Wenn sich Videospiele eine Kritik gefallen lassen müssen, dann ist es meist jene über die Fortsetzungswut der Spielehersteller. In Politik und Bildung geraten sie zudem immer wieder in das Kreuzfeuer der Kritk. Videospiele fördern Gewalt, sorgen für soziale Isolation oder machen gar dumm. Von der Anerkennung zur Kunstform sind sie ohnehin meilenweit entfernt. Gerne werden dann sogenannte "Killerspiele" wie Call of Duty oder Battlefield als Beispiele genannt. Dabei geht es auch anders. Das vorliegende Papo & Yo bewegt sich fernab ausgetretener Pfade und erstickt jeden Verdacht auf kommerzfördernde Gewaltdarstellung bereits im Keim. Designer Vander Caballero verfolgt ein gänzlich anderes Konzept und verarbeitet dabei die Erlebnisse seiner bewegten Jugend.
Berichtet man als Redakteur über das PSN-Spiel
Papo & Yo, so muss auch über den Schaffer des Spiels, Vander Caballero, geschrieben werden. Der Designer von
Papo & Yo war in der Karriereleiter bereits nach oben geklettert und arbeitete beim Branchenriesen Electronic Arts. Dort saß er unter anderem an Großprojekten wie
Army of Two, das sicherlich über ein siebenstelliges Budget verfügte. Jetzt backt Vander Caballero deutlich kleinere Brötchen, hat durch diesen Schritt aber auch deutlich mehr Freiheiten gewonnen.
Schwere Kost für anspruchsvolle Spieler
Es darf bezweifelt werden, ob sich ein großer Publisher einem Spiel wie dem vorliegenden angenommen hätte. Das Thema, dessen sich Caballero widmet, ist ebenso schwierig wie komplex. In
Papo & Yo geht es um das große Problem der Abhängigkeit. Dabei geht das Spiel nicht einzig und allein auf das schwierige Krankheitsbild ein, sondern beschäftigt sich insbesondere auch mit den Folgen für das soziale Gefüge eines Alkoholikers.
Vander Caballero ist quasi ein Experte auf diesem Gebiet, denn er musste in seiner Kindheit unter der Alkoholkrankheit seines Vaters leiden. Insofern stellt
Papo & Yo nur zu einem Teil ein Spiel dar, der andere Teil ließe sich durchaus als autobiographische Aufarbeitung von Caballeros Jugend bezeichnen. Als Protagonist tritt Caballero jedoch nicht selbst auf, sondern der kolumbianische Junge Quico.
Zwischen Delir und Leberzirrhose
Das Leid, dass ein alkoholkranker Mensch tagtäglich durchstehen muss, ist unbeschreiblich. Doch die Erkrankung zieht schnell noch weitere Kreise. Zuerst erfasst vom Strudel werden in der Regel die engsten Familienmitglieder und Kinder. Letzteren fehlt meist die Möglichkeit sich gegen die Folgen zu wehren. Genauso ergeht es dem jungen Quico, der sich zu seiner Verstärkung den Spielzeugroboter Lula mit ins Abenteuer genommen hat.
Die Abenteuer der beiden finden nicht in der Realwelt statt, sondern werden von den Machern ein wenig surreal erzählt.
Papo & Yo erzählt seine Geschichte nicht wie ihr es sonst möglicherweise von Videospielen gewohnt seid, sondern bedient sich einer gewissen Abstraktheit. So wird der Alkoholkranke nicht als menschliche Person dargestellt, sondern berichtet vielmehr vom Monster im Menschen. Dieses Monster zeigt zwei Seiten. Es kann lieb, nett und gutmütig sein. So wie sich ein kleiner Junge einen Papa nur wünschen kann. Leider ist das Monster unberechenbar. Die giftigen Frösche, die sich in der Welt von
Papo & Yo nur so tummeln, verwandeln das Kuschelmonster in eine widerwärtige Bestie. Sie ist böse, hinterhältig und vor allem brutal. Das Monster ist der Albtraum des Jungen. Es ist genau diese Unberechenbarkeit des Monsters, die Quico das Leben zur Hölle macht.
Kinder psychisch kranker Eltern: Wo sind die Probleme?
Im Spiel wird das Verhalten des Vaters respektive des Monsters sehr anschaulich dargestellt. Im Grunde ist dieser ein gutmütiges Wesen. Es spielt, tanzt und lacht mit dem kleinen Sohnemann. In diesem Moment ist alles perfekt und Quico empfindet eine große Nähe zum Monster. Findet das Monster jedoch unerwartet einen giftigen Frosch, ändert sich das Bild abrupt. Durch die Giftfrösche wird Quico zum roten Tuch für das Monster und es lässt ihn seine Wut spüren. Das Monster tobt, rast und wird zur handfesten Bedrohung für Quico.
Ein wesentliches Problem, das fast alle Kinder psychisch kranker Eltern haben ist, dass sie die Schuld für das Verhalten oft bei sich selbst suchen. Würden sie nur das perfekte Kind sein, ihren kranken Eltern keinerlei Sorgen bereiten, dann würden sich alle Probleme in Luft auflösen. Mit diesem Gedanken im Hinterkopf versuchen sie, alles dranzusetzen um keine Fehler zu machen. Eine Mission, die schon von vornherein zum Scheitern verurteilt ist und die nicht selten Narben in der Seele eines Kindes hinterlassen kann.
Wie viel Spiel steckt in Papo & Yo?
Keine Fehler zu machen, das ist bei
Papo & Yo gar nicht so einfach. Betrachtet man das Spiel einmal losgelöst von der Geschichte, die hinter dem Spiel steht, haben wir eine Mischung aus einem Puzzlespiel und einem Action-Adventure vor uns ablaufen. Die Handhabung von
Papo & Yo fällt zunächst denkbar einfach aus. Wenige Knöpfe reichen aus, um Quico durch seine Traumwelt zu steuern. Quico kann Gegenstände aufheben und an einigen Stellen mit der Umgebung interagieren. Mit Hilfe seines Roboters Lula kann er dies auch aus der Distanz heraus, sogar kurze Flüge sind mit Lula kein Problem. Doch das war es im Grunde auch schon. Die Sprungpassagen werden leider durch eine oftmals recht ungenaue Abfrage erschwert. Selbst am Ende des Spiels hat man als Spieler nie das Gefühl seine Figur zu 100% unter Kontrolle zu haben. Präzision ist nicht die Stärke des Spiels.
Deutlich besser funktioniert der Puzzleanteil von
Papo & Yo. Im Wesentlichen handelt es sich um Schalterrätsel, Verschiebepuzzles oder ähnliche Rätselkost. Mit ein wenig Herumprobieren lassen sich die Rätsel jedoch allesamt gut lösen. Für den Notfall haben die Entwickler auch überall im Spiel einige Hinweisboxen verbaut. Stülpt sich Quico diese über den Kopf, bekommt er einen Hinweis auf das gerade anstehende Rätsel.
Spiel, Autobiographie oder Kunstwerk?
Es wäre allerdings ein Verbrechen,
Papo & Yo auf seine einzelnen Spielelemente zu reduzieren. Übrig bleiben würde nur ein ordentliches Puzzlespiel mit ungelenken Actioneinlagen, unpräziser Steuerung und einer Technik, die der PlayStation 3 kaum würdig ist. Aber dieser Titel ist eben mehr als die Summe seiner Einzelteile.
Papo & Yo entfaltet seine Größe erst als Ganzes. Dem Designer Vander Caballero ist es gelungen, ein Werk zu schaffen, das zum Nachdenken anregt. Dazu braucht er weder eine atemberaubende Grafik, brachiale Sounds, innovative Spielmechaniken oder ein Happy End. Er erlaubt dem Spieler den Einblick in das Seelenleben seines Erschaffers und bricht damit ein Tabuthema, mit dem sich auch die Macher von anderen Medien nur selten beschäftigen.
Ein Spiel wie
Papo & Yo lässt sich nur unzureichend mit einer Wertung in Prozent bemessen. Es wäre verkehrt, ein Werk wie dieses mit einer schnöden Zahl abzuspeisen. Dieses Spiel bearbeitet die Kindheit eines Menschen, der mit einem alkoholkranken Vater aufgewachsen ist. Ein Mensch, der den aussichtslosen Kampf um die Liebe und Zuneigung des Vaters gegen den Alkohol aufgenommen hat. Aus Respekt vor dieser Leistung wurde beim Test auf eine Wertung in Prozent verzichtet.