Bereits »Risen besaß einen abgeänderten Namen, obwohl es eigentlich der offizielle Nachfolger zu »Gothic 3 hätte werden sollen. Aufgrund vieler Komplikationen zwischen Risen-Entwickler Piranha Bytes und Spellbound blieb es aber ein traditionelles Gothic unter anderem Namen. Der nun wirklich offizielle Nachfolger von Spellbound, Gothic 4, bringt neben einem neuen Entwicklerstudio eine weitere Eigenheit mit sich: nach viel Wirrwarr um den eigentlichen Titel, kam letztlich die Vorsilbe Arcania mit hinzu. Wee sich das neue Gothic letztlich spielt, erklären wir in diesem Test.
Ein würdiger Nachfolger?
Die brennende Frage, ob der Spellbound-Titel einem richtigen
Gothic gerecht wird, scheint sich zu Spielbeginn als überflüssig erwiesen zu haben. Alles sieht nach einem waschechten Teil der Serie aus, sobald wir als namenloser Schäfer nach einer interaktiven Alptraumsequenz auf der kleinen Insel Feshyr aufwachen und uns umschauen: üppig bewachsene Wälder, grüne Wiesen, Felslandschaften, unheilvolle Höhlen, das dicht bebaute Dorfinnere. Ja, das muss ein echtes
Gothic-Abenteuer sein! Ist es aber leider doch nicht so ganz, wie wir kurze Zeit später feststellen, denn auch wenn Grafik und Leveldesign im ersten Moment auf bisher höchstem
Gothic-Niveau arbeiten, andere Details kommen einem ziemlich Serien-untypisch vor. Fernab davon, dass die Dialoge mit einem ungewohnten und störenden schwarzen Bildschirm geladen werden, wirken auch die Gesprächsoptionen alles andere als traditionell. Zwar bestechen die Unterhaltungen durch exzellente Vertonung, die Wahl von Antwort- und Fragemöglichkeiten bleibt aber sehr überschaubar. Wo wir in
Risen noch jede Nebensächlichkeit erfragen konnten, besinnt sich
Arcania oftmals lediglich auf die wichtigsten. Alternative Entscheidungen, die das Gespräch in eine andere Richtung verlaufen lassen, können wir jetzt kaum bis gar nicht mehr treffen. Zusätzliche Optionen wie Taschendiebstahl oder Überzeugungskünste, die wir früher noch je nach Charaktereigenschaft einleiten konnten, fallen weg.
Doch bevor es weiter um das Spielerlebnis in
Arcania - Gothic 4 an sich geht, stellt sich natürlich die Frage, was den mal wieder namenlose Held denn eigentlich außer Schafe hüten erwartet. Unser Alter Ego ist ein Träumer, er erlebt die größten Abenteuer, wenn er schläft. Allerdings geraten die Dinge auf der friedlichen Insel Feshyr ins Wanken, als König Rhobar III. auf seinem Beutezug durch das ganze Land die Insel angreifen und verwüsten lässt. Nur unser Protagonist und einige wenige Inselbewohner überleben den Angriff. Fortan ist Rache der Antrieb unseres Charakters und es verschlägt uns nach dem Tutorial rasch nach Argaan, der Hauptinsel von Myrtana, wo der König weiter seine Fäden zieht.
Die Hauptquest von
Arcania - Gothic 4 ist nett erzählt, verliert aber schnell seinen Reiz, da es nebenbei noch andere Sachen zu tun gibt und der Plot in den Hintergrund gerät. Anfangs erhalten wir noch recht viele Nebenquests, die teils schön erzählte Episoden erzählen, aber leider viel zu häufig in stumpfe "sammle hiervon 10, töte davon 10"-Aufgaben abdriften. Auftraggeber sind dabei allzu oft Charaktere, die einem irgendwie bekannt vorkommen - Stichwort Klongesichter. Eine Krankheit, mit der schon die Vorgänger zu kämpfen hatten .
Ein Gothic für die breite Masse
Schnell habt ihr die ersten Erfahrungspunkte zusammen und Serien-Veteranen werden sich vergebens auf die Suche nach einem Trainer machen. Denn in
Arcania - Gothic 4 dürft ihr bei einem Stufenaufstieg bequem selber Lernpunkte verteilen. Damit spart ihr euch sowohl Gold als auch lange Laufwege zum richtigen Trainer, jedoch fällt ein Levelaufstieg lang nicht mehr so befriedigend aus. Das liegt zum Großteil an der drastischen Reduzierung der lernbaren Fähigkeiten. Viele Attribute existieren gar nicht mehr, stattdessen bleiben nur noch Standard-Werte übrig. Magie-Begeisterte dürfen ferner schlappe drei Zaubersprüche erlernen (Blitz-, Feuer- und Eiszauber). Somit wird das Punkteverteilen sehr beiläufig, was noch dadurch verstärkt wird, dass der Schwierigkeitsgrad selbst auf den hohen Stufen nicht wirklich fordernd ausfällt. Richtiges
Gothic-Feeling, bei dem man sich über jede Kleinigkeit wie ein Schnitzel freut, verfliegt demnach schnell. Außerdem zerstören auch weitere Dinge die düstere
Gothic-Atmosphäre. Beispielswiese stört es die Bewohner nicht die Bohne, ob und wie viel wir vor ihren Augen aus ihren Häusern mitgehen lassen.
Die Weitläufigkeit und Offenheit der Welt war in den Vorgängern ein Markenzeichen der Reihe, doch
Arcania - Gothic 4 bleibt durchgehend linear. Stets scheucht euch das Spiel von einem Areal in den nächsten Abschnitt, aber erst, wenn ihr eine bestimmte Quest erfüllt habt, damit das nächste Gebiet für euch freigegeben wird. Bevor ihr das nicht gegeben ist, stechen die oft sehr künstlichen Levelgrenzen ins Auge.
Der pure Mainstream
Das
Arcania - Gothic 4 mehr auf die breite Masse zugeschnitten ist, wird zudem klar, wenn man abseits des Weges auf Entdeckungstour geht. Verlasst ihr einmal den Hauptpfad, gibt es neben ein paar Blumen, wilden Tieren und ein paar Höhlen wenig zu erforschen. Wer vornehmlich mit Scheuklappen durch die Gegend rennt, erlebt beinahe genauso viel, wie Sammelwütige oder Schatzsucher. Allgemein geizt das Programm mit Aufgaben fernab der Hauptstory und bietet in Bezug auf die Vorgänger eher gähnende Leere. Vergleicht man das mit
Gothic 3, wo es noch an jeder Ecke etwas zu entdecken gab, ist die Enttäuschung bei Serienfans denkbar groß.
Wer Tränke brauen will, kann diese nun quasi im Vorbeigehen herstellen, ein simpler Klick im passenden Menü, und der Trank oder das Essen ist fertig. Die notwendigen Rezepte lassen sich überall finden und eröffnen euch schnell die Möglichkeit, gesammelte Pflanzen, Fleisch oder andere essbare Dinge praktisch zu verwenden. Dank einer simplen Bedienung hat man das schnell erledigt und spart sich so den teuren Einkaufspreis bei den örtlichen Händlern. Bei der Orientierung hilft euch eine nützliche Minimap weiter.
Es sieht aus wie Gothic, aber unter der Haube verbirgt sich genau das Gegenteil.
All die Traditionsbrüche gehen auf Kosten des ursprünglichen
Gothic-Flairs. Beinharte Fans werden zurecht beklagen, wo das alte Ambiente bei all den Vereinfachungen geblieben ist. Neulinge hingegen fühlen sich in
Arcania - Gothic 4 schnell wohl, weil sie genau wissen, was zu tun ist und sich nie überfordert fühlen. Allerdings macht Spellbound mit ihrer neuen Interpretation der Spielmechaniken aus einem
Arcania kein
Gothic, sondern ein Rollenspiel, welches sich selbst an Gelegenheitsspieler richtet. Während man sich in den voherigen Teilen der Serie erst in mehreren Stunden einfuchsen musste, um Fuß zu fassen, bleibt
Arcania - Gothic 4 sehr limitiert und einsteigerfreundlich.
Glücksmoment
In
Risen wurde die Steuerung im Kampf zwar ein wenig verbessert, wirklich komfortabel ging das Angreifen und Blocken aber nicht von der Hand.
Arcania - Gothic 4 setzt auf ein actionorientierteres Kampfsystem, das im Test ausgezeichnet funktionierte und insbesondere im Gruppenkampf intuitiv und flott ausfiel. Je nach Fertigkeiten-Stufe reiht ihr durch getimtes Drücken der linken Maustaste mehrere Schlagkombinationen aneinander, Blocken oder Ausweichen geschieht via rechter Maustaste. Da die Feinde aber meistens zu einfach auszutricksen sind, haben einfache, bis mittelschwere Gegner kaum eine Chance gegen euch.
Stark vorangetriben hat Spellbound die
Gothic-Serie endlich im grafischen Bereich. Durch die Vision Engine 7, zum Beispiel aus
»Die Siedler 7 bekannt, hat die Reihe einen großen technischen Sprung gemacht. Endlich scharfe Texturen, mehr als ansehnliche Gesichtsmodelle, detaillierte Licht- und Schattenbildung und eine richtige Physikengine bugsieren
Arcania - Gothic 4 in die obere Liga. Obgleich die Spielwelt äußerst linear proportioniert ist, macht die Gestaltung der verschiedenen Orte mit ihren unterschiedlichen Vegetationen und Eigenheiten einiges her. Gleiches gilt für die Soundkulisse, die rundum gelungen daherkommt.