Das Eckige muss in das Runde ... oder umgekehrt? Sind wir einmal ehrlich: es kann nicht immer nur um die Frisur von Günter Netzer und die Bandscheiben von Miroslav Klose gehen. Denn auch wenn die Augen der Welt aktuell weitestgehend auf die FIFA WM in unserem schönen Deutschland gerichtet sind, dürfen sich Sportfans seit dem 1. Juli über ein weiteres Großevent freuen: Die "Tour de France". Während aktuell nur der Radsportgott selbst weiß, wer nach dem Dopingskandal und den damit verbundenen Suspendierungen die Tour letztlich gewinnen wird, können Spieler des jährlichen "Radsport Manager" Updates wenigstens virtuell in den Entscheidungs- kampf auf zwei Rädern eingreifen - diesmal endlich unter offizieller Lizenz und mit frischen Features. Ein unverzichtbares Schmankerl für jeden unmotorisierten Zweiradfahrer?
Eine Klasse für sich
Sportmanager gibt es viele - die Reihe des "Radsportmanagers" von Entwickler Cyanide hebt sich vom Genreallerlei allerdings deutlich ab. Schließlich geht's hier nicht um Fußball, Basketball oder sonstige Standardkost, sondern um den faszinierenden Radsport. Auf dieser Ebene ist das Spiel ohne Zweifel konkurrenzlos - und verkaufte sich die letzten Jahre deshalb mehr als gut. So gut, dass man dem Titel im 2006'er Update endlich ein riesiges Lizenzpaket spendiert hat. Dieses umfasst nicht nur (fast) alle bekannten Rennteams und Fahrer, sondern auch die Originalstrecken zahlreicher Radrennen, darunter natürlich auch die der "Tour de France".
Der "Radsportmanager Pro 2006" besteht wie seine Vorgänger aus zwei Teilen: Zum einen dürft ihr euch über einen komplexen Management-Teil freuen, der euch nahezu volle Kontrolle über euer eigenes Team überlässt, und zum anderen über die netten 3D-Rennen, die ihr auf Wunsch nicht nur verfolgen, sondern auch selbst beeinflussen könnt. Für den nötigen Teamgeist sorgt außerdem ein neuer Mehrspielermodus, in dem ihr eigene Ligen anlegen und Wettkämpfe via Web auszutragen könnt.
Lizenzdschungel
Wie bereits erwähnt, bietet euch Version 2006 des Radsportmanagers endlich "echte" Fahrer und Strecken. Dies steigert nicht nur die Atmosphäre, sondern auch die Durchspielmotivation. So macht es deutlich mehr Spaß, als Manager des T-Online oder Gerolsteiner Teams Größen wie Jan Ulrich (jüngst aus der echten Tour de France suspendiert) oder Georg Totschnig zum Sieg zu führen. Warum allerdings die Teams "Phonak" sowie "Discovery Channel" die Lizenzierung verweigerten, steht in den Sternen. Auf Originalnamen beider Mannschaften müsst ihr dennoch nicht verzichten: Per Editor passt ihr die leicht veränderten Daten kinderleicht an die Originalkader an.
Auch wenn das Cover hauptsächlich Inhalte zur Tour de France erwarten lässt, beinhaltet das Spiel in seinen knapp 160 Radrennen auch Strecken der Deutschlandtour, des Giro d' Italia, der Vattenfall Cyclassics und zahlreicher weiterer Wettkämpfe. Habt ihr außerdem einmal keine Lust auf den langwierigen Managerpart, könnt ihr mit wenigen Klicks eigene Etappen erstellen oder problemlos einzelne Rennen und Etappen anwählen.
Managerkarriere
Startet ihr im Spiel eine neue Karriere, solltet ihr neben Managergeschick auch etwas Zeit mitbringen. Es dauert ein wenig, bis man sich in die Materie und die vielen Möglichkeiten eingearbeitet hat. Kenner der Vorgänger fühlen sich allerdings schnell wie zuhause. Als "Mann im Hintergrund" hetzt ihr nicht nur von Rennen zu Rennen. So müsst ihr euch auch um das Training der Fahrer kümmern, den Radlernachwuchs fördern, Sponsoring- und Finanzverträge im Auge behalten bzw. abschließen und die Fahrer mit dem richtigen Equipment ausstatten. Vor allem letzteres entscheidet über den Erfolg eures Teams. So muss beim Zuweisen von Helmen, Schaltungen, Rahmen und Reifen nicht nur auf das Wetter, den Fahrer und die Streckeneigenschaften, sondern natürlich auch auf den Preis geachtet werden.
Die Rennen selbst laufen erfreulicherweise in 3D ab, und bieten somit eine gelungene Abwechslung zu den 2D Menüs. Zum Zuschauen seid ihr allerdings nicht verdammt. Um ein Rennen erfolgreich absolvieren zu können, müsst ihr eure Fahrer gekonnt durch die Rennen dirigieren. So bestimmt ihr über Taktiken wie Angriff, regelt die Nahrungsaufnahme, passt auf die schwindenden Energiereserven auf und versucht euch an spannenden Sprints. Durch die gelungene KI der Mitstreiter ist es anfangs gar nicht so leicht, den roten Faden zu finden. So solltet ihr euch beispielsweise Sprints oder Kraft zehrende Aktionen bis zum Schluss aufheben- sonst könnte es sein, das euren Fahrern kurz vor knapp die Luft ausgeht.
TV Atmosphäre?
Die größten Neuerungen sind kosmetischer Natur. So wirken die Rennen zwar leider immer noch recht steril, sind dank jubelnden Zuschauern oder den typischen Straßenkritzeleien trotzdem deutlich atmosphärischer als noch in den Vorgängern. Die Fahrer sind hübsch und detailliert modelliert, während die triste Umgebungsoptik trotz zahlreicher Verbesserungen im Vergleich zu aktuellen Grafikwundern enttäuscht (für ein Managerspiel allerdings in Ordnung). Die bescheidene Umgebungsoptik fällt besonders in Stadtrennen auf: So besteht Hamburg oder Paris gerade einmal aus zwei Häuserzeilen, die jeweils am Streckenrand zu finden sind - nicht unbedingt realistisch. Des Weiteren stößt ein wenig sauer auf, dass die Engine trotz der insgesamt recht mittelmäßigen Optik überraschend hardwarehungrig ist.
Gegen Ende jedes Rennens sehen wir noch einmal ein Filmchen mit den Höhepunkten, wobei sich der kurze Clip meist jedoch nur auf die Zieleinfahrt beschränkt. Immerhin gibt es eine halbwegs ordentlich inszenierte Siegerehrung, bei der man sich angesichts des Zuschauermangels (bei unserem Toursieg standen gerade einmal 20-30 Leute vor der Bühne) allerdings etwas verwundert die Nase rümpft. Weiterer Dämpfer: Passiert ein Fahrer als Sieger die Ziellinie, reißt er vor Freude nicht etwa die Arme hoch, sondern verweilt weiter in seiner standardmäßigen Fahranimation - Schade.
Soundtechnisch erreicht der Titel leider nur Mittelmaß. So hat Cyanide für den Kommentar zwar einen Kommentator des Sportsenders "Eurosport " verpflichtet, doch kommen dessen etwas motivationslose und sich oft wiederholende Kommentarhäppchen keineswegs an die einer echten TV Übertragung heran, auch wenn es ab und an durchaus interessante Hintergrundinformationen zu hören gibt. Die mittelprächtige Musikuntermalung und die etwas sparsamen Soundeffekte der Vorgänger finden sich leider auch in die 2006'er Variante wieder. Immerhin lassen sich die einzelnen Musikstücke nun nach Belieben auswählen und haben im Vergleich zu den Vorgängern etwas an Abwechslung und Pfiff gewonnen.