Trotz des mittlerweile jährlichen Turnus läuft es immer noch ziemlich rund bei THQs Wrestlingserie WWE Smackdown vs. Raw. So rund, dass der Publisher in diesem Jahr gleich zwei Wrestlinggames auf den Markt wirft. Während das oben erwähnte Flaggschiff in letzter Zeit immer öfter mit dem Begriff der Innovationsarmut in Verbindung gebracht wird, wirkt Neuzugang WWE All Stars geradezu frisch und unverbraucht. Kein Wunder, so hat THQ diesmal nicht die japanischen Wrestlingexperten von Yuke’s mit der Entwicklung beauftragt, sondern THQ San Diego. In unserem Testbericht erfahrt ihr alles über die neuen Ideen des amerikanischen Studios.
Schon auf den ersten Blick fällt der herbe Unterschied zur bekannten Serie
WWE Smackdown vs. Raw auf. Der ansonsten vorherrschende ernsthafte Look samt Simulationsanspruch ist einer überzeichneten Comicoptik und einer arcadelastigen Steuerung gewichen. Der mutige Schritt von THQ, diesmal nicht das erfolgreiche Studios von Yuke’s mit diesem Projekt zu beauftragen, sondern das hauseigene Studio in San Diego, fällt an allen Ecken und Enden auf.
Überdosis Action
Wer sich mit den Wrestlingspielen der letzten Jahre ein wenig auseinandergesetzt hat, wird sich beim ersten Spielen von
WWE All Stars möglicherweise an den zwei Jahre alten Titel
»WWE - Legends Of WrestleMania erinnert fühlen. Dieser wich schon damals von den ausgelatschten Pfaden ab und packte die Superstars der WWE in ein Korsett aus Arcade Gameplay, eingängiger Steuerung und Einsteigerfreundlichkeit. Getreu diesem Vorbild erscheint auch THQs neues Projekt... jedoch nur auf den erste Blick.
Schon nach den ersten Matches erweist sich
WWE All Stars als deutlich komplexer als der inoffizielle Vorgänger. An der Vielseitigkeit von
»Smackdown vs. Raw 2011 vermag der Titel aber nicht zu kratzen. Im Wesentlichen ist die Steuerung schnell verinnerlicht. Für die Basisaktionen Schlag, Wurf und Block stehen euch jeweils zwei Buttons zur Verfügung. In Verbindung mit dem Stick lassen sich die Aktionen jedoch noch variieren, so dass wir auf ein ausreichend großes Repertoire an spektakulären Moves zurückgreifen können.
Dieser ansonsten oftmals inflationär benutzte Ausdruck trifft auf die Show in
WWE All Stars definitiv zu. Ein Spektakel sind die Matches von Anfang bis Ende. Dies beginnt schon alleine bei der Darstellung der unterschiedlichen Charaktere. Hulk Hogan & Co. verfügen über derart viel Muskelmasse, dass sie sich ohne Hilfe nicht einmal selbst am Rücken kratzen können. Die Superstars wirken dadurch ziemlich überzeichnet und könnten einem schrägen Comic entsprungen sein. Gleiches gilt natürlich auch für die Ausführung der Moves. Sorgen diese schon im realen Wrestlingring oftmals für offene Münder, toppt
WWE All Stars alles bisher Gesehene. Die Athleten fliegen meterweit durch die Lüfte, schleudern ihre Gegner rabiat in unmenschliche Höhe oder schmettern sich gegenseitig beinahe durch den Ringboden. Alle Aktionen, die bei
Smackdown vs. Raw schon spektakulär aussahen, werden im vorliegenden Titel auf die Spitze getrieben.
Easy to learn, hard to master
Die überzogene Action sorgt zumindest dafür, dass auch Anfänger schnell in den Genuss von tollen Ringaktionen kommen. Dennoch steckt hinter
WWE All Stars mehr Tiefe als zunächst erwartet. Gerade das Kontersystem erfordert doch einige Übungszeit. Das richtige Timing spielt hier eine entscheidende Rolle. Zwar werden die entsprechenden Buttons zum Kontern vom Spiel eingeblendet, leider jedoch viel zu spät. Verlasst ihr euch zu sehr auf die Einblendungen, werdet ihr gegen Profis kaum einen Stich sehen. Immerhin kann so ziemlich jede Aktion gekontert werden. Dies gilt auch für die Konter selbst, die durch gut getimte Reaktionen abermals umgedreht werden können. Damit kommt dem Kontersystem ein Schlüsselelement zu. Im Spiel gegen die oftmals unfair erscheinende KI kann dies leider auch zu einigen frustigen Momenten führen. Schon im normalen Schwierigkeitsgrad erweisen sich die Gegner als echte Herausforderung.
Neben den Kontern dürfen selbstredend auch die Signature und Finishing Moves nicht fehlen. Jeder Wrestler verfügt über ein begrenztes Portfolio an besonderen Aktionen, die besonders verheerenden Schaden verursachen. So versetzt Stone Cold Steve Austin dem Gegner mit dem Stone Cold Stunner den KO, während der berüchtigte Undertaker mit dem Tombstone Piledriver den Sack zumacht. Diese besonderen Moves können natürlich nicht jederzeit angewendet werden. Bevor ihr euren Finisher ausprobiert, müsst ihr erst genügend Energie gesammelt haben. Die eingeblendete Energieleiste füllt sich durch erfolgreichen Moves oder Taunts auf. Ansonsten erweisen sich die Movelisten der Wrestler jedoch als wenig abwechslungsreich. Viele Aktionen sieht man bei verschiedenen Wrestlern immer wieder. Gerade wenn sich die Superstars in der gleichen Kämpferkategorie befinden.
Kämpferkategorie?
Genau, denn wie schon die WWE-Kommentatoren teilt auch THQ San Diego die Superstars in unterschiedliche Typen ein. Die Techniker etwa sind deutlich schneller, reagiern besser bei Kontern und fliegen meterweit durch die Lüfte. Den Gegenpol dazu stellen die Titanen wie André The Giant oder Big Show dar. Diese sind kaum zu Fall zu bringen, können aber dafür auch den Ring nicht verlassen. Irgendwo dazwischen siedeln sich die Grappler und Brawler an, die mit einer größeren Auswahl an Griffen und Schlägen punkten.
Insgesamt befinden sich 30 Superstars im Roster von
WWE All Stars. Diese teilen sich abermals auf in Wrestler aus dem aktuellen WWE Kader und die Legenden. Jeweils 15 Kämpfer sind in beiden Parteien vertreten. Langjährige Fans feiern so ein Wiedersehen mit nie vergessenen Größen wie Jimmy „Superfly“ Snuka, Randy Savage oder dem Ultimate Warrior. Jüngere Fans hingegen dürfen auch John Cena & Co. übernehmen. Für eine zufriedenstellende Auswahl hat THQ damit auf jeden Fall gesorgt. Lediglich die attraktiven Diven der WWE hat der Entwickler sträflichst vernachlässigt. Diese lassen sich auch nicht im Charaktereditor erstellen, der bezüglich seines Umfangs ohnehin deutlich hinter dem Yuke’s Produkt zurücksteht.
Weniger zufriedenstellend sind dafür die Auswahlmöglichkeiten der Matches. Glänzt
Smackdown vs. Raw jährlich mit allen möglichen normalen und exotischen Matcharten von Single Match bis zum Burried Alive Match, bietet
WWE All Stars wenig Möglichkeiten. Besonders verwundert die Streichung des normalen Tag Team Matches. Lediglich das Tornado Tag Team Match steht zur Auswahl, bei dem sich immer vier Athleten gleichzeitig im Ring befinden.
Kampf der Generationen
Ein wenig mehr hätte es auch bei den Storymodi sein dürfen. Wer sich eine epische Karriere wie bei
Smackdown vs. Raw erhofft hatte, wird enttäuscht. Dafür wartet
WWE All Stars mit frische Ideen auf. Dazu zählt in erster Linie der „Fantasy Warfare“ Modus, der grandios inszeniert ist. In dieser Kategorie tritt immer jeweils eine Legende gegen einen aktuellen Superstar an. Vor jedem Match wird eine fiktive Fehde mit echten Videosequenzen zusammengeschraubt. So treten sich etwa Big Show und André The Giant gegenüber um zu ermitteln, wer denn nun der beste Riese in der WWE-Geschichte ist. Sheamus und der Ultimate Warrior hingegen streiten um den prestigeträchtigen Titel des erfolgreichsten Kriegers. Ganiert werden die Kämpfe mit tollen Videoeinspielungen, die der Vorschau aus einer WWE-Großveranstaltung entsprungen sein könnten. Mit 15 Matches dieser Art, die alle nacheinander freigeschaltet werden müssen, fällt der Modus quantitativ aber etwas gering aus.
Etwa mehr Inhalt bietet dafür der sogenannte „Path Of Champions“, der ein Äquivalent zu „Road To WrestleMania“ darstellt. Hier stehen drei spielbare Pfade zur Verfügung: einer für Legenden, einer für aktuelle Superstars und einer für Tag Teams. Je nach Auswahl müsst ihr euch in einer kleinen Story durch insgesamt 10 Matches vorkämpfen, bis ihr schließlich dem großen Rivalen gegenübertreten dürft. Je nach Auswahl sind dies der Undertaker, Randy Orton oder die DX. Ein Wermutstropfen ist dabei, dass es nur einen einzigen Spielstand gibt. Es ist also nicht möglich, den ersten Pfad nach dem achten Match abzubrechen und dann erstmal einen anderen Pfad zu verfolgen. Die Fortschritte des ersten Pfades würden dann wieder gelöscht.
Am meisten Spaß macht
WWE All Stars aber ohnehin im Mehrspielermodus. Dieser ist sowohl lokal als auch über das Internet möglich. Große Lags beim Oninespiel sind im Test nicht aufgefallen. Als Partyspiel mit vier Spielern vor einer Konsole weiß das Spiel aber genauso zu gefallen.