Kalypso Media schickt den vierten Teil der traditionsreichen Wirtschaftssimulation ins Rennen. Wir haben uns Patrizier IV für euch genauer angeschaut. Hat sich die lange Wartezeit für die Fans gelohnt oder sollte man sich auf diesen Handel lieber erst gar nicht einlassen? Erfahrt es in unserer Review.
Hab ich was nicht mitgekriegt?
Das werden sich viele Fans sicherlich fragen. Der eingefleischte Wirtschaftssimulatorfan hat in seinem Regal das fast 20 Jahre alte
Patrizier liegen, direkt neben dem knapp 10 Jahre alten zweiten Teil. Und nun steht
Patrizier IV in den Läden. Was ist da passiert? Wurde der dritte Teil übergangen? Ausgelassen? Bei uns nicht veröffentlicht?
Nein, die Antwort ist viel einfacher. In vielen Ländern erschien die sogenannte Goldversion von
Patrizier 2 inklusive Add-On unter dem Namen
Patrizier 3. In Deutschland wurde dieses Verwirrspiel nicht mitgemacht. Aber um nun wieder eine einheitliche Linie in die Spielchronologie zu gewährleisten, wurde der neue Teil einfach für alle als Nummer IV betitelt. Im Grunde handelt es sich allerdings erst um den dritten Teil der Reihe.
Das eigene Wirtschaftsimperium
In
Patrizier IV schlüpft ihr in die Rolle eines Händlers im Spätmittelalter. Im nordeuropäischen Seeraum kauft und verkauft ihr Rohstoffe, stellt euch mit den Bürgern und Gilden verschiedener Handelsstädte gut, vergrößert eure Handelsflotten und erbaut eure eigenen Werkstätten, Rohstoffproduktionen und Wohnungen für eure Arbeiter. Euer Ziel: Geld verdienen, zum Handelskoloss aufsteigen und eure Wirtschaftsmacht ins Unendliche ausbauen.
Einer der wichtigsten Aspekte in
Patrizier IV ist das Handelssystem. Fans befürchteten schon eine Vereinfachung im neuen Teil der Reihe. Auf den ersten Blick könnte man diese Annahme auch bestätigen: Im Handelsmenü sind deutlich weniger Buttons ausfindig zu machen als im Vorgänger. Allerdings wurde die Bedienung und Oberfläche nur optimiert. Die Komplexität hat darunter keineswegs gelitten – im Gegenteil, sie ist sogar noch leicht angestiegen. Wenn ihr Waren kaufen oder verkaufen möchtet, müsst ihr darauf achten, wie groß der Bedarf der einzelnen Städte für diese Waren ist. Ein niedriger Bedarf ergibt natürlich geringere Preise – eine hohe Nachfrage lässt im Gegenzug die Preise in die Höhe schießen. Die hat zur Folge, dass Städte, die selbst Bier brauen können, für diesen Hopfentrank kaum Geld zahlen möchten. Allerdings lässt sich hier das Lebenswasser günstig einkaufen. Und schon einige Städte weiter ist Bier Mangelware.
Wenn ihr in Städten zudem die gesamten Vorräte aufkauft, wird euer Ansehen dort sinken. Verkauft ihr der Stadt allerdings Waren, die sie benötigt, steigt euer Ansehen. Hierauf solltet ihr während des Spieles achten, da eure Beliebtheit sonst schneller bei Null angelangt ist, als ihr es euch vorstellen könnt. Doch wofür braucht ein Großkapitalist überhaupt Ansehen?
Wirtschaft vor der Zeit großer Konzerne
Wie bereits angesprochen, spielt bei
Patrizier IV euer Ansehen eine große Rolle. Erst wenn euer Ruf hoch genug ist, dürft ihr in der jeweiligen Stadt gewisse Privilegien erkaufen. Hierfür ist die Gilde zuständig. Wenn euer Ansehen zu niedrig ist, wird die Gilde euch nicht gewähren lassen, ein Gewerbe oder Ähnliches in der Stadt zu errichten. Da diese Privilegien allerdings unabdingbar für ein aufstrebendes Wirtschaftsimperium sind, könnt ihr auf das Ansehen nicht verzichten.
Vor allem genügt es im späteren Verlauf nicht mehr, in nur einer Stadt ein gutes Ansehen zu genießen. In allen 32 Städten in
Patrizier IV gibt es Gilden, die sich ihr eigenes Bild von euch als Händler machen. Euer Ansehen lässt sich allerdings nicht nur durch Handel beeinflussen. Auch durch beispielsweise Armenspeisung in der Kirche oder Spenden könnt ihr euer Ansehen nach oben schellen lassen. Allerdings kostet euch das Geld – der Handel bringt welches ein.
Weiterhin ist es wichtig, dass sich nicht nur die Nachfrage nach Rohstoffen und Waren durchgehend verändert – auch euer Ansehen sinkt wieder, wenn ihr längere Zeit für eine Stadt nichts getan habt. Das Volk ist vergesslich – ihr solltet es also regelmäßig daran erinnern, was für ein fürsorglicher Händler ihr seid. Wenn ihr den Pöbel und die Gilde einer Stadt dann in euren Händen habt, kann euch nichts mehr aufhalten: Ihr kandidiert als Bürgermeister der Stadt und – wenn ihr gewählt werdet – könnt ihr eure Gemeinde formen wie ihr möchtet. Neue Gebäude und Einrichtungen geben eurem Imperium einen neuen Schub. Doch hierfür müsst ihr einige Münzen – und natürlich gute Taten investieren.
Friss oder Stirb
Natürlich seid ihr in
Patrizier IV nicht alleine. Euer Erfolg wird von mehr als lediglich der Nachfrage, den Preisschwankungen und dem Wohlwollen der Gilden und Bürger beeinflusst. Dürrezeiten können die Nahrungsproduktion einer Stadt auf ein Minimum reduzieren, die Pest richtet das Volk zu Grunde und Piraten und Konkurrenten sind ebenfalls nicht zimperlich, wenn sie auf eure Schiffe treffen. Ist eure Handelsflotte unbewaffnet und werden die Boote nicht von schwereren Geschützen begleitet, kann es schnell passieren, dass eure Schiffe mitsamt der wertvollen Waren im Meer versinken. Selbst in eurem eigenen Kontor in den Städten sind eure Einkäufe und Produktionen nicht immer sicher. Manchmal ist es ratsam, den ein oder anderen Wächter zu bezahlen, der ein Auge auf euren gelagerten Besitz wirft. Vergesst nicht: Erfolg bringt nicht nur Freunde ein.
Wenn ihr das Monopol eines Händlers in einer Stadt langsam aber sicher untergrabt, wird er alles versuchen, euch aus dem Geschäft zu treiben. Macht euch also auf Konkurrenzkämpfe, die teilweise auch mit Waffen auf der See ausgetragen werden müssen, gefasst.
Der Klassiker unter den WiSims in neuem Kleid
Patrizier IV bietet euch als Spielvariante einerseits die Kampagne, andrerseits das Freie Spiel. In der Kampagne werden euch anhand einer kleinen Story die Grundlagen des Spiels vermittelt. Hier erhaltet ihr viele Hilfestellungen, die den Anfängern unter euch das Spielprinzip näher bringen.
Allerdings seid ihr in keiner der Varianten in eurem Handlungsfreiraum eingeschränkt. Euch stehen nahezu alle Entscheidungen offen. Wie ihr mit welcher Stadt Handel treibt, bleibt euch überlassen.
Zwei Bildschirme werden euch in
Patrizier IV begleiten. Einerseits die Seekarte, auf der alle Städte eingezeichnet sind und über die ihr eure Routen planen könnt. Anfangs steht euch nur ein Schiff bzw. eine Flotte zur Verfügung. Hier bietet sich an, das Schiff manuell zu steuern. Ihr klickt eine Stadt an und die Route wird eingezeichnet. Mit Drücken der Leertaste könnt ihr die Zeit schneller ablaufen lassen, was euch eine lange Wartezeit auf die Ankunft des Schiffes erspart. Auf dieser Karte ist alles sehr schemenhaft dargestellt. Ihr seht die Städte, deren Namen und kurze Informationen zu den Metropolen – beispielsweise, welche Ware gerade sehr gefragt ist. Auch solltet ihr euch angewöhnen, beim Überfliegen der Karten die Pfeiltasten der Tastatur zu nutzen. Natürlich ginge dies auch mit der Maus, die ihr an die Ränder des Bildschirmes bewegt. Allerdings müsst ihr hierfür Menüfenster umgehen, da in diesen das Überfliegen der Karte nicht klappt. Weil aber relativ viele solcher Fenster vorhanden sind, klappt das mit der Maus nicht sonderlich gut. Die Pfeiltasten machen allerdings keinerlei Probleme.
Die zweite Ansicht im Spiel sind die Städte selbst. Diese sind schön in 3D gehalten und erstrahlen je nach Jahreszeit in stimmungsvollen Farben – ob mit Schnee bedeckt oder in der strahlenden Sommersonne glänzend. Leider unterscheiden sich die 32 Städte nur wenig voneinander. Die Standardeinrichtungen wie Kontor, Markthaus, Werft etc. sehen in allen Städten gleich aus. Auch außerhalb der Städte fühlt man sich etwas verloren. Beispielsweise befindet sich außerhalb der Stadtmauer ein Wald – etliche Bäume, die alle identisch aussehen, sind lieblos nebeneinander gepflanzt. Um die Stadt herum existiert scheinbar nichts, das von Bedeutung wäre. Uns kam es beinahe so vor, als gäbe es nur diese Hafenstädte. Alles andere wurde gänzlich ausgeblendet. Natürlich spielen andere Städte in
Patrizier IV keine Rolle – doch sie würden die Weltkarte deutlich lebendiger wirken lassen.