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ALPHA PROTOCOL
 Test von Sven Reisbach (08.06.2010) Artikel-Feed (RSS) abonnieren
Genre:Action-Adventure Publisher:SEGA
Termin:28. Mai 2010 Entwickler:Obsidian

Eigentlich hätte Alpha Protocol, das Agenten-Rollenspiel der Neverwinter Nights 2-Macher Obsidian, bereits im Oktober 2009 erscheinen sollen. Doch Publisher SEGA musste den Releasetermin zweimal verschieben, bevor nun endgültig die Reißleine gezogen wurde - Alpha Protocol steht in den Läden. Ob dem Spiel der Hickhack geholfen oder geschadet hat, erfahrt ihr in unserem ausführlichen Test.


Cui bono?


Ein Flugzeug mit zig Passagieren an Bord wird abgeschossen - mit der Prototyp-Rakete eines amerikanischen Waffenherstellers. Klar, dass die Geheimdienste rotieren, um die Hintergründe aufzudecken. Da James Bond als waschechter Brite sich nicht sonderlich für den Fall interessiert, übernehmt ihr in Alpha Protocol die Nachforschungen in der Welt der Waffenschieber, Agenten und Terroristen. Als Michael Thorton, dessen Aussehen ihr minimal selbst bestimmen dürft, macht ihr euch nach einem kleinen Tutorial an euren ersten Einsatz in Saudi-Arabien. Wer jetzt fürchtet, im ganzen Spiel nur Sand zu Gesicht zu bekommen, kann beruhigt sein: Eure Mission führt euch später auch noch nach Moskau, Rom und Taipeh. Ihr trefft allerlei zwielichtige Gestalten, werdet weitreichende Entscheidungen fällen müssen... und der ein oder andere Flirt mit einer schönen Frau ist natürlich auch dabei. Für Michael stellt sich bei seinen Ermittlungen vornehmlich die Frage: Cui bono - Wem nützt es?

Kernelement von Alpha Protocol sind Entscheidungen... und Konsequenzen. Das fängt bei Michael selbst an: Ihr könnt Fähigkeitspunkte auf verschiedene Skills verteilen und diese so verbessern. Etwa der Umgang mit den verschiedenen Waffen. Während ihr ohne entsprechende Skill-Verbesserung kaum einen Treffer landet, verbessert sich die Präzision mit jedem Fähigkeitspunkt. Zudem schaltet ihr dadurch immer wieder spezielle Fähigkeiten frei, die ihr im Einsatz nutzen könnt. Bei der Pistole etwa Schnellfeuer, welches an das aus »Red Dead Redemption bekannte Dead Eye erinnert: Die Zeit wird verlangsamt bis fast zum Stillstand und ihr könnt mehrere Schüsse platzieren. Zwischen zwei Einsätzen einer Spezialfähigkeit braucht diese allerdings ein wenig Zeit, um ihre Energie zu regenerieren. Wenn ihr nicht derart offensiv vorgehen wollt, könnt ihr auf die Bereiche Tarnung und Nahkampf skillen. Dadurch wird es Michael möglich, an Überwachungskameras ungesehen vorbeizumarschieren, sich lautlos an Feinde heranzuschleichen und diese diskret auszuschalten.

Auch in den Dialogen werdet ihr die eine oder andere Entscheidung fällen müssen, ähnlich wie in »Mass Effect 2. Dabei gilt es natürlich, ein wenig auf euren Gesprächspartner zu achten: Sollten diesem eure spöttischen Kommentare nicht gefallen, kann das schnell zu Ansehensverlust bei dieser Person führen. Und euer Ruf ist sehr entscheidend dafür, wie euch diese Person gegenübersteht und ob sie euch im weiteren Spielverlauf unterstützt oder gegen euch arbeitet. Ihr müsst also eventuell sehr genau darauf achten, es euch nicht mit einer Partei zu verscherzen... sonst könnte es passieren, dass diese Person demnächst von euch aus dem Weg geräumt werden muss. Leider ist bei den einzelnen Optionen nicht immer so ganz ersichtlich, was Mike nun genau antworten wird. So kann "Neugierig" auch durchaus ein sarkastischer Kommentar sein, der dem Gegenüber nicht unbedingt gefallen wird. Da ihr bei der Auswahl zudem unter Zeitdruck steht (ein Timer läuft ab, während ihr euch entscheiden müsst), fällt die Wahl oft schwierig aus.

Schon recht früh in Alpha Protocol bemerkt ihr, wie sich eure Entscheidungen auf den Spielverlauf auswirken. Und jedes Mal bleibt da dieses nagende Gefühl, vielleicht doch falsch entschieden zu haben - eben fast wie im echten Leben. Aber "richtig" und "falsch" sind Begriffe, die hier nicht greifen. Immer geht die Geschichte weiter und nimmt ihren Lauf, mit den Konsequenzen aus euren Entscheidungen. Das macht ein zweites Durchspielen, mit anders getroffenen Entscheidungen, äusserst attraktiv. Wer im ersten Durchgang noch Feind war, kann plötzlich zu eurem Verbündeten werden, wenn ihr euch nur "richtig" entscheidet.


Missionsvielfalt

In welcher Reihenfolge ihr die Missionen in Alpha Protocol angeht, obliegt größtenteils euch. Von eurem Stützpunkt in der jeweiligen Stadt aus stehen euch drei Basis-Aufträge zur Verfügung. Alle weiteren entwickeln sich aus diesen und den darin gemachten Entdeckungen und getroffenen Entscheidungen. Bevor es allerdings losgeht, solltet ihr euch für Waffen und Ausrüstung entscheiden, die ihr mitnehmen wollt. Zwar findet ihr auch das ein oder andere Ausrüstungs-Teil während eurer Missionen, ansonsten müsst ihr via Computer bei einem Online-Händler - dessen Sortiment sich stetig erweitert - einkaufen. Und die Möglichkeiten sind immens: Verschiedene Waffen mit diversen Aufrüstungen wie Schalldämpfer, vergrößerte Magazine und einiges mehr warten auf ihren Einsatz. Selbst vor dem Aufzug von Michael wird nicht Halt gemacht. Verschiedene Anzüge gewähren etwa leiseres Schleichen oder bieten besseren Schutz vor Treffern. Das müsst ihr allerdings alles vor Missionsbeginn festlegen - warum es Michael nicht möglich ist, einen Schalldämpfer mit auf Mission zu nehmen und nur bei Bedarf aufzuschrauben, bleibt das Geheimnis der Entwickler. Am Computer könnt ihr auch Informationen zu eurer anstehenden Mission erwerben oder per eMail Kontakt mit den Leuten halten, die ihr getroffen habt.

Die Missionen selbst bestehen aus sehr verschiedenen Aufgabenstellungen. Mal müsst ihr im Tower eines Flugfeldes eine Wanze installieren, mal trefft ihr euch mit Informanten zu einem Schwätzchen... und manchmal, da wird einfach nur geballert. Eure Aufgabenstellung kann sich während der Mission auch durchaus erweitern oder verändern, je nach Gegebenheit. Insgesamt sind die Missionen recht abwechslungsreich ausgefallen, wenn sich auch die meisten Probleme durch Waffeneinsatz ein wenig zu leicht lösen lassen, verglichen mit dem Schleichen. Die Areale sind in kleinere Abschnitte unterteilt, zwischen denen kurz geladen wird. Ärgerlich: Ihr wisst nie, wo ein Areal endet. Verlasst ihr es, kann es passieren, dass eine Rückkehr - etwa, um weitere Räume zu erforschen - nicht mehr möglich ist. Viele Abschnitte erweisen sich als äusserst linear. Klettern und von einer Erhöhung runterspringen geht etwa nur an bestimmten vorgegebenen Punkten.

Um die einzelnen Agententätigkeiten in Alpha Protocol nicht zu leicht zu machen, müsst ihr zum Überbrücken von Alarmsystem, hacken von Computersystemen und knacken von Türen kleinere Minispielchen absolvieren. Diese sind anfangs noch recht simpel und auch später mit entsprechenden Skills und der passenden Ausrüstung noch gut zu schaffen. So müsst ihr zum Knacken von Schlössern mit der L2-Taste den richtigen Druck aufbauen, um einen (von anfangs drei, später auch mal fünf) Riegeln in die korrekte Position zu bringen, um mit R2 diesen zu fixieren. So verfahrt ihr mit allen verbleibenden Riegeln. Gelingt euch dies nicht während des Zeitlimits, gibt es Alarm. Um einen Alarm zu deaktivieren, müsst ihr erstmal eine entsprechende Station finden und diese dann im Minispielchen überbrücken. Das läuft ebenfalls auf Zeit und ihr müsst hier auf einer Leiterplatte Leitungen verfolgen und antippen, wo diese enden. Das Prinzip kennt der ein oder andere vielleicht von den "Führe XYZ aus dem Labyrinth"-Spielchen für Kinder. Das Hacken ist anfangs nicht leicht zu verstehen, aber im Grunde einfach: Ihr habt zwei Zahlenfolgen, die ihr mit den beiden Analogsticks über eine Matrix aus sich verändernden Zahlen steuern könnt. Einige Zahlen verändern sich jedoch nicht - hier müsst ihr eure Zahlenfolgen platzieren. Im Gewusel lässt sich das nicht immer leicht ausmachen, hier ist also ein scharfes Auge gefragt.


Agententechnik von Gestern

So modern die Michael zur Verfügung stehende Technik auch sein mag: Alpha Protocol selbst hält da nicht mit. Wenn man Michael das erste Mal im geduckten Gang zwischen Wänden mit matschigen Texturen buckeln sieht, dann fühlt man sich schon einige Jahre in der Videospiel-Geschichte zurückgeworfen. Zumal die Texturen sich regelrecht ins Bild schälen: Vom matschigen PlayStation-Look hin zu PlayStation 2- bzw. Xbox-Niveau, aber niemals wirklich einer aktuellen Grafik-Engine würdig. Auch Animationsphasen fehlen gerne mal, etwa wenn ein Gegner in dem ersten Frame vor der Leiter steht und im zweiten diese schon hinabklettert. Dazu kommt eine nicht so ganz nachvollziehbare KI. Teilweise scheinen eure Gegner geradezu blind, während sie ansonsten schon auf kleinste Bewegungen und Geräusche eurerseits reagieren. Was selbst Solid Snake schon in Metal Gear Solid auf der PlayStation konnte, ist für Michael Thorton unmöglich: Verstecken. Wenn der Alarm ausgelöst ist und die Feinde wissen, dass ihr unterwegs seid, dann kennen sie auch eure Position. Und zwar präzise - sie müssen euch nicht suchen, sie wissen wo ihr seid. Einmal entdeckt hilft nur noch, die Gegner zu beseitigen und den Alarm zu deaktivieren.

Leider erweist sich Alpha Protocol in der Praxis schnell als merkwürdig. Folgendes Beispiel: Eure Aufgabe ist es, ungesehen ein Gebäude zu infiltrieren und eine Wanze zu deponieren. Nach der Mission werdet ihr gelobt, dass der Feind nichts von der Aktion bemerkt hat - hierbei ignoriert das Spiel geflissentlich, dass ihr zig Gegner im Nahkampf ausgeschaltet und sogar den ein oder anderen getötet habt. Das soll unbemerkt geblieben sein?

Beim Sound hingegen wurde garnicht Mal soviel falsch gemacht. Die Waffengeräusche klingen überzeugend und der Soundtrack - der durchaus einem Jason Bourne würdig wäre - fügt sich super in das Geschehen auf dem Bildschirm ein. Und auch die (englischen) Sprecher kann man ruhig loben: Kaum einer, der wirklich negativ aus der Rolle fällt. Die Bildschirm-Texte sind allesamt sehr gut ins Deutsche übersetzt, so etwa die ganzen eMails. Die Untertitel nutzen hingegen nur einen Teil der verfügbaren Breite des Bildschirmes und sind so oftmals unleserlich schnell durchgerauscht. Wer also über ausreichend Englisch-Kenntnisse verfügt, sollte die Untertitel besser deaktivieren und sich auf das gesprochene Wort konzentrieren.





Das Agenten-Setting ist cool, die Story doppelbödig und die zu treffenden Entscheidungen schwerwiegend - und doch: Der Funke springt nicht so recht über. Das liegt einerseits sicherlich an der alles andere als zeitgemäßen Technik. Aber auch diverse Bugs und Macken im Gameplay trüben den sehr guten Eindruck stark ein. Auch wenn ich nach dem Durchspielen noch Lust verspürte, die Auswirkungen anders getroffener Entscheidungen zu sehen - mich nochmal durch das Spiel schlagen wollte ich nicht. Schade, mit mehr Fokus auf das Gameplay hätte Alpha Protocol ganz klar das Zeug zum Hit gehabt!
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Pro:
spannende Geschichte voller Intrigen
saubere (englische) Synchronisation
Texte, etwa eMails, gut ins Deutsche übersetzt
glaubhafte Auswirkungen der Entscheidungen

Contra:
miese Animationen - beachtet mal den gebückten Gang von Michael
maue Grafik mit matschigen Texturen
vollkommen geistlose KI


Offizielle Website:
 alphaprotocol.com

Weitere Links:
 Dialog-Trailer
 E3-Trailer



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