Visceral Games schickt euch in die Hölle. Natürlich nicht persönlich, sondern in der Gestalt von Dante. Dabei bedient sich das von Electronic Arts vertriebene Werk stark bei der Commedia, dem Hauptwerk des italienischen Dichters Dante Alighieri. Ob die Portierung in das Medium Videospiele gelungen ist, erfahrt ihr in unserem Test.
Literarische Nachhilfestunde
Um 1307 begann der italienische Dichter Dante Alighieri mit seinem Hauptwerk: Der
Commedia (Komödie), später auch
Divina Commedia (Göttliche Komödie) genannt. Dieses beendete er kurz vor seinem Tod im Jahr 1321. Aus der Erzähler-Perspektive nimmt er den Leser mit auf eine Reise der Läuterung quer durch das Jenseits. Angefangen im Inferno (der Hölle) führt der Weg des Protagonisten durch das Purgatorio (Fegefeuer) und mündet letztlich im Paradiso (Paradies). Die Entwickler bei Visceral Games haben sich den wohl interessantesten Teil, das Inferno, nun als Inspiration für die Hintergrundgeschichte von
Dante's Inferno ausgesucht.
Natürlich musste die Geschichte ein wenig an das Medium Videospiel angepasst werden. Ihr schlüpft in die Rolle von Dante, einem Kreuzritter, der unzählige Schlachten weit abseits seiner Heimat und seinem Weib Beatrice geschlagen hat. Eine davon führt euch als kleines Tutorial in das Spiel ein - in der Stadt Acre bekommt ihr es sogar mit dem Tod persönlich zu tun und nehmt ihm seine berühmte Sense ab. Nach seiner Heimkehr muss er feststellen, dass Beatrice getötet wurde - und Luzifer ihre Seele in die Hölle mitnimmt. Da Dante seine Holde nicht diesem Schicksal aussetzen will, folgt er ihnen hinab in die Tiefen der Hölle. Diese ist, getreu der Vorlage, in neun Kreise eingeteilt; jede einer der klassischen Sünden - wie Wollust, Zorn, Habgier oder Ketzerei - gewidmet. In diesen leiden die Seelen für die zu Lebzeiten begangenen Sünden. Dante muss durch alle Kreise hindurch, um letztlich Luzifer persönlich die Aufwartung zu machen. Und so sündenfrei ist der Kreuzritter nicht, als dass er dies so ohne weiteres tun könnte.
Heilige Sünder
Doch die
Commedia ist nicht das einzige Werk, bei dem sich
Dante's Inferno bedient. Auch der Einfluß eines weit moderneren Werkes ist stets klar ersichtlich:
God of War. Anders als etwa
Darksiders (
»Test auf GameRadio.de), welches noch einige andere Elemente aufgegriffen hat, verlässt sich Visceral Games ganz auf die Zutaten, die schon Kratos' Abenteuern Top-Wertungen einbrachten. Nach dem spielbaren Einstieg und der Inbesitznahme der Sense von Gevatter Tod wirbelt Dante mit dieser ähnlich agil herum wie der Spartaner mit seinen Chaosklingen. Aber Dante besitzt zudem noch ein Kreuz seiner geliebten Beatrice, mit der er auf entferntere Gegner feuern kann. Später erhält er zudem noch die Möglichkeit, magische Attacken einzusetzen. Kleinere oder geschwächte Gegner könnt ihr mit der Sense zu euch heranholen und entscheiden, ob ihr diese für ihre Sünden bestrafen oder sie davon erlösen wollt. Im Verlauf des Spiels erhält Dante zudem noch nach und nach vier Zaubersprüche, die recht effektreich zwischen euren Gegnern aufräumen.
Alles dringend nötig, denn der Höllenfürst hetzt euch allerlei finstere Kreaturen auf den Hals. Das Monsterdesign ist schnell beschrieben: Eklig und widerlich. Etwa im Kreis der Lust, wo euch nackte Frauen ans Leder wollen, aus deren Geschlechtsteilen Tentakel nach euch schlagen. Aber auch mit dickeren Brocken bekommt ihr es zu tun; Feinde in Rüstungen, mit denen ihr euch ein wenig länger auseinandersetzen müsst und die ihr zum Abschluß noch mit einem spektakulären Quicktime-Move endgültig beseitigen dürft. Besiegte Gegner hinterlassen verschiedenfarbige Orbs, die automatisch eingesammelt werden. Grüne füllen eure Energie wieder auf, während die lilafarbenen Kügelchen euch Mana-Energie geben. Diese Energien könnt ihr auch an in den Leveln verteilten Säulen auffüllen, ähnlich wie Kratos die entsprechenden Truhen nutzt. Dann gibt es noch die weissen Orbs; Seelen, welche ihr im Upgrade-Menü gegen neue Attacken und Verstärkungen eintauschen könnt. Dazu stehen euch zwei Upgrade-Stränge zur Verfügung: Heilig und Unheilig. Je nachdem, ob ihr die Gegner und gefangene Seelen straft oder erlöst, steigert ihr euer Level in dem jeweiligen Strang. Während die unheilige Seite vor allem neue Moves für die Sense und Verstärkung eurer Zauber enthält, fokussiert sich der heilige Strang auf Verstärkung eurer Kreuzattacken und eurer Defensiv-Skills.
