Der Erfolg von Sonys "SingStar"-Reihe will einfach nicht abreißen. Dies merkt man auch daran, dass Sony versucht, neue Käuferschichten abseits des englischen und deutschen Musikgeschmacks für sich zu begeistern. Dabei bleibt die Frage offen, ob „SingStar Turkish Party“ wirklich eine sinnvolle Erweiterung des umfangreichen Song-LineUps darstellt oder ob es ein Dasein als missglücktes Experiment und Exot fristen muss. Wir haben deswegen wieder den Controller links liegen lassen und die Mikrofone angestöpselt, um dieser Angelegenheit für euch auf den Grund zu gehen. Also in diesem Sinne ein herzliches „hosgeldin“ in der türkischen Gesangswelt.
Wir sind Eurovision Song Contest
Nachdem Michael Schuhmacher das Lenkrad an den Nagel gehängt hat und die deutsche Fußballnationalmannschaft seit 1996 leistungstechnisch immer stärker Achterbahn fährt, wird es düster um unsere nationalen Identifikationsfiguren. Schließlich müssen die Handballer oder ein Jan Ulrich herhalten, um das entstehende Vakuum zu füllen. Würde ein Deutscher schließlich irgendwann Weltmeister im Dart, dann könnte er sich auch über ein Plätzchen in der Reihe der stilisierten Lückenbüßer zum Thema internationaler Bedeutung freuen. Zugegeben, das Erreichen des WM-Finale 2002 und das diesjährige Finale in der Europameisterschaft 2008 ist eine beachtliche Leistung der Repräsentanten des deutschen Volkssports Fußball. Leider erreichte der fast schon an Arroganz grenzende Hype um die Mannschaft ein jähes Ende mit dem müden Kick gegen Spanien. Das Ergebnis im letzten Testspiel am 19.11.08 gegen England zeigte klar, dass der Wurm tiefer im Team sitzt als beim Turnier befürchtet. Da bleibt die Frage offen, ob im Nachhinein ein Halbfinal-Sieg der türkischen Elf, die sich mehrmals nervenaufreibend in das Turnier zurückgekämpft hat, nicht doch besser gewesen wäre. Evtl. hätte es so nach Griechenland einen zweiten überraschenden Titelträger gegeben, der den Spaniern in der Finalbegegnung wesentlich mehr eingeheizt hätte als die unkreativen deutschen Stolperer. Und während wir uns das Papst-Amt und den Weltmeister der Herzen 2006 immer noch schön reden, hat die Türkei 2003 den Eurovision Song Contest gewonnen. Einen Titel, der für Deutschland dank der No Angels und einem Ralf Siegel für uns in weite Ferne gerückt ist. So schlecht kann es also um die landestypische Musik nicht bestellt sein.
Deutschland sucht den türkischen Superstar
Und tatsächlich hat Sony ein reichhaltiges Line-Up an verschiedenen türkischen Liedern auf die DVD gebrannt. Dabei findet man arabeske Schlager von Ferdi Tayfur genauso wie Pop-Hits eines Murat Boz oder einer Demet Akalin. Doch werft selbst einen Blick auf die Liste der Songs:
Alisan: Olay Bitmiftir
Ankarali Namik: Hovarda
Burcu Günes: Cile Bülbülüm
Demet Akalin: Tatil
Ferda Anil Yarkin: Ayrilmayalim
Ferdi Tayfur: Cicekler Acsin
Gülben Ergen: Süpriz
Gülsen: Of Of
Gündogarken: Elimde Olsaydi
Hande Yener: Kirmizi
Ibrahim Tatlises: Agri Dagin Eteginde
Kargo: Ates Ve Su
Kayahan: Feninle Her Seye Varim Ben
Kenan Dogulu: Bas Harfi Ben
Kutsi: Sana Ne
Meyra: Efendim
Mor Ve Ötsi: Cambaz
Muazzez Ersoy: Emanet
Murat Boz: Püf
Mustafa Sandal: Indir
Mustafa Sandal: Isyankar
Öykü & Berk: Evlerinin Önü Boyal
Rober Hatemo: Senden Cok Var
Seda Sayan: Bebegim
Sezen Aksu: Sarki Söylemek Lazim
Tarkan: Kuzu Kuzu
Tarkan: Simarik
Teoman & Sezen Aksu: Paratarca
Yildiz Tilbe: Ben Senin Var Ya
Yurtfeven Kardefler: Simdi Halay Zamani
Was hörst du?
Bei der Auswahl hat Sony sich sehr bemüht, jeden Geschmack zu bedienen. So freut man sich als Deutscher auf den seit 1999 aus den Charts bekannten Hit „Simarik“ von Tarkan und auch für Familien-Abende ist mit Ferdi Tayfur zum kollektiven Trällern etwas dabei. Dazu gibt es Pop-Musik von Murat Boz, Mustafa Sandal und Demet Akalin. Da ich es für unwahrscheinlich halte, dass ein „SingStar Turkish Party Vol.2“ erscheinen wird, geschweige denn ein thematischer Ableger wie „SingStar Amped“ oder „SingStar Deutsch Rock-Pop“ in türkischer Fassung, merkt man hier der Titelauswahl deutlich an, dass man per Rundumschlag versucht, die Zielgruppe glücklich zu stimmen. Denn wenn man mal abseits seiner rasanten Lieblings-Tracks aus dem Rock-Pop Bereich etwas singen möchte, dann landet man unweigerlich in einem anderen Genre. Dort setzt sich zwar das hohe Niveau der Titelauswahl weiter fort, aber eine Liebesballade bremst unweigerlich die Stimmung beim SingStar-Abend.
Anladin mi?
Auch will Sony wohl von vornherein ausschließen, dass sich andere Leute außerhalb der türkischen Zielgruppe mit dem Titel anfreunden. So wirkt es jedenfalls, wenn plötzlich beim Einlegen der Spiels alle Infos auf Türkisch sind. So klicken wir uns fortan per Trial-and-Error-Prinzip durch die Menüs, was nicht weiter schlimm ist, weil diese sowieso von den anderen Ablegern der Serie bekannt sind und sich schnell von selbst erschließen lassen. Eine Sprachauswahl beim ersten Start von „SingStar Turkish Party“ wäre trotzdem mehr als wünschenswert gewesen. Denn die türkische Gesangswelt ist so facettenreich, dass Sie nicht nur für türkisch-sprachige Spieler interessant ist.
Was bei den Menüs noch funktioniert, hört spätestens nach der Liedauswahl auf. Denn den Text könnt ihr natürlich nur mit entsprechenden Sprachkenntnissen begeistert mitsingen. Wie gut, dass ihr eigentlich nur die Tonhöhe treffen müsst, um Punkte zu machen. Ständiges Mitsummen macht auf die Dauer aber wenig Laune. So wirken schnell alle Lieder wie eine Versoftung des Crash Test Dummies-Hits „Mmm mmm mmm“. Im Endeffekt wird das Spiel für den Außenstehenden so zu einer Art kreativem Sprachkurs mit zweifelhaftem Erfolg.