Wir befinden uns auf dem verrosteten Dach einer verlassenen Fabrik im tiefen Dschungel. Unser Personenmelder sowie das Infrarot-Sichtgerät teilen uns mit, dass sich im Raum vor uns drei gegnerische Soldaten befinden. Da wir die von diesen bewachte Person jedoch eilig befreien sollten, müssen wir ebenso schnell handeln. Wir richten uns also auf, springen hinunter, greifen uns den ersten Gegner und nehmen ihn als Geisel. Jetzt überschlagen sich die Ereignisse: Während das Messer in unserer Linken am Hals unseres lebendigen Schutzschildes ruht, zielen wir rasch mit unserer schallgedämpften Betäubungspistole Mk22 über die Schulter eben dieses und visieren die restlichen Opponenten an. Ein schneller Schuss in das Funkgerät des Melders verhindert, dass dieser Verstärkung rufen kann, während wir auf die Schläfe des letzten Gegners einen gezielten Betäubungspfeil setzen. Dasselbe Prozedere noch mit dem irritierten Melder sowie ein KO-Schlag gegen den Mann in unserem Arm und schon können wir vorstoßen...
Was hier anmutet wie der Höhepunkt eines neuen Millionen-Blockbusters ist im lange erwarteten Metal Gear Solid 3: Snake Eater Alltag. Wir haben uns Konamis Dschungel-Abenteuer intensiv angenommen und sind auf ein nicht allzu überraschendes Ergebnis gestoßen: Hideo Kojimas neuester Streich stellt seine exzellenten Vorgänger sprichwörtlich in den Schatten und definiert den Begriff „Tactical Espionage Action“ auf ein Neues. Doch stellen wir euch jetzt eines nach dem anderen vor, dass ihr euch selbst ein Bild dieses Meisterwerkes machen könnt.
Ein famoser Plot
Die MGS-Reihe ist berühmt-berüchtigt für ihre intensive Storyline, die stets mit unglaublich cineastischen Zwischensequenzen erzählt wird. Auch Snake Eater tut sich hier keinen Abbruch. Bereits das fulminante Intro, welches unter anderem von Kyle Cooper designed wurde lässt auf ein Erlebnis schließen, das durchweg fesseln wird: In einer stürmischen Nacht bahnt sich ein Jet seinen Weg durch die dichte Wolkendecke. Im Inneren ein eine Zigarre qualmender Agent, der sich auf den ersten Halo-Jump der Geschichte vorbereitet. Nachdem alle Vorbereitungen getroffen wurden, geht es auch schon los: Die Rampe am Heck öffnet sich, der geheimnisvolle Agent nähert sich der Kante und springt schließlich grazil, aber stets mit der nötigen Kontrolle aus dem Flugzeug. Der Boden nähert sich mit schier unglaublicher Geschwindigkeit bis sich ruckartig der Fallschirm öffnet und durch die Sauerstoffmaske wieder ein klares Bild erkennbar wird. Das Ziel am Boden, eine kleine Lichtung, kommt immer näher und die Baumwipfel des Urwaldes streifen bereits die Füße. In der finalen Phase des Sprunges trägt sich dann doch noch ein kleiner Unfall zu: Unser Rucksack bleibt an einem Ast hängen – Wir müssen ihn später holen. Nachdem wir unverletzt gelandet sind, meldet sich der Einsatzleiter Major Tom zu Wort. Er macht uns klar, dass wir hinter feindlichen Linien verfahren und uns dem Feind nicht zeigen dürfen. Wer wir sind? Wir sind Snake, Agent der US-Einheit FOX...
Erneut werden storytechnisch sämtliche Register gezogen. Die Handlung findet ihren Platz in den sechziger Jahren, also zur Zeit des Kalten Krieges, der Periode des sinnlosen Wettrüstens der beiden Supernationen USA sowie der Sowjetunion. Ihr operiert wie erwähnt in feindlichem Gebiet, präziser gesagt im russischen Urwald. Der direkt von der Regierung kommende Auftrag schreibt vor Raketenwissenschaftler Dr. Sokolov zu finden und zu evakuieren bevor er die Arbeiten an dem ominösen Panzer Shagohod beenden kann. Mehr Details zum Inhalt wollen wir an dieser Stelle aber nicht verraten, es wäre viel zu schade die filmreif inszenierten Wendungen der Story einfach preiszugeben.
Lasst euch aber sagen, dass trotz der übermenschlichen Charaktere in der Geschichte diese nicht zuletzt aufgrund der häufig integrierten historischen Fakten stets glaubhaft bleibt. Sie fügt sich sogar so gut in die bekannten Daten ein, dass man meint, mit MGS 3 ein verlorenes Stück Geschichte zu erfahren. Doch nicht nur die wahre Geschichte wird fiktiv ergänzt, es werden auch einige interessante und spannende Fakten zum komplexen Metal Gear-Universum bekannt. Warum Ocelot seinen Zunamen Revolver erhält und wer den ersten Metal Gear geplant hat – Dies und viel mehr klärt sich in Snake Eater. Abgeschlossen wird das alles durch ein Ende, ein Finale, wie bewegend es es noch nie zuvor in einem Videospiel gegeben hat.
Welcome to the Jungle!
Doch wie sieht es mit dem eigentlichen Gameplay aus? Seit dem ersten E3-Trailer war klar, dass mit Metal Gear 3 die moderne, urbane Umgebung verlassen wird und erstmals die Natur als Schauplatz dient. Dies bietet natürlich jede Menge neue Optionen die Level zu gestalten, die nun viele alternative Vorgehensweisen für den Spieler offen halten. Die Grundprinzipien der Reihe wurden zwar noch beibehalten, doch wurde sie um einige sinnvolle Faktoren ergänzt. So hat Snake nicht mehr wie in den vorhergehenden Episoden den praktischen Radar zu Hilfe, der in Echtzeit die Positionen und Sichtwinkel der feindlichen Soldaten anzeigte. Stattdessen muss er auf zeitgemäßere Werkzeuge zurückgreifen. Dies wären zum Beispiel ein Personenmelder, der den Controller bei unmittelbarem Feindkontakt vibrieren lässt, ein dem ursprünglichen Radar ähnliches Sonar oder ein Wärmesichtgerät. Da all diese Hilfsmittel jedoch mit Energie versorgt werden müssen, sollte stets die individuelle Batterieanzeige im Auge behalten werden. Sollte diese leer sein, müsst ihr das Gerät zumindest vorübergehend im Rucksack verstauen. Apropos Rucksack: Ihr könnt während des Spiels nur jeweils acht Gegenstände, bzw. Waffen mit euch tragen, der Rest muss im Beutelchen Platz finden. Hier werden übrigens auch eure Tarnung, Nahrung und medizinischen Utensilien verstaut.
Globetrotter
Tarnung und Nahrung? Medizin? Richtig, in Snake Eater heißt es nicht nur einen Weg vorbei an den Wachen zu finden sondern schlicht und einfach auch zu überleben. Schließlich verbergen sich an einem Ort wie dem Dschungel mehr Gefahren als nur gegnerische Soldaten: Sümpfe, Gruben, giftige Tiere oder gar Krokodile sind nur ein kleiner Auszug aus dem natürlichen Gefahrenprogramm. Sollte sich Snake aber allen Vorsichtsmaßnahmen zum Trotz dennoch eine Verletzung zugezogen haben, sollte der Spieler nun umgehend in die Überlebensanzeige wechseln. Dort hat er Zugriff auf diverse medizinische Mittelchen (Salbe, Desinfektion, Verband, Schienen etc.), die er adäquat auf die jeweilige Blessur anwenden muss. Damit die sogenannte Stamina-Anzeige, die unter anderem eine ruhige Hand beim Zielen sichert, aber auch immer auf einem akzeptablen Niveau bleibt, muss ebenfalls in regelmäßigen Abständen ein wenig gegessen werden. Aber was wenn die wenigen mitgeführten Vorräte zu Neige gehen? Natürlich, der Instinkt des Jägers und Sammlers wird geweckt. In Snake Eater (Kurz über den Namen nachdenken...) äußert sich dies im Erlegen jeder noch so absurden Tierart oder im Ernten von Obst. Nachdem ihr ein Objekt ausgemacht und entweder eliminiert oder Schlafen gelegt habt, mutiert das ursprünglich hübsch animierte Getier in eine handliche Rationsbox, die über dem Boden rotiert. Einmal eingesammelt und schon kann die Nahrung in der Überlebensanzeige verzehrt werden. Eine einfache, aber vor allem dem Spielablauf zugute kommende Lösung.
Ladies and Gentleman: Camouflage
Wie sich bereits herauskristallisierte wird im neuen MGS viel mehr Wert auf Interaktion mit der Umgebung gelegt. Aus diesem Grunde wurde auch das Camouflage-System eingeführt. In der bereits erwähnten Überlebensanzeige, die per Druck auf die Start-Taste erreicht wird, kann der Spieler bequem zwischen diversen Uniformen und Gesichtsbemalungen wechseln. In der rechten oberen Bildschirmecke kann währenddessen stets der aktuelle Tarnwert, der ebenso von Snakes Körperhaltung abhängig ist, abgelesen werden. Dass der Spieler zu jedem Zeitpunkt mit der Umgebung nahezu verschmilzt, ist bei der nochmals verbesserten Gegner-KI aber auch bitter nötig. Die vorgeschriebenen Sichtkegel aus den Prequels wurden nämlich wegrationalisiert. Somit können euch die Feinde schon aus großen Distanzen erkennen, was das weitere Vorgehen zwar nicht unmöglich macht, aber extrem erschwert. Solltet ihr nämlich entdeckt werden, sei es infolge hinterlassener Fußspuren, einem nicht versteckten Opfer oder einfach nur unpassender Tarnung, bekommt ihr es mit den sehr menschlich wirkenden Reaktionen eurer Gegner zu tun: Per Funk wird aus einer sicheren Ecke Verstärkung gerufen, die anschließend höchst professionell die nähere Umgebung sichert. In solchen Momenten hilft nur sich in ein gut bewachsenes Grasfeld zu flüchten und zu hoffen oder eine neuartige Suizid-Pille zu sich zu nehmen. Nun gut, es ist nur eine Scheintod-Pille, die euch für die Außenwelt leblos erscheinen lässt. Sucht also ein mehr oder minder ruhiges Plätzchen und trickst die Feinde aus. Nachdem diese euch, die scheinbar eliminierte Gefahr, als erledigt ansehen und wieder ihre angestammten Positionen eingenommen haben, ist eure Zeit für die Wiederbelebungspille gekommen. Diese weckt euch wieder auf und ihr könnt einen neuen Versuch starten. Sehr praktisch...
Alternativ könnte die Situation auch durch Waffengewalt gelöst werden – Das Spiel setzt (fast) keine Grenzen.
Selbst ist die Schlange
Viel eleganter sind aber Aktionen, wie sie Agentenveteran James Bond selbst nicht besser vollführen könnte. Bevor also eine Granate ihren Weg vor die Füße des Gegners findet, sollte der geschickte Spion erstmal die Umgebung inspizieren. Und siehe da: Ein Wespennest – Und das auch noch direkt über dem Kopf der Wache...Der schallgedämpfte Schuss auf das Nest und das Betrachten des weglaufenden Feindes bleiben dann nur noch Formsache.
Durch das gesamte Spiel hindurch bieten sich unauffällige Vorgehensweisen mehr an als brachialer Waffengebrauch. Schon einmal eine Schlange an den Kopf des Gegners geworfen? Besonders gut gefallen hat uns die Stelle an der wir ausgestattet mit dem kultigen Alligatorhut in einem hohlen Baumstumpf sitzen und langsam herauskriechen. Die patrouillierende Wache realisiert die Bewegung und nähert sich dem Baumstamm als sie plötzlich das vermeintliche Krokodil erblickt und voller Furcht die Beine in die Hand nimmt.
Bietet sich jedoch keine derartige Möglichkeit, könnt ihr die Wache auch durch ein absichtlich auffälliges Verhalten anlocken und anschließend mit einer neuartigen Close-Quarters-Combat Attacke ausschalten. Zuvor bietet sich jedoch an, nützliche Informationen im wahrsten Sinne des Wortes aus dem Soldaten herauszupressen – Sam Fisher lässt schön grüßen.
Die technische Crème de la Crème...
Langsam aber sicher hat die PlaySation2 ihren Leistungszenit erreicht. Dieser Fakt liegt auf der Hand. Umso überraschender präsentiert sich dafür Snake Eater: Noch nie gesehene Vegetation, fantastische Animationen und grandiose Lichteffekte. Das optische Gesamtbild ist einfach unglaublich – Hier wird die Konsole definitiv an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit getrieben. Die grafische Klasse zieht sich auch in die filmreif geschnittenen Zwischensequenzen, die sogar in Echtzeit berechnet werden. Ein besonderes Lob verdienen auch die phantastischen Charaktermodelle. Wie ihr seht stimmt hier einfach alles, ja selbst die einzelnen Grashalme werden von äußeren Einflüssen wie Wind, Belastung oder umherfliegenden Kugeln beeinflusst.
Ebenso pompös präsentiert sich auch die Soundkulisse. Satte Waffeneffekte, souveräne englische Synchronsprecher und eine Naturkulisse, wie sie authentischer nicht sein könnte. Aus jedem Lautsprecher tönt anderes Vogelgezwitscher, ein Fluss bahnt sich hörbar hinter dem Spieler seinen Weg durch das Gestrüpp und Funken springen zischend vom elektrischen Zaun. Herausragend gestaltet sich abermals der grandiose Soundtrack von Harry Gregson-Williams, der immer wieder zu den richtigen Situation einsetzt und somit für das letzte Quäntchen Atmosphäre sorgt.
Ein konsolenübergreifendes Meisterwerk
Nach dem ersten Durchspielen warten weiterhin unzählige Geheimnisse darauf entdeckt zu werden. Ferner motivieren die spaßige Affenjagd „Schlange gegen Affe“, der enorme Detailreichtum des Spiels (Feinde auf einer Hängebrücke können durch Zertrennen der Seile ausgeschaltet werden!) und neue, herunterladbare Outfits zu weiterem Spielen.
Aus diesen Gründen sowie unzähligen anderen Gründen, wie zum Beispiel den witzigen Codec-Unterhaltungen ist Metal Gear Solid 3: Snake Eater als neue Genrereferenz uneingeschränkt zu empfehlen: Bereits im März mein persönliches Spiel des Jahres!
Ausgezeichnet mit den folgenden GameRadio-Awards:


