In Japan koexistieren gleich mehrere traditionelle Rollenspiele schon seit vielen Jahren nebeneinander. Neben den beiden Schwergewichten Final Fantasy und Dragon Quest dringt Namco Bandai immer wieder gerne in die Phalanx von Square Enix ein. Schon seit 1995 veröffentlichen die Japaner in regelmäßigen Abständen neue Spiele aus der Tales of-Serie. Nimmt man die Rollenspiele für die mobilen Plattformen hinzu, kommen wir schon auf rund 20 Titel. Jetzt bringt Namco Bandai einen weiteres Ableger auf die PlayStation 3. Dabei handelt es sich jedoch nicht um ein völlig neues Spiel, sondern um die Umsetzung eines Wii-Spiels aus dem Jahr 2009. Ob die Tales Studios von Namco die lange Wartezeit gut genutzt haben für eine Portierung von Tales of Graces f zeigt euch der folgende Testbericht.
Wahrscheinlich ist
Tales of Graces für Nintendos Wii an euch genauso vorbeigegangen wie an mir. Das dürfte jedoch selbst beinharte Fans von japanischen Rollenspielen nicht verwundern, denn das Spiel ist außerhalb von Japan schlichtweg nie erschienen. Erst jetzt, mit der Veröffentlichung der PlayStation-3-Version, hat sich Namco Bandai dazu entschlossen, das Spiel auch bei uns in den Handel zu bringen.
Geschwisterliebe
In
Tales of Graces f geht es zunächst ziemlich gemächlich zu. Der Spieler schlüpft in die Rolle des elfjährigen Asbel, der mit seinem jüngeren Bruder Hubert unterwegs ist. Trotz des Verbots seines Vaters möchte Asbel unbedingt auf den nahe gelegenen Hügel steigen, um dort die schöne Aussicht und den Anblick der blühenden Blumen zu genießen. Seinen kleinen Bruder nimmt er natürlich gleich mit. Dieser hat zwar einige Bedenken, lässt sich aber schnell von euch bequatschen. Auf dem Weg nach oben stellen sich euch ein paar vorwitzige Kreaturen entgegen, die als Tutorial für die Kämpfe herhalten müssen. Oben auf dem Gipfel treffen die beiden Jungs ein Mädchen, das ein wenig verwirrt zu sein scheint. Sie kann sich an nichts mehr erinnern, kennt noch nicht einmal ihren Namen. Damit reiht sich die Kleine in eine lange Liste prominenter Videospielfiguren ein. Amnesie ist unter Videospielhelden eine leider weit verbreitete Krankheit. Mit diesem Ereignis ist die harmonische Idylle erst einmal gestört. Es wird nicht die einzige Störung für Asbel und seinen kleinen Bruder Hubert bleiben. Ihr solltet der Geschichte von
Tales of Graces f eine faire Chance geben. Zu Beginn kommt die Handlung nur sehr langsam in die Gänge, zieht dann jedoch stark an. Ein wenig Geduld ist also zunächst gefragt. Wer die anfängliche Durststrecke durchhält, wird später durch profilvolle Charaktere und eine packende Story belohnt.
Die Odyssee des Asbel Lhant
Ein weiterer Vorfall sorgt dafür, dass Asbel seiner Heimatstadt den Rücken kehrt und in die Hauptstadt Barona zieht, um dort die Ritterakademie zu besuchen. Asbel rüstet sich für harte Zeiten. Keine schlechte Idee, denn schon bald wird seine Heimat von einem herannahenden Krieg bedroht. Dabei kommt unserer Spielfigur natürlich die harte Ausbildung an der Ritterakademie zugute. Denn seit den Kindheitstagen hat Asbel einiges dazugelernt. Der Kampf bei
Tales of Graces f ist dabei komplexer als man angesichts der kunterbunten Grafik annehmen mag. Zu Beginn des Spiels reicht es noch aus, durch unkoordiniertes Knöpfchendrücken die Feinde in Schach zu halten. Doch im Laufe der ersten Spielstunden solltet ihr euch schon allmählich mit den Feinheiten auseinandersetzen.
Style Shift Linear Battle System
Während die Basisattacken sowie das Ausweichen schnell gut von der Hand gehen, müsst ihr das sogenannte
Style Shift Linear Motion Battle System sicherlich erst verinnerlichen. Im Wesentlichen verbirgt sich hinter diesem Wortungetüm die Wahlmöglichkeit zwischen zwei verschiedenen Angriffsvariationen. Die A-Arts sind normale Attacken physischer Natur. B-Arts sind hingegen besonders effektive Angriffe. Während eines Kampfes könnt ihr allerdings nicht einfach beliebig drauflosmetzeln. Die Zahl der verfügbaren Angriffe richtet sich nach der Anzahl der verfügbaren
Chain Capacity-Punkte. Je nach Art der Attacke wird eine bestimmte Anzahl dieser Punkte verbraucht. Sind diese verbraucht, könnt ihr auch nicht mehr angreifen, sondern nur noch Defensivaktionen durchführen. Die
Chain Capacity-Punkte regenerieren sich im Kampfverlauf wieder, ein wenig solltet ihr euren Vorrat aber dennoch im Auge behalten.
Doch damit nicht genug. Ein weiteres wichtiges Element im Spiel sind die Titel, die von den Charakteren erworben werden können. Jeder Titel ermöglicht euch den Zugriff auf diverse Techniken, die ihr anschließend im Kampf einsetzen könnt. Rollenspieltypisch steigern sich die Fähigkeiten der Spielfiguren durch die zahllosen Kämpfe, die es im Verlauf zu bestehen gilt.
Wie bereits erwähnt ist in den Kämpfen Strategie gefragt. Nicht nur der Einsatz der
Chain Capacity will wohl dosiert sein, sondern auch die Verwendung der Mitstreiter. Wer mag kann den Gefährten bestimmte Rollen zuteilen. Befehle wie Heilen, Beschützen oder Offensive sind einige der Möglichkeiten. Wem das zu anstrengend oder zu komplex ist, der darf die Automatik hinzuziehen und auf das manuelle Einstellen ganz verzichten.
Heute back' ich, morgen brau' ich... übermorgen fällt mir auch was ein
Zum guten Ton in einem Rollenspiel gehört nicht nur ein motivierendes Kampfsystem, sondern auch das Sammeln von Items. Da macht natürlich auch
Tales of Graces f keine Ausnahme. Nach einem gewonnenen Kampf werdet ihr immer wieder mit ein paar mehr oder weniger hilfreichen Goodies belohnt. Mit ein wenig Geschick könnt ihr aus den gesammelten Zutaten neue Items erstellen, die zum Beispiel eure Lebensenergie wieder auffrischen lassen. Aber auch ganze Rüstungen oder neue Waffen lassen sich dualisieren, wie es bei
Tales of Graces f so schön heißt. Eurer Experimentierfreudigkeit könnt ihr hier jedenfalls freien Lauf lassen.
Grafik und Gameplay – ein japanisches Problem?
Soweit hört sich
Tales of Graces f ziemlich vielversprechend an. Einige Kritikpunkte muss sich Namcos Rollenspiel aber dennoch gefallen lassen. Ungerne möchte ich die Diskussion um technisch schwächere Spiele aus Fernost wieder entflammen lassen, im vorliegenden Beispiel trifft die Kritik aber dennoch zu. Zwar verzeiht die Animegrafik so manche Schwäche, lässt die teilweise doch recht matschigen Hintergründe aber nicht übersehen. Deutlich mehr ins Gewicht fällt jedoch die Steuerung der Spielfigur. An die starre Kamera muss man sich schon erst einmal gewöhnen. In vielen Situationen wäre es wohl deutlich komfortabler gewesen, die Kamera wie gewohnt mit dem rechten Analogstick selbst zu lenken. Dies ist vor allem ärgerlich, weil es im Spiel keine Karten gibt. Beim Spielen von
Tales of Graces f fühlte ich mich diesbezüglich in die 80er Jahre zurück katapultiert, als Automapping noch ein Fremdwort war.
Ein klares Plus stellt dafür die Akustik des Spiels dar. Wie wir es von der
Tales of-Reihe gewohnt sind, haben die Komponisten die Musik wunderbar auf die Atmosphäre der Welt abgestimmt. Glaubhaft ist ebenso die englische Vertonung mit den passenden Sprechern. Auf eine deutsche Sprachausgabe müsst ihr allerdings verzichten. Ein nettes Bonbon stellt der Multiplayermodus dar. Auf der Karte darf zwar nur der erste Spieler bestimmen, wohin die Reise der Gruppe geht, doch in den Kämpfen dürfen sich gleich bis zu vier Spieler austoben, sofern ihr eine entsprechende Anzahl von Mitgliedern in eurer Party habt. Insgesamt gibt es in
Tales of Graces f sieben spielbare Charaktere, die ihr jedoch erst im Verlauf des Spiels aufsammeln müsst.