Yeah, leit mich ein, Baby!
Das beste Spiel aller Zeiten. Ein hohes Ross, das es für jeden Spieleproduzent zu erklimmen gilt. Der letzte Versuch diesen Titel für sich zu beanspruchen kam von Valve und ihrem Half-Life 2. Der Nachfolger für das Spiel, das die Ego-Shooterwelt revolutioniert haben soll. Hat Half-Life 2 wirklich die Qualität als dass es besser ist als alles bisher da gewesene? Die Meinungen gehen weit auseinander. Während die einen, sich auf Grafik und Sound besinnend schreien: "JAAA!", sind einige hart gesottene Storyfanatiker der Meinung, dass Half-Life 2 nicht genügend Raum bietet für wirklich tiefsinnige Unterhaltung. Stellt tiefsinnige Unterhaltung das Fundament für Ego-Skooter dar? Selbst in unserer Redaktion gehen die Meinungen auseinander. Gameradio.de empfiehlt: Lesen sie sich dieses Review durch und bilden sie sich selbst eine Meinung. Ein Test von Christoph Kirchner, Timo Ewiak und Karl Kröber.
Neverending Stooooooooooooory
Die Story. Grundelement eines Spiels, welches nicht als stupides Gewaltspiel abgestumpft werden will. Valve bleibt auch bei HL2 ganz seiner Linie treu und besinnt sich auf ein mysteriös verstricktes Konzept aus Andeutungen und Schnipseln. Die Story von Half-Life 2 ist insgesamt als gut zu bewerten. Der ominöse G-Man bleibt weiterhin im Halbschatten und beglückt Gordon Freeman, den Helden des Spiels, nur mit unzureichender Information seinen Auftrag betreffend. Gordon wird am Anfang des Spiels in der City 17, einer osteuropäischen, verfallenen Stadt abgesetzt und ... fährt Zug. Ganz Recht, die Story beginnt, wie der Vorgänger mit einer Zugfahrt. Allerdings handelt es sich hierbei nicht um einen Forschungstransit wie in Black Mesa, sondern um eine heruntergekommene S-Bahn. Gleich durch diese Zugfahrt fallen die liebevollen Spielereien Valves ins Auge. Kleine Details wie Plakate oder Fernsehbotschaften treiben die Story langsam vorran. Die City 17 wird von den Combine-Soldiers beherrscht. Einer Organisation die, wie sich später herausstellt, schon andere Welten bevölkert hat. Die irdische Abteilung wird angeführt von Doktor Breen, dem Chefwissenschaftler von Black Mesa. "Wie sich später herausstelltet" ist leider das Hauptproblem von HL2. Es gibt ganze Kapitel in denen die Story nicht in geringstem Maße vorangetrieben wird. Der Anfang ist furios: Der Gang durch die City 17 und die beklemmende Unterdrückungsathmossphäre durch die Combine. Das Treffen mit Dr. Kleiner und Alyx, der weiblichen Protagonistin. All das lässt ganz am Anfang dieses "Genial!" - Gefühl aufkommen. Dieser Effekt wird sehr gut genutzt. Man wird geradezu durch die eher langweiligen Kapitel katapultiert, man will weiterspielen. Die Bootsfahrt, eine der ersten Missionen ist beispielsweise so ein Kapitel. Einen großen Tick zu lang und dazu storytechnisch wertlos ist dies die schlechteste der Half-Life 2 Missionen. Die Spannungskurve steigt zum Glück auch wieder an, sodass man nach dem, wieder sehr genialen, Ende das Gefühl hat, dass HL2 sehr gut ist. Auch nach dem Ende wird man leider(?) wieder im Dunkeln gelassen, wer nun der G-Man, oder die Combine wirklich sind. Auch die Charaktere sind leider relativ oberflächlich. Keiner von ihnen entwickelt sich während der Story, obwohl z.B. Alyx wirklich sympathisch ist. Ausgefeilte Charaktere wie in Deus Ex muss man leider missen. Aber stört das in einem Ego-Shooter, der nichts anderes als ein Ego-Shooter sein will? Auch hier gehen die Meinungen auseinander.
Gameplay - Plamegay
Eigentlich waren das auch schon die Kritikpunkte. Das Gameplay ist genial, es macht zum Beispiel einen Heidenspaß mit dem Buggy über Combine zu brettern, oder auf den Streben einer Brücke zu balancieren. Man hat auch durch die relativ gute Gegnerintelligenz nie das Gefühl bemogelt zu werden. Durch das ebenfalls recht gute Leveldesign und die spektakuläre Physik-Engine gibt es viele Spielereien, die fette Punkte in diesem Bereich bringen. Die Physik ist wirklich absolut realistisch: Ob man nun Bretter auf Zombies fallen lässt, oder mit einem Lagerkran einen ganzen Container, alles ist absolut realistisch und spaßig. Auch die Steuerung ist ausgezeichnet. Gameradio.de fällt kein Weg ein die standardisierten Einstellungsmöglichkeiten eines Ego-Shooters zu verbessern. Die Steuerung ist selbst bei geringer Framerate noch absolut präzise und ein geübter Zocker kriegt es hin, nur Kopfschüsse zu produzieren. Mit einem Kopfschuss ist es in HL2 meistens nicht getan, da die Gegner meistens einen Helm tragen und die Zombies relativ widerstandsfähig sind. Auch die Steuerung der Fahrzeuge ist intuitiv und ohne unnötige Belastung.
Wie ich schon erwähnte ist die Gegnerintelligenz auch relativ gut. Auch wenn sich die Gegner manchmal auf Treppen gegenseitig blockieren oder ihre Kollegen abschießen, verhalten sich doch gerade die Combine im Team sehr taktisch. Die Zombies schleudern mit Kisten nach ihnen und auch die Headcrabs, oder Kopfkrabben sind wesentlich zielsicherer als im Vorgänger. Die Strider und die Hubschrauber hingegen beeindrucken allerdings eher mit Feuerkraft als mit Intelligenz. Die Strider zum Beispiel, können nichts anderes als auf allem herumtrampeln und schießen. Dies tut ihrer Gefährlichkeit allerdings keinen Abbruch.
Ich hätte gerne einmal das neue Ikea (Nova) Prospekt
Die Schauplätze von HL2 sind in einem gewissen Rahmen sehr verschieden. Der Hauptort ist natürlich die extrem gut gemappte City 17. Hier geben sich Realismus und spielerische Tiefe die Hand. Die Teamkämpfe in City 17 sind besonders spektakulär, gerade weil sich ihre Kollegen ziemlich gut anstellen. Das zweite große Gebiet ist die Gegend rund um die Stadt. In diesem befinden sich beispielsweise das zombieverseuchte Ravenholm, oder das Gefängnis Nova Prospekt. Ravenholm ist das Mekka für GravityGun Fanatiker. Überall liegen Sägen und Fässer. Man kann das ganze Kapitel praktisch nur mit der GravityGun durchspielen. Hier tauchen auch zum ersten Mal die Rennzombies auf. Diese Zombies laufen wesentlich schneller als ihre normalen Verwandten. Trotz des 50er-Looks erinnert Ravenholm mit seinen verwinkelten Gassen eher an eine mittelalterliche Stadt. Nova Prospekt ist ein Gefängnis, das stilistisch auch an den osteuropäischen Look angepasst ist. Hier findet die zweit innovativste Waffe endlich ihren Auftritt: Der Pheromonsack. Diesen müssen sie einem Ant-Lion Guard abnehmen. Dieses gefährliche Monster gibt den Sack natürlich nicht freiwillig her. Auch eine ganze Landstraße mit Eisenbahnstrecke gibt es als Location. Hier hält man regelmäßig an verlassenen Häusern und trifft auf eine Menge Combine und auf die lästigen Rollbomben. Diese Bomben rollen auf ihr Auto zu und schocken es mit Stromstößen. Zum Glück kann man diese Dinger mit der GravityGun abpflücken und ins Wasser schleudern. Die letzten beiden Kapitel spielen in der Zitadelle. Einem futuristischen kilometerhohen Turm der über der City 17 ragt und das Hauptquartier der Combine darstellt. In diesem Turm werden große Teile der Story entrollt und auch die Physikengine wird hier dank der aufgemotzten GravityGun und dem RagDoll-Effekt richtig ausgenutzt.
Das System ist nicht down
Laut den Systemanforderungen auf der Rückseite der Hülle ist mindestens ein 1.2 GHz starker Prozessor, 256Mbyte RAM, 4,5 Gbyte Festplattenspeicher und eine DirectX-7 Grafikkarte von nöten um Half-Life 2 flüssig spielen zu können. Um auch sicherzugehen dass Valve uns keine Märchen erzählt haben wir auf zwei Testrechnern Half-Life 2 gezockt und geprüft ob es spielbar ist.
Das LowEnd System war bei uns ein AMD Athlon mit 1000Mhz, 256 SDR-RAM und einer GeForce 3 Ti 200. In der Auflösung 800x600x16 mit minimalen Details (DirectX 8) war Half-Life 2 optimal spielbar. Ab und zu gab es zwar Ruckler und auch die Ladezeiten uferten in Stunden aus aber das Spielerlebnis war voll und ganz zu genießen.
Um zu testen wie sich der Arbeitsspeicher auf die Performance von Half-Life 2 ausübt haben wir noch einen 256 SDR-RAM Riegel eingebaut und so 512 SDR-RAM erhalten. Die Ladezeiten verkürzten sich drastisch und auch das Ruckeln lies einigermaßen nach.
Nachdem wir klar gestellt haben das Half-Life 2 auch mit einem langsamen Computer spielbar ist, fragten wir uns natürlich was für ein System man haben muss, damit man Half-Life 2 in seiner vollen Pracht bewundern kann.
Als Testrechner diente uns diesmal ein AMD Athlon XP 3000+, 1024 DDR-RAM im DualChannel-Betrieb sowie eine ATI Radeon 9800XT. Was uns vor allem überraschte war, dass wir bei einer Auflösung von 1280x1024x32 und maximalen Details (DirectX 9) immer noch genug Frames hatten, um Anisotropischen Filter auf 4x und AntiAlias auf 2x setzte konnten. Danach lief Half-Life 2 immer noch reibungslos und in seiner vollen Pracht. Und jene ist wirklich ein Augenschmaus. Bis auf ein paar Ausnahmen wunderschön aufgelöste Texturen, wirklichkeitsgetreues Wasser und nahe zu reale Charakter und Animationen. Half-Life 2 setzt neue Grafikstandards vor FarCry und Doom 3. Innenräume sowie Außenareale wirken fast real und das oft fehlende Bumpmapping ist auf gar keinen Fall ein Manko. So sieht alles so echt aus, dass man fast denkt man könne es berühren. Bei Spielen wie Doom 3 und FarCry sahen die Figuren und die Wände leider immer etwas plastisch aus und glänzten als ob vor wenigen Minuten noch eine Bodenkosmetikerin drüber gewischt hätte.
Ich hör da was?!
Der Sound von Half-Life 2 ist insgesamt sehr schön gelungen. Die Waffengeräusche hören sich so realistisch an wie nötig und auch die Geräusche der Combine sind sehr gut gelungen. Kenner des ersten Teils werden viele Soundeffekte wiedererkennen, beispielsweise die der Aufladestation. Die Synchronisation ist leider nicht so toll gelungen. Es gibt zwar viele Charaktere, die ordentlich und überzeugend sprechen, aber gerade Alyx und Barney wirken doch sehr aufgesetzt und übertrieben. Der Zickenkampf zwischen Alyx und der Kollegin von Eli Vance ist ein sehr gutes Beispiel dafür. Extrem, wenn nicht sogar klischeehaft, klingt Alyx in dieser Szene. Das krasse Gegenteil dazu ist wohl Dr. Breen. Der Bösewicht des Spiels hat eine sehr eingehende und überzeugende Stimme. Auch Dr. Kleiner kann überzeugen. Schade, wenn man diese gute Besetzung konsequent weitergeführt hätte, wäre HL2 soundtechnisch auch Spitze.
Von hier bis Schießmichtot
Half-Life 2 geht zwei Wege in der Waffentechnologie. Einerseits wird sich auf Althergebrachtes besonnen, wie zum Beispiel beim Sturmgewehr, andererseits werden völlig neue Technologien genutzt. Der Pheromonsack ist ein Beispiel dafür. Mit diesem locken sie die eigentlich bösen Ameisenlöwen an und jene kämpfen ab dann in ihren Diensten. Die erste Waffe ist die Brechstange. Eigentlich schon Kult dank HL1. Schon bald finden sie die Pistole. Mit dieser haben sie eine einfache, aber trotzdem recht effektive Schusswaffe in der Hand. Danach kommen Sturmgewehr und Impulsgewehr. Die beiden Automatikwaffen sind gegen größere Ansammlung, auch dank ihres zweiten Granatenfeuermodus hilfreich. Gegen Hubschrauber hilft der Raketenwerfer und gegen weit entfernte Gegner ist die Armbrust mit Zielfernrohr wie geschaffen. Standard in Ego-Shootern sind mittlerweile auch die Granaten. Als normale Handgranaten oder, wie schon erwähnt, als zweiter Feuermodus eines Sturmgewehrs sind sie gegen große Gegnermassen gedacht. Dank der GravityGun können sie allerdings fast jeden Gegenstand als Waffe benutzen. Die GravityGun wurde von diversen Spielezeitschriften zu Recht als innovativste Waffe aller Zeiten ausgezeichnet. Mit dieser können sie nämlich fast alle Gegenstände im Spiel zu sich heranziehen und sie dann auf die Gegner schleudern. Mit der aufgemotzten GravityGun schleudern sie in den letzten beiden Missionen sogar Gegner hin und her. Zudem können sie beispielsweise explosive Fässer oder Sägen auf ihre Feinde katapultieren. Die entprechenden Folgen dürften meistens klar sein.
Ausgezeichnet mit den folgenden GameRadio-Awards:


