Lang erwartet, heiß ersehnt: Die Kult-Reihe “Grand Theft Auto” wird auch auf dem PC fortgesetzt. Nach Liberty City und Vice City geht es diesmal im Sonnenscheinstaat San Andreas zur Sache. Grund genug für uns, Autoschlüssel, Sonnenbrille und Raketenwerfer auszupacken. Ob sich die Mühe lohnt lesen Sie in unserem Test zu Rockstars neuestem Spiel.
Fuck you, fucking motherfucker!
Manchmal schlägt das Leben voll zu: Carl Johnson – alias CJ – ist besonders arm dran. Nicht nur, dass seine Mutter von einer Straßengang getötet wurde; auf dem Weg zur Beerdigung lauern ihm auch noch die Cops auf. Und wollen ihm doch glatt einen Mord in die Schuhe schieben! Und als ob das noch nicht genug wäre, muss er auch noch entdecken, dass sein altes Viertel, die Grove Street, am Boden ist. Also bleibt unserem Protagonisten nichts anderes übrig, als für die korrupten Bullen zu arbeiten, seine Heimat wieder aufzubauen und den Tod seiner Mutter zu rächen.
GTA: San Andreas versetzt uns zurück in die Zeit, als Männer noch Männer waren – die frühen 90er Jahre, ins Ghetto der Großstadt. Nicht weiter verwunderlich, dass im Gespräch mit unseren „Homies“ das F-Wort (in all seinen Variationen) ziemlich inflationär gebraucht wird. Generell unterscheidet sich San Andreas durch seinen „HipHop-Gangsta-Style“ stark von seinen Vorgängern, die eher im Mafioso-Milieu angesiedelt waren. Ob einem das zusagt, muss man für sich selbst entscheiden.
Doch auch der erbittertestete Gegner dieses Settings wird dem Spiel seine guten Seiten abgewinnen können. Aberwitzige Charaktere wie der Althippie „The Truth“, der durch den übermäßigen Konsum illegaler Genussmittel inzwischen in seiner eigenen Welt lebt – und permanent Regierungsverschwörungen wittert und Außerirdische jagt –, Triaden-Boss Woozie oder die durchgeknallte Schönheit Catalina lockern das Spiel auf. Und aufmerksame Gemüter werden den ein oder anderen Charakter aus GTA 3 oder Vice City wieder erkennen.
Die Welt ist ein Dorf…oder drei Städte
In Sachen Spielwelt hat sich San Andreas zum Giganten entwickelt. Statt einer einzigen Stadt, wie bisher üblich sind es nun drei – plus das frei befahrbare Gebiet dazwischen. Jede dieser Locations ist ungefähr in der Größenordnung von Vice City – was ein fünf mal so großes Areal ergibt: den Bundesstaat San Andreas.
Wir beginnen in Los Santos, das überraschende Ähnlichkeit mit Los Angeles aufweist, inklusive riesigen Wolkenkratzern und Strandpromenade. Weiter geht es (nach etlichen Stunden) nach San Fierro, das mit seinen Regenbogenvierteln, den kleinen Straßen auf Abhängen und der Straßenbahn San Francisco gleicht. Schließlich und endlich wäre da noch Las Venturas, die Glitzerstadt in der Wüste, Heimat des Glückspiels. Unnötig zu erwähnen, dass hier Las Vegas das Vorbild darstellt.
Jeder Quadratmeter (und davon gibt es etliche) ist liebevoll designt. Nur sehr selten hat man das Gefühl, ein Haus schon einmal gesehen zu haben. Alleine bei den Innenräumen wurde teilweise gespart, doch das fällt bei einer derart riesigen Spielwelt kaum ins Gewicht.
Abwechslung pur
Wer denkt, dass bei einer solch großen Spielumgebung viel ungenutzter Raum übrig bliebe, der täuscht sich. Unzählige Missionen führen uns auch in die abgelegenen Winkel des Staates San Andreas. Dabei hat sich Rockstar beim Missionsdesign wieder mal selbst übertroffen. Kein Spiel bot bisher so ausgefallene Aufgaben. So müssen wir einmal schleichend in die Villa eines Musikers einbrechen, uns ein anderes Mal mit brutaler Gewalt den Weg durch eine Militäreinrichtung (namens Area 69) bahnen oder per Hubschrauber und Riesen-Magnet einen Geldtransporter entführen. Dazu gesellen sich noch etliche Nebenmissionen (wie das bekannte Taxi-Fahren, die Bürgerwehr, Feuerwehr- und Krankenwagen-Missionen, Straßenrennen,…) und Minispiele. Lust auf eine Partie Billard? Kein Problem. Ab in die Nächste Bar. Oder soll’s lieber Roulette sein? Oder doch eine Runde auf der heimischen Spielekonsole oder am Spielautomaten um die Ecke zocken? Der Vielfalt scheinen kaum Grenzen gesetzt zu sein.
Selbiges trifft auch für die Fahrzeug-Auswahl zu. Diese war zwar schon traditionell nicht gerade klein, doch wurden der Sammlung diesmal ein paar neue Schmuckstücke hinzugefügt. Erstmal dürfen wir uns auch auf Fahrräder schwingen oder zwischen verschiedenen Flugzeugtypen wählen – vom Stunt-Doppeldecker bis hin zum Kampfjet. Darüber hinaus gibt’s auch noch Exoten zu bewundern, wie den Gabelstapler oder die Straßenkehrmaschine. Natürlich kommen auch die „normalen“ Vehikel nicht zu kurz. Vom Familienkombi bis hin zum Luxussportwagen ist alles vertreten, was das Herz begehrt.
Eine wichtige Neuerung muss noch erwähnt werden: das Skillsystem. Mit „San Andreas“ entwickelt sich die GTA-Reihe weiter – und fügt Rollenspielelemente in die Actionlandschaft ein. So steigert sich durch exzessive Benutzung verschiedener Waffen die Genauigkeit; oder CJ erhält die Fähigkeit zwei Kanonen gleichzeitig zu benutzen. Fahrzeuge steuern sich einfacher oder die Lebensenergie steigt – fast in allen Bereichen lassen sich Skills steigern.
Aus alt mach neu
Grafisch hat sich leider nicht viel getan seit dem Vorgänger „Vice City“. Noch immer tauchen Häuser und Autos ziemlich spät auf; auch die Kantenglättung ist zu bemängeln. Insgesamt kann man „San Andreas“ nicht zu den Grafikwundern zählen. Aber das wäre bei einer derart großen Welt ohne Ladezeiten wohl auch auf aktuellen Systemen nicht möglich. Insgesamt gleichen die sehr gelungene Atmosphäre und die Detailverliebtheit dieses Manko wieder aus. Und man kann darauf hoffen, dass der nächste Teil der Reihe, der vorerst nur für die PlayStation 3 erscheinen soll, mit gehörig aufgebohrter Grafik aufwarten wird.
Gimme the Beat…
Was allerdings kaum zu Wünschen übrig lässt ist der Soundtrack. Hier hat man weder Kosten noch Mühe gespart, um ein fantastisches Staraufgebot einzubinden. Elf Sender (zwölf, wenn man den selbst Konfigurierbaren dazu zählt) laden zum stundenlangen Hören ein. Public Enemy, Willie Nelson, Kool & The Gang, The Who, Cypress Hill, Ozzy Ozbourne, Guns & Roses, James Brown oder Creedence Clearwater Revival sind nur einige der Künstler, die zu erwähnen wären. Und dann gibt’s noch die (wie immer) genialen Werbespots, die alleine schon den Radiogenuss rechtfertigen – sofern man des Englischen mächtig ist. Denn sowohl diese als auch die Dialoge der Zwischensequenzen sind zwar vertont, aber nicht deutsch synchronisiert. Untertitel helfen hier weiter.
Gebt uns Multi!
Im Gegensatz zur PS2-Version haben es die Entwickler leider nicht gebacken bekommen, mehr als einen Spieler gleichzeitig ins Ghetto zu schicken. Leider werden PC-Spieler auch weiterhin ohne offiziellen Multiplayer-Modus leben müssen. Bleibt nur die Hoffnung auf Fan-Patches und GTA 4…
Ausgezeichnet mit den folgenden GameRadio-Awards:

