Im Herbst vergangenen Jahres bescherte Bioware allen Xbox-360-Besitzern mit "Mass Effect" ein großes Rollenspielfest. Der Titel wurde finanziell ein großer Erfolg und somit ist es wohl kaum verwunderlich, dass die Entwickler nun auch an einer PC-Version gewerkelt haben. Ob der Ausflug ins All auch auf dem Heimcomputer punkten kann oder die hohen Erwartungen doch nicht erfüllt, erfahrt ihr in unserem Test.
Packende Geschichte
In "Mass Effect" übernehmt ihr die Rolle von Commander Shepard, dem Kommandanten des Raumschiffs "Normandy". Mit diesem reist ihr durch das Universum, das wiederum von einem bösartigen Alien bedroht wird. Dessen Pläne gilt es zu durchkreuzen. Mehr wollen wir euch zur Geschichte des Spiels auch gar nicht verraten, da diese einfach so spannend ist, dass man sie komplett selbst erleben muss. Man kann auf jeden Fall sagen, dass "Mass Effect" in Sachen Storytelling zur absoluten Spitze des Rollenspiel-Genres gehört.
Genau so grandios ist auch das Universum, welches Bioware hier geschaffen hat. Die vielen verschiedenen Rassen, die die Welt bevölkern, sind den Designern einfach fantastisch gelungen und haben alle ihre Eigenheiten. Zudem hat man sogar den Aspekt des Rassismus eingebaut. So werden zum Beispiel die Menschen im Vergleich mit anderen Völkern von der Regierung relativ schlecht behandelt, was sich schon allein darin widerspiegelt, dass sie keinen Platz im Hohen Rat, sprich der höchsten politischen Instanz der Welt von "Mass Effect", erhalten haben.
Am Anfang war die Charaktererstellung
Zu Beginn von "Mass Effect" erstellt ihr euch erst einmal einen Charakter. Dabei dürft ihr natürlich das Geschlecht, das Aussehen und die Klasse eurer Figur wählen. Bei der Optik habt ihr ähnlich viele Möglichkeiten wie in Bethesdas "Elder Scrolls 4: Oblivion". Von der Nase über das Kinn bis zur Frisur könnt ihr alles euren Wünschen nach einstellen.
Bei der Klassenwahl stehen euch sechs verschiedene Berufe zur Auswahl, welche alle auf den drei Hauptfertigkeiten Kampf, Biotik (vergleichbar mit Magie) und Technik aufbauen. Drei der Klassen sind auf jeweils eine Fertigkeit spezialisiert, die anderen drei sind Mischklassen. So ist der Soldat, wen wundert's, ausgezeichnet im Kampf ausgebildet, der Techniker hingegen ist sehr gut darin geschult, elektronische Gegenstände, wie Kisten oder Waffen zu hacken.
Zu guter Letzt wählt ihr noch die Vorgeschichte eures Charakters aus. Ja, ihr habt richtig gelesen: Ihr selbst bestimmt, woher euer Protagonist kommt. Das geht zwar nicht sonderlich ins Detail, ist aber eine durchaus nette Idee, zumal im Intro auch direkt Bezug darauf genommen wird. Und damit beginnt dann euer Abenteuer.
Tolle Haupt-, lahme Nebenquests
Im Zentrum von "Mass Effect" steht natürlich die große Story mit ihren vielen spannenden und abwechslungsreichen Quests. Hier haben sich die Entwickler wirklich einiges einfallen lassen, um Langeweile beim Spieler entgegen zu wirken. Zudem könnt ihr teilweise auch frei wählen, in welcher Reihenfolge ihr die Quests angehen wollt. Wollt ihr zuerst bei der Verteidigung einer kleinen Kolonie, welche von bösartigen Aliens angegriffen wird, helfen oder euch vorher auf die Suche nach einer Informantin machen? Dabei kann es jedoch auch mal zu Logikfehlern kommen: So passiert es, dass ihr mit einem NPC über einen Charakter sprecht, den ihr in der vorhergehenden Quest getötet habt, als wäre er noch am Leben. Zumindest wird sein Tod nicht erwähnt.
Im Gegensatz zu den fantastischen Hauptquests stehen die Sidequests. Während erstere mit zum besten des Rollenspie-Genres zählen, sind letztere bestenfalls nur gehobener Durchschnitt. Die meisten bestehen einfach nur aus stupidem Geballer. Was fehlt sind einfach diese kleinen Geschichten, die in anderen Spielen die Nebenaufgaben auszeichnen, beispielsweise in "Oblivion" oder "Gothic". Das ist in "Mass Effect" in den meisten Fällen einfach nicht der Fall. Schade! Hier hätte Bioware deutlich mehr rausholen können.
Das gleiche gilt auch für die Spielwelt: Betrachtet man diese oberfächlich auf der schicken Galaxie-Karte, die man sich in seinem Raumschiff angucken kann und mit der man den nächsten Planeten auswählt, auf dem man landen möchte, hat man erstmal den Eindruck, die Spielwelt sei unglaublich riesig und biete jede Menge Platz zum freien Erkunden. Allerdings kann man letztendlich nur auf einem Planeten pro System auch tatsächlich landen. Und in den meisten Fällen sind diese auch noch optisch sehr langweilig und bestehen nur aus grauem, braunen oder roten Bergen und Ebenen, über die man dann mit dem sogenannten "Mako" fährt. Mit diesem gut bewaffneten Fahrzeug müsst ihr auch so einige Kämpfe bestehen. Ab und zu findet man dann auch mal verlassene Lager oder Wracks von abgestürzten Raumschiffen, mehr gibt es aber selten zu entdecken. So bietet die Welt von "Mass Effect" lediglich eine große Stadt, die sogenannte "Citadell", in der ihr besonders eure ersten Spielstunden verbringen werdet.
Kämpfe und rede!
Die beiden Hauptbestandteile des Gameplays von "Mass Effect" sind definitiv die Kämpfe und die Gespräche mit NPCs. Bei Letzteren ist Bioware eine absolute Glanzleistungen gelungen. Zum einen sind die Dialoge wunderbar geschrieben, zum anderen hat man in den Gesprächen die Möglichkeit, die Gesinnung seines Charakters zu bestimmen. Wollt ihr den guten, strahlenden Helden spielen oder doch lieber den fiesen Dreckskerl, der alles dafür tun würde, seine Mission zu erfüllen und dabei keine Skrupel kennt. Das liegt ganz bei euch und macht den großen Reiz des Spiels aus. Zudem wird durch die Entscheidungen, die ihr trefft, auch die Geschichte beeinflusst. Seid ihr daran interessiert, die Bevölkerung einer Kolonie, die vom Virus eines Monsters infiziert wurden, nur zu betäuben, um sie retten zu können, oder doch besser zu töten, damit sie nicht zu einer Gefahr für andere wird?
Durch dieses Feature erhöht sich auch der Wiederspielwert deutlich. Hat man "Mass Effect" beim ersten Mal als Guter durchgespielt, ist man gerne noch mal dazu bereit, es als Böser zu probieren und so alles nochmal neu zu erleben. Der Aspekt mit der Gesinnung war auch schon damals in Biowares "Knights of the Old Republic" ein wichtiger Bestandteil des Gameplays und hat für viel Spaß gesorgt. Und das gelang den Entwicklern dieses mal bei "Mass Effect" mindestens genau so gut.
Überhaupt erinnert das neueste Machwerk Biowares sehr stark an den Titel aus dem "Star-Wars"-Universum, mit einer Außnahme: den Kämpfen. Diesmal hat man sich an Action-Kämpfe herangewagt und ist weggegangen von den taktischen Gefechten aus "KotOR" oder "Neverwinter Nights". Knallharten Rollenspiel-Fans dürfte das wohl eher missfallen, Freunden von Shootern dürften die Kämpfe aber durchaus gefallen. Zwar ist die KI der Gegner kein absolutes Highlight, wirklich dumm stellen sich diese aber auch nicht an. Und auf dem zweiten Schwierigkeitsgrad des Spiels sind die Schießereien teilweise schon durchaus fordernd. Zum Glück kann man aber jederzeit den Schwierigkeitsgrad ändern, so dass wenig Frust aufkommt. Taktik spielt in den Kämpfen jedoch eher weniger eine Rolle. Zwar kann man die Kämpfe jederzeit pausieren und in einem übersichtlichen Bildschirm den eigenen Squadmitgliedern - auch "Mass Effect" ist ein Rollenspiel mit Party-Feature - Befehle erteilen, unbedingt nötig ist das jedoch nicht, da die eigenen Kameraden durchaus selbständig die richtigen Waffen und die richtigen Fähigkeiten zur richtigen Zeit einsetzen. Doch das wichtigste ist natürlich, dass die Kämpfe Spaß machen. Und das tun sie durchaus. Zumindest dann, wenn man auf Action steht.
Sammeln und skillen
Natürlich bietet "Mass Effect" rollenspieltypisch auch ein Skill-System und eine ganze Reihe an Items. Das Skillen eurer Talente ist sehr einfach gehalten. Für das Töten von Gegnern und das Erledigen von Quests sammelt ihr Erfahrungspunkte und steigt somit immer weiter im Level auf. Für jeden Levelaufstieg erhaltet ihr dann Talentpunkte, die ihr in die verschiedenen Skills investieren könnt. Somit verbessert ihr den Umgang mit den verschiedenen Waffengattungen oder eure Gesundheit. Eure Squadmitglieder steigen immer gleichzeitig mit eurem Charakter im Level auf und ihre Fähigkeiten verbessern sich automatisch. Gelegenheitsspieler wird das freuen, Hardcore-Rollenspieler hingegen würden wohl lieber selber die Punkte der KI-Kollegen verteilen.
Was die Ausrüstung betrifft dürft ihr aber alles selber bestimmen. Welche Waffen euer Charakter und eure Squad-Mitglieder tragen, liegt an euch. Es gibt vier Waffengattungen: Pistole, Sturmgewehr, Schrotflinte und Präzisionsgewehr, jedoch können nur Soldaten auch alle vier Arten benutzen. Von jeder gibt es dann nochmal verschiedene Modelle. Zudem können sowohl die Waffen, als auch die Rüstungen, von denen es für jede Rasse eine eigene Gattung gibt, geupgradet werden. So könnt ihr mit diesen Items zum Beispiel den Schaden oder die Präzision eurer Waffen erhöhen oder andere nützliche Boni erhalten, wie unter anderem eine erhöhte Gesundheitsregeneration.
Leider ist das Inventar ein wenig unübersichtlich. Zwar sind alle Items in einzelne Kategorien unterteilt und nicht in einer einzigen Liste zusammengefasst, aber eben genau das Wort "Liste" macht es aus: Listenartige Inventars sind selten gut, visuelle wie in "Diablo 2" oder "Sacred" machen sich im Normalfall einfach besser.
Die restliche Menüführung ist aber gut gelungen, Squad-Bildschirm und Questlog sind sehr übersichtlich. Zudem bietet "Mass Effect" den sogenannten "Kodex", in dem alle möglichen Informationen über das Universum des Spiels, beispielsweise über die Rassen, festgehalten werden. Und das sowohl in Text-, als auch in Audioform, da alles von einer weiblichen Sprecherin vorgelesen wird. Wer sich also so richtig in das Spiel und seine Welt und Geschichte reinfuchsen möchte, wird sich sehr über den "Kodex" freuen.
Technisch beeindruckend
Die Grafik von "Mass Effect" ist ohne Zweifel toll. Scharfe Texturen, nette Shader-Effekte und wunderbar geschmeidige Animationen lassen das Rollenspiel in großem Glanz erstrahlen. Ganz besonders gut gelungen sind die Gesichter der Charaktere. Hier ist Biowares Machwerk derzeit die absolute Referenz.
Viel besser als die schmucke Grafik ist aber der Sound: Die Musik ist mit ihrer Mischung aus Syntheziser- und Orchester-Klängen fantastisch und passt zu jeder Zeit zum Spielgeschehen. Ein ganz besonderes Lob verdienen aber die Sprecher. Sogar in der deutschen Version sind diese hervorragend, was gerade in einem so dialog-lastigen Rollenspiel sehr wichtig ist. Schön ist vor allem, dass sich die Sprecher nicht so häufig wiederholen, wie in "Elder Scrolls 4: Oblivion". Zumindest fällt es nicht so stark auf. Die weiteren Soundeffekte sind natürlich auch große Klasse. Es stimmt einfach die ganze Kulisse.
Vor allem Dank der grandiosen Akkustik, aber auch auf Grund der filmreifen Zwischensequenzen und der schönen Ausarbeitung des Universums, schafft es "Mass Effect" eine fantastische Atmosophäre zu kreieren. Man fühlt sich tatsächlich als Teil dieser Welt, dieser Gesellschaft und dieser Geschichte. Selten sind Videospiele atomsphärisch so dicht, wie dieser Titel. Hier muss man einfach ein großes Lob aussprechen für das, was Bioware kreiert hat.
Zu guter Letzt muss leider erwähnt werden, dass die PC-Version zur Zeit noch unter einigen Bugs zu leiden hat. Diese reichen von unsichtbaren NPCs über das Ärgernis, sich auf einmal nicht mehr bewegen zu können und dass das Spiel auf keinen Tastendruck mehr reagiert, bis zu kompletten Abstürzen des Programms. Wir hoffen, dass Bioware so schnell wie möglich einen Patch veröffentlicht und die bestehenden Fehler somit beseitigt.
Ausgezeichnet mit den folgenden GameRadio-Awards:


