Nicht nur »Elder Scrolls V: Skyrim schickt euch demnächst in den Norden. Nein, auch in die eisigen Gipfel Mittelerdes führt es rollenspielbegeisterte Gamer seit neuestem. Warner Bros. und Snowblind wollen treue und vor allem sammelwütige Herr der Ringe-Anhänger auf die Reise in die Fantasy-Welt schicken. Ob sich der Ausflug lohnt, lest ihr in unserem Test.
Herr der Ringe für Erwachsene
Zeitgleich zum Abenteuer des Ringträgers Frodo müsst ihr in
Der Herr der Ringe: Der Krieg im Norden allerlei Goblins und Orcs niederstrecken, um der rechten Hand des dunklen Lords den Tag zu vermiesen. Der Fiesling namens Agandaûr will den Norden des Landes unterjochen, hat seine Rechnung aber nicht mit dem B-Team der Saga gemacht, das in den Büchern selbst nur sehr kurz angerissen wird. Schwer zu glauben, denn mit dem Zwergenkrieger Farin, der elbischen Zauberin Andriel und dem Waldläufer Eradan ist definitiv nicht zu spaßen.
Das merkt ihr auch als Spieler recht schnell, wenn es in den ersten Gefechten schon beinahe Gliedmaßen regnet. Es ist stellenweise wirklich überraschend, dass das Spiel in Deutschland eine Jugendfreigabe erhalten hat. So dürfen sich jedenfalls nicht nur erwachsene Spieler auf zahllose brutale Gemetzel freuen, die insbesondere durch hervorragend inszenierte Finishing-Moves überzeugen. Spielerisch hingegen scheint ein bisschen der Glanz zu fehlen, zumindest zu Beginn des Abenteuers. Mit gerade einmal zwei Angriffskombinationen fällt die Spielmechanik anfänglich für ein "Hack & Slay"-Rollenspiel äußerst mau aus. Wie es sich für das Genre gehört, schaltet ihr mittels
»Diablo-ähnlichem Talentbaum aber schon bald eure ersten Fertigkeiten frei, und dann wird das Geschehen auch etwas interessanter.
Den taktischen Tiefgang eines
»Dark Souls erreicht das Kampfsystem natürlich nicht, doch für Abwechslung ist zweifelsohne gesorgt. Zwar verfügt jeder einzelne Held höchstens über eine Handvoll Fähigkeiten, die verschiedenen Spielweisen der Drei gleichen das aber wieder aus. In
Der Herr der Ringe: Der Krieg im Norden seid ihr nicht an eure anfängliche Charakterwahl gebunden, sodass ihr während des Spielverlaufs zwischen Farin, Andriel und Eradan wechseln könnt. Solltet ihr zunächst vielleicht mehr Lust darauf haben, einen flinken Kämpfer zu spielen, der großen Schaden austeilen kann, später aber lieber in die Haut einer Heilerin schlüpfen wollen, so lässt euch das Spiel bequem zwischen den beiden Aufgaben wechseln. Gut, "bequem" ist hier vielleicht nicht ganz das richtige Wort. Ein Figurenwechsel setzt nämlich immer voraus, dass ihr das aktuelle Spiel verlasst, weshalb ihr an die eher willkürliche Natur des automatischen Speichersystems gebunden seid. Davon abgesehen ist es jedoch immer aufregend, von Zwerg auf Mensch oder Elb umzusteigen – nicht nur aufgrund der unterschiedlichen Spielweisen, sondern auch, um das nächste schicke Ausrüstungsstück anzulegen.
Drei Helden, sechs Charaktere
Alle drei Helden teilen sich ein gemeinsames Inventar. Was ihr für euren Waldläufer nicht benötigt, solltet ihr also eventuell für euren Krieger oder eure Zauberin aufheben. Seid ihr euch jedoch sicher, dass auch diese mit dem nutzlosen Schwert, Schild oder Helm nichts anzufangen wissen, könnt ihr den Ramsch immer noch verkaufen oder an eure KI-Kollegen verschenken. Eure computergesteuerten Gefährten entsprechen nämlich nicht exakt der jeweiligen, von euch gespielten, Figur. Damit Farin beispielsweise euren teuer verzauberten Zweihänder nicht durch etwas anderes ersetzt, hat sich Entwickler Snowblind dazu entschieden, zwei Instanzen eines jeden Charakters zu erstellen – die KI- und die Spielerversion. Generell kann man dieser Entscheidung nickend zustimmen. Nervig ist nur, dass ihr keine Möglichkeit habt, die Ausrüstung eurer Kollegen genauer zu betrachten. So wisst ihr oftmals nicht, ob Eradan die Stiefel, die ihr ihm geben wollt, überhaupt anziehen will, oder ob er vielleicht bereits bessere trägt.
Anders als etwa in
»Dragon Age: Origins rüsten sich die Guten eigenständig mit dem besten Zeug aus, das ihnen unterkommt. Manch einer mag darin vielleicht eine vertane Chance Snowblinds sehen, weitere RPG-Elemente einzubauen, andererseits würde das manuelle Anpassen der Verbündeten wohl etwas die Spielgeschwindigkeit reduzieren. Die ist gerade in actionorientierten Rollenspielen nicht gerade unwichtig. Doch keine Sorge: Dank Talentbäumen, Attributsverteilung und magischen Edelsteinen, die eure Waffen mit Bonuswerten versehen, ist ausreichend für Zahlenspielereien gesorgt.
Schön aber simpel
Auch Tolkien-Anhänger werden mit
Der Herr der Ringe: Der Krieg im Norden gut ausgestattet sein. Die Filmlizenz trägt nicht unwesentlich zur Stimmung des Abenteuers bei und wurde clever umgesetzt. So trefft ihr beispielsweise auf einige bekannte Gesichter wie Gandalf oder Frodo selbst und reist durch die verschiedensten Regionen Mittelerdes. Vom regnerischen Bree zieht es euch über das bilderbuchschöne Bruchtal der Elben bis hin zu den verschneiten Gletschern tief in den Ettenöden. Grafisch sind die Landschaften nicht unbedingt eine Wucht, gestalterisch schmiegen sie sich aber wunderbar in Mittelerde ein. Auch Inon Zurs Soundtrack trifft stets die richtigen Noten, selbst wenn euch kein Stück nach dem Spielen noch wirklich im Ohr liegen wird.
Der Herr der Ringe: Der Krieg im Norden hält seinen Namen und seine filmische Vorlage definitiv in Ehren. Wenn euch hier als Herr der Ringe-Begeisterter nicht das Herz aufgeht, dann spätestens in den zahlreichen überraschend gut synchronisierten deutschen Dialogen mit Elrond, eurem geflügelten Freund Beleram und anderen NPCs.
Leider scheint Exposition und Fanservice aber auch die einzige Aufgabe des Dialogsystems zu sein. Spielerische Freiheit wird hier im besten Falle vorgetäuscht. Die fünfzehnstündige Handlung ist so vorbestimmt wie die linearen Level des Spiels auch und lässt sich durch uninspirierte Nebenaufgaben à la
»World of Warcraft höchstens hinausziehen. Auch große "Ah"-Momente bleiben leider aus, da die Story nie über das simple Ziel, Agandaûr zu finden und erledigen, hinausgeht. Sogar die braven und stets pflichtbewussten Charaktere könnten eindimensionaler nicht sein. Während die Welt also wunderschön gestaltet und in J. R. R. Tolkiens Universum eingebaut ist, kann ihr eigentlicher Inhalt hingegen nur wenig überzeugen.
Alleine nett, gemeinsam netter
Doch Handlung beiseite, denn Action-Rollenspiele müssen auf spielerischer Ebene überzeugen. Das gelingt
Der Herr der Ringe: Der Krieg im Norden trotz nicht übersehbaren Schwächen recht gut. Das größte Problem der Gemetzel besteht sicherlich darin, dass ihr Gegner nicht anvisieren könnt, wodurch sich die Kamera nicht automatisch mitdreht und ihr ab und an ein bisschen die Übersicht verliert. Davon abgesehen sind die Fern- und Nahkampfeinlagen aber bestens für das kurzweilige Blutvergießen für zwischendurch geeignet.
Obwohl die KI meist einen sehr guten Job erledigt und auf sich selbst aufpassen kann, ist die Hauptattraktion des Spiels sicherlich der Multiplayer-Modus. Zu dritt dürft ihr online und mit Headset bewaffnet durch die komplette Kampagne spielen und den bösen Orcs gemeinsam auf die Rübe hauen. Als wäre das nicht genug könnt ihr mit den Konsolenfassungen auch – ganz wie in alten Tagen – einen Freund zum gemütlichen Zocken via Splitscreen einladen. Doch ob off- oder online, unter anderen Ringfreunden bereitet das Spiel zweifellos den größten Spaß. Selbst die beste KI kann Konversation und Absprache nun mal nicht ersetzen. So sind mit menschlichen Spielern beispielsweise typische MMORPG-Taktiken möglich, bei denen der Zwerg die Aufmerksamkeit der Feinde auf sich zieht, der Waldläufer zuhaut, und Andriel fleißigst heilt. Aus dem kurzweiligen Vergnügen wird via Mehrspielerfunktion und mit den richtigen Leuten also schnell ein Nerd-Abenteuer für das nächste Wochenende. Alleine fallen die einzelnen Design-Schwächen aber leider ein wenig zu sehr auf.