Mehr als zwei Jahre nach der Veröffentlichung von „Yakuza 2“ in Japan, bringt Publisher Sega das Gangster-Epos nun endlich auch nach Europa. Ob der Mix aus Beat’em Up und Adventure auch nach so langer Wartezeit noch überzeugen kann, lest ihr in unserer Review.
Eine Frage der Ehre
Ein Jahr nach den Geschehnissen des PlayStation 2-Titels „Yakuza“ schlüpft ihr einmal mehr in den weißen Freizeit-Anzug des japanischen Mafia-Mitglieds Kazuma Kiryu. Im Zuge eines famosen Showdowns und seiner Ernennung zum vierten Vorsitzenden des Tojo Clans hat Kazuma eigentlich genug vom Machtgehabe seiner Ganoven-Kollegen und beschließt, sich mit seiner Adoptiv-Tochter aus den krummen Geschäften zurückzuziehen. Als jedoch sein Nachfolger von Mitgliedern des ehemals verbündeten Omi-Clans erschossen wird, tritt Kazuma der Ehre halber wieder auf den Plan. Um einen Krieg zwischen den rivalisierenden Yakuza-Clans zu verhindern, soll er die Oberhäupter mit seinem Verhandlungsgeschick zur Vernunft zu bringen. Dabei gibt es natürlich auch ein Wiedersehen mit alten Bekannten wie Inspektor Date.
Mafia-Schinken mit Verständigungsproblemen
Die Geschichte von „Yakuza 2“ ist, wie schon im Vorgänger, für ein Videospiel ungewöhnlich dicht und wendungsreich. Wer sich nicht an der über-emotionalen und teilweise recht verschachtelten Erzählweise japanischer Filmemacher stört, dürfte also seinen Spaß haben. Solltet ihr hingegen mit asiatischen Mafia-Schinken gar nichts anfangen können, will der Kauf des Titels gut überlegt sein, da ihr rund die Hälfte der Spielzeit mit dem Anschauen von Videos verbringt. Und diese sind nicht ganz so einfach zu verstehen wie in „Yakuza“. Anstatt wieder auf englische Synchro mit deutschen Bildschirmtexten zurückzugreifen, setzt euch Publisher Sega unter dem entschuldigenden Budget-Deckmäntelchen lediglich die japanischen Originalsprecher mit englischen Untertiteln vor. Weniger geübte Englisch-Schüler sollten sich vor dem Einlegen der DVD also schon mal auf zahlreiche „Häh?“-Momente gefasst machen.
Schlagabtausch auf Japanisch
Wer sich nicht mehr so recht an die Geschehnisse in „Yakuza" erinnert – bei 24 Monaten „Spielpause“ auch wahrlich nachvollziehbar – kann sein Gedächtnis gleich zu Beginn des Spiels mit Hilfe einer etwa halbstündigen Zusammenfassung wieder auffrischen. Anschließend könnt ihr euch ins Großstadt- bzw. Kampfgetümmel stürzen. Den Kern des Spiels bildet nämlich ein gut funktionierender Beat’em Up-Modus. Dieser kommt beispielsweise zum Einsatz, wenn ihr auf der Straße von einem streitsüchtigen Kleinkriminellen angepöbelt werdet. Durch mehrere Schlagtasten und der Möglichkeit, Umgebungsgegenstände als Waffe einzusetzen, werden sich die meisten Prügel-Veteranen hier schnell wie zu Hause fühlen. Nach einem kurzen Tutorial beherrscht ihr die Grund-Moves, zu denen sich im späteren Spielverlauf noch zahlreiche freischaltbare Schlagkombinationen gesellen. Durch erfolgreich abgewehrte Hiebe lädt sich während des Kampfes eure Heat-Leiste auf, mit der ihr Gegner anhand von Finishing-Moves ins Jenseits schickt. Dabei könnt ihr Level-Inventar wie Treppen, Zäune oder Wände zu eurem Vorteil nutzen. Auch Messer, Schilder oder Latten lassen sich als wirkungsvolle Waffen einsetzen.
Durch das Besiegen von Gegnern verdient ihr neben Geld auch Erfahrungspunkte, die sich in Charakterwerte und neue Kampftechniken investieren lassen. Neben kleinen Fischen und ganzen Horden von Yakuza-Ganoven bekommt ihr es in den insgesamt 16 Levels des Spiels auch mit zahlreichen Zwischen- und Endgegnern zu tun. Jeder von ihnen benutzt individuelle Angriffstechniken, deren Schwächen es durch das Trial & Error-Prinzip herauszufinden gilt. Kommt ihr einmal nicht weiter, bietet euch „Yakuza 2“ netterweise die Möglichkeit, zeitweise in einen einfacheren Schwierigkeitsgrad zu wechseln. Im Gegensatz zum Vorgänger wurden außerdem die Ladezeiten vor den Kämpfen verkürzt und die Kamera-Winkel optimiert. Wertungsabzüge gibt es jedoch für die unerwartet aufploppenden Quicktime-Events, die euch meist nur sehr wenig Zeit für eine Reaktion lassen. Ebenfalls hinderlich beim Kämpfen ist die Tatsache, dass sich Kazuma nur sehr langsam bewegt, was das Ausweichen in manchen Situationen sehr schwierig macht.
Heiße Hostessen und streitsüchtige Möchtegern-Gangster
Wenn ihr euch gerade mal nicht durch Yakuza-Horden prügelt, seid ihr zu Fuß in drei recht begrenzten Großstädten wie Tokyo und Osaka unterwegs. Dort gilt es Mafia-Oberhäupter aufzuspüren und sich nebenher mit kleineren Nebenquests, dem Sammeln von Informationen oder zahlreichen Minispielchen bei Laune zu halten. Die Stadtteile sind dabei frei begehbar – für die nötige Orientierung sorgt ähnlich wie in „Grand Theft Auto“ ein Karte am unteren Bildschirmrand. Der Eindruck einer „offenen Spielwelt“ wird jedoch durch die festgelegten Kamerawinkel gestört, die allzu oft bei Übergängen von einem Levelabschnitt in einen anderen für perspektivische Verwirrung sorgen. Während euch einige Passanten auf der Straße bei kleineren Problemen wie einem entlaufenen Dieb um Hilfe bitten, warten auch zahlreiche begehbare Gebäude wie Bowlingbahnen, Bars, Restaurants, Spielhallen und Clubs auf euren Besuch. So könnt ihr euch in einem der Hostessen-Clubs anhand einer vereinfachten Dating-Simulation eine Freundin angeln oder euch im „Club Sega“ an einigen Arcade-Games versuchen. Ebenfalls allgegenwärtig sind kurze Beat’em Up-Einlagen mit Möchtegern-Yakuzas die euch beinahe an jeder Straßenecke begegnen. Anfangs noch ganz amüsant werden diese, gerade wenn ihr zielstrebig der Hauptquest folgen wollt, schnell zu einer recht nervigen Unterbrechung des Spielflusses. Oft ist auch unklar, was als nächstes von euch verlangt wird, um die Story voranzutreiben. Sind zu Beginn noch alle wichtigen Wegpunkte auf eurer Karte markiert, sucht ihr im späteren Verlauf häufig vergebens nach den roten Punkten. So müsst ihr selbst herausfinden, welcher der unzähligen Passanten wichtige Informationen bereithält oder in welcher Location das nächste Skript-Event ausgelöst wird.
Stimmengewirr unter Leuchtreklamen
Wie „Yakuza 2“ spielt auch das Prequel grafisch in der oberen PlayStation 2-Liga. Die bevölkerten Straßen der japanischen Metropolen wirken durch stimmungsvolle Leuchtreklamen sehr lebendig. Auch die Charaktermodelle sind detailliert in Szene gesetzt und nach mehreren Stunden Spielzeit habt ihr fast das Gefühl, es mit echten Schauspielern zu tun zu haben. Die Soundkulisse trägt neben authentisch umgesetzten Schauplätzen ebenfalls zur runden Atmosphäre bei. Gerade in den Adventure-Abschnitten werden sich Großstädter durch das allgegenwärtige Stimmengewirr und den Straßenlärm fast wie zu Hause fühlen. Lediglich die Musikuntermalung muss einige Abstriche wegstecken. In den Kämpfen sorgt zwar ein Mix aus Jazz, Elektro und Rock für eine spannungsgeladene Szenenunterstreichung. Durch zu wenige Tracks kommt es jedoch ständig zu Wiederholungen, die gegen Ende der rund 20 Stunden Spielzeit recht nervtötend sein können.