Die Reliquien in
Dante's Inferno erfüllen eine ähnliche Rolle. Diese sind manchmal mehr, manchmal weniger gut in den Abschnitten versteckt. Über das Menü könnt ihr zunächst zwei davon aktivieren - später schaltet ihr über die Upgrades weitere Slots frei. Diese wirken eher passiv, sorgen also etwa für Gesundheitsauffrischung oder Verstärkung eurer Attacken. Die Reliquien, die ihr ausgerüstet habt, können sich zudem in mehreren Stufen verbessern und werden so noch mächtiger. Gerade bei den Endbossen auf höheren Stufen kann das geschickte Nutzen der Reliquien spielentscheidend sein.
Die Hölle des Spieldesigns
Technisch kann
Dante's Inferno dank der Engine, die schon
Dead Space zu schaurigem Leben erweckte, auf ganzer Linie überzeugen. Vor allem grafisch erwartet euch ein Schmankerl nach dem anderen: Riesige Bauten, die teilweise (Völlerei-Level) total abgedreht und eklig daherkommen, bewohnt von ebenso riesigen Gegnern, die erst ein Effekt-Overkill beseitigt. Und das alles absolut flüssig - Framerate-Einbrüche müsst ihr schon mit der Lupe suchen. Zwar hätte die ein oder andere Textur ruhig schärfer ausfallen können, aber das ist zu verschmerzen. Der Sound reißt es dann nochmal kräftig raus: Orchestrale und chorale Musikstücke untermalen die Kulissen, die immer wieder von den Schreien der gequälten Seelen durchdrungen werden. Auch die Soundeffekte kommen gut rüber, mit gutem Ton-Equipment definitiv hörenswert. Die deutsche Synchronisation ist zudem sehr gut gelungen.
Doch kommen wir mal wieder weg von den einzelnen Elementen, zurück zum großen Ganzen. Und das erweist sich als recht schamloser
God of War-Klon. Kann man machen, besser gut geklaut als schlecht selbst gemacht. Dumm nur: Dante kommt im Grunde, ausser dem Setting, mit keinerlei neuen Elementen daher! Sicher, das alleine schafft Abstand zu den Schnetzeleien mit Kratos, aber wenn man sich immer wieder mit "Das kenn ich doch..."-Gedanken trägt, ist das eher kontraproduktiv.
Dante's Inferno will
God of War sein - scheitert jedoch an den beiden elementarsten Punkten: Der Kamera und der Spiel-Balance. Die Kamera setzt vor allem auf vorgegebene Perspektiven, die allerdings oftmals wenig Übersicht bieten. So springt ihr, gerade unter Zeitdruck, schnell mal in einen Abgrund - Frust ist da vorprogrammiert. Das gilt übrigens auch für den Schwierigkeitsgrad: Während der leichteste Schwierigkeitsgrad zumindest die Gegner zu einem Witz macht, ist die nächsthöhere Stufe schon um ein Vielfaches schwerer. Hier hätte mehr Balancing und eine Zwischenstufe dem Spiel sicherlich gut getan. Auch die Speicherpunkte (ihr speichert an Beatrice-Statuen) sind recht willkürlich verteilt. Manchmal passiert es also, dass ihr kurz hintereinander auf zwei Speicherpunkte trefft, während ein anderes Mal die Abstände zwischen den einzelnen Stationen mächtig sind.
Auch ein Wiederspielwert ist kaum gegeben. Da das gesamte Spiel schnurgerade verläuft, bleibt nur wenig Grund für einen erneuten Durchgang. Sicher, ihr könnt versuchen, alle Seelen zu finden, alle Reliquien und all sowas... die Motivation, direkt nach dem Durchspielen nochmal ranzugehen, dürfte sich allerdings in Grenzen halten.
Ansonsten macht
Dante's Inferno soviel nicht falsch. Opulente Grafik, schickes unverbrauchtes Setting und effektreiche Schlachten stehen auf der Tagesordnung. Es ist nur ein ungünstiger Zeitpunkt, den sich EA für den Release ausgesucht hat:
God of War III steht in den Startlöchern und Spieler konnten sich bereits durch
Bayonetta und
Darksiders schnetzeln. Da findet eine gewisse Übersättigung statt, die schnell dazu führt, dass man nicht mehr den Nerv hat, sich durch das recht innovationsarme Gameplay zu kämpfen. Schade, denn mit etwas mehr Feinschliff, gerade bei Kamera und Schwierigkeitsgrad, hätte der Trip durch die Hölle ein echter Knaller und Pflichttitel werden können!