Verwirrung um das neueste Spiel der Drakengard-Macher: Nier kommt in zwei Varianten daher, Gestalt und Replicant. Letztere ist allerdings dem japanischen Markt vorbehalten. Beide Versionen sind in der gleichen Welt angesiedelt, unterscheiden sich jedoch in der Erscheinung des Protagonisten und kleineren Storydetails. Wir haben die westliche Fassung einer genauen Inspektion unterzogen.
Gefährliche Schatten
In
Nier übernehmt ihr die Rolle des titelgebenden Helden, der in einem kleinen Dorf um das Überleben seiner Tochter Yonah bangt. Diese ist nämlich von einer mysteriösen Krankheit befallen, der Runenpest. Das Leben ausserhalb des Dorfes erweist sich als riskant, da gefährliche Biester - die "Schatten" - die Gegend bevölkern. Um ihr Leben im Dorf zu finanzieren, nimmt Nier immer wieder Aufträge von anderen Dorfbewohnern an. Er ist also quasi Mann für alles - kleinere Botengänge, Besorgungen oder auch das Erledigen von Schatten zählen zu seinen Aufgaben. Doch die Schatten wagen sich unter der Führung eines geheimnisvollen Schatten-Lords immer näher an das Dorf heran... und dadurch wird es für Nier unumgänglich, sich auf die Suche nach der Wahrheit zu machen. Über die Runenpest, die Schatten... und sich selbst.
Im Heimatdorf von Nier könnt ihr von den Bewohnern kleinere Nebenmissionen annehmen - meist handelt es sich hierbei um Botengänge und kleinere Besorgungen. Dementsprechend gering fallen die Belohnungen aus. Bei Händlern könnt ihr euch zudem mit Items eindecken. Das ist allerdings selten nötig, da ihr eigentlich nie zu wenig Heilkräuter und dergleichen in der Tasche habt. Die entsprechenden Items droppen recht häufig. Die Welt in
Nier besteht natürlich nicht nur aus dem Dorf. Über das Umland gelangt ihr in andere Gegenden, allerdings ist dies oft mit viel Lauferei verbunden - ein Schnellreise-System wäre praktisch gewesen. Die verschiedenen Orte zeichnen sich durch ihren Variantenreichtum aus. So kommt ihr etwa in ein merkwürdiges Wüstenstädtchen mit noch merkwürdigeren Bewohner oder besucht eine Küstenstadt. Schade: Es gibt zwar eine Weltkarte, allerdings müsst ihr für den jeweiligen Sektor immer erst die zugehörige Karte finden. Euer nächstes Ziel wird immer als rotes Kreuz angezeigt, selber eines festlegen (etwa um abseits der Storymissionen einen anderen Schauplatz leichter ausfindig zu machen) geht nicht. Das erschwert die Orientierung unnötig.
Simpel-Kampfsystem und Bücherwürmer
Ihr verfolgt Nier im Spielverlauf aus der Third-Person-Ansicht, in bestimmten Situationen (etwa in Gebäuden) wird jedoch auf eine Seiten- oder Draufsicht umgewechselt. Diese Abschnitte kommen einer kleinen Verneigung vor Spieleklassikern wie
Diablo gleich. Überhaupt warten in
Nier jede Menge Anspielungen auf euch, mal mehr mal weniger offensichtlich erkennbar. Nier greift im Kampf primär zu Schwertwaffen jeder Art und kann damit, wie Kollege Kratos aus der
God of War-Reihe, deftige Kombos auf die schattenhaften Feinde regnen lassen. Das funktioniert ziemlich gut und dank einer einzigen Angriffstaste auch sehr einfach, es mangelt jedoch an Abwechslung. Die Schatten kommen in verschiedenen Größen daher und während die kleineren eher nervige Plagegeister sind, entpuppen sich größere Schatten schon als weit hartnäckiger. Am Ende eines Dungeons warten dicke Bosse, die euch einiges abverlangen. Diese Kämpfe gehören definitiv zu den Highlights von
Nier - die spektakuläre Verfolgung eines gigantischen, durch das Dorf wütenden, Schattens etwa, bildet einen dramaturgischen Höhepunkt, der einfach atemberaubend ist. Anders als
God of War verzichtet
Nier gänzlich auf Quicktime-Events, die Kämpfe bleiben in Echtzeit mit voller Kontrolle über euren Recken.
Um den dickeren Gegnern gewachsen zu sein, muss Nier auch stärker werden. Typische Rollenspiel-Elemente sind jedoch nur marginal verfügbar, stattdessen powert ihr Waffen und Magie mit gefundenen Worten auf, die ihr von besiegten Gegnern erhaltet. Koppelt diese einfach an eine Waffe oder einen Zauberspruch und schon erhaltet ihr die entsprechende Verbesserung. Schwerter lassen sich zudem mit Rohstoffen und Geld auf dem Schrottplatz verbessern.
Neben dem Umgang mit dem Schwert (später kommen auch noch Speere hinzu) beherrscht Nier auch den Einsatz von Magie. Die wird allerdings erst verfügbar, wenn ihr in den Besitz von Grimoire Weiss gelangt; einem sprechenden und schwebenden Buch, welches sich euch anschließt. Im Spielverlauf schaltet ihr immer neue magische Attacken frei. Diese könnt ihr auf die Schultertasten verteilen. Nachteil: Entweder nutzt ihr alle vier Schultertasten für Magie und verzichtet damit auf Ausweich- und Verteidigungsfunktion oder euch stehen nur zwei Magie-Attacken zur Verfügung. Haltet ihr die zugeordnete Taste gedrückt, könnt ihr eure Attacke sogar aufladen - genug magische Energie vorausgesetzt. Diese füllt sich jedoch schnell auf, so dass ihr kaum Mangel haben solltet. Während eure Attacke aufgepowert wird, verlangsamt sich die Zeit ein wenig, ansonsten wärt ihr in dieser Phase wohl ein zu leichtes Ziel für eure Gegner. Mit den meisten eurer magischen Angriffe könnt ihr zielen, indem ihr während des Aufladens ein Fadenkreuz über den Bildschirm bewegt.
Wenn Magie - besonders eurer Gegner - zum Einsatz kommt, erinnert das schnell mal an Shoot'em Up-Spiele wie
Ikaruga: Dutzende Kugeln lassen euch wenig Möglichkeiten, den Angreifer zu attackieren. Erstaunlich ist, wie gut dieses Prinzip in 3D funktioniert. So gibt es etwa im Ödtempel diverse Prüfungen, bei denen ihr geschickt durch einen solchen Kugelhagel kommen müsst, ohne getroffen zu werden.
Technik von vorgestern
Leider ist die technische Seite von
Nier eher abschreckend ausgefallen. Gerade die Grafik wirkt wie ein gigantischer Rückschritt: Niedrig aufgelöste Modelle und matschige Texturen wecken Erinnerungen an PS2-Spiele. Einzig die Fernsicht und Effekte beim Magie-Einsatz zeigen, dass man ein Spiel für eine aktuelle Konsole eingelegt hat. Das tut der dunklen Atmosphäre der Welt von
Nier jedoch keinen Abbruch, fast schon erreicht diese in ihrer Traurigkeit das Maß eines
»Shadow of the Colossus, jedoch ohne dessen Leere der Spielwelt. Der Soundtrack erweist sich als zwiespältig: Zwar gibt es wunderschöne, melancholische Stücke zu hören, leider wiederholen diese sich allerdings sehr schnell. Aber auch das Gameplay hat wenig von dem, was man auf einer aktuellen Konsole erwarten würde -
Nier spielt sich, als hätte es eigentlich für die PlayStation 2 veröffentlicht werden sollen.
Beim Umfang zeigt sich, dass die Macher von
Nier eine Menge wollten... und leider nur wenig davon wirklich liefern. Das zeigt sich sehr gut bei den Minispielchen: So könnt ihr ein Feld vor eurem Haus bestellen oder Angeln. Letzteres erlernt ihr im Verlauf der Geschichte, ist jedoch derart umständlich zu steuern, dass es mit dem Angel-Minispielchen bei
Zelda,
Animal Crossing oder
Harvest Moon nicht mithalten kann. Von Entspannung kann da keine Rede sein. Und um euer Feld beackern zu können, müsst ihr erst eine bestimmte Voraussetzung erfüllen - und selbst dann fehlt es am Sinn: Wozu etwa Heilkräuter anpflanzen, wenn ihr in der Welt genug findet? Ohne die ganzen Miniquests und -spielchen bleibt immer noch eine gute Spielzeit von etwa 15 bis 17 Stunden. Es lohnt sich übrigens,
Nier mehr als nur einmal durchzuspielen - so könnt ihr noch einige weitere Endings freispielen, die mehr über die Hintergründe aufdecken. Und doch gibt es noch Lücken; die Macher bleiben euch manche Erklärung schuldig. Glücklicherweise müsst ihr nicht das komplette Spiel nochmal durchspielen, um weitere Enden freizuschalten.
Ausgezeichnet mit den folgenden GameRadio-Awards:
