Als ich vor zwei Jahren auf der gamescom war und dort einen Termin bei 2k Games hatte, bin ich beinahe zufällig in die Präsentation von Spec Ops: The Line geraten. Der sympathische Mitarbeiter fragte mich, ob ich mir nicht noch den neuen Shooter von Yager angucken möchte. Mit wenigen Erwartungen ging ich in die Präsentation, mit Begeisterung stand ich eine halbe Stunde später wieder in den Messehallen. Das Setting, die Grafik und die vielen taktischen Möglichkeiten des Shooters hatten mich verblüfft. Wie mir erging es offenbar vielen Kollegen. Seitdem sind zwei Jahre vergangen. Kann Spec Ops: The Line die guten Messe-Eindrücke bestätigen? Ich habe mir die PS3-Version des Shooters genau angesehen und überprüft, ob im Endspurt nicht doch noch ein wenig Sand ins Getriebe geraten ist.
Wenn ein Videospielredakteur über einen Shooter schreibt, so stehen meist Disziplinen wie Grafik, Inszenierung, Spielmechanik oder Multiplayermodus im Vordergrund. Über die Geschichte eines Shooters wird häufig nur am Rande gesprochen. Bis auf wenige Ausnahmen wie etwa das famose
»BioShock können sich nur wenige Spiele dieses Genres mit einer intelligenten Story rühmen. Hier versucht
Spec Ops: The Line eine Nische zu füllen.
Wer die Wahl hat, hat die Qual
Als Lokalität hat sich Yager ein Dubai in einer nahen Zukunft ausgesucht. Die Luxusstadt in der Wüste ist allerdings nur noch ein Schatten seiner ehemaligen Pracht. Sandstürme haben das Gebiet nahezu komplett vernichtet. Die Amerikaner – wer auch sonst? – haben eine Elitetruppe in das Einsatzgebiet geschickt. Die 33. Bataillon ist jedoch mitsamt seines Kommandanten Colonel Konrad verschollen gegangen. Erst nach einem halben Jahr wird ein eigenartiges Funksignal empfangen. Der Spieler schlüpft in die Rolle von Captain Walker, dem die Aufgabe zuteil wird, die Vorfälle im fernen Dubai endlich zu entschlüsseln. Da ich an dieser Stelle nicht in den Spoilermodus übergehen möchte, sei lediglich noch erwähnt, dass die Story einige interessante Wendungen vorzuweisen hat und den Spieler einige Male ein "
What the fuck!?" über die Lippen kommen lässt.
Im Spiel seid ihr stets zu dritt unterwegs. Eure beiden Begleiter können mit ein paar einfach Befehlen koordiniert werden. Im Großen und Ganzen verhält sich die KI zwar recht eigenständig und clever, jedoch erfordern manche Aktionen eure Entschlusskraft. So könnt ihr eure Kameraden dazu anhalten, einen Gefährten zu heilen oder eine Blendgranate zu werfen. Ansonsten agieren die beiden Elitesoldaten weitgehend autonom. Die Begleitung ist auch nicht in allen Abschnitten mit von der Partie, was auch der Anlass dazu war, auf einen kooperativen Modus zu verzichten. Immerhin hat Yager bereits angekündigt, dass es ein paar kostenlose Zusatzmissionen geben wird, die sich kooperativ spielen lassen werden. Vermutlich werden sich diese aber nur bedingt an die Hauptkampagne anlehnen.
Bleihaltiger Wüstensand
Ein wesentliches Merkmal von
Spec Ops: The Line sind die vielfältigen Entscheidungen, die es im Spielverlauf zu treffen gilt. Diese ringen dem Spieler des öfteren ein paar fiese Bauchschmerzen ab, da Captain Walker immer wieder die – teilweise ziemlich heftigen – Konsequenzen seiner Entscheidungen vor Augen geführt bekommt. Erschwerend hinzu kommt, dass die Entscheidungen irreversibel sind. Nach jeder Entscheidung speichert das Spiel automatisch ab, so dass es auch kein Zurück mehr gibt. Erst später kann man nochmals auf die Entscheidungen im Spiel zurückgreifen und alternative Möglichkeiten austesten. In der Kampagne selbst sind eure Handlungen jedoch in Stein gemeißelt.
Ganz nüchtern betrachtet, fallen die Entscheidungen jedoch deutlich weniger weitreichend aus, als es zunächst den Anschein hat. Die Geschichte selbst wird durch diese kaum beeinflusst. Wer sich diesen Punkt nicht zu sehr vor Augen führt, erliegt dieser schauderhaften Illusion jedoch sehr schnell. Dank der guten Inszenierung und der fesselnden Story zeichnet
Spec Ops: The Line ein düsteres und bedrohliches Bild vom zerfallenen Wüstenstaat.
Prominente Vorbilder
Abseits der Geschichte und des Settings hat sich Yager jedoch auch von den großen Vorbildern des Genres inspirieren lassen. Die Darstellung des Krieges ist so herb und brutal wie bei den umstrittensten Szenen aus der
Call of Duty-Reihe, die Entscheidungen in ihrer Gefühlsbetonung ähnlich stark wie in einem
Mass Effect. Auch Anleihen bei
Gears of War sind zu entdecken.
Gesteuert wird Captain Walker aus der Third-Person-Ansicht und auch in Bezug auf das Deckungssystem hat man sich Epics Machwerk wohl recht genau angesehen. Sicherlich nicht das schlechteste Vorbild. Seine Stärken hat
Spec Ops: The Line jedoch vor allem in seinen ruhigeren Momenten. Leider artet die Action zumeist in dauerhaften Beschuss aus. Eine Kompanie nach der anderen muss ausgeschaltet werden, so dass man sich manchmal wünscht, diese Gegnerwelle möge die letzte sein. Ein Grund zur Ärgernis ist auch wieder einmal die KI der Gegner. Während sich die eigenen Kameraden noch recht intelligent verhalten, ist für die Feinde nicht mehr viel vom virtuellen Gehirnschmalz übrig geblieben. Lediglich durch die pure Masse wissen sie den Spieler in Bedrängnis zu bringen. Immerhin gibt sich die Steuerung von
Spec Ops: The Line wenig Blöße, wodurch sich diese Probleme für den Spieler als nicht allzu gravierend darstellen. Die Shootermechanik funktioniert ziemlich gut. Alle Befehle lassen sich komfortabel ausführen und auch das Feedback an den Spieler ist ordentlich. Es ist nur eben manchmal ein wenig zu viel des Guten. Ein paar weniger Gegnermassen hätten dem Spiel sicher ganz gut getan.
Aufgelockert wird das Geschehen durch die weniger hektischen Passagen, die klar die große Stärke des Spiels darstellen. Neben den Szenen, in denen eure Entscheidungsgewalt gefordert ist, darf auch so manches mal geschlichen werden. Einige Gegner lassen sich eben nicht nur durch stumpfes Geballer ausschalten, sondern auch durch ein kluges und leises Vorgehen eliminieren. Ein erhabener Ausruf des Triumphs erschallt, wenn sich die Umgebung – insbesondere die Sandmassen – in die eigene Taktik mit einbeziehen lassen. Insgesamt stehen euch häufig mehrere Optionen zur Verfügung, um in einer Situation zu bestehen. Möglicherweise wird dies auch den ein oder anderen Spieler dazu verleiten, das Spiel mehrmals durchzuspielen. Allzu lange dauert die Solokampagne nämlich nicht, nach etwa sechs bis acht Stunden habt ihr die Wüstenschlacht abgeschlossen.
Mehrwert durch Mehrspielermodus?
Ihr wollt keine 60€ für ein Spiel ausgeben, das euch nur für rund acht Stunden beschäftigt? Dann solltet ihr vielleicht noch einen Blick auf den Mehrspielermodus werfen, den Yager ins Spiel integriert hat. Auch hier kommen wieder ein paar Klassiker zum Einsatz. Nicht fehlen darf natürlich das
Deathmatch, in dem jeder um sein persönliches Überlegen kämpft und alles niedermäht, was sich bewegt.
Eine richtige Geschichte beinhalten auch die anderen Spielmodi nicht. Diese wird wohl erst mit dem kostenlosen DLC nachgereicht, der bereits angekündigt wurde. Immerhin dürft ihr solange auch im Team um den Sieg kämpfen. So verteidigt ihr entweder ein spezielles Ziel oder versucht ein ebensolches zu vernichten. Vor der Vernichtung des geheimen Ziels müsst ihr jedoch zuvor drei weitere Basen des Gegners zerstören, bevor ihr euch dem Hauptziel widmen könnt.
Aufgepeppt werden die Multiplayermatches durch etwaige Zufallsereignisse wie rutschende Sandmassen oder Stürme, die das Spielfeld kräftig durcheinander wirbeln. Ebenfalls interessant sind die diversen Klassen, die den Spielern zur Verfügung stehen. Jede von ihnen verfügt über andere Eigenschaften, was dem Teamkampf eine zusätzliche strategische Komponente verleiht. Wer sich fleißig in den Onlinemodus begibt, wird schnell auch alle Klassen freigeschaltet haben und darf sich über Zusatzfertigkeiten freuen, die sich Stück für Stück enthüllen.
Ausgezeichnet mit den folgenden GameRadio-Awards:
