langen Textpassagen erzählt wird, dürften hier gerade Englisch-Anfänger so ihre Schwierigkeiten haben.
Ausgezeichnet mit den folgenden GameRadio-Awards:
