Mit Mafia erschien 2002 ein Actionspiel, dass Kritiker wie Käufer unglaublich stark begeisterte. Als großer GTA-Konkurrent wurde es gehandelt, wobei es jedoch deutlich linearer angelegt war als Rockstars Titel - die offene Spielwelt diente im Grunde nur als Kulisse. Dafür lieferte Mafia aber auch eine deutlich spannendere und besser erzählte Geschichte mit äußerst glaubwürdigen Charakteren. Nun, nach circa acht Jahren Wartezeit, ist endlich ein Nachfolger erschienen. Und wieder wurde dieser als Konkurrent zum aktuellen Grand Theft Auto angesehen. Diesmal wäre diese Annahme aber auch vollkommen berechtigt gewesen, denn Mafia II sollte tatsächlich ein klassisches Open-World-Spiel werden: Frei befahrbare Stadt, Nebenmissionen und so weiter. Was ist daraus geworden? Dieser Frage gehen wir in unserem Test nach.
Raus aus dem Krieg, rein in den Krieg
Die Geschichte von
Mafia II erstreckt sich von der Mitte der 40er bis zum Beginn der 50er Jahre. Ihr übernehmt die Rolle von Vito Scaletta, der schon sehr früh auf die schiefe Bahn geraten ist. Als er in seinen jungen Jahren beim Überfall auf ein Geschäft von der Polizei erwischt wird, hat er die Wahl, ob er ins Gefängnis gehen oder als Soldat im Zweiten Weltkrieg kämpfen soll. Er entscheidet sich für letzteres und stellt sich fortan in Italien gegen Mussolinis Truppen. 1945 kehrt Vito für einen Monat Heimaturlaub nach Empire Bay, dem fiktiven Schauplatz von
Mafia II, zurück. Doch sein alter Kumpel Joe Barbaro ist mittlerweile ein vielbeschäftigter Handlanger der Mafia und kann Vito dank seiner Kontakte vor einer Rückkehr auf das Schlachtfeld bewahren. Da Papa Scaletta, mittlerweile gestorben, 2000 Dollar Schulden bei einem Kredithai hat und somit die restliche Familie damit belastet wird, muss Vito nun irgendwie das Geld eintreiben. Wie gut ist es da, Kontakte zu einer der größten Mafia-Familien der Stadt zu haben, die für die Erledigung gewisser Jobs gutes Geld bezahlt. So rutscht der Protagonist immer tiefer in den Sumpf des Verbrechens ab und er spürt schon bald, dass die unterschiedlichen Familien nicht unbedingt gut miteinander auskommen.
Mehr wollen wir euch an dieser Stelle auch gar nicht verraten, denn die Story ist einer der großen Pluspunkte von
Mafia II, wie auch schon im ersten Teil. Die Geschichte wartet mit zahlreichen Wendungen auf, sodass ihr den Controller gar nicht aus den Händen geben wollt. Noch dazu ist den Entwicklern die Inszenierung dank filmischer Zwischensequenzen und toller Dialogen fantastisch gut gelungen. Allerdings kann das Spiel nicht ganz mit dem ersten Teil mithalten, besonders was die Charaktere betrifft. Einzig und allein Joe und Eddie Scarpa, ein hohes Tier in einer der Mafia-Familien, bleiben wirklich in Erinnerung, alle anderen Figuren sind relativ blass. Gerade Vito bleibt sehr eindimensional und berechenbar. Auch eine Identifikation des Spielers mit ihm ist nicht wirklich möglich, da er doch ganz klar das Ziel vor Augen hat, durch Verbrechen reich zu werden. Zweifel an seiner Arbeit hat er so gut wie nie, im Gegensatz zu seinem Vorgänger Thomas Angelo aus
Mafia. Das ist sehr schade, mindert die Qualität der Geschichte aber auch nicht allzu sehr. Aber der Vorgänger hat es halt nochmal ein bisschen besser gemacht und das sollte man nicht außer Acht lassen.
Es wäre allerdings noch zu erwähnen, dass das Ende des Spiels sehr schlecht gewählt wurde. Man hat das Gefühl, ohne jetzt groß zu spoilern, dass der Abspann einfach so reingeworfen wurde und es eigentlich noch hätte weiter gehen sollen. Das ist besonders deswegen ärgerlich, weil die Entwickler versprochen hatten, dass das gewählte Ende das beste sei. Anfangs sollte
Mafia II nämlich noch mehrere Endsequenzen haben, also nicht linear verlaufen. Diese Entscheidung hat man jedoch wieder fallen gelassen und sich für einen festen Story-Verlauf entschieden. Dessen Ende sei von allen Testern als das gelungenste angesehen worden, was wir nun überhaupt nicht nachvollziehen können. Was da in der Entwicklung vorgefallen ist, wissen letztendlich nur Publisher und Entwickler.
Eine große Stadt ohne Möglichkeiten?
Wie schon in der Einleitung erwähnt, war
Mafia II als ein richtiges Open-World-Game geplant. Neben den Story-Missionen sollte es auch noch Nebenaufträge geben, um das eigene Bankkonto aufzufüllen. Davon ist jedoch nicht mehr viel übrig geblieben. Ja, es gibt noch die offene Spielwelt, die mit ihren circa 20 km² auch angenehm groß ausgefallen und wirklich schön gestaltet ist. Das Stadtbild von Empire Bay wirkt sehr stimmig und die Atmosphäre ist super gelungen, auch wenn sie nicht ganz an
»GTA IV heranreicht. Allerdings verkommt die Welt, wie im Vorgänger, zur reinen Kulisse. Man wird quasi von Mission zu Mission "getrieben" und kann sich nur zwischendurch mal sagen: "Alles klar, ich fahr jetzt nicht direkt zum Treffpunkt, ich cruise noch ein wenig rum." Aber mehr als Sight-Seeing ist auch dann nicht möglich.
Wobei das nicht so ganz stimmt, schließlich gibt es die unterschiedlichen Geschäfte, die ihr betreten könnt: In Bars dürft ihr zum Beispiel etwas trinken oder essen, um eure Lebensenergie aufzufrischen. Das ist aber ziemlich sinnlos, denn vor jeder Mission dürft ihr in eurer eigenen Wohnung kostenlos Essen aus dem Kühlschrank nehmen. Dann gibt es Bekleidungsgeschäfte, in denen ihr neue Outfits für Vito erwerben könnt. Das ist zumindest dann sinnvoll, wenn ihr von der Polizei verfolgt werdet (dabei gibt es natürlich mehrere Fahndungslevel) und diese sich euer Aussehen gemerkt haben. Dann einfach neue Kleidung kaufen und schon habt ihr kein Problem mehr mit den Gesetzeshütern. Außerdem könnt ihr euch neue Waffen und Munition in entsprechenden Läden kaufen, was aber per se nicht notwendig ist, da ihr diese in den Missionen zur Genüge aufsammeln könnt. Dann gibt es da noch die Werkstätten, in denen ihr euer aktuelles Auto reparieren, tunen, lackieren und das Nummernschild austauschen könnt. Bis auf das Tunen ist dies auch sinnvoll, wobei wir selten mitten in einer Mission mal ein Auto reparieren mussten. Falls die Polizei sich nämlich euer Auto gemerkt hat, ihr dieses aber behalten wollt, könnt ihr durch eine neue Farbe und ein neues Nummernschild euren Fahndungslevel "deaktivieren".
Zusätzlich gibt es auch noch Tankstellen, die ihr aber wohl so gut wie nie aufsuchen werdet. Uns ist es tatsächlich einmal passiert, dass ein Auto kaum noch Benzin hatte. Die Betonung liegt hier aber auf "einmal". Und im Zweifelsfall kann man ja auch immer ein Auto stehlen.
Ansonsten war es das aber mit Open-World. Es gibt keine Nebenmissionen, obwohl die Entwickler solche eigentlich einbauen wollten - und das wohl auch noch bis kurz vor Schluss. Denn man merkt an allen Ecken und Enden, dass eigentlich viel mehr in
Mafia II stecken sollte. Wenn ihr zum Beispiel in eurer Wohnung das Telefon nutzt, wenn gerade keiner anruft (so beginnen die meisten Missionen), folgt eine Texteinblendung, die besagt, dass ihr keine Nummern habt, die ihr wählen könnt. Außerdem werden euch im Verlauf der Geschichte Charaktere vorgestellt, die nie wieder auftauchen, wo ihr vermutlich also Nebenaufträge hättet annehmen können. So zum Beispiel der Schrotthändler Bruski, zu dessen Schrottplatz ihr auch tatsächlich Autos bringen und dort in die Schrottpresse fahren könnt, wofür es ein kleines Entgeld gibt. Aber da ihr meistens eh genug Geld habt und ihr es eigentlich auch gar nicht großartig braucht, erübrigt sich dieses Spielelement auch wieder.
Keine Neben-, dafür gute Hauptmissionen
Ihr merkt also: Es wurde in
Mafia II wirklich enorm viel Potenzial verschenkt. Dafür sind die Story-Missionen jedoch, wie im Vorgänger auch, sehr gut gelungen. Zwar ist eure Hauptaufgabe immer das Erschießen von Gegnern, aber das könnte kaum abwechslungsreicher gestaltet sein. Ob altes Fabrikgelände, nobles Hotel oder Schlachthaus: Alle Umgebungen sind äußerst detailliert. Zudem gibt es auch ein paar Schleichmissionen. Den Stealth-Einlagen fehlt es zwar an jeder Form von Anspruch, eine nette Abwechslung sind diese aber allemal.
Die Schießereien funktionieren sehr gut.
Mafia II setzt dabei auf die zwei mittlerweile bewährten Mittel des Action-Genres: So habt ihr keine feste Lebensanzeige, sondern seid nach wenigen Schüssen bereits tot und könnt euch dafür aber auch von selbst regenerieren, wenn ihr in Deckung geht. Und damit wären wir schon beim zweiten wichtigen Element der Schießereien. Hinter jedem Objekt könnt ihr euch Deckung suchen, was sehr gut von der Hand geht. Dazu kommt noch ein äußerst gutes Treffergefühl, zum Beispiel dann, wenn ihr einen Gegner mit einer Schrotflinte umpustet und dieser nach hinten gestoßen wird. Außerdem bieten die Levels viele zerstörbare Objekte wie Deckungen aus Holz. Ein Manko gibt es aber doch: Die Gegner-KI von
Mafia II gehört nicht gerade zur Elite des Genres. Die Gegner gehen zwar auch in Deckung und versuchen teilweise sogar, euch von hinten anzugreifen, aber es sind auch viele Aussetzer dabei. Besonders stark macht sich dieses Manko bei Verfolgungsjagden mit der Polizei bemerkbar. Diese könnt ihr nämlich teilweise sehr leicht abhängen, in dem ihr einfach zu Fuß in die Gärten lauft.
Wo wir gerade beim Thema Verfolgungsjagden sind: Die Fahrphysik in
Mafia II ist wirklich sehr gut gelungen. Dabei habt ihr die Wahl, ob ihr auf "Normal" oder "Realismus" spielen wollt. Bei letzterem könnt ihr es vergessen, mit Vollgas eine Kurve zu nehmen, denn dann lernt ihr ganz schnell die nächste Häuserwand kennen. Das mag den ein oder anderen stören, so kritisierten bereits viele Spieler der Demoversion das Fahrverhalten. Allerdings muss man auch sagen, dass wir es hier mit amerikanischen Autos der 40er und 50er Jahre zu tun haben, die einfach schwerer zu beherrschen sind.
Neben Schießereien gibt es in
Mafia II auch noch Nahkämpfe. Diese laufen ziemlich simpel ab. Mit gedrückter Taste weicht Vito den gegnerischen Attacken automatisch aus, die zwei anderen Buttons sorgen für einfache und starke Schläge. Ist euer Gegner benommen, könnt ihr eine einfachwe Kombo ausführen und ihn zu Boden schlagen. Insgesamt sind die Kämpfe nicht nur simpel zu bedienen, sondern bieten auch null Anspruch. Eine nette Abwechslung zum ewigen "Herumballern" sind sie aber trotzdem.
Ein großer Kritikpunkt an
Mafia II ist das Speichersystem. Freies Sichern eures Spielstandes ist nämlich nicht möglich, ihr müsst euch mit den automatischen Speicherpunkten zufrieden geben. Diese sind meistens fair gesetzt, an manchen Stellen hätten wir uns jedoch auch mal ein Auto-Save mehr gewünscht. Besonders in einer der letzten Missionen, in der wir kurz vor Schluss ständig gestorben sind und dann die ganze Action von vorne beginnen mussten, fehlt eindeutig ein Speicherpunkt. Vielleicht lässt sich hier ja noch mit einem Patch nachbessern.
Gelungene Zeitreise
Wie wir schon angedeutet haben, ist die Atmosphäre von
Mafia II äußerst gut gelungen. Das fängt an bei den tollen Zwischensequenzen, die auch in der Deutschen Version dank sehr guter Sprecher wahrlich begeistern können - die englischen Originalstimmen sind aber dennoch noch einmal eine Stufe besser. Hinzu kommt eine liebevoll gestaltete und lebendig wirkende Stadt. Das besondere an dem Spiel ist jedoch, dass es sich auf zwei Jahrzehnte verteilt, die eine ganz unterschiedliche Stimmung haben. Zu Beginn der 50er zum Beispiel tragen die Frauen auf einmal knappe Kleider und im Radio läuft "moderne" Rock'n Roll-Musik, wogegen zu Beginn des Spiels noch richtige Weltkriegsstimmung herrscht und alles deutlich betrübter war.
Weiter verstärkt wird die Atmosphäre durch die Tag-, Nacht- und Wetterwechsel, die jedoch nicht dynamisch verlaufen, sondern immer von der jeweiligen Mission abhängig sind. Das erste Drittel des Spiels zum Beispiel findet im Winter statt, so dass die ganze Welt noch in schönstes Weiß gehüllt ist, was sich auch auf das Fahrverhalten der Autos glaubwürdig auswirkt. Hier haben die Entwickler wirklich ganze Arbeit geleistet.
Das gleiche gilt für den Soundtrack. Abgesehen von der original lizensierten Musik der Radiostationen, wozu unter anderem auch Dean Martins Winter-Klassiker "Let it Snow" gehört, bietet
Mafia II nämlich erneut einen wunderbar komponierten orchestralen Soundtrack, der die Missionen und vor allem auch die Zwischensequenzen sehr gut unterstreicht. Auch sämtliche Soundeffekte, von den Waffen bis zu den Motorengeräuschen der Autos, klingen sehr realistisch und leisten ihren Beitrag für die gesamte Stimmung.
Deutliche Versionsunterschiede
Was die Grafikqualität von
Mafia II angeht, kommt es stark darauf an, für welche Plattform ihr euch entscheidet. Denn hier gibt es teilweise extreme Unterschiede. Am besten sieht der Titel natürlich auf dem PC aus. Hier profitiert ihr von DirectX 11 und wer eine Nvidia-Karte hat, bekommt sogar äußerst schicke PhysX-Effekte zu sehen, dank der explodierende Holzkisten zum Beispiel realistisch in hunderte einzelne Stücke zersplittern. Auf der Xbox 360 muss man ein paar Abstriche in der Auflösung hinnehmen und das Spiel sieht auch nicht ganz so schick wie auf dem Heimcomputer aus, macht aber immer noch einen äußerst hübschen Eindruck.
Wir haben die PS3-Version getestet und diese ist eindeutig die technisch schwächste Fassung. Starkes Kantenflimmern, Tearing, häufige Ruckler, keine volle 720p-Auflösung und sogar das 3D-Gras fehlt komplett. Es wirkt ein bisschen so, als ob hier kaum Mühe in die Portierung geflossen wäre. Wenn ihr also einen High-End-Rechner habt, dann spielt
Mafia II in jedem Fall darauf. Habt ihr nur einen Mittelklasse-PC und beide Konsolen, dann greift zur Xbox-Variante. Wenn ihr das Spiel nur auf dem Sony-System zocken könnt, braucht ihr aber nicht vor einem Kauf zurückschrecken, denn trotz der Abstriche, die man machen muss, sieht der Titel immer noch gut aus. Gerade die Animationen machen auf allen drei Systemen einen sehr schönen Eindruck.
Ach, da hätten wir doch beinahe noch vergessen, etwas Wichtiges zu erwähnen. Eine Beschäftigung neben den Missionen gibt es nämlich doch noch: Im ganzen Spiel sind nämlich 50 original Playboy-Poster der 40er und 50er Jahre versteckt. Außerdem könnt ihr in der Stadt auch noch Fahndungsplakate sammeln. Spielerisch bringt das zwar nix, für Achievement-Sammler dürfte dies aber doch ein Anreiz sein, dass Spiel vielleicht noch ein zweites Mal anzugehen. Ansonsten bietet
Mafia II aber kaum einen Wiederspielwert. Außerdem ist die Kampagne deutlich kürzer als die des Vorgängers. Benötigte man für
Mafia I noch gut 18 bis 20 Stunden, ist Teil 2 in 12 bis 13 Stunden zu schaffen. So lange haben wir zumindest gebraucht. Wir sind uns aber sicher, dass man den Titel auch in zehn Stunden durchspielen kann. Das ist zwar für ein lineares Spiel eine angemessene Spiellänge, aber wenn man wieder daran denkt, dass hier eigentlich noch viel mehr drin stecken sollte, ist es eine weitere Enttäuschung.
Immerhin erhalten PS3-Spieler aber noch den exklusiven DLC
The Betrayal of Jimmy kostenlos dazu, in dem ihr einen anderen Charakter, eben besagten Jimmy, verkörpert und einige Arcade-Missionen absolvieren müsst. Eure Ergebnisse könnt ihr dabei mit anderen Spielern online vergleichen, sodass hier zumindest eine gewisse Langzeitmotivation enthalten ist. PS3-Spieler bekommen mit dem Kauf also nochmal ein paar Extrastunden Spielspaß. Alle anderen müssen auf den ersten Multiplattform-DLC
Jimmy's Vendetta warten, der am 7. September für 7,99 Euro erscheinen wird und nochmal 30 Nebenmissionen mit einer Spielzeit von circa sieben bis acht Stunden bieten soll.
Ausgezeichnet mit den folgenden GameRadio-Awards:

