Nach einem guten ersten Teil konnte der polnische Entwickler Techland vor zwei Jahren mit »Call of Juarez: Bound in Blood einen kleinen Überraschungshit landen. Im Dunstkreis von Rockstars »Red Dead Redemption wusste das Spiel mit seinem klischeebeladenen Westernsetting zu gefallen. Kurioserweise wirft Techland das Erfolgskonzept jetzt vollkommen über Bord. Maschinenpistole statt Revolver, Polizeiauto statt Wildwest-Pferd und die asphaltierten Straßen von Los Angeles statt der endlosen Prärie spielen in Call Of Juarez: The Cartel die Hauptrolle. Auch ansonsten hat der vorliegende Titel nur noch wenig mit dem erfolgreichen Vorgänger zu tun. Frisches Spielerlebnis oder verpasste Chance? Unser Test klärt diese und viele andere Fragen.
Auch nach dem Megaerfolg von
Red Dead Redemption zählen Wild West Szenarien in Videospielen zu den absoluten Randerscheinungen. Jetzt sagt also auch Techland dem Wilden Westen Adieu und verlagert die
Call Of Juarez Marke in die Jetztzeit. Als letztes Relikt dürfte wohl der klangvolle Name der McCalls geblieben sein...
Even A Hero Gets A Bullet In The Chest...
Wer erinnert sich noch an die beiden kauzigen Gebrüder McCall? Die beiden Wild West Heroen haben im heutigen Los Angeles natürlich längst das Zeitliche gesegnet. Ihre genetischen Spuren haben die Zeit jedoch überdauert. Ben McCall – ein direkter Nachkomme der Gebrüder – ist einer der insgesamt drei Hauptfiguren in
Call Of Juarez: The Cartel. Der LAPD Cop ist ein ähnliches Raubein wie seine Vorfahren. Der 57jährige Veteran ist seit über 30 Jahren im Dienst und lässt sich durch so ziemlich nichts mehr aus der Ruhe bringen. Seine markigen Sprüche lockern das Spielgeschehen zu Beginn gut auf, leider wiederholen sich seine Sätze arg schnell und lassen den Spieler am Ende nur noch genervt ins Joypad beißen.
Der zweite Charakter im Bunde hört auf den Namen Eddy Guerra. Mr. Latino hat sich seine Sporen im Irakkrieg verdient und arbeitet derzeit für die Drogenbehörde. Auch hier spielt Techland sämtliche Klischees des smarten Latin-Frauenhelds aus. Komplettiert wird das Trio druch Kim Evans, ein weiblicher Charakter darf schließlich nicht fehlen. Miss Evans ist mit ihren 25 Jahren die Jüngste im Team. Wie die anderen beiden ist auch Kim Evans schon hart vom Leben geprägt und wuchs in den Ghettos von Süd-Los Angeles auf. Nachdem ihre beiden Brüder in einem Gangkrieg ums Leben kamen, entschied sich Kim für die Gute Seite. Heute arbeitet sie als Agenten für das FBI.
... Once Upon A Time In The West
Als Trio verbindet die drei Gefährten natürlich der Auftrag des Gesetzes. In den Straßen von Los Angeles wimmelt es schließlich geradezu vor zwielichten Gestalten. Offenbar haben sich diese in der letzten Zeit auch besonders gut organisiert. Ein mexikanisches Drogenkartell hat es auf die Sicherheit und Ordnung der südkalifornischen Stadt abgesehen. Die Task Force aus den Mitarbeitern von FBI, Drogenbehörde und Polizei soll dem Treiben des Kartells in
Call Of Juarez: The Cartel ein Ende bereiten.
Unsere Mannschaft ist demnach also ein bunt zusammengewürfelter Haufen. Dies ist Fluch und Segen zugleich. Zwar bringt jedes Mitglied seine eigenen Qualitäten ein, schürt dafür aber auch das Mißtrauen der anderen. Die Idee ist gut. Um die Kampagne zu bestehen und das Kartell auszuheben, müssen die Spieler auf der einen Seite natürlich gut miteinander kooperieren. Auf der anderen Seite hat jede Figur zwischendurch immer wieder persönliche Missionen zu erledigen. Eingehende Anrufe auf dem Handy sorgen häufig für neue Jobs, die ihr hinter dem Rücken der anderen durchführen müsst. So ganz blütenweiß und untadelig sind die Gesetzeshüter nämlich auch wieder nicht. Klingt soweit ganz gut, wären die Jobs nicht immer an den Haaren herbeigezogen und würden sie nicht immer nach dem gleichen Schema ablaufen. Im Wesentlichen geht es immer darum, während eines Einsatzes einige Gegenstände für den Auftraggeber zu sammeln. Gähn!
Die Gegenstände werden auf der Karte für euch angezeigt. Euer Job ist es nun, die Sachen möglichst unbemerkt von euren Teamkameraden zu bergen. Spielt ihr mit CPU-Kollegen, habt ihr leichtes Spiel. Die Computermitspieler verhalten sich genauso dämlich wie die KI-Gegner. Deren Blickweite lässt sich vorher zudem wunderbar im Spiel einsehen. Die Gefahr beim Aufsammeln erwischt zu werden, ist also recht gering. Schade, denn die Idee, den Koop-Modus durch ein wenig Konkurrenzkampf aufzupeppen, ist doch gar nicht mal übel. Wenigstens im Spiel mit menschlichen Konkurrenten erhöht sich der Reiz dadurch ein wenig.
Slow...mo...tion
Wer in den vollen “Genuss” der Story von
Call Of Juarez: The Cartel kommen möchte, wird im Übrigen in die Rollen von allen drei Figuren schlüpfen müssen. Je nachdem welchen Charakter ihr auswählt, verändert sich auch der Verlauf der Story ein wenig. Wer die Geschichte aber einmal durchgespielt hat, darf immerhin an jedem beliebigen Kapitel des Spiels einsteigen. Sammelwütige freuen sich zudem über die freischaltbaren Waffen, dir ihr euch durch das Erfüllen der Nebenjobs verdient. In Sachen Umfag macht
Call Of Juarez eine ganz ordentliche Figur.
Leider hat der Titel aber auch das Problem, dass die Erwartungen der Spieler nach dem sehr guten Vorgänger recht hoch sind. Die tolle Western-Kulisse ließ das Spiel aus der Masse herausragen. Die aktuelle Ausgabe kann damit nicht mehr auftrumpfen. Einige Szenen lassen zwar den Hauch einer Western Atmosphäre erahnen, allerdings wird diese durch den Einsatz von modernen Maschinengewehren auch brachial wieder zerstört. Saloonflair und Waffen aus dem 21. Jahrhundert passen eben nur bedingt zusammen.
Verzichtet hat Techland leider auch auf die kultigen Duelle aus dem Vorgänger, die gänzlich der Schere zum Opfer gefallen sind. Dafür gibt es in
Call Of Juarez: The Cartel die ein oder andere Fahrsequenz zu verbuchen, die für ein wenig Abwechslung sorgen soll. Dieser Plan geht aber nur bedingt auf, die unterirdische Fahrphysik und die schwerfälligen Vehikel ersticken jeglichen Spielspaß direkt im Keim. Während einer Schießerei kann sich der Spieler sogar ein wenig hinter dem Lenkrad verstecken. Blöd nur, dass man dann die Straße kaum noch im Blick hat. Realistisch mag das vielleicht sein, Spaß macht es aber nicht. Immerhin haben die Zeitlupenmomente wieder ihren Weg ins Spiel gefunden. In einigen Szenen – etwa direkt nach dem Eintreten einer Tür – schaltet das Spiel in den Slowmotion Modus, in dem ihr mit gezielten Schüssen die Gegner niederstreckt. Die Zeitlupe lässt sich auch manuell aktivieren. Eine entsprechende Anzahl von Kills vorausgesetzt, kann der Modus auch per einfachen Tastendruck aktiviert werden.
Technisch nicht in der Jetztzeit
Im Gegensatz zum Szenario hat Techland den Sprung in die Jetztzeit nicht gepackt. An allen Ecken ist dem Spiel anzumerken, dass es einfach noch unfertig ist. Die bereits erwähnte KI hat diese Bezeichnung nicht verdient, die Sprachsamples wiederholen sich dauernd und beginnen schnell zu nerven. Auch grafisch ist kein Fortschritt im Vergleich zum Vorgänger auszumachen. Nominell arbeitet zwar die neue Chrome Engine 5 in
Call Of Juarez: The Cartel, zu sehen ist davon allerdings wenig. Während die Hintergründe noch ganz OK aussehen, lassen die Figuren im Detailgrad sehr zu wünschen übrig. Vor allem die Bewegungen der Charaktere wirken überaus steif.